Ein Blog zum Buch

Titelbildneu

Worum geht es im Buch? Eine genaue Lektüre von Effi Briest verweist darauf, dass die Moderne früher begonnen hat, als dies aus heutiger Perspektive der Fall zu sein scheint. Da sich der kulturkritische Diskurs zumeist auf die aktuellen Medien konzentriert, kann die Entfaltung einer historischen Perspektive die Diskussion über Medien versachlichen. Nicht zuletzt macht diese Lesart des Romans darauf aufmerksam, wie fragwürdig ein verklärender Blick auf die Kommunikationsverhältnisse der Vergangenheit ist.

 Warum ein Blog zum Buch? Ein Blog eröffnet SPIELRÄUME. Manche Ergänzungen, die Sinn machen, hatten im Buch keinen Platz. Auf manche Hinweise und Belege bin ich erst später gestoßen. Und Neues wird immer wieder dazukommen – hoffe ich!

Effi Briest träumt von einem japanischen Bettschirm, „schwarz und goldene Vögel darauf.“ (Kap. 4) Der zeitgenössischen Leserschaft musste nicht erklärt werden, wieso die Tochter eines Rittergutbesitzers aus der Mark Brandenburg auf solche Wünsche verfällt. Effi bewegte sich damit auf der Höhe des modischen Zeitgeschmacks. Ein Indiz hierfür, die ausführliche Berichterstattung in den Medien über eine im Juni 1885 im Berliner Hygiene-Park eröffnete Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“. Nach einer Notiz am 7. Juli 1885 im Berliner Tageblatt hatten in den ersten vierzehn Tagen nach der Eröffnung schon 200.000 Personen das „Japanische Dorf“ besucht. Wenige Wochen später wird diese Ausstellung mit vergleichbarer Resonanz in München gezeigt. Durch eine Fülle derartiger Hinweisen und Anspielungen wird Fontanes Roman zu einem „Zeitbild“, das Einblicke in die Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffnet.

Fontane konnte sich dabei auf Anspielungen und „stenographischen Abkürzung“ (Demetz 1964, S. 117) beschränken, da sich diese für das Publikum der auflagenstarken illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften sofort erschlossen.

Zur Rekonstruktion des Romans als „Zeitbild“ werden auch im Blog vor allem (zum Teil ausführlich zitierte) zeitgenössische Kommentare, Berichte, Meldungen und Nachrichten herangezogen.

Literatur
Berliner Tageblatt vom 7. Juli 1885, S. 5

Demetz, Peter [1964]: Formen des Realismus: Theodor Fontane. Kritische Untersuchungen. München: Hanser.

Abb. Wand eines sechsteiligen Klappschirms mit Darstellungen der Jahreszeiten in blühenden Stauden (ca- 1700) – Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung, S. 102

Japanische Bettschirme und die große Weltpolitik

Das modische Interesse am Orient reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Durch die Preußische Ostasienexpedition 1864.pngWeltausstellungen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Trend zum „Exotismus“ nur verstärkt und popularisiert. (Die Ausführungen zu „Effis modische Schwäche für den Orient“ finden sich im Buch auf den Seiten 17 – 20.) Für die Außendarstellung des kaiserlichen Japans stellte dabei die Wiener Weltausstellung des Jahres 1873 die eigentliche Premiere dar. „Für den Transport der Exponate und der über 80-köpfigen Delegation aus Diplomaten, Ingenieuren, Kunsthandwerkern und Gehilfen bedurfte es zweier Dampfschiffe; […]. (Rees 2015, S. 212)

Das verspätete Auftreten Japans auf der europäischen Bühne hängt mit der zweihundert Jahre langen Isolation des Landes zusammen. Auf die politischen Veränderungen, die zur Öffnung des Landes führten, wird in der Einleitung des Berichts über die von 1859 bis 1862 von der Preußischen Marine durchgeführte Ostasien-Expedition Bezug genommen.

„In Japan, das sich seit zweihundert Jahren allem Verkehr mit fremden Nationen verschlossen hatte, brachen 1854 Amerika und Russland die Bahn; gleich darauf schlossen auch England, Frankreich und Holland dort Freundschafts- und Schiffahrtsverträge. In kurzen Jahren fiel eine Schranke nach der anderen, und schon 1858 erlangten alle in Ost-Asien vertretenen Mächte unter dem Einfluss der englisch-französischen Siege in China Handelstractate, die mehrere Häfen des entlegenen Inselreiches dem freien Geschäftsverkehr dieser Nationen öffneten, ihnen das Recht der diplomatische Vertretung und des ausgedehntesten Schutzes ihrer Unterthanen in allen rechtmässigen Ansprüchen gesitteter Völker verliehen.“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. IX)

Wie fremd und unbekannt das Land für Europäer war, wird in dem bereits zitierten Bericht über die Preussische Expedition nach Ost-Asien deutlich. Die Verfasser hielten es für notwendig, dem Bericht „Einleitendes zum Verständnis der japanischen Zustände“ vorauszuschicken.
„Ihre ganze Gesittung ist von der unseren so grundverschieden, dass der Europäer sich dort auf ein anderes Gestirn versetzt glaubt. Japan hinterlässt dem flüchtig Reisenden den Eindruck eines bunten Bilderbuches voll wunderlicher Scenen ohne Text […].“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. 3)
Das durch die Wiener Weltausstellung geweckte Interesse an japanischer Kunst und japanischen Kunsthandwerk führt in der Folgezeit zu einer Reihe von Ausstellungen. So eröffnete im Juni 1885 im Hygiene-Park in Berlin eine Japanische Ausstellung. Von Berlin aus zog die Ausstellung weiter nach München.

MOntagszeitung Japanische Ausstellung

„Ueber zwölf Jahre ist es her, seit Berlin die erste größere selbständige Ausstellung japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse, damals in den noch sehr bescheidenen Räumen des ‚Deutschen Gewerbemuseums‘, gesehen hat, und es wird noch frisch in der Erinnerung Vieler sein, welche helle Begeisterung die kleine, aber gewählte Sammlung erregte. Was dann zwischendurch die Weltausstellungen gezeigt haben und der Handelsverkehr uns an japanischen Waaren zugeführt hat, konnte nur dazu dienen, einer neuen japanische Ausstellung von vornherein eine günstige Aufnahme zu sichern. Der vor acht Tagen in dem Gebäude des Hygiene-Parks eröffneten Ausstellung waren vollends so vielversprechende Ankündigungen voraufgegangen, daß die Erwartungen sehr hoch gespannt werden mußten. Und in der That ist der Eindruck derselben ein sehr origineller. Eine Anzahl von kleinen Hütten vergegenwärtigt, wenn auch nicht vollständig und genau oder gar in erschöpfender Verschiedenartigkeit die japanische Wohnhausarchitektur, so doch manche charakteristische Eigenthümlichkeit derselben, welche den Anstrich des Fremdartigen geben; und diese bauliche Anlage, bevölkert von einer erheblichen Anzahl japanesischer Männer, Weiber und Kinder, bildet eine Szenerie, in welcher sich die Kunstthätigkeit der Menschen und die Schöpfungen ihrer Hände zu einem eindrucksvollen Ganzen zusammenschließen.“ (Meyer 1885, S. 5)

