Ein Blog zum Buch

Titelbildneu

Worum geht es im Buch? Eine genaue Lektüre von Effi Briest verweist darauf, dass die Moderne früher begonnen hat, als dies aus heutiger Perspektive der Fall zu sein scheint. Da sich der kulturkritische Diskurs zumeist auf die aktuellen Medien konzentriert, kann die Entfaltung einer historischen Perspektive die Diskussion über Medien versachlichen. Nicht zuletzt macht diese Lesart des Romans darauf aufmerksam, wie fragwürdig ein verklärender Blick auf die Kommunikationsverhältnisse der Vergangenheit ist.
Im Roman finden sich eine Fülle von Hinweisen und Anspielungen, aus denen sich die Medien- und Kommunikationsverhältnisse im Ausgang des 19. Jahrhunderts rekonstruieren lassen. Der Rückgriff auf zeitgenössische Kommentare, Berichte, Meldungen und Nachrichten zur Erschließung dieser zumeist scheinbar beiläufig eingestreuten Hinweise und Anspielungen, macht deutlich, in welchem Maße sich Fontane auf das „Mitwissen“ seiner Leserschaft verlassen konnte.Brinkmann 1889 S. 102 bearbeitet

 Warum ein Blog zum Buch? Ein Blog eröffnet SPIELRÄUME. Manche Ergänzungen, die Sinn machen, hatten im Buch keinen Platz. Auf manche Hinweise und Belege bin ich erst später gestoßen. Und Neues wird immer wieder dazukommen – hoffe ich!

Effi Briest träumt von einem japanischen Bettschirm, „schwarz und goldene Vögel darauf.“ (Kap. 4) Der zeitgenössischen Leserschaft musste nicht erklärt werden, wieso die Tochter eines Rittergutbesitzers aus der Mark Brandenburg auf solche Wünsche verfällt. Effi bewegte sich damit auf der Höhe des modischen Zeitgeschmacks. Ein Indiz hierfür, die ausführliche Berichterstattung in den Medien über eine im Juni 1885 im Berliner Hygiene-Park eröffnete Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“. Nach einer Notiz am 7. Juli 1885 im Berliner Tageblatt hatten in den ersten vierzehn Tagen nach der Eröffnung schon 200.000 Personen das „Japanische Dorf“ besucht. Wenige Wochen später wird diese Ausstellung mit vergleichbarer Resonanz in München gezeigt. Zu erwähnen wäre auch die Japanische Ausstellung, die 1892 – also in der Zeit, in der Fontane an dem Roman Effi Briest arbeitete – im Kunstgewerbe-Museum in Berlin stattfand.
Wie im Fall von Effis Wunsch nach einem japanischen Bettschirm konnte Fontane sich im Roman auf Anspielungen und „stenographischen Abkürzung“ (Demetz 1964, S. 117) beschränken, da sich diese für das Publikum der auflagenstarken illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften sofort erschlossen.

Illustrirte Zeitung Nr. 1552 vom 29. März 1873_ S. 237_Page_1
Reiher und Kraniche in Japan – Illustrirte Zeitung 1873

Abb. Wand eines sechsteiligen Klappschirms mit Darstellungen der Jahreszeiten in blühenden Stauden (ca- 1700) – Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung, S. 102
Abb. Reiher und Kraniche in Japan – Illustrirte Zeitung Nr. 1552 vom 29. März 1873, S. 237

Abbildung in der Kopfzeile: Ausschnitt aus einer Anzeige „Bad Ems – Eröffnung der Saison am 1. Mai“. In: Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen. Nr. 2231/1886, S. 320

Literatur
Berliner Tageblatt vom 7. Juli 1885, S. 5

Demetz, Peter [1964]: Formen des Realismus: Theodor Fontane. Kritische Untersuchungen. München: Hanser

 

 

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Japanische Bettschirme, die große Weltpolitik und die Moral

Nicht nur Effi Briest schwärmte für Japan!‚Van Gogh & Japan‘
Inspiration from Japan: Japanese printmaking was one of Vincent’s main sources of inspiration and he became an enthusiastic collector. The prints acted as a catalyst: they taught him a new way of looking at the world.

Fontanes zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an japanischen Einrichtungsgegenständen speiste und konnte auch die Reaktion ihrer Mutter einordnen, die sie sofort warnte, sich vor dem Gerede der Leute in Acht zu nehmen. (Die Ausführungen zu „Effis modische Schwäche für den Orient“ finden sich im Buch auf den Seiten 17 – 20.)

Welche Aufmerksamkeit Japan und japanisches Kunstgewerbe auf sich zog, zeigt z. B. ein Blick in die Illustrirte Zeitschrift für kunstgewerbliche Dekoration. 1890 erschienen hier Beiträge über die „Japanischen Ledertapeten und ihre Herstellung„, über „Zimmer-Einrichtungen im japanischen Stil„, über „Japanischen Wand-Dekor“ sowie die Beschreibung der japanischen Einrichtungen eines Speisesaals in einem Düsseldorfer Hotel. Im Anzeigenteil der Zeitschrift wurde regelmäßig für dazu passende Angebote geworben. Auch mit Teppichen, vor allem orientalischen Teppichen, denen Effis besondere Aufmerksamkeit galt, beschäftigen sich eine Reihe von Artikeln.

Anzeige Wandschirme Illustr. kunstgewerbliche Zeitschrift für Innen-Dekoration Nr.1_1890 S. 10

Auf Ausstellungen – z. B: der  Internationale Ausstellung von Arbeiten aus edlen Metallen und Legierungen in Nürnberg 1885 – fand das japanische Kunstgewerbe hohe Anerkennung.

„Was die Japaner [] in der modernen Abtheilung an Bronzearbeiten ausgestellt haben, ist so über alle Begriffe vollendet, namentlich technisch, daß ihre Arbeiten geradezu der Glanzpunkt der Ausstellung genannt werden müssen.“ (Gmelin 1885, S. 91)

Zum verspäteten Auftreten Japans auf der europäischen Bühne

Das modische Interesse am Orient reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Durch die Preußische Ostasienexpedition 1864_entsättigtWeltausstellungen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Trend zum „Exotismus“ lediglich verstärkt und popularisiert. Für die Außendarstellung des kaiserlichen Japans stellte dabei die Wiener Weltausstellung des Jahres 1873 die eigentliche Premiere dar.
Das verspätete Auftreten Japans auf der europäischen Bühne hängt mit der zweihundert Jahre langen Isolation des Landes zusammen. Auf die politischen Veränderungen, die zur Öffnung des Landes führten, wird in der Einleitung des Berichts über die von 1859 bis 1862 von der Preußischen Marine durchgeführte Ostasien-Expedition Bezug genommen.

„In Japan, das sich seit zweihundert Jahren allem Verkehr mit fremden Nationen verschlossen hatte, brachen 1854 Amerika und Russland die Bahn; gleich darauf schlossen auch England, Frankreich und Holland dort Freundschafts- und Schiffahrtsverträge. In kurzen Jahren fiel eine Schranke nach der anderen, und schon 1858 erlangten alle in Ost-Asien vertretenen Mächte unter dem Einfluss der englisch-französischen Siege in China Handelstractate, die mehrere Häfen des entlegenen Inselreiches dem freien Geschäftsverkehr dieser Nationen öffneten, ihnen das Recht der diplomatische Vertretung und des ausgedehntesten Schutzes ihrer Unterthanen in allen rechtmässigen Ansprüchen gesitteter Völker verliehen.“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. IX)

Diese Expedition und ihren Leiter, Graf zu Eulenburg, erwähnt Fontane sowohl in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg als auch in seiner autobiografischen Schrift Von Zwanzig bis Dreißig. In den Wanderungen erwähnt er ein Brustbild, das den Leiter der Expedition, Friedrich Albrecht Graf zu Eulenburg, zeigt, und spricht davon, dass „japanische Reminiszenzen überall in Liebenberg nachklingen“. Wenn sich die Baronin Berchtesgaden im Roman Der Stechlin in einem Gespräch über Kunst „fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben“ entscheidet (Kap. 24)  deckt sich das mit Fontanes Urteilen über japanische Kunst, die er bei dem Besuch in Liebenberg formuliert.

„In diesen Zimmern läßt sich vom Schaukelstuhl oder morgens vom Bett aus in die Geheimnisse japanischer Kunst eindringen, und ich muß bekennen, manche berühmte Galerie berühmter Städte mit weniger Nutzen überflogen zu haben. All diese Dinge stehen, ihrem Preis und ihrer Prätention nach, nur etwa auf einer Gustav Kühnschen Bilderbogenstufe, sind aber in Hinsicht ihrer Technik ebenso lehrreich wie bedeutsam. Es wird in ihnen die Kunst geübt, einen Effekt oder eine Perspektive mit allergeringsten Mitteln hervorzubringen, und ist mir namentlich allerlei Landschaftliches in Erinnerung geblieben, auf dem der Zeichner oder Maler, aus drei Linien und einem Farbenklecks, einen Binnensee samt Berg und Landzunge vor mich hinzuzaubern wußte.“ (Fontane- Nymphenburger Ausgabe Bd. 13, S. 310)

In seiner autobiografischen Schrift Von Zwanzig bis Dreißige kommt Fontane auf Hermann Maron zu sprechen, den er im Lenau-Verein kennengelernt hatte. Maron nahm später an der Ostasienexpedition teil und veröffentlichte 1863 Reiseskizzen über Japan und China in zwei Bänden.

Wie fremd und unbekannt das Land für Europäer war, wird in dem bereits zitierten Bericht über die Preussische Expedition nach Ost-Asien deutlich. Die Verfasser hielten es für notwendig, dem Bericht „Einleitendes zum Verständnis der japanischen Zustände“ vorauszuschicken.
Ihre ganze Gesittung ist von der unseren so grundverschieden, dass der Europäer sich dort auf ein anderes Gestirn versetzt glaubt. Japan hinterlässt dem flüchtig Reisenden den Eindruck eines bunten Bilderbuches voll wunderlicher Scenen ohne Text […].“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. 3)

Es ist sicherlich eine explizit westliche Sicht, wenn Justus Brinkmann, der Direktor des Hamburgischen Museums für Kunst und Gewerbe, im Vorwort zu seinem 1889 veröffentlichten Buch Kunst und Handwerk in Japan die Auffassung vertritt, der durch Kriegsschiffe erzwungene Abschluss von „Freundschaftsverträgen“ habe Weg nicht nur zu „schwungvollen Handelsverkehr“, sondern auch zu einem „Austausch höherer Ordnung“ eröffnet.
„Wenige Jahrzehnte nur sind vergangen, seitdem das japanische Inselreich nach Jahrhunderten der Abgeschlossenheit sich Völkern des Abendlandes wieder geöffnet hat. Diese Zeit genügt, nicht nur einen schwungvollen Handelsverkehr zu entwickeln, sondern auch einen Austausch höherer Ordnung. Das Abendland hat den Japanern die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, welche es vor dem Reiche des Mikado voraus hatte, die Grundzüge seiner Gesetzgebung und Verwaltung dargebracht und darüber hinaus begonnen, mit seinen gesellschaftlichen Bräuchen und Sitten auch deren äußere Erscheinung in der Tracht, im Hausrath, in der Baukunst an die Stelle der nach der Vorväter Brauch in Japan üblichen Formen zu setzen. Als Gegengabe für diese unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe empfingen wir aus dem Lande des fernsten Ostens neue künstlerische Anregungen, welche auf dem Gebiete des Kunstgewerbes und der decorativen Künste von weittragendem, nachhaltigem Einfluß sein werden.“ (Brinckmann 1889, S. VII)
Zu den „Gegengaben“ für die „unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe“ zählen dann wohl auch die Setzschirme und Klappwände, auf die Brinkmann im Kapitel „Der japanische Hausrath“ zu sprechen kommt. Diese Schirme dienen nach ihm in japanischen Häusern dazu, „innerhalb eines größeren Raumes eine Ecke behaglicher zu umgrenzen oder den unmittelbaren Einblick durch die geöffnete Schiebethüre zu hindern“. (Brinckmann 1889, S. 102)

1873 – Japan auf der Weltausstellung in Wien

Japan auf der Weltausstellung in Wien Illustrirte Zeitung Nr. 1568_1873„Zum zweitenmale finden wir Japan, das fortschrittfreundlichste Land der ostasiatischen Reiche, an dem friedlichen Wettstreite der Culturstaaten der Erde theilnehmen, und gänzlich verschieden ist die Vertretung des japanesischen Reiches es auf der diesjährigen Ausstellung von jener in Paris. […] Heute finden wir das aus dem Bürgerkriege verjüngt und erstarkt hervorgegangene Japan, den ersten Fortschrittstaat des asiatischen Ostens, sich in würdiger Weise den europäischen Culturgebieten anreihen. In der diesjährigen Weltausstellung hat die Regierung des Mikado die günstigste Gelegenheit erblickt, ein Bild japanischer Cultur und japanischen Gewerbefleisses vor den Augen der civilisirten Menschheit zu entfalten und so die nationale Stellung des Reiches zu befestigen. Wir glauben nicht irre zu gehen, wenn wir dies, sowie die Belebung der Handelsbeziehungen des Reiches zu den Ländern des europäischen Continentes als Hauptzweck hinstellen, welche die Staatsmänner Japans im Auge hatten, als sie die Entsendung einer aus nahezu 50 Mitgliedern bestehenden Commission nach Europa und die Beschickung der Weltausstellung 1873 im grossartigsten Masstabe beschlossen.“ (Internationale Ausstellungs-Zeitung. Beilage der „Neue Freien Presse“. Wien 2. Mai 1873, S. 2)

Japanische Bettdecke_Lützow 1875 S. 401_entsättigt

In den Berichten über die japanische Abteilung auf der Weltausstellung in Wien finden sich dann auch Hinweise auf Effi Briests „Bettschirme„:  „Daß die Porzellanindustrie in der Gruppe Japans nicht wenig Raum beansprucht, läßt sich denken. Vasen und andere Gefäße, mit den zierlichen Handmalereien geschmückt, fesseln ebensosehr wie die im eigenthümlichen Geschmack jenes fernen Landes bemalten größern und kleinern Wandschirme.“ (Von der wiener Weltausstellung. In der japanesischen Galerie. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1568/1873, S. 46)