Bei diesem Japanischen Dorf handelte es sich um eine der Völkerschauen, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode kamen.
„Ein japanische Dort mit Häusern, Straßen, Kaufläden, Tempel, Theater, Werkstätten, Theebuden und einigen hundert fleißiger Menschen ist wie durch Zauberhände aus dem fernsten Grenzen Asiens hiergeführt worden.
Vor unsern Augen arbeiten und schaffen Schuhmacher, Schneider, Tischler, Böttcher, Sticker, Schirm- und Lampionsfabrikanten, Graveure, Ciseleure, Töpfer, Maler, Tapezierer, Holz- und Elfenbeinschnitzer, Arbeiter für Fantasieartikel.“ (Schubert 1885, S. 60)

Nicht nur die Leipziger Illustrirte Zeitung berichtete ausführlich über das Japanische Dorf. Dem Thema „Japan in Berlin“ widmet der Kladderadatsch im Juli 1885 eine ganze Seite. Fontane kann sich also darauf verlassen, dass seine zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an japanischen Einrichtungsgegenständen speiste. Zumal die Illustration „Japan in Deutschland. Ein Beitrag zur neuesten Mode“ in den Fliegenden Blättern aus dem Jahr 1888 deutlich macht, dass das Interesse an Japan nicht nur auf einen Ausstellungstermin begrenzt war.

Japanische Ausstellung in Berlin Leipziger Ill Zeitung Nr. 2193_1885 S. 58
Aus der Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustirte Zeitung Nr. 2193/1885, S. 58
Japan in Berlin In Kladderadatsch Nr 31_1885. Erstes Beiblatt
Japan in Berlin. In: Kladderadatsch Nr. 31/1885,  Erstes Beiblatt

 

Japan in Deutschland 2 Fliegende Blätter 1888 Nr_2243 S_36
Japan in Deutschland. In: Fliegende Blätter 1888 Nr.2243/1888, S. 36

Es ist sicherlich eine explizit westliche Sicht, wenn Justus Brinkmann, der Direktor des Hamburgischen Museums für Kunst und Gewerbe, im Vorwort zu seinem 1889 veröffentlichten Buch Kunst und Handwerk in Japan die Auffassung vertritt, der durch Kriegsschiffe erzwungene Abschluss von „Freundschaftsverträgen“ habe Weg nicht nur zu „schwungvollen Handelsverkehr“, sondern auch zu einem „Austausch höherer Ordnung“ eröffnet.

„Wenige Jahrzehnte nur sind vergangen, seitdem das japanische Inselreich nach Jahrhunderten der Abgeschlossenheit sich Völkern des Abendlandes wieder geöffnet hat. Diese Zeit genügt, nicht nur einen schwungvollen Handelsverkehr zu entwickeln, sondern auch einen Austausch höherer Ordnung. Das Abendland hat den Japanern die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, welche es vor dem Reiche des Mikado voraus hatte, die Grundzüge seiner Gesetzgebung und Verwaltung dargebracht und darüber hinaus begonnen, mit seinen gesellschaftlichen Bräuchen und Sitten auch deren äußere Erscheinung in der Tracht, im Hausrath, in der Baukunst an die Stelle der nach der Vorväter Brauch in Japan üblichen Formen zu setzen. Als Gegengabe für diese unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe empfingen wir aus dem Lande des fernsten Ostens neue künstlerische Anregungen, welche auf dem Gebiete des Kunstgewerbes und der decorativen Künste von weittragendem, nachhaltigem Einfluß sein werden.“ (Brinckmann 1889, S. VII)

Zu den „Gegengaben“ für die „unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe“ zählen dann wohl auch die Setzschirme und Klappwände, auf die Brinkmann im Kapitel „Der japanische Hausrath“ zu sprechen kommt. Diese Schirme dienen nach ihm in japanischen Häusern dazu, „innerhalb eines größeren Raumes eine Ecke behaglicher zu umgrenzen oder den unmittelbaren Einblick durch die geöffnete Schiebethüre zu hindern“. (Brinckmann 1889, S. 102)

 

Literatur
Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung
Die Preussische Expedition nach Ost-Asien nach amtlichen Quellen [1864], Bd. 1. Berlin: Verlag der königlichen geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
Rees, Joachim [2015]: Menzel meets Meiji: Die „Japanische Ausstellung“ von 1885 im Werk von Adolph Menzel, S. 210 – 217. In: Elegante Zusammenkunft im Gelehrtengarten. Studien zur Ostasiatischen Kunst zu Ehren von Jeong-hee Lee-Kalisch, hrsg. von Annegret Bergmann u. a. Weimar: Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften 2015 – http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/khi/institut/mitarbeiter_innen/professoren/rees/Dokumente/Joachim-Rees_Menzel_meets_Meiji_Die-Japanische_Ausstellung_1885_im_Werk_von_Adolph_Menzel.pdf
Schubert, Gustav [1885]: Die Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustrirte Zeitung Nr. 2194/1885, S. 60

Die Dienstbotenfrage

Auf der Titelvignette der ersten Nummer der illustrierten Familienzeitschrift Die Gartenlaube sieht man eine in einer Gartenlaube um einen Tisch versammelte Familie (Großeltern, Vater, Titelvignette Gartenlaube Nr 1Mutter und Kinder?). Ein Dienstmädchen steht mit einem Tablett in der Hand im Hintergrund und, so könnte man annehmen, belauscht das Gespräch. Dass dies eine durchaus naheliegende Interpretation ist, ergibt sich aus Hinweisen, die sich in den Handbüchern des guten Tons finden. Dort wird immer wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es Abstand von den Dienstboten zu bewahren gelte, um die Privatsphäre zu sichern: „Keiner Hausfrau darf es gleichgültig sein, wie ihre Dienstboten über sie urtheilen, und schon aus diesem Grunde darf sie ihre Würde als Herrin des Hauses keinen Augenblick außer Acht lassen […].“ (Ebhardt 1880, S.97f.)

Die besondere Situation, die sich aus der Anwesenheit von Dienstboten im Haushalt ergibt, wird in Effi Briest mehrfach angesprochen. (Im Buch dazu „Dienstbotenfrage und Frauenbewegung“ auf S. 29f.) Da ist Frau Briest, die das Gerede der Leute über ein Schlafzimmer mit japanischem Bettschirm und einer Ampel mit rotem Schein fürchtet (Kap. 4). Da ist von Instetten, der befürchtet, sich lächerlich zu machen, wenn man in Kessin erfährt, dass er die Wohnung wechselt, weil seine Frau Angst vor Gespenstern hat (Kap. 10). Auf einen besonderen Aspekt der Anwesenheit von Dienstpersonal im bürgerlichen Haushalt spielt die Geheimrätin Zwicker an, wenn sie in einem Gespräch mit Effi mehrdeutig anmerkt: „Das ist wirklich selten, daß man eine junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres Hausmädchens sprechen hört.“ (Kap. 30)

Dienstmädchen Hausherr Fliegende Blätter 1893 Nr 2512 S_103

Entlassung des Dienstmädchens Fliegende Blätter 1896 Nr_2655 S_226

Gouvernante Liebes Kind Fliegende Blätter Nr 2419 S_200

„Unbelauscht. (Zu dem Bilde von F. Kraus.) Für ihr Leben gern hätte Nanni, daß niedliche

Kammerzofe Der Bazar Nr_28_1884 S-217

Kammerzöfchen, gewußt, was ihre junge Herrschaft so viel und eifrig zu schrieben habe! Da trifft es sich denn wirklich gar hübsch, daß sie die gnädige Frau mitten im Schreiben abrufen muß, weil die Frau Präsidentin (eine sehr energische Dame und in Vereins-Angelegenheiten schon früh am Tage thätig) im Salon erschienen ist und eine Unterredung mit der jungen Frau Räthin wünscht. Die Ueberraschte, durch den frühen Besuch Geehrte fliegt hinaus; Briefmappe und Papier bleiben offen auf dem zierlichen Schreibtisch liegen – eine vortreffliche Gelegenheit für das Zöfchen, ihre brennende Neugier einmal ‚unbelauscht‘ zu befriedigen!“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 28/1884, S. 223)

Abbildungen
Unverfroren. In: Fliegende Blätter Nr. 2418/1891 S. 195
Unerwartete Replik. In: Fliegende Blätter Nr. 2512/1893, S.103
Eingegangen. In: Fliegende Blätter Nr. 2655/1896, S. 226
Unangenehme Frage. In: Fliegende Blätter Nr. 2419/1891, S. 200
Unbelauscht. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 28/1884, S. 217

 

Haustelegraphie

Als Effi nach der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise am ersten Morgen in Kessin Druckknopf Außenansichtaufwacht, hatte sie Mühe sich zurechtzufinden. „Allmählich entsann sie sich auch, daß Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte, nach der sie denn auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie nun leise drückte.“ (Kap. 7)  Die „erst vor kurzem hergerichtete“ Klingelanlage, die das Schlafzimmer und die Küche mit der „Mädchenstube“ verband, wird auch in den beiden folgenden Kapiteln des Romans erwähnt.

Aus heutiger Sicht erscheint eine elektrische Klingelanlage vielleicht erwähnenswert mit Blick auf die Organisation eines großbürgerlichen Haushalts. In der Zeit, in der die Handlung spielt und Fontane den Roman schrieb, sind elektrische Klingeln Ausgangspunkt für die Entwicklung der „Haustelegraphie“, deren „Hauptzweck […] die Erzeugung von Klingelsignalen mittels des Stromes“ ist (Wilke 1893, S. 472).
Nicht vergleichbar mit dem Ausbau der nationalen und internationalen Telegrafennetze steht die Entwicklung der „Haustelegraphie“ jedoch für die Anwendung der Elektrizität im Alltag.Druckknopf Mechanismus In der 1893 erschienenen Auflage des Buches Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe heißt es, bei der „Haustelegraphie“ handele es sich um ein „Gebiet der Telegraphie, das zwar nur bescheidene Ziele verfolgt, aber trotz seiner technischen Beschränkung eine ganz außerordentliche Ausdehnung gewonnen hat, da die telegraphischen Anlagen, welche ihm zugehören, man darf sagen, in Palast und Hütte zu finden sind, sich über die ganze Erde verbreitet haben und eine große blühende Industrie haben entspringen lassen. Wir meinen die Haustelegraphie, die Technik jener Anlagen, welche die Ersetzung des guten alten Klingelzuges durch den stromdurchflossenen Draht hat entstehen lassen. Käme die Zahl für die Bedeutung eines elektrotechnischen Gebietes in Frage, so stände die RasselklingelHaustelegraphie zweifellos vornan in der Reihe der einzelnen Anwendungen des Stromes, denn die Zahl der elektrischen Klingeln, die zur Zeit in Betrieb sind, reicht in die Million hinein, und die jährliche Erzeugung derselben geht in die Hunderttausende. Rechnet man hierzu die für solche Anlagen benötigten Elemente, Druckknöpfe, Tableaus, die Leitungsanlagen, so wird man erkennen, daß diese Industrie alljährlich eine ganz bedeutende Produktion aufweist und ihr jährlicher Umsatz sich auf manche Million Mark beläuft. Sie ist auch von einer andern Seite von Bedeutung, indem sie namentlich dem kleineren und mittleren Gewerbetreibenden Nahrung gibt und die Anlage der Haustelegraphen vielfach als eine lohnende Nebenbeschäftigung von Handwerkern betrieben wird, was wiederum die erfreuliche Wirkung für die Elektrotechnik gehabt hat, ihr in diesen Kreisen Interesse zu wecken und aus denselben die Monteure für die Starkstromanlagen zuzuführen.“ (Wilke 1893, S. 472)
Noch wurden im Haus des Landrats die Lampen angezündet, aber der „Zugriff“ auf die Hausangestellten erfolgte bereits batteriebetrieben elektrisch.

Literatur
Wilke, Arthur [1893]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer

Abb. Druckknopf-Außenansicht und -Mechanismus – Wilke, Arthur [1897]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer, S. 480 und S. 481
Abb. Rasselklingel –  Wilke, Arthur [1893], S. 476

Arnold Böcklin: Der Dichter unter den Malern

Effi fährt mit ihrer Mutter nach Berlin, um die für die Hochzeit notwendigen Einkäufe zu erledigen. Der Vetter Briest besucht mit ihnen bei dieser Gelegenheit die Nationalgalerie, um ihnen Arnold Böcklins Bild „Die Gefilde der Seligen“ (im Roman ist von der „Insel der Seligen“ die Rede) zu zeigen. Dieses im Auftrag der Nationalgalerie erstellte Gemälde wurde 1878 kurz ausgestellt, aber aufgrund der öffentlichen Proteste wieder abgehangen. (Die Ausführungen zu Besuch in der Nationalgalerie Ausstellung und zu Arnold Böcklins Gemälde „Gefilde der Seligen“ finden sich im Buch auf den Seiten 56 – 59.)

Der Skandal um dieses Bild liegt bereits einige Jahre zurück, als Fontane mit der Arbeit am Roman beginnt. Für die gewachsene Popularität des Malers Arnold Böcklin in der Entstehungszeit des Romans Effi Briest sprechen einerseits das Titelblatt der Leipziger Illustrirten Zeitung vom 8. Februar 1890 und andererseits die (antisemitisch aufgeladene) Karikatur „Wie von Böcklin“ in der satirischen Wochenzeitschrift Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104.

Böcklin Illustrirte Zeitung Februar 1890

Wie von Böcklin

Arnold Böcklin bleibt als Künstler präsent in den illustrierten Zeitschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Für den Maler und Kunstschriftsteller Otto Baisch ist Arnold Böcklin: „eine jener außergewöhnlichen Erscheinungen […], an denen niemand gleichgültig vorübergehen kann, für deren Thun und Treiben vielmehr ihre Gegner trotz alles Scheltens sich kaum weniger lebhaft interessieren als ihre Verehrer; […].“ (Baisch 1884, S. 594) In seiner ausführlichen Würdigung Böcklins in Westermanns Illustierten Deutschen Monatsheften unterscheidet sich sein Urteil über das für die Berliner Nationalgalerie geschaffene Gemälde „Gefilde der Seligen“ deutlich von den ersten Reaktion des Jahres 1878.