Zur medialen Begleitung der Wiener Weltausstellung

Titelvignette Ill Zeitung 1873
Im Vorwort zum ersten Halbjahresband der Leipziger Illustrirten Zeitschrift heißt es:
Das eigentliche Hauptereignis des Jahrs 1873 ist die am 1. Mai eröffnete wiener Weltausstellung. Eine Reihe anschaulicher Illustrationen und Berichte in dem abgeschlossenen Band geben Zeugniß von der erfolgreichen Thätigkeit unserer an Ort und Stelle befindlichen artistischen und literarischen Mitarbeiter- Im nächsten Band werden wir uns noch eingehender mit dem wichtigen Culturwerk beschäftigten.“ (Illustrirte Zeitung Bd. 60/Januar bis Juni 1873)
Im zweiten Halbjahr der Zeitschrift wird diese Ankündigung durch wöchentliche Berichte über die Weltausstellung in Wort und Bild eingelöst: „Das Hauptereigniß des verflossenen Halbjahrs, das in den Auen des wiener Praters errichtete großartige Culturwerk der Weltausstellung, [nahm] naturgemäß auch in den Spalten des eben abgeschlossenen 61. Bandes der ‚Illustrirten Zeitung‘ den ersten Rang ein.“ (Illustrirte Zeitung Bd. 61 Juli bis Dezember 1873)
Dass die Weltausstellung in Wien in einem durchaus modernen Ausmaß medial begleitet wurde, wird auch aus einer Notiz aus der Illustrirten Zeitung über die Herstellung des Ausstellungskatalogs deutlich:
„Der Druck des wiener Weltausstellungskatalogs […] wird 100 Bogen stark sein, und seine Auflage ist zunächst auf 500.000 Exemplare festgesetzt. Hierzu ist demnach ein Papierquantum von 50 Mill. Bogen oder 100.000 Ries erforderlich. Um diese Massen des Papiers zu bedrucken, müßte eine gewöhnliche Schnellpresse bei unausgesetzter  24stündiger Thätigkeiten 11 Jahre und 7 Monate fortarbeiteten, während 2 Walter-Pressen dieselben Arbeit nebem dem täglichen zweimaligen Druck der ‚Presse‘ in 4 Wochen liefern werden.“ (Illustrirte Zeitung Nr. 1558/1873, S. 351)
Das heißt nicht, dass in allen Medien die Weltausstellung als „großartiges Culturwerk“ gefeiert wurde. Die Berichterstattung in der Familienzeitschrift Die Gartenlaube war eher zurückhaltend. In der satirischen Wochenzeitschrift Kladderadatsch machte man sich im Mai – also kurz nach der Eröffnung – über die Weltausstellung als „Kisten-Ausstellung“ lustig,  „was dieser Ausstellung ihr Eigenartiges gibt, ist dies, daß sie im Großen und Ganzen sich als eine Ausstellung von Kisten manifestiert. Kisten von allen Größen, von den verschiedensten Formen und in unglaublicher Menge erfüllen fast sämtliche Räume des Riesenbaues.“ (Zur  Wiener Weltausstellung. III. Erstes Schreiben unseres Spezial-Correspondenten für erste und allgemeine Eindrücke. In: Kladderadatsch Nr. 23 vom 18. Mai 1873, S. 90) Aber auch nachdem die Kisten ausgepackt waren, eröffnete sich dem „Spezial-Correspondent“ kein positiver Zugang zur Weltausstellung.

In der Zeitschrift Die Grenzboten greift der Verfasser eines Berichtes über die Weltausstellung die Charakterisierung als „Kisten-Ausstellung“ mit offensichtlichem Vergnügen auf, kommt in seinem Bericht dann zum Ergebnis, die Weltausstellung dürfte inzwischen „doch im Wesentlichen fertig sein und ihren Glanzpunkt erreicht haben. Daß diese Weltausstellung großartig, über alle Maßen großartig ist, unendlich viel Schönes und Interessantes bietet, und daher in hohem Grade sehenswerth ist, kann niemand läugnen. Daß sie aber gelungen ist, bestreite ich.“ (B-au 1873a, S. 25)
In den insgesamt 9 Berichten über die Wiener Ausstellung, die in der Zeitschrift erscheinen, wird Japan nur einmal im Beitrag über die „Nationale Hausindusitrie“ erwähnt. Neben der „überhand nehmenden Nachbildung von Gegenständen alter Kunst“ falle der „Einfluß des Orients“ auf.
Je näher wir die Kunstindustrie der Orientalen, der Perser, Inder, Chinesen, Japanesen ec. kennen lernen, desto mehr Lehrreiches und Begehrenswerthes finden wir in ihr und wir müssen es als einen großen Fortschritt bezeichnen, daß die Handelsverbindungen mit diesen Völkern jetzt erleichtert, so daß ihre Produkte nun in größerer Anzahl zu uns herüber kommen.“  (B-au 1873b, S. 342)

Kladderadatsch Nr 20 u 21 Erstes Beiblatt 1873_S. 230

Japan in Deutschland

MOntagszeitung Japanische Ausstellung
Das durch die Wiener Weltausstellung geweckte Interesse an japanischer Kunst und japanischen Kunsthandwerk führt in der Folgezeit zu einer Reihe von Ausstellungen. Für Berlin wurde, wie die Deutsche Bauzeitung 1884 ankündigte, unter der Aegide der japanesischen Regierung [für 1885] eine Ausstellung projektirt, welche ein umfassendes Bild der japanesischen Sitten, namentlich aber des japanesischen Gewerbes (im Betriebe) vorführen soll. Der Ausstellungsplatz am Lehrter Bahnhof soll für diesen Zweck in eine japanesische Ortschaft umgewandelt werden, in welcher nicht weniger als 300 Japanesen Aufenthalt nehmen sollen. (Deutsche Bauzeitung Nr. 52/1884, S. 311)

Ueber zwölf Jahre ist es her, seit Berlin die erste größere selbständige Ausstellung japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse, damals in den noch sehr bescheidenen Räumen des ‚Deutschen Gewerbemuseums‘, gesehen hat, und es wird noch frisch in der Erinnerung Vieler sein, welche helle Begeisterung die kleine, aber gewählte Sammlung erregte. Was dann zwischendurch die Weltausstellungen gezeigt haben und der Handelsverkehr uns an japanischen Waaren zugeführt hat, konnte nur dazu dienen, einer neuen japanische Ausstellung von vornherein eine günstige Aufnahme zu sichern. Der vor acht Tagen in dem Gebäude des Hygiene-Parks eröffneten Ausstellung waren vollends so vielversprechende Ankündigungen voraufgegangen, daß die Erwartungen sehr hoch gespannt werden mußten. Und in der That ist der Eindruck derselben ein sehr origineller. Eine Anzahl von kleinen Hütten vergegenwärtigt, wenn auch nicht

Japanische Ausstelung Deutsches Montags-Blatt 30_07_1885 S_7
Deutsches Montags-Blatt 30. Juli 1885, S. 7

vollständig und genau oder gar in erschöpfender Verschiedenartigkeit die japanische Wohnhausarchitektur, so doch manche charakteristische Eigenthümlichkeit derselben, welche den Anstrich des Fremdartigen geben; und diese bauliche Anlage, bevölkert von einer erheblichen Anzahl japanesischer Männer, Weiber und Kinder, bildet eine Szenerie, in welcher sich die Kunstthätigkeit der Menschen und die Schöpfungen ihrer Hände zu einem eindrucksvollen Ganzen zusammenschließen.“ (Meyer 1885, S. 5)
Bei diesem „Japanischen Dorf“ handelte es sich nicht um eine der „anthropologisch-zoologischen“ Völkerschauen, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode kamen, sondern um eine von der japanische Regierung geförderte Aktion im Rahmen ihrer Öffnungspolitik.
Ein japanische Dort mit Häusern, Straßen, Kaufläden, Tempel, Theater, Werkstätten, Theebuden und einigen hundert fleißiger Menschen ist wie durch Zauberhände aus dem fernsten Grenzen Asiens hiergeführt worden. Vor unsern Augen arbeiten und schaffen Schuhmacher, Schneider, Tischler, Böttcher, Sticker, Schirm- und Lampionsfabrikanten, Graveure, Ciseleure, Töpfer, Maler, Tapezierer, Holz- und Elfenbeinschnitzer, Arbeiter für Fantasieartikel.“ (Schubert 1885, S. 60)
Nicht nur die Leipziger Illustrirte Zeitung berichtete ausführlich über das Japanische Dorf. Dem Thema „Japan in Berlin“ widmet der Kladderadatsch im Juli 1885 eine ganze Seite. Fontane kann sich also darauf verlassen, dass seine zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an japanischen Einrichtungsgegenständen speiste und warum auch die Baronin Berchtesgaden im Roman Der Stechlin sich in einem Gespräch über Kunst „fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben“ entscheidet. (Kap. 24)
Hier spricht die Baronin von Berchtesgaden wohl für den Autor. In  den Wanderungen durch die Mark Brandenburg schreibt Fontane,  „daß japanische Reminiszenzen überall in Liebenberg nachklingen. Aus der Fülle dessen, was Graf Friedrich Eulenburg von seiner ostasiatischen Gesandtschaftsreise mit heimbrachte, […] In diesen Zimmern läßt sich vom Schaukelstuhl oder morgens vom Bett aus in die Geheimnisse japanischer Kunst eindringen, […]. Es wird in ihnen die Kunst geübt, einen Effekt oder eine Perspektive mit allergeringsten Mitteln hervorzubringen, und ist mir namentlich allerlei Landschaftliches in Erinnerung geblieben, auf dem der Zeichner oder Maler, aus drei Linien und einem Farbenklecks, einen Binnensee samt Berg und Landzunge vor mich hinzuzaubern wußte. Fast möcht‘ ich glauben, daß sich ein Studium dieser Arbeiten und ihrer Technik auch unsererseits verlohnen würde, wie denn bereits Amerikaner und Engländer (ich erinnere nur an die englischen Kinderbücher) allerhand daraus gelernt zu haben scheinen.“  (Fontane-NA Bd. 13, S. 310)

Japanische Ausstellung in Berlin Leipziger Ill Zeitung Nr. 2193_1885 S. 58 skal
Aus der Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustirte Zeitung Nr. 2193/1885, S. 58

„Die japanische Leih Ausstellung im Kunstgewerbe-Museum zu Berlin“
1892 – also in der Zeit, in der Fontane an dem Roman Effi Briest arbeitete – fand im Kunstgewerbe-Museum in Berlin eine japanische Ausstellung statt. In einem Bericht über diese Ausstellung heißt es: „Einen der am zahlreichsten vertretenen Zweige der japanischen Kunstindustrie bilden die Wandschirme, theils gestickt, theils Handweberei […]. (Siebold Norddeutsche Allgemeine Zeitung Nr. 74/1892, S. 1)
Besondere mediale Aufmerksamkeit zog diese Ausstellung vor allem als Benefiz-Ausstellung  auf sich. Im Oktober 1891 war Japan von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden, bei dem 500 000 Menschen obdachlos geworden waren. Die Ausstellungsstücke stammten fast ausnahmslos aus privatem Besitz, u. a. auch aus der kaiserlichen Privatsammlung.
„Die Ausstellung war […] hauptsächlich einem wohlthätigen Zweck gewidmet: nämlich – durch die dabei erhobenen Eintrittsgelder etwas zur Unterstützung der durch das fürchterliche Erdbeben im Innern von Japan heimgesuchten Unglücklichen beizutragen. Erfreulich ist, daß die Zwecke von freiwilligen Beiträgen ausgelegte Liste bereits viele Namensschriften und beträchtliche Gaben verzeichnet, welche den besten Beweis liefern, daß das Interesse Deutschlands sich nicht nur für die japanische Kunst begeistern kann, sondern auch den so schwer betroffenen Einwohnern des Landes selbst eine mitfühlende und opferfreudige Gesinnung entgegenbringt.“ (Siebold Norddeutsche Allgemeine Zeitung Nr. 74/1892, S. 2)

Japan in Deutschland. Ein Beitrag zur neuesten Mode
Dass das Interesse an Japan nicht auf einzelne Ausstellungstermine begrenzt war, dafür sprechen Illustrationen und Artikel in unterschiedlichsten Zeitschriften.

Japan in Berlin In Kladderadatsch Nr 31_1885. Erstes Beiblatt
Japan in Berlin. In: Kladderadatsch Nr. 31/1885,  Erstes Beiblatt
Japan in Deutschland 2 Fliegende Blätter 1888 Nr_2243 S_36 skal
Japan in Deutschland. In: Fliegende Blätter Nr. 2243/1888, S. 36

Damen-Zimmer im japanischen Stil

Juni 1895 Ill Zeitschrift für kunstgewerbl Innen-Dekoration Damen-Zimmer im japanischen Stil S. 101

Zur Entwicklung japanischer Interieurs für europäische Bedürfnisse: „Aber wer japanische Kunstwerke sammelt? Soll der sie in einem öden, leeren, mit Papier und Bambus tapezirten Gemach ohne Behaglichkeit und ohne Möbel aufstellen, bloß weil die kunstbegabten Söhne Dai-Nippons sich in solchen unbehaglichen Scheunen wohl fühlen? […] Was unsere europäischen Bedürfnisse verlangen, ist daran europäisch seinem Wesen nach geblieben; die Zierrathen, das Muster und die Form im Detail sind japanisch. Für Japaner waren die Zimmer nicht bestimmt, Europäer aber fanden sich in demso neuen Element bald heimisch, wie die große Zahl der in diesen Jahren angefertigten Zimmer beweist.“ (R. von Seydlitz 1895, S.97)

Das Kunstgewerbe 1891 Mai_Heft JaponismusKritik am Japonismus

[…] selbst mit Begeisterung für japanische Kunst hat der Japanismus nur sehr oberflächlich zu tun. Er ist lediglich ein neues rettendes Schlagwort für diejenigen Kreise geworden, deren müdegekitzelten Nerven fortwährend nach Neuem verlangen und deren Gehirnschwund doch selbst nichts Neues zu erfinden vermag. (Anonymus 1892, S. 139)

Japonismus oder Japanismus wird als neuer „Ismus“ und modische Verirrung massiv kritisiert. Bewundernswert sei die unvergleichliche Technik, jedoch fehlten der japanische Kunst „Größe, heroische Leidenschaft, der Trieb ins Ungemessene, weltumspannender Blick und selbstaufopferndes Ringen um transzendentale Erkenntnisse oder um Erweiterung der Lebensziel. Ausgeschmückt durch Berufung auf das klassische Ideal der europäischen Kunst, das Christentum, den „germanischen Geist“ sowie „den wunderbar heroischen Zug, der in der ganzen arischen Mythologie liegt“ (Anonymus 1892, S. 140), wird hier mehr verhandelt als nur Einstellungen zur Kunst. Man fühlt sich in eine Diskussion über „Leitkultur“ versetzt.

„Das Rokoko ist wenigstens aus richtiger europäischer Kunst  abgeleitet, wenn es auch auf Seitenwege geraten ist. […] Die Kunst Japans aber steht nicht bloß dem, was wir wünschen und erstreben, entgegen, sondern der ganzen europäischen Kunst wie sie sich aus der klassischen Kunst, fallend und steigen, mit Hilfe von Christentum und germanischem Geiste durch die Jahrhunderte herausgebildet hat. […] Wir verlangen, wenn wir Menschen darstellten, Schönheit der Form oder Individualität, wir verlangen Tiefe des Ausdrucks, Charakter und Empfindung, Beseelung der Form durch geistigen Inhalt. Wir haben die schöne Form von den Griechen gelernt und wollen uns diesen Gewinn nicht rauben lassen; wir haben durch das Christentum die Form beseelt und ihr warmes und tiefes Gefühl eingehaucht; und der Norden ist gekommen und hat der schönen und beseelten Form die individuelle zur Seite gestellt.
Was bietet nun der Japonismus dagegen? Durchaus unschöne Menschen, klein und häßlich wie Karikaturen, typisch einer wie der andere ohne Individualität, höchsten nach den sogenannten ‚Schulen‘ von verschiedener Schablone, im Ausdruck entweder unbedeutend oder drastisch übertrieben bis zur grinsenden Widerwärtigkeit, bei geschickter Darstellung, oft nur mit wenigen Strichen, durchaus nicht ohne Manirirtheit, zuweilen mit Humor und Witz, aber ohne jegliche Anmut. Die Grazien haben nichts mit der figürlichen Kunst der Japaner zu schaffen.“ (von Falke 1891, S. 147)

Der „Kulturaustausch“ zwischen Deutschland und Japan als Gegenstand der Persiflage

Deutsche Cultur in Japan Fl. Bl. Nr. 2219 1888 S. 54 Größe angepasst
Fliegende Blätter Nr. 2219/1888, S. 54

In Japan ist die Prüderie nicht zu Hause
Als Effi iher Mutter von ihren Einrichtungswünschen erzählt, schweigt diese.
„»Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas besonders Unpassendes gesagt hätte.«
»Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiß nicht. Denn ich kenne dich ja. […] Und wenn du nun nach Kessin kommst, einen kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brannt, so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.«“ (Kap. 4)
Die Vorbehalte und Befürchtungen der Mutter erklären sich wohl kaum allein durch Effis Wunsch nach einer „Ampel […] mit rotem Schein“.
In Matthilde Möhring schenkt die spitznasige Posamentierswitwe Schmädicke der Braut eine „rosafarbne Ampel an drei Ketten“ zur Hochzeit und erklärt, „wenn eine Hochzeit is, schenke ich so was“. (Kap. 12) Als Rebecca Silberstein sich auch so eine Ampel wünscht, vertröstet ihr Vater sie auf ihre Hochzeit, „dann sollst du haben die Ampel, und nicht Rosa sollst du haben, du sollst sie haben in Rubin und sollst haben, wenn du schläfst, einen himmlischen Glanz.“ (Kap. 13)
Anstoß erregt eher der Bezug auf Japan, denn in den Medien ist die aus westlicher Sicht freizügigere Sexualmoral ein häufig angesprochenes Thema. Hermann Maron, einer der Teilnehmer an der Preussischen Expedition nach Ost-Asien, spricht in seinen Reiseskizzen davon, dass in Japan die Prüderie nicht zu Hause sei. Aus seiner poetischen Umschreibung für diese Lebenseinstellung, scheint dabei eine gewisse Sympathie zu sprechen.
„Es ist eine heitere, sonnige, genießliche Lebensanschauung, die Alles beherrscht. Das Symbol des japanischen Volkes ist der Schmetterling; nicht der sich seines leichtfertigen Dranges wohlbewußte, bei allen Blumen schmarotzende Schmetterlings-Stutzer unserer Gesellschaft, sondern der wahre Schmetterling, der, einem unbewußten Naturdrange folgend, in unschuldsvoller Naivetät von Blume zu Blume sich schwingt, um heiteren Lebensgenuß zu schöpfen. Es ist etwas entschieden Griechisches in dieser Lebensanschauung.“ (Maron 1863, S. 164)
Vor zu großer Nähe zu den sich in  „unschuldsvoller Naivetät von Blume zu Blume“ schingenden Schmetterlingen wollten sich dagegen die Veranstalter der Weltausstellung in Wien offensichtlich schützen, als man die Errichtung eines japanischen Teehauses auf dem Ausstellungsgelände nicht genehmigt, weil man “ dessen ethnographische Aufgaben […] mit schwarzem Verdacht umhüllte und darin erstickte.“ (Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873 S. 288) Das japanische Teehaus durfte nur im Vauxhallgarten des Praters errichtet werden.  Eigentlich, so meint der Verfasser eines Berichts in der Illustriten Zeitung über Das japanische Theehaus im Vauxhallgarten des Praters hätte man es besser wissen können.
Theehäuser dieser Art stehen in Japan allenthalben an den großen Heerstraßen. Die irrige Auffassung der Bestimmung dieser Theehäuser möge hier ihre Berichtigung finden. Nach dem officiellen Werk über die preußische Expedition nach Ostasien […] sind die Theehäuser, Tscha=ya, Restaurationen, wo man Thee, Saki und andere Getränke und Speisen erhält und wohl zu unterscheiden von den Dschoro=ya, deren Bestimmung minder unschuldig ist. In den meisten Büchern über Japan werden sowohl die Tscha=ya als Dschoro=ya Theehäuser genannt, wodurch das Wort eine verfängliche Bedeutung erhalten hat, die für die Tscha=ya unrichtig ist. Weibliche Bedienung findet man in beiden.“ (Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873 S. 290)

Jap. Theehaus Wiener Weltausstellung Illust Zeitung 1873 Nr. 1511 S. 292
Wiener Weltausstellung: Das japanische Theehaus im Vauxhall

Auch Johannes Justus Rein, der im Auftrag des preußische Handelsministerium 1873 Japan bereiste, schreibt im Kapitel über  „Die Familie, Adoption, Erziehung und Unterricht. Individuelle Vergnügen, Theater, Geishas und Yoshiwaras, Beerdigungen“ u.a. über die Geishas: „Von ihrer Moral lässt sich nur sagen, dass sie in der Regel jederzeit bereit sind, mit Zustimmung ihres Herrn aus dem Verbande, in welchem sie stehen, auszutreten, um sich durch Vertrag für einen Monat oder länger an einen Einheimischen oder Fremden zu vermiethen.“ (Rein 1881, S. 500) Und kommt zum Schluß: „Dies Alles und vieles Andere beweist uns, dass die Japaner in diesen Dingen noch auf einer sehr niedrigen Stufe sittlicher Entwicklung stehen und geschlechtliche Excesse nach ihrem sinnlichen Standpunkte milde beurteilen.“ (Rein 1881, S. 501)
Auch die Informationen, die Die Gartenlaube über das „Japanische Frauenleben“ vermittelte, zeichneten kein positiveres Bild. Nach einem mehrjährigen Japanaufenthalt schreibt die Schriftstellerin C.W. Emma Brauns in einem Artikel:
Daß die Vielweiberei, wenn auch etwas verschleiert durch die bevorzugte Stellung der eigentlich legitimen Gemahlin, noch heutzutage in Japan existirt, ist eine leider nicht abzustreitende Thatsache, und namentlich sind es die reichen und vornehmen Stände, welche dieser Sitte huldigen. Hier spielen die sogenannten ‚Nebenfrauen‘, und zwar durchaus mit Vorwissen der eigentlichen Hausfrau, eine bedeutende Rolle; der ‚Schacher‘ mit diesen Frauenzimmern, der Wechsel derselben hört fast nie auf.“ (Brauns 1886, S. 233)

Abb. Anzeige für japanische Wandschirme. In: Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innen-Dekoration Nr. 1/1890 S. 10
Abb. Wiener Weltausstellung: In der japanischen Galerie – Illustrirte Zeitung Nr. 1568/1873, S. 444
Abb. Japanesische Bettdecke – Lützow 1875, S. 401
Abb. Wiener Welt-Ausstellung –  Kladderadatsch Nr 20 /21 Erstes Beiblatt 1873, S. 230
Abb. Damen-Zimmer im japanischen Stil – Seydlitz 1895, S. 101
Abb. Deutsche Cultur und Renaissance in Japan. In: Fliegende Blätter Nr. 2219/1888, S. 54
Abb. Wiener Weltausstellung: Das japanische Theehaus im Vauxhall – Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873, S. 292

Literatur
Anonymus [1892]: Über „Japanismus“. In: Das Kunstgewerbe. Illustrirte Halbmonatsschrift August-Heft/1892, S. 139 – 141
B—au. [1873a]: Weltausstellungsbericht. Allgemeine Uebersicht. In: Die Grenzboten : Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, Jg. 32/1873, S. 25 – 31
B-au. [1873b]: Weltausstellungsbericht : 8. Die nationale Hausindustrie. In: Die Grenzboten : Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, Jg. 32/1873, S. 341-345
Brauns, Caroline Wilhelmine Emma [1886]: Japanisches Frauenleben. In: Die Gartenlaube H. 13/1886, S. 232 – 235

Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung
Berg, Albert (Hrsg.) [1864]: Die Preussische Expedition nach Ost-Asien nach amtlichen Quellen , Bd. 1. Berlin: Verlag der königlichen geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
Falke, Jakob von [1891]: Der Japonismus. In: Das Kunstgewerbe. Illustrirte Halbmonatsschau H. 16/ 1891, S. 147 – 148 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbe1890_1891
Gmelin, Leopold [1885]: Internationale Ausstellung von Arbeiten aus edlen Metallen und Legierungen in Nürnberg 1885. In: Zeitschrift des Kunst-Gewerbe-Vereins zu München S. 90 – 100
Lützow, Carl [1875]: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung. Leipzig: Verlag Seemann
Maron, Hermann [1863]: Japan und China. Reiseskizzen, entworfen während der Preußischen Expedition nach Ost Asien von einem Mitgliede derselben. Bd. 1 Berlin: Otto Janke
Meyer, Bruno [1885]: Von der japanischen Ausstellung. In: Deutsches Montags-Blatt vom 29. Juni 1885, S. 5 f.
Rein, Johannes Justus [1881]: Japan nach Reisen und Studien im Auftrage der Königlich Preussischen Regierung dargestellt. Bd. 1. Natur und Volk des Mikadoreiches. Leipzig: Verlag von Wilhelm Engelmann

Schubert, Gustav [1885]: Die Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustrirte Zeitung Nr. 2194/1885, S. 60
Seydlitz, R. von [1895]: Der japanische Stil für die Innen-Dekoration. In: Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für  Innen-Dekoration. Juni-Heft 1895, S. 97 – 102
Siebold, Alexander von: Die japanische Leih Ausstellung im Kunstgewerbe-Museum zu Berlin. In: Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom Nr. 72 vom 12. Februar 1892, S. 1 f. und Nr. 74 vom 13. Februar 1892, S. 1 f.
Von der wiener Weltausstellung. Das japanische Theehaus im Vauxhallgarten des Praters. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873, S. 287, 288, 290

 

Die Dienstbotenfrage

Auf der Titelvignette der ersten Nummer der illustrierten Familienzeitschrift Die Gartenlaube sieht man eine in einer Gartenlaube um einen Tisch versammelte Familie (Großeltern, Vater, Titelvignette Gartenlaube Nr 1Mutter und Kinder?). Ein Dienstmädchen steht mit einem Tablett in der Hand im Hintergrund und, so könnte man annehmen, belauscht das Gespräch. Dass dies eine durchaus naheliegende Interpretation ist, ergibt sich aus Hinweisen, die sich in den Handbüchern des guten Tons finden. Dort wird immer wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es Abstand von den Dienstboten zu bewahren gelte, um die Privatsphäre zu sichern: „Keiner Hausfrau darf es gleichgültig sein, wie ihre Dienstboten über sie urtheilen, und schon aus diesem Grunde darf sie ihre Würde als Herrin des Hauses keinen Augenblick außer Acht lassen […].“ (Ebhardt 1880, S.97f.)

Die Situation, die sich aus der Anwesenheit von Dienstboten im Haushalt ergibt, wird in Effi Briest mehrfach angesprochen. (Im Buch dazu „Dienstbotenfrage und Frauenbewegung“ auf S. 29f.) Da ist Frau Briest, die das Gerede der Leute über ein Schlafzimmer mit japanischem Bettschirm und einer Ampel mit rotem Schein fürchtet (Kap. 4). Da ist von Instetten, der befürchtet, sich lächerlich zu machen, wenn man in Kessin erfährt, dass er die Wohnung wechselt, weil seine Frau Angst vor Gespenstern hat (Kap. 10). Die Anwesenheit von Dienstboten in einem Haushalt erfordert besondere Achtsamkeit, wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht.

Unbelauscht Der Bazar Nr. 28 1884 S. 217

Unbelauscht. (Zu dem Bilde von F. Kraus.) Für ihr Leben gern hätte Nanni, das niedliche Kammerzöfchen, gewußt, was ihre junge Herrschaft so viel und eifrig zu schreiben habe! […] Da trifft es sich denn wirklich gar hübsch, daß sie die gnädige Frau mitten im Schreiben abrufen muß, weil die Frau Präsidentin (eine sehr energische Dame und in Vereins-Angelegenheiten schon früh am Tage thätig) im Salon erschienen ist und eine Unterredung mit der jungen Frau Räthin wünscht. Die Ueberraschte, durch den frühen Besuch Geehrte fliegt hinaus; Briefmappe und Papier bleiben offen auf dem zierlichen Schreibtisch liegen – eine vortreffliche Gelegenheit für das Zöfchen, ihre brennende Neugier einmal ‚unbelauscht‘ zu befriedigen!“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 28/1884, S. 223)

DienstbotenfrageEs ist wohl kaum ein Haus, in welchem nicht von Zeit zu Zeit das Kapitel von den Dienstboten den Gesprächsstoff lieferte – von den Kaffeegesellschaften alter Damen, in denen ‚das Mädchen für alles‘, wie der Berliner sagt, in allen seinen Spezialitäten und Eigenschaften feierlich abgehandelt wird – bis zu den vornehmsten Häusern hinauf bildet die Dienstbotenfrage einen wichtigen Gegenstand des Nachdenkens und der Beschäftigung, weil sie eben in die ganze häusliche Existenz so tief eingreift und für das häusliche Behagen absolut entscheidend ist.