„Entgegen der altherkömmlichen Ansicht, die eine Schönheit im Sinne des Malerischen nur der geschwungenen Linie zuerkannt wissen will, hat Böcklin hier gerade die Durchführung senkrecht aufstrebender Linien gewählt. Man würde zu falschen Schlüssen gelangen, wollte man annehmen, der Künstler habe das infolge einer vernünftelnden Berechnung gethan. Böcklin ist, bei all seiner klassischen Bildung, durch und durch eine Malernatur. Der Hauptsitz seines gestaltungskräftigen Empfindens liegt im Auge. Mit offenem Sinn für jedweden Anschauungseindruck fühlte er sich gelegentlich gefesselt durch die Ausblicke, die sich zwischen den kerzengerade emporgewachsenen Stämmen einer Reihe ziemlich gleichmäßig verteilter Pappeln oder Cypressen erschließen.“ (Baisch 1884, S. 610)

1894,  Böcklin ist inzwischen zum Malerfürsten arriviert, wird das 1878 auf Wunsch der Kronprinzessin aus der der Nationalgalerie entfernte Gemälde „Gefilde der Seligen“, in Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift zu den bekanntesten Schöpfungen Böcklins gezählt.
„Prächtig ist die Staffage auf dem letztgenannten Phantasiebilde: […]; die wunderbare Landschaft mit ihren dunklen Baumgruppen und wilden Felsmassen hilft auch hier wesentlich mit zur Erzeugung jener romantischen Gesamtstimmung, durch die sich die Werke Böcklins dem Gedächtnis so unauslöschlich einprägen.“ (Dahms 1894, S. 37)

Der 1887 erschienenen 5. Auflage des Baedekers „Berlin und Umgebung“ kann entnehmen, dass das Gemälde im Erdgeschoß der Nationalgalerie ausgestellt  war (S. 96).

Literatur
Baisch, Otto [1884]: Arnold Böcklin. In: Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte Bd. 56/1884, S. 593 – 611
Dahms, Gustav [1894]: Der Dichter unter den Malern. Der Bazar Nr. 4/1894, S. 37

Abb. Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104

 

 

Das Neue Medium „Hammerklavier“

Manches Klavier mit seinen weißen Tasten ist ein Denkmal der Rache, die der kluge Elephant für seine ausgerissenen Zähne am Menschengeschlechte nimmt. (Sirius 1892, S. 164)

Effi hat gelernt Klavier zu spielen, denn Klavierspielen trug zum „kulturellen Kapital“ der Töchter aus gutem Hause bei. Durch das Vorspielen vor Gästen leisteten die jungen Frauen einen Beitrag zur Verschönerung des Zusammenlebens und zum gesellschaftlichen Ansehen der Familie – und lenkten dabei das Interesse potenzieller Ehemänner auf ihre Person. Kritiker sprachen von einer  Clavier- oder Musikseuche. (Zu diesen Kontroversen im Buch S. 116 – 120)

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Die Belästigung durch lautes und unüberhörbares Klavierspielen in Mietshäusern bot Stoff für die satirischen Zeitschriften. Eine Anspielung hierauf findet sich in der Auseinandersetzung des Ehepaars Instetten über einen möglichen Wohnungswechsel in Kessin. Effi möchte aus dem ihr unheimlichen Haus ausziehen und argumentiert gegenüber ihrem Mann, dass man in Berlin aus nichtigeren Gründen die Wohnung wechsele.
„Ich habe, wenn wir Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft gehört, daß in Berlin Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben oder wegen einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeit willen geschieht …“ (Kap. 10)
Diese hier von Effi angedeutete Gleichstellung der Belästigung durch Klavierspielen und „Kakerlaken“ mag heute befremdlich wirken, erforderte für die zeitgenössische Leserschaft des Romans, zumal wenn sie in Mietwohnungen lebten, keine weitere Erklärung.  In dieser kulturkritisch aufgeladenen Diskussion über das Hammerklavier bzw. des Pianoforte ginge es aber nicht nur um die Lärmbelästigung. Wenn man so will, stand mit dem „Hammerklavier“ ein neues Medium zur Diskussion – und wie immer in ging es in solchen Diskussionen auch um kulturelle Verluste und befürchteten Niveauverlust, Fragen der Bildungsrelevanz und, wie nicht anders zu erwarten, um potenzielle gesundheitliche Gefahren.

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Herstellung des neuen Mediums „Hammerklavier“
Den „endgültigen Sieg des Hammerklaviers“, also den Beginn seiner Karriere als neues Medium, führt der Soziologie Max Weber in einer 1921 erschienene Abhandlung auf „die maschinelle Großproduktion des Instruments“ zurück.
„Die großen Meister der modernen Klaviermusik, Johann Sebastian und Philipp Emanuel Bach, standen dem Hammerklavier noch neutral gegenüber, und speziell der erstere hat einen bedeutenden Teil seiner besten Werke für die tonlich schwächeren, aber intimeren und auf feinere Ohren berechneten älteren Instrumententypen: Clavichord und Cembalo geschrieben. Erst das internationale Virtuosentum Mozarts und das steigende Bedürfnis der Musikalienverleger und Konzertunternehmer, der großen Musikkonsumtion nach Markt- und Massenwirkungen brachten den endgültigen Sieg des Hammerklaviers. […] Zuerst in England (Broadwood), dann aber in Amerika (Steinway), wo das vorzügliche Eisen der Konstruktion der eisernen Rahmen zugute kam und die nicht geringen klimatischen Schwierigkeiten einer Einbürgerung der Klaviers – die ja auch seiner Verwendung in den Tropen entgegenstehen – überwinden helfen mußte, bemächtigte sich die maschinelle Großproduktion des Instruments. Anfang des 19. Jahrhunderts war es reguläres Handelsobjekt geworden und wurde auf Vorrat hergestellt. Der wilde Konkurrenzkampf der Fabriken und Virtuosen mit den spezifisch modernen Mittel der Presse, Ausstellungen, schließlich, nach Analogie etwa der Absatztechnik der Brauereien, Schaffung eigener Konzertsäle seitens der Instrumentenfabriken (bei uns namentlich der Berliner) haben jene technische Vollkommenheit der Instrumente zuwege gebracht, welche allein den stets steigenden Ansprüchen der Komponisten genügen konnte.“ (Weber 1972, S. 76)

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Zugang zum neuen Medium „Hammerklavier“
Zum neuen Medium konnten die Hammerklaviere werden, weil durch die „maschinelle Großproduktion“ der Kauf von Klavieren für neue Bevölkerungsgruppen möglich wurde. Wobei die Erfüllung bildungsbürgerlicher Ambitionen auch durch das Mieten von Klavieren erleichtert wurde.
„In den sogenannten höhern oder gebildeten Kreisen galt Musik längst als unerlässlicher Theil der Bildung; jede Familie fordert ihn, wo möglich für alle Angehörigen, ohne sonderliche Rücksicht auf Talent und Lust, in gar vielen beschränkt sich, wenigstens für die weibliche Jugend, die ganze freiere Bildung, sogar die gesellige Unterhaltung nur auf Musik, neben der etwa noch ein Paar neuere Sprachen und eine höchst ängstliche und prüde gesichtete und beschränkte Lektüre Raum findet. […] Was im Kreise der günstiger gestellten ‚Gesellschaft‘ so begonnen, dem eifert, schon vom Beispiel von Unkunde von falschem Ehrgeiz bezwungen, unerschrocken und unberechnend die Menge nach; bis in die Kreise des Kleinhandels und Gewerks hinein wird der endlos drängenden Arbeitsnoth Zeit, dem knappen Erwerbe Geld abgelistet und abgerungen, um wenigstens für die Töchter Klavier Noten Lehrer Musikbildung zu erbeuten, vor allem in der Hoffnung damit zu den ‚Gebildeten‘ zu zählen.“ (Marx 1873, S. 88)