Leider bilden die Unterhaltungen über die Domestiken fast immer eine Kriegsgeschichte, welche sich in den Hauptgrundzügen stets gleich bleibt und doch in den Details immer neue und überraschende Züge bildet. Ob es sich um den Einzelkampf der streitbaren Ricke oder Inste mit ihrer ‚Madamm‘ handelt, oder um einen organisierten Feldzug, welchen die Domestiken eines großen Hauses gegen ihre Herrschaft führen, immer ist es dasselbe Klagelied, das für dem Unbeteiligten tragikomisch wirkt, bei dem aber für den Betroffenen kaum noch für die komische Seite Raum oder Verständnis übrig bleibt.

In unseren Tagen ist die Domestikenfrage brennender und, wie man in dem Jargon der politischen Presse sagt, aktueller geworden als jemals, denn die merkwürdige Verschiebung und Verwirrung unserer sozialen Verhältnisse, welche in allen Ständen falsche Ansprücher hervorrufen, die dann im falschen Schein ihre Befriedigung suchen, hat auch auf die Domestikenwelt ihren verderblichen und zersetzenden Einfluß ausgeübt. Alle unsere Witzblätter beschäftigen sich in mehr oder weniger treffenden Karikaturen mit unserer Domestikenwelt, welche in den großen Städten vielfach den Charakter eines nomadisierenden Heerbanns gegen den häuslichen Comfort angenommen hat – im praktischen Leben aber verschwindet der Humor immer mehr aus dieser vielbesprochenen und vielkarikierten Frage. (von Geyern 1885/1886, S. 643)

Effis NaivitätAuf einen besonderen Aspekt der Anwesenheit von Dienstpersonal im bürgerlichen Haushalt spielt die Geheimrätin Zwicker an, wenn sie in einem Gespräch mit Effi mehrdeutig anmerkt: „Das ist wirklich selten, daß man eine junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres Hausmädchens sprechen hört.“ Dabei macht die Geheimrätin Zwicker recht deutlich, dass sie sich mit dieser Warnung auf persönliche Erfahrungen bezieht.  (Kap. 30)

Die sexuellen Übergriffe der Hausherren sind auch ein beliebtes Thema in den satirischen Zeitschriften, ohne sie jedoch in irgendeiner Weise moralisch zu verurteilen. Sie erscheinen eher Gegenstand einer Art von „Herrenwitzen“ zu sein.

Dienstmädchen geküsst Fliegende Blätter 1891 Nr 2418 S_195

Dienstmädchen Hausherr Fliegende Blätter 1893 Nr 2512 S_103

Entlassung des Dienstmädchens Fliegende Blätter 1896 Nr_2655 S_226

Gouvernante Liebes Kind Fliegende Blätter Nr 2419 1891 S_200

Die „sittliche Gefährdung“, die von Dienstboten ausgehen kann, wird in Fontanes Roman Frau Jenny Treibel direkt angesprochen. Nach einer  Auseinandersetzung mit ihrem Sohn Leopold über dessen überraschende Ankündigung seiner Verlobung, tritt die Kommerzienrätin ans Fenster:
„Hier, in ihrem Vorgarten, den linken Arm von innen her auf die Gitterstäbe gestützt, stand ihr Hausmädchen, eine hübsche Blondine, die mit Rücksicht auf Leopolds ‚mores‘ beinahe nicht engangiert worden wäre, […].“ (Kap. 12)

Abbildungen
Unbelauscht. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 28/1884, S. 217
Unverfroren. In: Fliegende Blätter Nr. 2418/1891, S. 195
Unerwartete Replik. In: Fliegende Blätter Nr. 2512/1893, S.103
Eingegangen. In: Fliegende Blätter Nr. 2655/1896, S. 226
Unangenehme Frage. In: Fliegende Blätter Nr. 2419/1891, S. 200

Literatur
Geyern, Detlev von (Pseudonym von Oskar Meding): Die Dienstbotenfrage jetzt wie vor Zeiten. In: Ueber Land und Meer Nr. 29/ Bd. 56 Oktober 1885 – 1886, S. 643f.

Haustelegraphie

„Nicht mehr das ‚Jahrhundert des Dampfes‘, nein, das ‚Zeitalter der Elektrizität‘ will die Jetztzeit genannt sein.“ ( Wilke 1893, S. 2)

Als Effi nach der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise am ersten Morgen in Kessin Druckknopf Außenansichtaufwacht, hatte sie Mühe sich zurechtzufinden. „Allmählich entsann sie sich auch, daß Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte, nach der sie denn auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie nun leise drückte.“ (Kap. 7)  Die „erst vor kurzem hergerichtete“ Klingelanlage, die das Schlafzimmer und die Küche mit der „Mädchenstube“ verband, wird auch in den beiden folgenden Kapiteln des Romans erwähnt.

Aus heutiger Sicht erscheint eine elektrische Klingelanlage vielleicht erwähnenswert mit Blick auf die Organisation eines großbürgerlichen Haushalts. In der Zeit, in der die Handlung spielt und Fontane den Roman schrieb, sind elektrische Klingeln Ausgangspunkt für die Entwicklung der „Haustelegraphie“, deren „Hauptzweck […] die Erzeugung von Klingelsignalen mittels des Stromes“ ist. (Wilke 1893, S. 472)*
Nicht vergleichbar mit dem Ausbau der nationalen und internationalen Telegrafennetze steht die Entwicklung der „Haustelegraphie“ jedoch für die Anwendung der Elektrizität im Alltag.Druckknopf Mechanismus
In der 1893 erschienenen Auflage des Buches Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe heißt es, bei der „Haustelegraphie“ handele es sich um ein „Gebiet der Telegraphie, das zwar nur bescheidene Ziele verfolgt, aber trotz seiner technischen Beschränkung eine ganz außerordentliche Ausdehnung gewonnen hat, da die telegraphischen Anlagen, welche ihm zugehören, man darf sagen, in Palast und Hütte zu finden sind, sich über die ganze Erde verbreitet haben und eine große blühende Industrie haben entspringen lassen. Wir meinen die Haustelegraphie, die Technik jener Anlagen, welche die Ersetzung des guten alten Klingelzuges durch den stromdurchflossenen Draht hat entstehen lassen. Käme die Zahl für die Bedeutung eines elektrotechnischen Gebietes in Frage, so stände die RasselklingelHaustelegraphie zweifellos vornan in der Reihe der einzelnen Anwendungen des Stromes, denn die Zahl der elektrischen Klingeln, die zur Zeit in Betrieb sind, reicht in die Million hinein, und die jährliche Erzeugung derselben geht in die Hunderttausende. Rechnet man hierzu die für solche Anlagen benötigten Elemente, Druckknöpfe, Tableaus, die Leitungsanlagen, so wird man erkennen, daß diese Industrie alljährlich eine ganz bedeutende Produktion aufweist und ihr jährlicher Umsatz sich auf manche Million Mark beläuft. Sie ist auch von einer andern Seite von Bedeutung, indem sie namentlich dem kleineren und mittleren Gewerbetreibenden Nahrung gibt und die Anlage der Haustelegraphen vielfach als eine lohnende Nebenbeschäftigung von Handwerkern betrieben wird, was wiederum die erfreuliche Wirkung für die Elektrotechnik gehabt hat, ihr in diesen Kreisen Interesse zu wecken und aus denselben die Monteure für die Starkstromanlagen zuzuführen.“ (Wilke 1893, S. 472)
Noch wurden im Haus des Landrats die Lampen angezündet, aber der „Zugriff“ auf die Hausangestellten erfolgte bereits batteriebetrieben elektrisch. Später in der kleinen Wohnung in Königgrätzer Straße gibt es keine elektrische Klingel, sondern hier muss Effi wieder an einer mechanischen Klingel ziehen, um Roswitha herbeizurufen. (Kap. 33)

*Die Stromerzeugung für die Haustelegraphie erfolgte durch Batterien. Nach Wilke „empfiehlt sich als zweckmäßigstes Element für Anlagen dieser Art das Leclanché-Element in seinen verschiedenen Formen.“ (Wilke 1893, S. 474) „Leclanché-Element“ war die Bezeichnung für heute nicht mehr verwendete Nassbatterien.

Abbildungen
Abb. Druckknopf; Außenansicht – Wilke 1893, S. 480
Abb. Druckknopf; Mechanismus – Wilke 1893, S. 481
Abb. Rasselklingel –  Wilke 1893, S. 476

Literatur
Wilke, Arthur [1893]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer

 

Arnold Böcklin: Der Dichter unter den Malern

Effi fährt mit ihrer Mutter nach Berlin, um die für die Hochzeit notwendigen Einkäufe zu erledigen. Der Vetter Briest besucht mit ihnen bei dieser Gelegenheit die Nationalgalerie, um ihnen Arnold Böcklins Bild „Die Gefilde der Seligen“ (im Roman ist von der „Insel der Seligen“ die Rede) zu zeigen. Das von der Nationalgalerie in Auftrag gegebene Gemälde wurde 1878 kurz ausgestellt, aber aufgrund der öffentlichen Proteste wieder abgehangen. (Die Ausführungen zu Besuch in der Nationalgalerie Ausstellung und zu Arnold Böcklins Gemälde „Gefilde der Seligen“ finden sich im Buch auf den Seiten 56 – 59.)

Der Skandal um dieses Bild liegt bereits einige Jahre zurück, als Fontane mit der Arbeit am Roman beginnt. Für die gewachsene Popularität des Malers Arnold Böcklin in der Entstehungszeit des Romans Effi Briest sprechen einerseits das Titelblatt der Leipziger Illustrirten Zeitung vom 8. Februar 1890 und andererseits die (antisemitisch aufgeladene) Karikatur „Wie von Böcklin“ in der satirischen Wochenzeitschrift Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104.

Böcklin Illustrirte Zeitung Februar 1890

 

Wie von Böcklin.Fliegende Blätter 1890 Nr 2304 S_104

Arnold Böcklin bleibt als Künstler präsent in den illustrierten Zeitschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Für den Maler und Kunstschriftsteller Otto Baisch ist Arnold Böcklin: „eine jener außergewöhnlichen Erscheinungen […], an denen niemand gleichgültig vorübergehen kann, für deren Thun und Treiben vielmehr ihre Gegner trotz alles Scheltens sich kaum weniger lebhaft interessieren als ihre Verehrer; […].“ (Baisch 1884, S. 594) In seiner ausführlichen Würdigung Böcklins in Westermanns Illustierten Deutschen Monatsheften unterscheidet sich sein Urteil über das für die Berliner Nationalgalerie geschaffene Gemälde „Gefilde der Seligen“ deutlich von den ersten Reaktionen im Jahres 1878.

„Entgegen der altherkömmlichen Ansicht, die eine Schönheit im Sinne des Malerischen nur der geschwungenen Linie zuerkannt wissen will, hat Böcklin hier gerade die Durchführung senkrecht aufstrebender Linien gewählt. Man würde zu falschen Schlüssen gelangen, wollte man annehmen, der Künstler habe das infolge einer vernünftelnden Berechnung gethan. Böcklin ist, bei all seiner klassischen Bildung, durch und durch eine Malernatur. Der Hauptsitz seines gestaltungskräftigen Empfindens liegt im Auge. Mit offenem Sinn für jedweden Anschauungseindruck fühlte er sich gelegentlich gefesselt durch die Ausblicke, die sich zwischen den kerzengerade emporgewachsenen Stämmen einer Reihe ziemlich gleichmäßig verteilter Pappeln oder Cypressen erschließen.“ (Baisch 1884, S. 610)

1894,  Böcklin ist inzwischen zum Malerfürsten arriviert, wird das Gemälde „Gefilde der Seligen“,  das 1878 auf Wunsch der Kronprinzessin aus der Nationalgalerie entfernt wurde, in Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift zu den bekanntesten Schöpfungen Böcklins gezählt.
„Prächtig ist die Staffage auf dem letztgenannten Phantasiebilde: […]; die wunderbare Landschaft mit ihren dunklen Baumgruppen und wilden Felsmassen hilft auch hier wesentlich mit zur Erzeugung jener romantischen Gesamtstimmung, durch die sich die Werke Böcklins dem Gedächtnis so unauslöschlich einprägen.“ (Dahms 1894, S. 37)

Schon der 1887 erschienenen 5. Auflage des Baedekers „Berlin und Umgebung“ konnte man entnehmen, dass das Gemälde wieder im Erdgeschoß der Nationalgalerie ausgestellt  wurde. (S. 96)

Abb. Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104

Literatur
Baisch, Otto [1884]: Arnold Böcklin. In: Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte Bd. 56/1884, S. 593 – 611
Dahms, Gustav [1894]: Der Dichter unter den Malern. Der Bazar Nr. 4/1894, S. 37

 

 

 

Varzin, Bismarck und die Einführung des Telefons in Deutschland

Als der Name des Ortes Varzin  im Roman zum ersten Mal erwähnt wird, geschieht dies scheinbar beiläufig. Verständlich, wenn man davon ausgeht, dass für die zeitgenössische Leserschaft jede Erklärung überflüssig war. 1867 hatte der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck das Rittergut Varzin in Hinterpommern erworben. Seitdem, so  der Verfasser eines Berichts in der Familienzeitschrift Daheim, sei der Name des Ortes „tausendfach in Wort und Schrift wiederholt und in aller Munde gewesen“. (Daheim 1886, S. 233) Wenn von Varzin die Rede war, ging es immer auch um Bismarck. (Im Buch dazu  S. 12 ff.)

Ein Beispiel hierfür sind zwei Karikaturen, die am 9. und 11. November 1877 erschienen. Die als „Kanzlerkrise“ bezeichnete Abwesenheit Bismarcks von Berlin lasse sich, so der Vorschlag der Karikaturisten, mit einer telefonischen Verbindung zu Bismarcks Gut in Varzin zu lösen.