Zum neuen Medium konnte das Hammerklavier auch werden, weil das „ohnehin schon mechanische Klavier“ (Marx 1873, S. 282) im Vergleich zu anderen Musikinstrumenten für Anfänger leichter zu erlernen und bei Dilettanten eher zu irgendwie passablen Ergebnissen führte.
„Das Klavier […] liefert dem Spieler unabänderlich gestimmte Saiten, die durch die rechte Taste unfehlbar den verlangten Ton geben, erfordert also in Bezug auf Tonverhältnisse zunächst nur äusserliche Aufmerksamkeit auf den Mechanismus der Tastenbenutzung. Das Gehör kann aus dem Spiele bleiben, – und wie oft es vom Schüler und Lehrer aus dem Spiel gelassen wird, kann man nur zu häufig beobachten. Musik aber ohne Tonsinn ist leeres Handtiren mit fremdbleibenden Dingen.“ (Marx 1873, S. 223)

Ästhetische  Bewertung des neuen Mediums „Hammerklavier“
Durch die „kapitalistisch gewordenen Instrumentenproduktion“ wurde das Clavichord vom Hammerklavier abgelöst. Für Max Weber war mit der Dominanz des neuen Mediums Hammerklavier ein ästhetischer Verlust verbunden.. Mit Blick auf das Clavichord schreibt er: „Seine rasch verhallenden Töne regten zur Figuration an, und so war es vornehmlich ein Instrument für eigentliche Kunstmusik. Die eigenartigen Klangeffekte des durch Tangenten, welche den tönenden Teil der Saiten zugleich abgrenzten und zum Schweigen brachten, angeschlagenen Instruments auf der Höhe seiner Vollendung , namentlich die charakteristischen ausdrucksvollen ‚Bebungen‘ der Töne haben es der Konkurrenz des Hammerklaviers erst dann zum Opfer fallen lassen, als nicht mehr die Nachfrage einer dünnen Schicht von Musikern und feinhörigen Dilettanten, sondern die Marktbedingen der kapitalistisch gewordenen Instrumentenproduktion über das Schicksal der Musikinstrumente entschied.“ (Weber 1972, S. 73 f.)

Andere Stimmen sahen im Hammerklavier dagegen einen Sieg des „selbständigen Virtuoseninstrument“.
„Ein jeder Vortrag moderner Klavierstücke überzeugt von der unendlichen Schattierungsfähigkeit, die der Ton des Hammerklaviers, ohne bei der Mechanik der Orgel Anleihen zu nehmen, besitzt. Ein jeder Blick in die inneren Geheimnisse des Klaviers enthüllt uns die Wunder von Vollendung, zu denen sich die Hammertechnik mit ihrer ‚Auflösung‘ und ‚Dämpfung‘ entwickelt hat. Denn wir sahen, daß die Geschichte des Klaviers nicht in einem konstanten Fortschritt besteht, sondern in stets erneuerten Versuchen, die bequeme Tastatur auf verschiedene, bereits vorhandene Saitenwerke anzuwenden. Der letzte dieser Versuche glückte derart, daß er schnell die Formen des Klavichords und Klavicymbels aus dem Felde schlug, das Klavier völlig von der Einwirkung der Orgel befreite und zu demjenigen emporhob, durch welches unsere ganze große schöne Klavierliteratur und ihr heilsamer Einfluß auf die Verbreitung musikalischen Sinnes erst möglich wurde.“ (Bie 1894, S. 618)

Pädagogische Einwände gegen (die Überbewertung) des  Klavierspielens
„Von allen Künsten die gefeierste, weil sie eine Sprache spricht, die allen Menschen verständlich, ist die Musik. Und von allen Musikinstrumenten das beliebteste, das populärste und das am meisten mißhandelte ist das Klavier. Klavierspielen zu können betrachtet man heutzutage nahezu als eine Bedingung, um Anspruch darauf machen zu dürfen, für einen gebildeten Menschen zu gelten. Namentlich das weibliche Geschlecht in den höheren und mittleren Ständen schmachtet unter diesem Banne. Es giebt heute wenig Familien in diesen Gesellschaftskreisen, wo die Töchter nicht einander am Flügel ablösen, wie die Soldaten am Wachtposten, nur mit dem Unterschied, daß die letzteren keinen Lärm machen. […]
Die Musikseuche ist schuld daran, daß das Klavier nachgerade zu einem gemeingefährlichen Instrument geworden ist. Wer in einer größeren Straße wohnt, wird die Erfahrung gemacht haben, daß es durchaus nichts Seltenes ist, wenn man gleichzeitig unter sich, über sich, nebenan und zuweilen auch noch über die Gasse herüber Klavierspielen hört. […] Und es ist meine feste Überzeugung, daß die von den Aerzten konstatierte Ueberhandnahme von Nervenkrankheiten zum guten Teil in der gefährlichen Ausbreitung der Klavierepidemie ihre Ursache hat.
Nun ist es aber eine durchaus falsche Anschauung, zu glauben, daß das ‚Musikalisch-Sein‘ ein notwendiges Ingredienz wahrer Bildung sei. Denn einerseits kann man ein höchst gebildeter Mensch ein, ohne die geringste musikalische Ader zu besitzen, und andererseits kann man tiefes musikalisches Verständnis und Empfinden besitzen, ohne in eigener Person durch mehr oder minder dilettantische Musikmacherei dem lieben Nächsten das Leben zu vergällen.“

Klavierspielen Wände haben Ohren Fligende Blätter 1890 Nr 2296 S_29

Die medizinische Warnung vor dem neuen Medium „Hammerklavier“
„Klavierspiel. Man nennt es auch eine ‚moderne Seuche‘, da es in alle Schichten der Lieber Singen als KlavierspielenBevölkerung eingedrungen ist, und da es leider von Unbegabten ebenso gepflegt wird, wie von Begabten. Nervöse Personen werden durch übermäßige Ausübung derselben noch reizbarer, als sie schon sind; es ist daher nur mit Vorsicht zu üben und schwachen Mädchen mit erregtem Herzen, Blutarmut und Neigung zu starken Menstruationen ganz zu verbieten. Anders verhält es sich mit dem Singen. Mäßig betrieben kräftigt es den Organismus und leitet das Blut vom Becken ab. Man lasse also schwächliche Mädchen eher Gesangsunterricht nehmen, als Klavierspiel beginnen.“ (Fischer-Dückelmann 1911, S. 699f)

Literatur
Bie, O. Die Geschichte des Klaviers. In: Daheim Nr. 38/1894, S. 615 – 618
Fischer-Dückelmann, Anna: Die Frau als Hausärztin. Ein ärztliches Nachschlagebuch der Gesundheitspflege und Heilkunde in der Familie. Stuttgart 1911
Marx, Adolf Bernhard [1873]: Die Musik des neunzehnten Jahrhunderts und ihre Pflege. Methode der Musik. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 2. unveränderte Auflage
Sirius [1892]: Klavier Tasten Elefant. In: Fliegende Blätter Nr. 2466/1892, S. 164
Troll-Borostyàni, Irma [1894]: Wert und Gefahren der modernen Bildung. In: Der Bazar Nr. 18/1894, S. 197 f.
Weber, Max [1972]: Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik. Tübingen: J. C. B. Mohr

Abbidlungen
Zur Klavierseuche. In: Fliegende Blätter Nr. 2260/1888, S.183
Verschnappt. In: Fliegende Blätter Nr. 2678/1896, S. 203
Pianowerbung. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1789/1877, S. 297
Verblümt. In: Fliegende Blätter Nr. 2296/1890,  S. 29

 

 

Telegrafieren auf dem platten Lande

In anderen Gesellschaftsromanen Theodor Fontanes spielen Telegramme ein wichtigere Rolle, aber auch in Effi Briest werden Telegramme verschickt von St. Peterburg nach Kessin, von Berlin nach Kessin und zurück sowie von einem märkischen Rittergut nach Berlin.