Parlaments-Telephonie Berliner Wespen Nr. 45_1877 Telefon_Varzin Kladderadatsch Nr_51 1877 S_208 für Blog
Durch das Telephon werden allen Klagen über Abwesenheit und Beurlaubung der Minister ein Ende gemacht. So wie der Ruf nach Bismarck ertönt, antwortet der Betreffende von Varzin aus: „Hier!“ um sofort in die Diskussion einzutreten. (9. Nov. 1877) Das neu erfundene Telephon arbeitet so vortrefflich, daß man beabsichtigen soll, durch dasselbe eine Verbindung zwischen dem Abgeordnetenhause und Varzin herzustellen. Dann gute Nacht, Kanzlersruh. (11. Nov. 1877)


Erstaunlich ist, mit welcher Schnelligkeit hier auf die Erfindung des Telefons durch Alexander Graham Bell reagiert wird. Bell hatte sein Telefon erst wenige Wochen zuvor in den USA öffentlich vorgeführt. Auch Heinrich Stephan, der Generalpostdirektor des Deutschen Reichs. Heinrich interessierte sich sofort für die neue Erfindung und führte noch im Oktober 1877 die ersten Fernsprechversuche in Berlin durch. In einem Schreiben an den Reichskanzler Bismarck vom 9. November 1877 sagte er dem Telefon eine „große Zukunft im menschlichen Verkehr“ voraus. (Grosse 1917, S. 14)

Für die in den Karikaturen hergestellte Verbindung zwischen Bismarck, Varzin und dem Telefon gibt es neben der „Kanzlerkrise“ einen konkreten Anlass. Bismarck ließ sich schon am 12. November Bells Telefon auf seinem Gut in Hinterpommern vorführen. Das Interesse des Reichskanzlers an dieser neuen Erfindung lag nahe, wenn man erfährt, dass die Poststation im Dorf Varzin im Jahr 1876  10.428 Telegramme „expedirte“ und 6419 „Briefsachen“ dort ankamen bzw. von dort abgeschickt wurden. (Deutsches Montagsblatt vom 31. Dez. 1877, S. 6)

Abb. Wirkung in die Ferne –  Kladderadatsch Nr. 52/1877, S. 570
Abb. Parlaments-Telephonie – Berliner Wespen Nr. 45/1877

Literatur
Grosse, Oskar [1917]: 40 Jahre Fernsprecher. Stephan – Siemens – Rathenau: Berlin: Verlag von Julius Springer

Signaltelegraphie und Effis Interesse an durchfahrenden Zügen

„Telegraphie im engeren Sinne […] umfaßt die Verkehrstelegraphie, die Haustelegraphie und die Signaltelegraphie, Gebiete, welche sich zwar nicht scharf gegeneinander abgrenzen lassen, aber immerhin eine getrennte Behandlung ermöglichen.“ (Wilke 1893, S. 399)

Alle drei hier genannten Gebiete der Telegrafie tauchen mehr oder weniger prominent im Roman auf. Telegramme werden vor allem benutzt, um den genauen Termin einer Ankunft anzukündigen bzw. eine überraschende Änderung von Reiseplänen mitzuteilen (im Buch S. 48 -50). Auf das Vorhandensein einer elektrischen Hausklingel im Hause des Landrats wird explizit hingewie

Eisenbahnläutewerke nach schwed Ausgabe von Wilke 1897 S. 465
Eisenbahnläutewerk Außen- und Innenansicht

sen. Aber auch die „Signaltelegraphie“ findet Erwähnung. Nicht unwichtig, dass die Eisenbahn-Telegraphenstationen auch für die Aufgabe privater Telegramme genutzt werden konnten.

Als Effi ihren Mann begleitet, der in Vorbereitung der anstehenden Wahlen den Gastwirt Golchowski besucht, meldet „die von der Bahn herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug“. Es handelt sich um die Durchfahrt des Schnellzugs nach Danzig. Effi, die von sich sagt, dass sie gerne Züge sieht, steigt mit ihrem Mann und dem Gastwirt den Damm hinauf zum Wärterhaus 417. „Der Bahnwärter stand schon da, die Fahne in der Hand.“ (Kap. 11) Als Effi nach Berlin fährt, um den Umzug durch die Wohnungssuche vorzubereiten, wird noch einmal auf die Signaltelegraphie Bezug genommen. Es heißt dort: „Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; […].“ (Kap. 22)

Die durchlaufenden Liniensignale. Wie der Leser weiß, sind an unsern Bahnen, wenigstens an den Vollbahnen, Bahnwärter bestellt, welche je ein Stück der Bahnstrecke zu überwachen, für die Sicherheit dieselben zu sorgen, die Übergänge zu öffnen und zu verschließen und mehr dergleichen für die Sicherheit und Erhaltung bestimmte Verrichtungen zu thun haben. Diese Wärter müssen nun von dem wichtigsten Vorgang auf der Bahn, von dem herannahenden Zuge benachrichtigt werden, und hierfür dienen die Liniensignale, für welche man außer dem bekannten Signalmast auch ein hörbares Zeichen, das Anschlagen einer Glocke verwendet, Für dieses letztere wird der elektrische Strom verwendet, welcher, von der signalgebenden Station ausgeschickt, die bei oder auf den Wärterbuden stehenden Glocken zum Ertönen bringt. (Wilke 1893, S. 494)

Die elektrischen Sicherheitseinrichtungen „stellen für sich allein schon Errungenschaften dar, deren Wert für Leben, Gesundheit und Besitz man nicht übersehen kann.“ (Wilke 1893, S. 7) Warum dies so ist, wird deutlich, wenn man in der Einleitung eines Berichts über einen folgenschweren Eisenbahnunfall liest: „‘Eisenbahnunfälle‘ sind eine so häufig wiederkehrende Rubrik unserer Zeitungen, daß ein derartiges Ereigniß schon einen ungewöhnlichen Umfang angenommen haben muß, um den Inhaber eines Jahresbillets aus der vornehmen Gleichgültigkeit aufzuschrecken, mit er liest, daß wieder einmal ein Güterzüge aufeinandergestoßen, aber glücklicherweise nur ein Locomotivführer und ein Heizer um’s Leben gekommen oder zu Krüppeln geworden sind, […]. (Die Gartenlaube H. 42/1874 S. 686)
Damit macht die Erwähnung der Signaltelegraphie Sinn, wenn es um Ausmalen des zeitgenössischen Hintergrundes geht, vor dem die Handlung des Romans spielt. Mit Blick auf die Erregung und Sehnsucht, von der Effi beim Anblick durchfahrender Züge ergriffen wird, geht es aber um mehr. Es geht um das veränderte Erleben von Raum und Zeit durch die Beschleunigung der Verkehrsmittel (im Buch dazu S. 24f.).
Effis Faszination von Zügen zeigt sich auch in der letzten Phase ihres Lebens. Nach ihrer Rückkehr auf das elterlich Gut wählt sie bei ihren täglichen Spaziergängen einen Rastplatz, „von dem aus sie das Treiben auf dem Bahndamm verfolgen konnte; Züge kamen und gingen, und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen Augenblick wie deckten und dann nach links und rechts hin wieder auseinandergingen, bis sie hinter Dorf und Wäldchen verschwanden.“ Kap. 36)

Abb. Eisenbahnläutewerk – hier nach schwedischer Ausgabe von Wilke 1897, S. 465

Literatur
Wilke, Arthur [1893]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer

 

 

Ein Beitrag zur Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Effi Deutsche Rundschau1894

1887 erscheint in der Zeitschrift Die Grenzboten eine Rezension des Romans Cécile von Theodor Fontane. Es heißt dort, Fontane erfülle der Gedanke, „die deutsche Reichshauptstadt zum Unter- und Hintergrunde von poetischen Darstellungen zu benutzen, und ohne den französischen Naturalisten näher verwandt zu sein, empfindet er den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist.
In seinem Roman Effi Briest benutzt Fontane zwar nicht die deutsche Reichshauptstadt zum „Unter- und Hintergrund [seiner] poetischen Darstellungen“, aber die Einschätzung er empfände „den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist“, trifft auf diesen Roman vielleicht noch in stärkerem Maße zu. Der „Boden“, auf dem sich der Dichter hier bewegt, ist seiner Leserschaft offensichtlich so vertraut, dass er sich auf beiläufige Anspielungen und stenografisch verkürzte Hinweise beschränken konnte.
Fontanes zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an Japan speiste, u.a. aus Berichten über die 1885 in Berlin eröffnete und danach auch in München gezeigte Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“.
An Effis Polterabend wird ein „Lebendes Bild“ aufgeführt. Voraussetzung für die Popularität dieser Unterhaltungsform waren die Zugriffsmöglichkeiten auf Bilder, wie sie durch die „optische Revolution“ oder mit den Worten eines Zeitgenossen – durch die „Wiedergeburt der graphischen Künste“ – eröffnet wurden.
Instettens werden nach ihrer Hochzeitsreise am Bahnhof abgeholt. Auf dem Weg nach Kessin wird beiläufig der Ort „Varzin“ erwähnt. Erklärungen erübrigen sich für die zeitgenössische Leserschaft. Wie es in einem Bericht über Varzin heißt, sei dieser Name „seit 1867 tausendfach in Wort und Schrift wiederholt und in aller Munde gewesen“.
Bei einem späteren Besuch des Ehepaars in dieser Gegend ist von Bismarck als „Papiermüller“ die Rede. Dem Publikum der illustrierten Zeitschriften war bekannt, dass die auf Bismarcks Gut betriebenen Papierfabriken „reichen Ertrag abwerfen. Wer die Wochen- und Monatszeitschriften las, wusste, welcher Zusammenhang zwischen der Erfindung des Holzschliffs, den Papiermühlen und dem „kulturfördernden Rückgang der Papierpreise“ bestand.
Durch Fontanes literarisches Spiel mit den Wissensbeständen, die seiner zeitgenössischen Leserschaft vertraut sind, lässt sich die Handlung des Romans einem eingrenzbaren Zeitraum zuordnen. Eine Analyse dieser kollektiven Wissensbestände erschließt, welche Informationen und Themen und welche Bewertungen und Bilder zur Entwicklung der Kommunikations- und Medienkultur über die populären Medien transportiert wurden.
Nicht zuletzt wird durch eine von den Anspielungen im Roman ausgehende Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur deutlich, dass die Moderne früher begonnen hat, als dies aus heutiger Perspektive der Fall zu sein scheint. Ein Beispiel hierfür liefert das Gedicht, das Effi zitiert, um sich gegen die Verführungskünste des Majors von Crampas zu wappnen. Unter dem Titel „Draus bei Schleswig vor der Pforte“ findet sich dieses Gedicht in der Kleinen Missionsharfe, einer Liedersammlung, die im 19. Jahrhundert über zwei Millionen Mal verkauft und zum ersten Bestseller des Bertelsmann Verlages wurde.
In der eingangs zitierten Rezension des Romans Cécile heißt es, dass sich „ein Dichter wie Theodor Fontane nicht darüber täuschen kann, daß alles, was an Wirkungen der Lokalschilderung, der gesellschaftlichen Atmosphäre gewonnen wird, verhältnismäßig wenig bedeuten will gegenüber der Stärke der Motive und der unmittelbaren Darstellung der in allen Wandlungen und Spielarten sich gleich bleibenden Menschennatur“.
Das verweist darauf, welchen begrenzten Beitrag eine Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur ausgehend von den Anspielungen und Hinweisen in Effi Briest für das Verständnis des Romans selbst leisten kann. Aufschlüsse liefert eine solche Rekonstruktion jedoch für Fontanes Erzählhaltung und die Verortung seiner literarischen Produktion in der Medienkultur des 19. Jahrhunderts.

Fortschrittsglaube, Angst um Arbeitsplätze und ein Schuss Kulturpessimismus

Die Entwicklung der Massenmedien befördert „kulturelle Differenzierungsprozesse“ (vgl. Lübbe 1994 S. 317). So kann Fontane, um das Milieu zu charakterisieren, dem einzelne Personen in Effi Briest zuzurechnen sind, ihre Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre heranziehen.
Dies gilt nicht nur für den Vetter Briest, der bei seinem ersten Auftreten als „ein ungemein ausgelassener ,junger Leutnant, der die ‚Fliegenden Blätter‘ hielt und über die besten Witze Buch führte“, beschrieben wird.
Vom Apotheker Gieshübler heißt es, er sei „Schöngeist und Original“, der „neben allem anderen, auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser [war], ganz zu geschweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand“. Auch Effis Ehemann und ihr Vater werden als Zeitungsleser vorgestellt, deren Zeitungslektüre in Alltagsroutinen eingebettet ist und ihren Alltag strukturiert.
Effi scheint dagegen in Kessin lieber zu den Modezeitungen zu greifen, um sich von ihren Sorgen abzulenken, als zu den Zeitungen und Journalen, die ihr der Apotheker Grieshübler regelmäßig – mit Anmerkungen und Lesehilfen versehen – zuschickt.

Aus dieser Perspektive wird es verständlich, dass in der zeitgenössischen Diskussion  Erfindungen wie die der Schnellpresse eine hohe Bedeutung für die „civilisirte Menschenheit“ zugesprochen wird, zumal es sich hier um die erste technische Innovation des Buchdrucks seit der Erfindung der Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts handelt.