Heute werden Telegramme von der Post nur noch als Unvergessliche Nachricht für den besonderen Anlass beworben, da Telegramme durch schnellere und direktere Kommunikationsmöglichkeiten abgelöst wurden. In der Zeit, in der die Handlung von Effi Briest anzusiedeln ist, ist der Austausch von Telegrammen durchaus noch nicht so selbstverständlich, zumal wenn es um die Kommunikation zwischen Großstädten und Orten in der Provinz geht.

Als amerikanische Zeitungen 1877 über das von Graham Bell entwickelte Telefon Stephans Eindeutschungsbemühungen Kladderadatsch Nr 9 1878berichteten, erkannte Heinrich Stephan*, der Generalpostdirektor des Deutschen Reichs, sofort, dass sich mit Hilfe des Telefons die Möglichkeit bot, das Telegrafennetz ohne kostspielige Telegrafenapparate und ohne besonders ausgebildetes Personal zu erweitern. Über telefonische Verbindungen konnten so auch kleinere Orte in das Telegrafennetz eingebunden werden. Der Text für Telegramme wurde telefonisch an das nächste Telegrafenamt weitergeleitet bzw. der Text dort eintreffender Telegramme konnte telefonisch an ihren Bestimmungort, in dem es kein Telegrafenamt, aber eine Poststelle mit Telefonanschluss gab, weitergeleitet werden. 1885 heißt es in einem Buch über die „Post und Telegraphie im Weltverkehr“ über diese Entwicklung in Deutschland: „Auf diese Weise ist auch das platte Land bereits der Wohlthat des Anschlusses an das Telegraphennetz in einem Umfang theilhaftig geworden, wie dies in keinem anderen Lande der Fall ist.“ (Veredarius 1894, S. 273)

Bells Telephone IZ Nr_1796_1877 S_445Die Integration des Telefons in den öffentlichen Nachrichtendienst wurde möglich, weil im Deutschen Reich im Unterschied zu den meisten anderen Ländern die Post- und Telegraphendienste als staatliches Monopol betrieben wurden. Staatliche Monopolbetriebe waren freier in ihren Investitionsentscheidungen, da diese nicht ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen wurden. Hierzu ein Zitat aus einem Beitrag in der Zeitschrift Die Gartenlaube: „Diese schnelle Einstellung des Telephons, welches seit Jahr und Tag in Amerika nur zu nebensächlichen Zwecken benutzt wurde, in den öffentlichen Dienst ist, worauf wir nicht unterlassen wollen, hinzuweisen, ist charakteristisch für die energische Leitung des deutschen Post- und Telegraphenwesens.“ (Die Gartenlaube, Heft 1877/50, S. 847)

*Der später geadelte Heinrich von Stephan setzte sich für die Eindeutschung von Fremdwörtern ein. So schlug er für das „Telefon“ den deutschen Begriff „Fernsprecher“ vor.

Literatur
Veredarius, O. [1885]: Das Buch von der Weltpost, Entwickelung und Wirken der Post und Telegraphie im Weltverkehr.  Berlin: J. Meidinger

Abbildungen
Stephans Eindeutschungsbemühungen Kladderadatsch Nr. 9/1877, S. 106
Bells Telephone. In: Illusrirte Zeitung Nr. 1796/1877, S. 445

Kommunikationsverdichtung durch Familienzeitschriften

In einer Rezension des 10 Jahre vor Effi Briest erschienenen Romans Cécile heißt es, Fontane empfände „den geheimen Reiz, sich auf einem Boden“ zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist“. (Die Grenzboten Bd. 46/1887, S. 130) Dies trifft im gleichen Maße für Effi Briest zu. Fontane arbeitet mit Hinweisen und Anspielungen auf Themen, die einem größeren Publikum aus Zeitungen und Zeitschriften vertraut sind. (Im Buch „Der Roman als medialer Echoraum“ S. 12 – 14) Möglich wird dieses literarische Spiel mit populären Wissensbeständen vor allem durch die vielen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Markt kommenden Wochen- und Monatszeitschriften. Die zum Teil erstaunlichen hohen Auflagen dieser Zeitschriften wurden nicht zuletzt durch die Öffnung für Anzeigen möglich. Die Gartenlaube zählte 1874 mit einer Auflage von 380.000 Exemplaren zu den auflagenstärksten Zeitschriften in Europa. (Wuttke 1875, S. 82) Je mehr Anzeigen eine Zeitung oder Zeitschrift druckte, desto billiger konnte ihr Verkaufspreis werden. Damit stieg die Attraktivität für die Käufer und die Auflage. Höhere Verkaufszahlen wiederum machten die Blätter für Anzeigen attraktiv.

Für ein nach französischen und englischen Vorbildern entwickeltes Geschäftsmodell steht die 1867 von Rudolf Mosse gegründete Annoncen-Expedition. Begonnen hatte der gelernte Buchhändler Mosse mit dem Einwerben von Anzeigen für die auflagenstarke Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ im deutschsprachigen Raum. Er baute seine Annoncen-Expedition zu einem ausgesprochen modern wirkenden Unternehmen aus.

Kladderadatsch Nr. 5_1885 S. 55

Alle Annoncen Beiblatt Flieg Bl Nr. 1985_1883.png

Kladderadatsch Nr. 7_1885 S. 76

Bazar Abonnentenzahl

Literatur
Wuttke, Heinrich [1875]: Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung. Ein Beitrag zur Geschichte des Zeitungswesens. Leipzig: Verlag Joh. Wilh. Krüger, 3. Aufl.

Abbildungen
Zeitungs-Katalog. In: Kladderadatsch Nr. 5/1885, S. 55
Alle Annoncen. In: Alle Annoncen Beiblatt Fliegende Blätter Nr. 1985/1883
Zur gefälligen Beachtung. In: Kladderadatsch Nr. 7/1885, S. 76
Ich bescheinige hiermit… In: Der Bazar Nr. 25/1888, S. 281

 

 

 

Die Fotografie und die Veränderung der Gedächtniskultur

Die Fotografie verändert auch im privaten Bereich unsere Wahrnehmung und unsere Erinnerungen an die Vergangenheit. In Fotografien bleiben Momente aus der Familiengeschichte fixiert, die im Gedächtnis verblassen und verschwinden. (Im Buch hierzu S. 83 -88.)

Diese Überlegungen helfen, die Bedeutung einer Schlüsselszene des Romans genauer zu erfassen. Innstetten ist auf die Liebesbriefe gestoßen. Aufgewühlt läuft er stundenlang durch die Stadt. Als er zurückkehrt, ist es dunkel geworden, und er läßt sich die Lampe in sein Zimmer bringen.
„Die Lampe kam. In dem grünen Schirm befanden sich halbdurchsichtige Ovale mit Photographien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, damals als man den Wichertschen ‚Schritt vom Wege‘ aufgeführt hatte, für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren. Innstetten drehte den Schirm langsam von links nach rechts und musterte jedes einzelne Bildnis. Dann ließ er davon ab, öffnete, weil er es schwül fand, die Balkontür und nahm schließlich das Briefpaket wieder zur Hand.“ (Kap 27)

Die Bastelanleitungen für Fotorahmen, Fotoständer, Fotoalben usw. , die sich in Der Bazar, einer „illustrirten Damen-Zeitschrift“ – nicht nur als weihnachtliche Geschenkideen – finden, sind weniger dramatisch, zeigen aber, dass Fotografien in der Entstehungszeit des Romans dabei sind, eine wichtige Rolle, für die Pflege des Zusammenhalts einer Familie zu übernehmen. Typisches Beispiel hierfür ist der Vorschlag für ein „Erinnerungs-Album“.