Rotations-Buchdruckmaschine
Rotations-Buchdruckmaschine

Friedrich König, der Erfinder der Schnellpresse, ein „Wohlthäter der Menschheit“
Mit der stetig wachsenden Vervollkommnung in Construction der modernen Rotationsschnellpressen […] mit den Fortschritten der Rundstereotypie, mit der in erfreulicher Weise verbesserten Qualität der für Rotationsdruck benöthigten Materialien (Rollenpapier, Farbe, Walzenmasse u. dgl.) und nicht zum wenigsten mit dem Lesebedürfnisse der civilisirten Menschheit wächst naturgemäß die Anwendbarkeit und Einführung der Rotationsschnellpressen, welche bei Massenproduction nicht nur billigst, sondern auch schnellstens und gut jede Druckarbeit – sei dieselbe eine ordinäre Zeitung, ein Werk oder ein fein illustrirtes Journal – zu liefern im Stande sind.“ (Anonymus 1883, S. 318)

„Wer endlich wollte den Einfluß ermessen und in Zahlen ausdrücken, welchen die König Schnellpresse Goebel 1883gewaltig erhöhte Leichtigkeit und Schnelligkeit des Druckes auf Verbreitung der Bildung unter allen Klassen des Volkes, unter Hoch und Niedrig und in allen Verhältnissen des gesellschaftlichen und politischen Lebens gehabt hat und noch täglich hat in stets wachsender Progression? Die Grenzen dieses Einflusses sind ganz unabsehbar und unberechenbar; eines aber ist für jedes Auge zu erkennen und steht unumstößlich fest: daß Friedrich Koenig’s große Erfindung der Druckmaschine den Grund- und Eckstein dieses Einflusses bildet, daß er ihre direkte Folge war und auf ihr ruht. Durch seine Erfindung wurde Koenig zu einem der größten Wohlthäter der Menschheit. Sein Name wird daher auch stets glänzen inmitten der Namen aller großen Erfinder, neben den Wohlthätern aller Nationen. – Ehre seinem Andenken!“ (Anonymus 1883, S. 318)

Nicht nur  im Polytechnischen Journal, sondern auch in der Famlienzeitschrift Die Gartenlaube erschien 1883 anläßlich des 50. Todestags von Friedrich König ein Beitrag, um  das „Leben und Wirken dieses Wohlthäters der Menschheit wieder in’s Gedächtnis zu rufen“.

„Die Verdienste, welche Friedrich Koenig sich durch die Erfindung der ‚Schnellpresse‘ um das geistige, gesellschaftliche und geschäftliche Leben der ganzen civilisirten Welt erworben hat, sind jedoch bis jetzt nur in dem Kreise der Drucker gewürdigt worden, während dem größten Theil unseres Volks die eigentliche Bedeutung und Tragweite dieser Erfindung noch völlig unbekannt geblieben ist. Man weiß nicht, wie schwerfällig vorher die Herstellung eines Druckes war, wie wenig die fleißigsten Arbeiter an einem Tage vollenden konnten, wie theuer deshalb die Bücher und Zeitungen waren und wie sehr dies ihrer Verbreitung und, damit der ganzen Bildungs- und Geschäftsforderung im Wege stand. Jetzt aber, wo man gewöhnt ist, seine sauber gedruckten Bücher für Schule und Haus, seine Unterhaltungsliteratur und Prachtwerke billig zu kaufen, sein Geschäfts- oder politisches Blatt mit unfehlbarer Regelmäßigkeit auf dem Frühstückstische liegen zu sehen, vergißt man darnach zu fragen, wem man denn eigentlich all diese Wohlthaten und Annehmlichkeiten verdankt.“ (Goebel 1883a, S. 30f.)

Die Angst der Drucker um ihre Arbeitsplätze
Am 29. November 1814 „konnte die ‚Times‘ der Welt verkünden, daß sie zum ersten Male auf Druckmaschinen mit einer Schnelligkeit von 1100 Drucken in der Stunde (vorher eine Tagesarbeit) hergestellt worden sei. Bei Bau und Aufstellung derselben aber hatte mit größter Heimlichkeit vorgegangen werden müssen, um Gewaltthätigkeiten seitens der Drucker, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen, zu verhüten.“ (Goebel 1883a, S. 31)

Während Friedrich Koenig die französische Julirevolution begüßte, in der er auch „eine bessere Zeit erblicken zu sollen meinte für die Buch- und Zeitungsdrucker“, benutzten die Arbeiter in Paris „jedoch die Freiheit, um in verblendetem Wahne die Druckmaschinen, sowohl die Koenig’schen, wie die aus England gekommenen, zu zerschlagen, und daß nicht auch in Leipzig Gleiches geschah, verdankte man nur der Ruhe und Geistesgegenwart des Chefs der Firma F. A. Brockhaus, Herrn Friedrich Brockhaus, welcher damals der einzige Besitzer von Schnellpressen in der Metropole des deutschen Buchhandles war.
Damit war der Aufschwung, den die Druckmaschinenfabrikation in Deutschland genommen, mit einem Schlage vernichtet; Niemand wollte noch fernerhin ein Werkzeug anschaffen, hinsichtlich dessen man in Bezug auf den von ihm gewährten Vortheil noch nicht alle Zweifel überwunden hatte, dessen Besitz jedoch zu Collisionen mit aufgeregten Arbeitermassen führen konnte.“ (Goebel 1883a, S. 34)

Titelvignette Vorwärts 17. Jänner 1873Fortschrittsrhetorik in einer Zeitung der Gewerkschaft Druck und Papier
Die Druckerei der österreichischen Zeitung Die Presse erhält 1873 den Auftrag, den Katalog für die in Wien stattfindende Weltaustellung zu drucken. Aus diesem Anlaß erscheint in der Zeitschrift der Gewerkschaft Druck und Papier ein Artikel über die Leistungsfähigkeit der  von der Druckerei neu angeschafften Walterpressen – so benannt nach dem Besitzer der Times, der die Konstruktion der neuen Maschinen finanziert hatte.
„Die neuen ‚Walter-Maschinen‘ werden der Druckerei der ‚Presse‘ auch Gelegenheit geben, sich in der hervorragendsten Weise an der Weltausstellung zu betheiligen. Es ist ihr bekanntlich von der General-Direction der Weltausstellung der Druck des officiellen Katalogs derselben übertragen worden – eine typographische Arbeit von so colossalem Umfange, daß deren Bewältigung gegenwärtig auf dem ganzen Continente nur der Druckerei der ‚Presse‘ mit ihren neuen Maschinen möglich ist. Der Katalog wird hundert Bogen stark sein und seine Auflage ist zunächst auf eine halbe Millionen Exemplare festgesetzt. Hierzu ist demnach ein Papierquantum von fünfzig Bogen oder hunderttausend Rieß erforderlich. Um sich von dieser Papiermasse einen anschaulichen Begriff machen zu können, sei constatirt, daß die aneinandergereihten Medianbögen über Rußland, Asien und den stillen Ocean bis nach Mexiko reichen würden. Uebereinander geschichtet, hätten diese Bogen eine Höhe, welche achtunddreißigmal so hoch wären als jene des Stephansthurmes. Um diese Masse Papier zu bedrucken, müßte eine gewöhnliche Schnellpresse bei unausgesetzter, täglich vierundzwanzigstündiger Thätigkeit elf Jahre und sieben Monate fortarbeiten, während die beiden ‚Walter-Pressen‘ dieselbe Arbeit neben dem täglichen Drucke der ‚Presse‘ mit Leichtigkeit in vier Wochen liefern und also in dieser Zeit ebensoviel wie 192 Schnellpressen leisten werden. Der amtliche Katalog der Wiener Weltausstellung wird daher zugleich das Ausstellungs-Object der ‚Presse‘ sein und als solches die stärkste, bisher unerreichte Leistung der typographischen Technik und deren größte Vervollkommnung und Vollendung repräsentieren.“ (Die Walter-Presse 1873, S. 2)

Die Erfindung der Schnellpresse gereichte „Arbeitern und Arbeit zum Segen“
„Hatte man einst gegen [die Erfindung der Schnellpresse] den Vorwurf erhoben, dass sie die Pressedrucker brodlos mache und der Noth preisgebe, […] so haben die Thatsachen und namentlich die ungeheure Zunahme dieses Bedürfnisses solchen Vorwurf in schlagendster und überzeugendster Weise widerlegt. Denn wer zählt die Tausende der Arbeiter, die heute allein im Schnellpressenbau beschäftigt sind, wer die Tausende der Maschinenmeister, d. h. der intelligenten Leiter dieser Schnellpressen, die jenes durstige Geschlecht der Massendrucker ersetzt haben, welches Gutenbergs Kunst nicht immer zur Ehre gereichte? An der Schnellpresse, von der man heute die vollendetsten typographischen Leistungen verlangt, wie man sie zur Zeit ihrer Erfindung selbst nicht als auf der Handpresse erreichbar gehalten hätte, haben sich viele ihrer Leiter, indem sie zugleich eine lohnende Existenz fanden, zu wahren Künstlern herangebildet, der Buchdruck ist wieder eine Kunst geworden, dank dem Einflusse der Erfindung Koenigs, die somit Arbeitern und Arbeit zum Segen gereicht.“ (Goebel 1883b, 278f.)

Zeitungslektüre als Nervengift
Unsere Nerven Fliegende Blätter 1888 Nr 2240 S_6
Wenn wir morgens uns erheben,
Schon beginnt der Nerven Pein,
Und mit Schrecken und mit Beben
Nehmen wir das ‚Tagblatt‘ ein.

Selbstmord, Brände, Zugentgleisung,
Raub und Diebstahl, Unglücksschlag,
Bringt zu unsrer Nerven Speisung
Uns die Presse jeden Tag.

Und der Wust polit’scher Dinge!
Wiederkehren jedes Jahr
Auf Bestellung fast im Ringe
Cholera und Kriegsgefahr.

Auf den Straßen, welch‘ Gedränge,
Welch Getümmel und Geschrei!
Tramwaywagen, Menschenmenge,
Omnibus und Polizei.
von Miris 1888 (Unsere Nerven – Auszug)

Lesezirkel IZ 2164_1884_S_620

Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt
Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt uns gewissermaßen, und die Zeitschriften, Journale und Monatsschriften, die auch die Sammellektüre kultivieren, tragen weiter dazu bei, daß wir vieles in uns aufnehmen ohne ernsteren Nutzen. Die raffinierte Geschäftsspekulation hat sich sogar nicht begnügt mit diesem Sammelsurium der gebotenen Lektüre und hat das Monstrum Lesezirkel erfunden. In einem solchen famosen Institut werden 10 bis 20 Romane nebeneinander in ‚Fortsetzungen‘ verzapft. 30 verschiedene wissenschaftliche Fragen angeschnitten und ebensoviele, deren Anfang man sich noch erinnert, vor einigen Wochen gelesen zu haben, zu Ende geführt. Der Wert eines solchen Lesezirkels kann einzig nur in den Illustrationen gesucht werden, die die großen Blätter bieten, und außerdem in den der heiteren Muse gewidmeten Witzblättern. Ein ernste Lektüre in diesem mit pedantischer Pünktlichkeit kommenden und gehenden Litteraturwust zu suchen, soll keinem einfallen, […]. (Hamann 1899, S. 63)

Abbildung
Abb. Rotations-Buchdruckmaschine mit Falzapparat konstruiert für den Druck von Meyers Konversationslexikon – Meyers Konversations-Lexikon Bd. 14/1878
Abb. Friedrich König – Goebel 1883b
Abb. Unsere Nerven – Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6
Abb. Fritz Borstell’s Lesezirkel – Illustrirte Zeitung Nr. 2164/1884, S. 620

Literatur
Anonymus [1883]: Ueber die Verbreitung der Rotationsschnellpressen in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, sowie über den Erfinder der Schnellpresse. In: Polytechnisches Journal Band 249/1883, Miszelle 1, S. 316–318
Die Walter-Presse. In: Vorwärts. Organ der Gewerkschaft Druck und Papier, Wien 17. Januar  1873, S. 1 – 2
Goebel, Theodor [1883a]: Friedrich König, der Erfinder der „Schnellpresse“. In: Die Gartenlaube H. 2/1883, S. 30–35
– ders.: [1883b]: Friedrich König und die Erfindung der Schnellpresse: ein biographisches       Denkmal. Stuttgart: Kröner
Hamann, Ludwig [1899]: Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. Leipzig: Verlag von Ludwig Hamann
Lübbe, Hermann [1994]: Mediennutzungsethik. Medienkonsum als moralische Herausforderung. In: Hilmar Hoffmann, Hrsg.: Gestern begann die Zukunft. Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung der Medienvielfalt. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellschaft, S. 313 – 318.
von Miris [1888]: Unsere Nerven. In: Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6f.

 

„Ein Schritt vom Wege“ – Fontanes Spiel mit den Wissensbeständen seiner Leserschaft

Ernst Wichert Bazar Nr 10_1891 S. 96 grauIm Roman Effi Briest wird Ernst Wicherts Lustspiel „Ein Schritt vom Wege“ kurz vor Weihnachten am „Theaterabend in der Ressource“ aufgeführt. Major von Crampas führte Regie. Effi hatte die Hauptrolle übernommen. Für die Entwicklung der Affäre zwischen Effi und dem Major von Crampas spielte diese Liebhaberaufführung eine entscheidende Rolle.
Im Roman ist dreimal von dem Stück „Ein Schritt vom Wege“ und einmal davon die Rede, dass der Dichter ein Kammergerichtspräsident aus Königsberg sei.

„Nach einem Crampasschen Plane nämlich sollte noch vor Weihnachten ‚Ein Schritt vom Wege‘ aufgeführt werden, […].“ (Kap. 18)
„Der ‚Schritt vom Wege‘ kam wirklich zustande, und gerade weil man nur noch gute vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging vorzüglich; […].“ (Kap. 18)
„‘Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich habe mich amüsiert über das hübsche Stück. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat, eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus Königsberg. (Kap. 18)
„Die Lampe kam auch. In dem grauen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale mit Photographien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, damals, als man den Wichertschen ‚Schritt vom Wege‘ aufgeführt hatte, für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren.“ (Kap. 27) *

Ein Schritt vom Wege_Scan Theaterzettel Ein Schritt vom Wege

Ernst Wichert, Kammergerichtsrat in Königsberg, zählte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu den populären Autoren.  Sein Lustspiel „Ein Schritt vom Wege“ wurde 1871 am Stadttheater in Königsberg uraufgeführt. 1894 erscheinen die ersten Folgen von Effi Briest in der Deutschen Rundschau. Fast 25 Jahre nach der Uraufführung des Stückes kann sich Fontane darauf verlassen, dass kurze Erwähnungen des Stückes und des Namens seines Autors bzw. seiner Funktion als Kammergerichtsrat ausreichen, um bei seiner Leserschaft auf Resonanz zu stoßen. Dass dies so war, dafür spricht die ungebrochene Präsenz Ernst Wicherts in Zeitschriften.

Anlässlich seines 60. Geburtstage liest man in einer Würdigung Ernst Wicherts in der illustrierten Damen-Zeitung Der Bazar,
wer endlich erinnert sich nicht gern und mit fortwirkendem Wohlgefühl jener graziösen Lustspiele „Ein Narr des Glückes“, „Ein Schritt vom Wege“ […] und so vieler anderer, mit denen uns der Dichter, zum Teil in sorgenvoller Zeit, über die lastenden Kümmernisse des Tages mit liebenswürdigem Lächeln hinweg führte!“ (Der Bazar Nr. 10/1891, S. 96)

Zum selben Anlass veröffentlicht Gustav Dahms in der Zeitschrift Ueber Land und Meer einen Bericht über Ernst Wichert Über Land und Meer Nr_24 1890_91 S_24einen Besuch bei Ernst Wichert. Mit Blick auf das Bücherregal in dessen Arbeitszimmer schreibt Dahms:
In vier stattlichen Reihen stehen seine Dichtungen in dem Bücherregal vor mir. Dort die lange Reihe jener eigenartigen historischen Romane, durch welche der Dichter weitere Kreise auf die hohe geschichtliche Bedeutung Altpreußens aufmerksam gemacht hat, […]. Endlich alle seine kleineren oder größeren Bühnenwerke, deren Anzahl geradezu erstaunlich ist. Wenn auch ein Teil derselben von der Bühne schneller Abschied genommen hat, als es wohl wünschenswert gewesen wäre, so ist doch die Zahl derjenigen Dichtungen, auf deren glänzende und nachhaltige Erfolge Wichert mit stolzer Freude zurückblicken darf, recht ansehnlich, so vor allem sein Meisterwerk: ‚Ein Schritt vom Wege‘, das sich schon zwei Jahrzehnte lang mit ungewöhnlichem Erfolg auf dem Spielplan unserer Bühnen behauptet; […]. (Dahms 1890/91, S. 510)

*Auch im Roman Frau Jenny Treibel nimmt Fontane Bezug auf Wicherts Lustspiel:
„Diese Treibelei war ein Irrtum, ein ‚Schritt vom Wege‘, wie jetzt, wie du wissen wirst, auch ein Lustspiel heißt, noch dazu von einem Kammergerichtsrat. Das Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das Literarische macht frei…“  (Kap. 16)

Abbildungen
Abb. Ernst Wichert – Der Bazar Nr. 10/1891, S. 96
Abb. Ein Schritt vom Wege. Bühnen-Manuskript – Königsberg 1871
Abb. Theaterzettel „Ein Schritt vom Wege“ – Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar. Kunst und Wissenschaft – Hofwesen.
Abb. Ernst Wichert vor seinem Bücherregal – Ueber Land und Meer Nr. 24 1890/91, S. 505

Literatur
Dahms, Gustav: Ein Besuch bei Ernst Wichert. In: Ueber Land und Meer. Deutsche Illustrirte Zeitung 1890/91 Nr. 24, S. 510f.

Das Papierne Zeitalter

Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck hatte 1867 von den 400.000 Talern, die ihm als Dotation nach dem Deutsch-Österreichischen Krieg bewilligten worden waren, das Rittergut Varzin in Pommern erworben. In Varzin verpachtete Bismarck  Land, Wasserkraft und Gebäude an einen Betreiber von Papiermühlen, der eine Fabrik zur Erzeugung von Holzschliff und Papier errichtete. Die Papiermühlen, die ab 1890 unter dem Namen Varziner Papierfabrik AG firmierten, entwickelten sich zum größten Industrieunternehmen in Ostpommern. In einem 1895 erschienenen, 5½ kg schweren Prachtwerk über Bismarck  heißt es:
„Mit derselben Freude wie der Besitzer verfolgte der Fürst das rasche Aufblühen der Varziner Fabriken, und oft ließ er auf seinen Spazierfahrten den Wagen halten, um […] bewundernd die Arbeit der riesigen Maschinen zu betrachten, die vor seinen Augen, fast geschwinder als die Blicke ihnen folgen können, aus einem dünnflüssigen Gemisch von Holzfasern und Leim zum Gebrauch fertiges, starkes Papier herstellten, das nach allen Weltteilen versandt wird.“ (Allers 1895, S. 172)

Hammermühle Allers 1895 S. 172
Varziner Papierfabrik – Werk Hammermühle

Bismarcks Aufenthalte auf dem Rittergut Varzin spielen eine Rolle im Roman Effi Briest und auch Bismarck als „Papiermüller“ findet hier Erwähnung. Bei einem Besuch des Ehepaars von Innstetten im Gasthaus „Zum Fürsten Bismarck“ bezeichnet Gastwirt Golchowski den Reichskanzler Bismarck als „Papiermüller“. (Kap. 11) Man kann davon ausgehen, dass diese Bemerkung für die zeitgenössische Leserschaft des Romans verständlich und nachvollziehbar ist, da in den zahlreichen Berichten über Bismarcks Gut in Varzin nicht nur der Waldreichtum eine Rolle spielt, sondern auch über Bismarcks Pläne, den Waldreichtum wirtschaftlich zu nutzen, geschrieben wird. So sind einem ausführlichen Bericht über Varzin im Familienblatt Daheim der Waldreichtum der Gegend und die Holzpapier- und Pappenfabriken, „die, mit aller Kunst der Neuzeit von Pächtern betrieben, reichen Ertrag abwerfen“, ein Thema. (Daheim 1886 S. 234)

Der „kulturfördernde Rückgang der Papierpreise“ *
Papiermühlen – und nicht nur die in Ostpommern – haben durchaus eine Bedeutung für Fontanes Erzählstil. Fontane kann nur  so souverän mit scheinbar beiläufigen Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse und Themen arbeiten, weil er sich darauf verlassen kann, dass er hier Wissensbestände abruft, die seiner Leserschaft durch die auflagenstarken Zeitschriften vertraut sind. Zeitschriften wie Die Gartenlaube mit einer Auflage von  380 000 Exemplaren (1874) wären aber nicht ohne  Fortschritte in der Papierproduktion und den damit verbundenen Rückgang der Papierpreise möglich gewesen. (Im Buch dazu „‚Die Gartenlaube‘ und die ‚Moderne'“ S. 141 -144)

*Anonymus [1884]: Papierverbrauch der Hauptländer der Erde. Polytechnisches Journal Band 252/1884, S. 134

Holzschnitt_Ausschnitt gedrehtPapierstatistik. Wohl ironisch hat man unserm Jahrhundert, welches sonst ‚das eiserne‘ genannt wird, auch den Beinamen des ‚papiernen‘ gegeben. Aber diese Benennung hat ihre gewisse Berechtigung, denn der Verbrauch dieser leichten Waare ist in der That überraschend groß. Nach einer uns vorliegenden Statistik existieren in der Welt 3985 Papierfabriken, die jährlich 952 Millionen Kilogramm Papier herstellen. Die Zeitschriften allein verbrauchen davon gegen 300 Millionen Kilogramm. Auf die einzelnen Länder vertheilt sich der Verbrauch des Papiers ziemlich ungleich; denn wie unser Gewährsmann berechnet, consumiren jährlich; ein Engländer 11½ Pfund, ein Amerikaner 10¼ Pfund, ein Deutscher 8 Pfund, ein Franzose 7½ Pfund, je ein Italiener und Oesterreicher 3½ Pfund, ein Mexicaner 2 Pfund, ein Spanier 1½ Pfund und ein Russe 1 Pfund Papier. (Die Gartenlaube H. 29/1884, S. 488)

Friedrich Gottlob Keller Friedrich Gottlob Keller_grauentwickelte um 1840 das noch heute übliche Verfahren zur Papierherstellung mittels Holzschliff und schuf damit die Grundlage zur industriellen Großherstellung billigen Papiers.
Der Holzschliff hat in der Gegenwart ungeheure Bedeutung gewinnen, er ist in der Papierfabrikation unentbehrlich geworden. Obwohl er zur Papiererzeugung nicht ausschließlich dient, ist er doch als billiger Zusatzstoff sehr geschätzt und die meisten billigen Papiere enthalten mehr oder minder große Holzschliffmengen, welche mit zähen Faserstoffen vermischt sind. […] So führte Keller dem Papiergewerbe nicht nur den werthvollen Ersatzstoff zu, sondern er schuf auch eine neue Verwendung des Holzes, kurz, er begründete eine bis dahin unbekannte, großartige Industrie. Keller [selbst] hat aus seiner Erfindung keinen erheblichen Geldnutzen gezogen.“ (Grosse 1892, S. 443f.)

Die Verarbeitung des Holzes zu Papier ist eine Errungenschaft unseres Jahrhunderts.
Früher fertigte man das Papier ausschließlich aus Hadern, die in Wasser gefüllten Mahlwerken zu Fasern zerkleinert, gebleicht, gefärbt und dann als Brei zu dünnen Bogen geschöpft wurden. Bis zum ersten Viertel unseres Jahrhunderts genügte dieses Verfahren, die vorhandenen Hadern reichten zur Deckung des Bedarfes vollständig aus. Da gewann die neuerfundene Papiermaschine allmählich Verbreitung, die Papiererzeugung nahm andere Gestalt an, und die mühsame Handarbeit ward mehr und mehr durch die vielleistende Maschinenarbeit verdrängt. Das Papier konnte mit der Maschine billiger hergestellt werden, was allgemeinere Verwendung desselben zu gewerblichen Zwecken und dadurch Steigerung des Bedarfes zur Folge hatte. Dazu kam die Einführung der von König erfundenen Buchdruckschnellpresse, welche eine Vermehrung der Druckerzeugnisse, besonders der Zeitungsliteratur nach sich zog. Der Papierbedarf steigert sich infolgedessen von Jahr zu Jahr, und bald sah man der Zeit entgegen, in welcher die vorhandenen Hadern nicht annähernd mehr zur Erzeugung des nöthigen Papieres ausreichen würden. Sollten die Papiermaschine und die Schnellpresse ihre volle Macht entfalten, so war es nöthig, einen Rohstoff ausfindig zu machen, welcher geeignet war, die Hadern theilweise zu ersetzen.(Grosse 1892, S. 442)

56 Titelvignette - Die Gartenlaube Nr_16_1892

Eine Papierstatistik der „Gartenlaube“
Eine Papierstatistik der „Gartenlaube“. Ein Leser unseres Blattes richtete vor Kurzem an uns die Frage, wie viel Papier zum Drucke der „Gartenlaube“ seit ihrer Gründung wohl verbraucht wurde. Um seine Neugierde zu befriedigen, stellten wir eine Berechnung zusammen, die zu so überraschenden Resultaten führte, daß wir beschlossen haben, sie auch weiteren Kreisen an dieser Stelle bekannt zu geben.
Vom Jahre 1853 bis zum Schlusse des Jahres 1885 sind von der „Gartenlaube“ zusammen 356 980 000 Nummern gedruckt, welche die Zahl von 6 856 000 Jahrgängen oder Bänden ergeben, während die Zahl der Druckbogen rund 900 000 000 beträgt. Würde man diese Bogen in einer Linie an einander legen, so könnte man mit denselben 14½ Mal die Erde am Aequator umspannen. Die Länge dieses Papierstreifens würde die Länge sämmtlicher Eisenbahnlinien der Welt nicht nur decken, sondern dieselbe noch um rund 200 000 Kilometer übertreffen. Mit diesem Papierstreifen könnte man auch den Mond mit der Erde verbinden und dann den Rest desselben noch fünfmal um die Erde wickeln.
Würden wir aber alle Bogen ausbreiten und mit denselben eine Fläche zu bedecken suchen, so kämen wir zu dem gewiß überraschenden Resultat, daß wir mit ihnen nicht einmal den Bodensee überspannen und kaum das 316 Quadratkilometer große Fürstenthum Reuß älterer Linie bedecken könnten.
Noch überraschender fällt folgender Vergleich aus. Legen wir die einzelnen Bände auf einander, so erreichen wir dadurch die imposante Höhe von etwa 320 000 Metern, welche die Höhe des höchsten Berges der Erde des Gaurisankar 36 Mal und diejenige des Mont-Blanc beinahe 67 Mal übertrifft. Würden wir aber alle Bände in einem Raum unterbringen, welcher der großen Cheopspyramide entspricht, so müßten wir wahrnehmen, daß diese ganze Papiermasse nur hinreichen würde, um den dreißigsten Theil derselben vollzupfropfen! Wenn ferner das größte deutsche Kriegsschiff „König Wilhelm“ vor die Aufgabe gestellt werden sollte, alle Bände nach einer Insel zu schaffen, so müßte es 16 Mal vollgeladen werden, bis es den Transport bewerkstelligte. Und das Gewicht dieser Bände? In runder Summe dürfte es 190 000 000 Kilogramm betragen und, auf gewöhnliche Lowrywagen der Eisenbahn verpackt, 4250 derselben füllen. 85 Eisenbahnzüge zu je 50 Wagen wären nöthig, um diese Gewichtsmasse zu befördern. Wollte aber ein Mensch versuchen, alle Seiten, die in den 6 856 000 Bänden enthalten sind, zu zählen, so würde er das niemals zu Stande bringen; denn selbst wenn er Tag und Nacht zählte und zur Nennung jeder Zahl nur eine Sekunde brauchte, so würde diese Arbeit doch die Zeit von 228 Jahren, 3 Monaten, 23 Tagen und 8 Stunden erfordern. (Die Gartenlaube H. 1/1886, S. 20)

Abbildungen
Abb. Varziner Papierfabrik – Werk Hammermühle. Aus: Allers 1895, S. 172
Abb. Papierfabrikation – Meyers Konversationslexikon Bd. 12/1877 – Zum Artikel „Papier“

Abb. Friedrich Gottlob Keller – Erfinder des Holzschliffpapiers
Abb. Rotations-Buchdruckmaschine – konstruiert für den Druck von Meyers Konversationslexikon

Literatur
Allers, Christian Wilhelm [1895]:  Unser Bismarck. Stuttgart, Berlin u. Leipzig: Union „Deutsche Verlagsgesellschaft“
Grosse, Eduard [1892]: Erfinder-Lose. Friedrich Gottlieb und das Holzschliffpapier. In: Die Gartenlaube H. 14/1892, S. 442 – 444

 

Lebende Bilder – populär … manchmal schwierig … nur bedingt geschätzt … aber mit Tradition (?)