„Eine der beliebtesten Modeneuheiten und besonders für Mütter zu empfehlen, die Freude daran finden, ihre Lieblinge fast alljährlich photographieren zu lassen, um auf diese Weise den allmählichen Fortschritt der Entwicklung auch später vor Augen haben zu können, ist das Mehrfach zusammenlegbare (….) Album. Dasselbe aus farbigem Leder mit gleichem Seidenfutter gefertigt, dient zur Aufnahme von 12 –  16 Bildern; auf die obere Seite des Albums wird in Blumenschrift mit verschiedenfarbiger Seide das Monogramm oder nach Belieben auch der Namenszug des Kindes gestickt.“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr.17/1893, S. 166)

Kasten für Photographien Bazar Nr 43 1890 S_427  Photographiealbum Bazar Nr 47 1888 S. 506
 Photographieständer Der Bazar Nr 29 _1885 S_295

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Zur Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur im ausgehenden 19. Jahrhundert sollte man aber nicht nur die Anleitungen zum Besticken von Bilderrahmen heranziehen. In der Illustrirten Damen-Zeitung aus diesen Jahren findet sich u.a. auch ein Artikel, der die Leserinnen dazu anleitet, „Lichtbilder selbst herzustellen“.

Bazar Nr. 30_1892 S. 259
Bazar Nr. 30/1892 S. 259

„Es sind erst wenige Jahre verflossen, seitdem man von einer Amateurphotographie sprechen kann. Bis vor kurzem war die Photographie noch eine Kunst, zu deren Ausübung es eingehender Studien und vieler Uebung bedurfte. Durch die Bemühungen deutscher Techniker, besonders des Professors H. W. Vogel an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, ist jetzt jedermann mit wenig Mühe und ohne größeren Aufwand fähig, photographische Aufnahmen auszuführen. Natürlich wird auch hierbei der Erfolg dort am bedeutendsten sein, wo Geschick und Ausdauer am größten sind. Wir wollen im nachfolgenden die Methoden mitteilen, nach denen jede Leserin in der Lage sein wird, Lichtbilder selbst herzustellen. […] Die vorstehende Anweisung genügt, um eine gute Photographie zu erzielen, wenn die Anfängerin mit einer gewissen Ausdauer bestrebt ist, sich die Handgriffe präzis einzuüben; freilich muß stets im Auge behalten werden, daß die Photographie eine Kunst ist und daß der Erfolg der aufgewendeten Arbeit entsprechen wird.“ (Bendt 1892, S. 259)

Dies ist nicht der erste Beitrag, in dem versucht wird den Leserinnen dieser Illustrirten Damenzeitschrift das „Wesen der Photographie“ zu erklären, um sie so zum eigenen Fotografieren zu ermutigen.

„In den letzten Jahren wird die Photographie, dank der großen Vereinfachungen, welche sie erfahren hat, nicht allein von Professionsphotographen, sondern auch von einer Legion von Dilettanten* und Amateuren ausgeübt – ja, selbst Damen verschmähen es nicht mehr, den reizvollen Zauber zu genießen, welche die Herstellung eines photographischen Bildes gewährt. – Die Dilettantenapparate, deren Herstellung heute Gegenstand einer ausgebreiteten Industrie geworden ist, werden fast durchweg mit genauen Gebrauchsanweisungen versehen in die Hände der Abnehmer gegeben, bei deren genauer Einhaltung jeder leidlich Gebildete photographische Bilder erzeugen kann, welche häufig nicht hinter denjenigen eines Photographen von Beruf zurückstehen. Trotzdem dürften sich – vorzüglich unter den weiblichen Dilettanten viele befinden, denen das Wesen der Photographie vollständig fremd, und das ‚Warum‘ der einzelnen photographischen Operationen keineswegs klar ist. Vielleicht werden aus diesen Gründen unseren Leserinnen die nachfolgenden Zeilen willkommen sein, welche es sich zur Aufgabe machen, ein möglichst wahrheitsgetreues Bild von der Photographie – eine Photographie der Photographie – zu geben.“ (Bender 1888, S. 266)

Effi hatte wohl weder die Neigung noch die Möglichkeit, den „reizvollen Zauber zu genießen, welche die Herstellung eines photographischen Bildes gewährt“. Nach ihrer Scheidung nahm sie dafür Zeichenunterricht bei einem „ganz alten Malerprofessor„, weil dies eine Beschäftigung „still und geräuschlos, ganz nach ihrem Herzen war„. (Kap, 32)

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*Dilettant (v. ital. dilettare, lieben), derjenige, welcher irgend eine Kunst oder Wissenschaft weder um ihrer selbst, noch um einer Pflicht oder um äußern Vortheils willen, sondern ausschließlich zu seinem Vergnügen betreibt. Ersterer Umstand unterscheidet ihn vom eigentlichen Künstler und Forscher, der zweite vom Berufs-, der dritte vom Erwerbsmenschen. (Meyers Konversations-Lexikon Bd. 5, 3. gänzlich umgearbeitete Auflage, Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts 1875, S. 471)

Literatur
Bender, U. [1888]: Über Photographie. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 24/1888, S. 266f
Bendt, Franz [1892]: Die Amateurphotographie Nr. 26/1892 S. 259

Abbildungen
Kasten für Photographien. In: Der Bazar Nr. 43/1890, S. 427
Photographiealbum. In: Der Bazar Nr. 47/1888, S. 506
Photographieständer. In Der Bazar Nr. 29/1885, S. 295
Dilettantenapparate. In: Kladderadatsch Nr. 53/1888, S. 464

 

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Leihbibliotheken und Lesefutter

Als sich Effi in Berlin zur Wohnungssuche aufenthält, um den Umzug vorzubereiten, fasst sie den Entschluss, nicht mehr nach Kessin zurückzukehren. Um sich in dieser für sie belastenden Situation abzulenken, gibt sie dem Dienstmädchen Roswitha den Auftrag, Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Dass Leihbiliotheken nicht nur in solchen Situationen genutzt wurden, sondern ausgangs des 19. Jahrhunderts noch eine zentrale Insitution zur Vermittlung von Literatur waren, zeigt sich in den immer wiederkehrenden Angriffen auf diese Einrichtungen. (Hierzu „Spuren der zweiten Leserevolution“ im Buch S. 101 – 112)

Leihbibliothek Fliegende Blätter 1889 Nr 2668 S_111

„‚Was der Mensch ißt, das ist er.‘ Sicherlich läßt sich dieses Wort mit noch größerer Berechtigung auf die geistige Nahrung, auf die Lektüre, anwenden, als auf die leibliche.“