„Lebende Bilder“ zählten im 19. Jahrhundert zu den beliebten Unterhaltungsformen in Theatern, bei höfischen und bürgerlichen Festen sowie bei privaten Anlässen. Voraussetzung für die zunehmende Popularität „Lebender Bilder“ als gehobener Form der Unterhaltung in bürgerlichen Kreisen war die durch neue Drucktechniken mSujets zu lebenden Bildern farbigöglich gewordene Ausweitung der Bildproduktion und der dadurch eröffnete Zugang zu Abbildungen aller Art in Kopien, Zeitschriften, Büchern und Bildbänden. (Im Buch dazu „Lebende Bilder“ S. 71 – 75) So betont der Verfasser einer Anleitung zur Darstellung von „Lebenden Bildern“, dass er als Vorlagen nur solche Bilder gewählt habe,
deren Originale oder Kopien meist in billigen Photographien leicht zu erhalten, oder welche in solchen Werken und Zeitschriften enthalten, die allgemein verbreitet und in den meisten Leihbibliotheken anzutreffen sind.
Namentlich haben wir bei Auszügen aus Prachtwerken solche gewählt, welche in den meisten kunstsinnigen Familien angetroffen werden dürfen und haben dabei Jahrgang und Seitenzahl wo die Bilder eingeheftet genau registriert.“ (Wallner 1895, S. 21)

Lebende Bilder – populär
Am Polterabend vor Effis Hochzeit wird die Holunderbaumszene aus Heinrich von Kleists historischem Ritterschauspiel „Käthchen von Heilbronn“ aufgeführt. (4. Kap.) In zwei anderen Romanen Fontanes, derer Handlung im selben Zeitraum angesiedelt ist, werden „Lebende Bilder“ ebenfalls erwähnt. Im Roman „Die Poggenpuhls“ bittet Sophie, die als Gesellschafterin auf dem schlesischen Gut ihres Onkels lebt, in einen Brief nach Berlin ihre Schwester Therese, ihr die Soiree bei Bronsarts zu beschreiben „und ob lebende Bilder gestellt wurden und welche“. (10. Kap.) In „Der Stechlin“ mokiert sich der alte Dubslav im Gespräch mit dem Pastor über den Ablauf geselliger Veranstaltungen, bei denen ein lebendes Bild gestellt wird, „wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen wird“. (41. Kapitel)

Dass „Lebende Bilder“ in Mode waren, zeigt der Erfolg der Anleitung zu derartigen Darstellungen, die Edmund Wallner veröffentlichte. Bei der ersten, um 1870 erschienenen Ausgabe handelte es sich noch um die Zusammenstellung von „Vierhundert Sujets zu lebenden Bildern“. 1895 erscheint die vierte „bedeutend vermehrte und verbesserte Auflage“ mit tausend Vorschlägen zur Darstellung lebender Bilder. Der deutliche Zuwachs an vorgeschlagenen „Sujets“ , verweist dabei auf die Steigerung der gesellschaftlichen Bildproduktion.
Ein Verzeichnis von mehr als tausend kleineren wie grösseren Genrebildern, historischen Gruppen und biblischen Tableaux, welche sich zur Darstellung im Familienkreise wie für grössere Gesellschaften besonders eignen. Mit genauer Angabe der Quellen und Maler sowie Notizen über Kostüme, Dekoration, Musikbegleitung, Zahl der zur Darstellung nötigen Personen und anderen praktischen Notizen.“

Vierhundert Sujets_Rahmen 1000 Sujets_Rahmen

Lebende Bilder – manchmal schwierig
Die Ardenne-Affaire mit Ehebruch und Duell hat nicht nur Theodor Fontane zu seinem Roman Effi Briest angeregt. 1896 erscheint Friedrich Spielhagens Version der Affaire unter dem Titel Zum Zeitvertreib als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift  Dies Blatt gehört der Hausfrau.
Im siebten und achten Kapitel dieses Romans beschäftigt sich eine Gesellschaft bei Frau Hauptmann von Meerheim mit den Vorbereitungen für den 60. Geburtstag des Ministerialdirektors Sudenburg. Geplant ist die Aufführung von „Lebenden Bildern“.
Im Handbuch Der Gute Ton in allen Lebenslagen wird auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die man für eine anspruchsvolle Darstellung von „Lebenden Bildern“ zu überwinden hat. Es heißt dort:
Abgesehen von der Wahl des Bildes, ist auch das Stellen der Personen, die richtige Beleuchtung, die genaue Wiedergabe der auf dem Original befindlichen Gegenstände sehr schwierig und erfordert mehr oder weniger die Mithilfe eines Künstlers.“ (Ebhardt 1880, S. 440)
Um diese Schwierigkeiten zu überwinden, hatte man in der Vorbereitungsgruppe entschieden, sich für die Planung der „Lebenden Bilder“ „auf den maßgeblichen Rat und die sachkundige Führung zweier, gleich ausgezeichneter, dem verehrten Sudenburgschen Hause gleich wohlgesinnter und befreundeter Künstler“ zu  verlassen. (Spielhagen 1897, S. 58)

Wie es das Handbuch zu „Guten Ton in allen Lebenslagen“ empfiehlt, hatten beide Künstler als Vorlagen für die Darstellung „allgemein bekannte Bilder […], welche meist einen Gegenstand behandeln, der Jedem auf den ersten Blick klar ist“, ausgesucht. (Ebhardt 1880, S. 440) So begründet auch einer der Künstler seine Auswahl ganz im Geiste des Handbuchs:
Also, meine Herrschaften, ich habe hier einen ganzen Packen Blätter, wie Sie sehen – alles Reproduktionen von Gemälden aus unsern letzten Kunstausstellungen. Die habe ich gewählt, weil sie noch in Erinnerung von aller Welt sind, oder doch sein sollten. Und ich habe immer gefunden, die Leute sind nicht dankbarer, als wenn man ihnen Sachen zeigt, die sie kennen. Darin sind sie wie die Kinder.“ (Spielhagen 1897, S. 61)
Allerdings, so der Ratschlag im Handbuch, sollte man für den Anlass passende Motive aussuchen, „auf einer Hochzeit z.B. wäre es unpassend […] ‚Gretchen vor dem Madonnenbild“ zu bringen.“ (Ebhardt 1880; S. 440)
Mit seinen Vorschlägen z. B. Darstellungen der „Pietà“ (Maria als Schmerzensmutter) als Vorlage für die geplanten Aufführungen bei der Geburtstagsfeier zu wählen, trifft der „junge Künstler“ mit seiner Begeisterung für „große Kunst“ nicht auf Gegenliebe – und verlässt wütend die gesellige Runde.
In dieser Hinsicht scheint es der ältere der beiden Künstler besser getroffen zu haben. Er geht davon aus, dass man dem Ministerialdirektor Sudenberg
nicht leicht eine größere Freude bereiten können, als wenn wir die Vorwürfe zu den lebenden Bildern aus der Wunderwelt selbst unsers Dichterheroen entnehmen. Wenn Sie, wie ich mir schmeichle, so weit mit mir eines Sinnes sind, ahnen Sie auch bereits, daß ich in meinen Händen hier ein Exemplar der Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goetheschen Frauengestalten meines unsterblichen Meisters und Lehrers Wilhelm von Kaulbach – [habe].“ (Spielhagen 1897 S. 64)
Nun hat man zwar eine „überreiche Auswahl“, allerdings ergeben sich die unterschiedlichsten Schwierigkeiten, für die Umsetzung dieser Vorlagen in „Lebende Bilder“. Lotte album für goethe Galeriepng
Von dem Titelbilde will ich Abstand nehmen: der schwebende ‚Genius der Wahrheit‘ mit der Dichtung Schleier in der einen, dem Lorbeerkranz des Siegers in der andern Hand, dürfte in der Darstellung seine Schwierigkeit haben. – Auch von dem folgenden: dem köstlichen ‚Lotte-Bild‘ – wir möchten am Ende so viele Kinder nicht zusammenbringen. – ‚Dorothea und die Auswanderer‘ überschlage ich – das Ochsengespann, der Wagen mit der – ehem! Das geht natürlich in einem lebenden Bild nicht, so wundervoll es auch hier im Original ist.“ (Spielhagen 1897, S. 68 f.)
Spielhagen malt mit offensichtlichem Genuss an den komischen Effekten den Streit um die „Lebenden Bilder“ aus. Nicht zufällig legt der zweite Künstler der Gesellschaft die „Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goetheschen Frauengestalten“ vor, stammen doch die Erläuterungen zu den von Wilhelm von Kaulbach gezeichneten Bildern von Friedrich Spielhagen.
Letztlich entscheidet sich die Gesellschaft bei Frau Hauptmann von Meerheim gegen die Aufführung von „Lebenden Bildern“. Unabhängig davon, verweist dieser Abschnitt des Romans auf die Bedeutung von aufwendig illustrierten „Prachtwerken“ bei der  Schaffung eines kollektiven Bildervorrats.
In einer Familienzeitschrift wie der Gartenlaube erscheinen immer wieder großformatige Illustrationen mit dem Hinweis, aus welchem „Prachtwerk“ sie stammen und bei den Buchempfehlungen für den Weihnachtstisch wird diesen Werke oftmals ein besonderer Platz eingeräumt.
Damit schließen wir das Capitel der ‚Prachtwerke‘. Es bleibt uns nur der Wunsch auszusprechen übrig, daß es recht vielen unserer Leser vergönnt sein möge, das eine oder andere der hier genannten Werke auf seinem Weihnachtstische glänzen zu sehen.“  (Die Gartenlaube H. 50/1878, S. 836)

Anzumerken wäre noch, dass das Thema „Lebende Bilder“ einen besonderen Bezug zur Ardenne-Affaire hat, da die Aufführung „Lebender Bilder“ im Düsseldorfer Künstlervereins Der Malkasten für die Entwicklung der Affäre zwischen Elisabeth von Ardenne und dem Amtsrichter Hartwich offensichtlich eine wichtige Rolle gespielt hat.

Lebende Bilder – nur bedingt geschätzt
Beliebt und populär waren „Lebende Bilder“, aber nicht allseits geschätzt. In der Kunstkritik ist die Rede davon, dass diese Form der Unterhaltung keinen „ganz ungetrübten Genuss“ bereite.
„Während die bildende Kraft todtes Material vergeistigt und in der Malerei durch den Schein aus der Fläche einen Körper macht, setzt das Lebende Bild die menschliche Gestalt, das mit geistigem Inhalt erfüllte Individuum, welches in der höchsten Kunstschöpfung, dem dramatischen Kunstwerk, seine ihm gemässe Verwendung findet, zu einem leblosen Stoff herab und begeht dadurch eine Täuschung, indem es, den Darstellungsmitteln nach, ein dramatisches Kunstwerk verspricht und nur ein malerisches leistet. Der Übergriff einer Kunstart in das Gebiet der andern ist es also, was hier, wie überhaupt in der Kunst, den fein fühlenden Sinn nicht zu ganz ungetrübtem Genusse kommen lässt.“ (Allgemeine deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände, Conversations- Lexikon 11. Aufl., Leipzig 1868 – zitiert nach Koslowski 1996, S. 31)

Während Wallner sein Publikum in Kreisen sieht, „welche sich an schönem, künstlerischen Genusse erfreuen wollen“, und sich an „kunstsinnige Familien“ wendet (S. 21), klingt der Text, mit der die zweite Auflage von Wallners Buch in den Illustrierten Deutschen Monatsheften angekündigt wird, eher herablassend. Das Buch sei hilfreich für „Kreise“, die Vorlagen und Anleitung benötigen, um sich zu unterhalten.
Daß dieses Buch in zweiter Auflage erschienen, beweist, daß es noch solche Kreise giebt, in denen zwar das Bedürfnis vorhanden, sich bei lebenden Bildern zu unterhalten, die aber doch in sich die Mittel nicht finden, selbst zu erfinden und darzustellen. Diesem Theil der lebenslustigen Welt sei denn dieses Buch aufs Beste empfohlen. Man wird darin finden, wie der liebenswürdige Kaiser Karl V. Tizian einen Pinsel aufhebt, welcher dem Maler entfallen, oder wie von zwei Damen keine aus übertriebener Höflichkeit ins Zimmer eintreten will, oder auch wie Doré sich das Dornröschen eingeschlafen dachte. Jedenfalls verdient ein Verfasser Dank, welcher einer Gesellschaft tausend und einen Vorschlag zur Vertreibung der Langeweile macht. (Jahrbuch der illustrierten deutsche Monatshefte Bd. 42/1877, S. 166)

Unüberhörbar klingt in dieser Empfehlung für den Teil „der lebenslustigen Welt“ , „die in sich nicht die Mittel nicht finden, selbst zu erfinden und darzustellen“, ein bis heute bekannter Ton der Medienkritik an.

Lebende Bilder  – aber mit Tradition (?)
Wallner verweist gleich in der Einleitung  seiner Zusammenstellen von Vorschlägen für Darstellung von „Lebenden Bildern“ – vielleicht zur Entkräftung solcher Vorbehalte – auf die Tradition, in der die Darstellung „Lebender Bilder“ zu sehen sei, und führt dabei u. a.  die Namen prominenter Künstler an. Dieses Thema greift er im Anhang mit der Verweis auf die Bedeutung „Lebender Bilder“ für die Passionsspiele in Oberammergau noch einmal auf. Wie es in einem Bericht aus dem Jahre 1890 heißt, werden die  Handlungen des Passionsspiels jeweils durch ein „Lebendes Bild“ eingeleitet. (Rogge 1890, S. 334)

Oberammergau Wallner 1895 S.33
=berammergau Lebendes Bild Ill_Zeit Nr. 2456_1890 S. 93

Abbildungen
Abb. Lotte (Werther’s Leiden) – Kaulbach: The Goethe Gallery 1879, S. 11
Abb. Aus dem Passionsspiel in Oberammergau. Hoffnung auf das Heil des Kreuzes. Lebendes Bild – Rogge 1890, S. 633

Literatur
Ebhardt, Franz [1880]: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Ein Handbuch für den Verkehr in der Familie, in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben. Berlin: Verlag von Franz Ebhardt
Koslowski, Stefan [1996]: Bürgerturner und Theater. Zur Basler Theatergeschichte des 19. Jahrhunderts. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 92 (1996), H. 1, 15-32
Rogge, Bernhard [1890]: Das Oberammergauer Passionspiel. In: Daheim Nr. 40/1890, S. 633 – 638
Spielhagen, Friedrich [1897]: Zum Zeitvertreib. Leipzig: Staackmann
The Goethe Gallery. From the original drawings of Wilhelm von Kaulbach [1879]. Boston: Houghton, Osgood and Company