„Der oberflächliche, nur nach flüchtiger, seichter Untrhaltung haschende Leser kennzeichnet sich schon dadurch, daß er alles, und sei es auch Vortreffliches, nur einmal liest und sofort beiseite legt, um wieder nach anderem zu greifen. Diese Gattung Leser, welche die Literattur so schädigt, hat fast kein Buch im eigenen Besitz. Die Leihbibliotheken und Lesevereine müssen für ihre Lektüre sorgen! Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, daß auch die Leihbibliothekenihr Gutes stiften. In ihrer heutigen Gestalt schaden sie aber beinahe mehr, als sie nützen, da der Ankauf für sie – eben dem Geschmack des großen Publikums entsprechend – sich vorzugsweise auf leichte, mehr oder minder wertlose Unterhaltungslektüre erstreckt, während gehaltvolle Schriften, die einen höheren Bildungsgrad und vornehmeren Geschmack des Lesers voraussetzen, in den Leihbibliotheken nicht angeschafft werden. […] Ein wirklicher Freund der Litteratur kann sich nicht damit begnügen, Bücher, die ihm wertvoll sind, bloß auszuleihen und, kaum durchgelesen, wieder gegen andere zu vertauschen. Er wird trachten, von Zeit zu Zeit sich Bücher von bleibendem Wert für eigenen Besitz anzuschaffen, um sich dessen Umganges, wie eines vertrauten Freundes zu erfreuen.“ (Troll-Borostyáni 1894, S. 20)

In der Kritik an den Leihbibliotheken taucht immer wieder das Argument auf, es sei nicht nur ausgesprochen unappetitlich Bücher zu lesen, die schon durch die Hände vieler anderer Leser gegangen seien, sondern zudem auch aus hygienischer Sicht ausgesprochen problematisch. Dabei bezog man sich gerne auf die aktuellen Erkenntnisse der medizinischen Bakteriologie.

Die Gefahren der Leihbibliotheken bei Epidemien
„Ueber die Gefahren der Leihbibliotheken bei Epidemien wie im allgemeinen ist schon sehr viel vergebens geschrieben worden. Es geht damit, wie bei so manchen alten Uebeln, sind sie erst einmal eingewurzelt, so beachtet man sie kaum. Das viel gelesene, einer Bibliothek entlehnte Buch eines Freytag, Spielhagen, Heyse bedarf freilich keiner Warnung mehr, denn es beleidigt schon unseren Reinlichkeitssinn durch sein unsauberes Aeußere, und doch scheut sich manche Hand, die sonst so empfindlich ist, nicht, mit dem genäßten Finger das klebrige Blatt umzuwenden, um den Finger gleich darauf bei dem Umlegen der nächsten Seite gedankenlos zum Munde zu führen. Wer hat das Buch vor mir gehabt? […] Einen höchst wichtigen Beitrag zur Frage der Möglichkeit der Uebertragung von Krankheiten gab auf dem letzten Chirurgenkongreß zu Berlin Professor Brunner aus Zürich. Er hat die Beobachtung gemacht, daß der Schweiß eine große Anzahl vom Bazillen aus dem Körper des Kranken zu Tage fördert, und dadurch eine wertvolle Aufklärung über manche bisher noch nicht genügend aufgehellte Thatsachen gegeben, zu denen auch die Ansteckungsgefahr der Leihbibliotheken gehört. Solange es Leihbibliotheken giebt, wird man deren Gefahren nicht entgegentreten können, denn eine gründliche Desinfektion läßt sich nicht leicht durchführen. Die Abhilfe liegt einzig an der Beschaffung einer billigeren Lektüre durch den Buchhandel.“ (Bazar. Damen-Zeitschrift Nr 38/1892,  S. 375)

Literatur
Troll-Borostyáni, Irma [1894]: Hausbibliotheken. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 2/1894, S. 20

Abb. Fliegende Blätter Nr. 2668/1889 S. 111

„Nana“ – „Na, na!“

Die Hinweisen und Anspielungen, auf die man bei der Rekonstruktion des Romans Effi Briest als Zeitbild angewiesen ist, zeichnen sich durch „stenographische Kürze“ aus. Im Vergleich dazu fällt der Hinweis auf die Zola-Lektüre der Geheimrätin Zwicker geradezu ausführlich aus. (Im Buch dazu Näheres auf S. 131 ff.)
Wobei Fontanes zeitgenössische Leserschaft gerade zu diesem Thema keine Nachhilfe benötigt hätte, wie nicht zuletzt ein Blick in die Fliegenden Blätter zeigt, die ja nicht nur von Effis Vetter Dagobert gelesen wurden. (Anzumerken wäre, dass Fontane das Interesse an Zola bzw. an der Lektüre seiner Romane auch in den Romanen Quitt und Graf Petöfy benutzt, um Personen zu charakterisieren.)

Der neueeste Roman Zola Fliegende Blätter 1890 Nr 2294 S_13

Zola Nana Na Na Fliegende Blätter 1891 Nr 2415 S_165

Zola Rouge auflegen Fliegende Blätter 1891 Nr 2373S_25

Abbildungen
Kurz und treffend. In:Fliegende Blätter Nr. 2294/1890, S. 13
Merk’s. In: Fliegende Blätter Nr. 2415/1891, S. 165
Nachhilfe. In: Fliegende Blätter Nr. 2373/1891, S. 25

 

 

Touristenmagnet Oberammergau

Nach dem Umzug nach Berlin planen Instettens einen Urlaub im „bayrischen Gebirge“, den sie mit dem Besuch der Passionsspiele in Oberammergau verbinden wollen (Kap. 24). Dieser Besuch muss mit Rücksicht auf die Karrierepläne Instettens verschoben werden.  (Im Buch „Passionsspiele als Touristenmagnet und Medienevent“ S. 62f.)
1890 im Jahr des geplanten Besuchs wurde in Oberammergan ein Anstieg der Besucherzahlen auf 100.000 Besucher verzeichnet.  Aber schon 20 Jahre zuvor war der Ansturm der englischen Besucher und die Geschäftstüchtigkeit der einheimischen Bevölkerung Gegenstand satirischer Kommentare. In den Zeitschriften finden sich jedoch auch Berichte, in denen die „Passionsdörfler“ gegen derartige Angriffe in Schutz genommen werden.

Erinnerungen an Oberammergau Fl Bl 1871 S_135 Teil 1 (3)„Freilich, wer nicht vorausbestellt hat, kommt an den Hauptspieltagen im Dorfe selbst schwer unter, aber sicher in Oberau, Ettal oder einem andern der vielen nahegelegenen

Der Bazar Nr 30_1890 S_296Flecken. Oberammergau hat etwa dreitausend Betten zu vergeben (man denke: 3000 Betten bei 1300 Einwohnern!); fast 2000 Menschen können außerdem auf Matratzen oder im Heu kampieren, wenn es nötig sein sollte. Man hat in einzelnen Blättern falsche oder übertriebene Nachrichten über die Preise verbreitet, die geeignet sind, den guten Ruf der Passionsdörfler zu zerstören. Ich habe eine ganze Woche im Orte zugebracht und mich davon überzeugt, daß man diesen ‚Idealisten‘ – denn das sind sie im ganzen und großen wirklich! – schweres Unrecht thut.“ (Misch 1890, S. 296)

Literatur
Misch, Robert [1890]: Vom Passionsspiel in Oberammergau. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 30/1890 S. 296 f

Abbildungen
Erinnerung an Oberammergau. In: Fliegende Blätter Nr. 1371/1871, S. 135
Ein kleiner Engländer bittet Mayr=Christus um einen Stammbuchvers. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr 30/1890, S. 296