Ein Blog zum Buch

Effi Briest Cover

Worum geht es im Buch?

Falls man Fontanes Roman Effi Briest mit Begriffen wie Kommunikation und Medien in Verbindung bringt, denkt man zuerst an Effis „Briefschreibepassion“ und die verhängnisvollen Liebesbriefe. Die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war jedoch gekennzeichnet durch eine dynamische Entwicklung der Medien- und Kommunikationskultur. Bei einer genauen Lektüre von Effi Briest finden sich dafür immer wieder Hinweise und eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten für Wanderungen durch die Medien- und Kommunikationskultur, vor deren Hintergrund die Handlung des Romans spielt.

Von der Aufführung eines „Lebende Bildes“ ergeben sich Verbindungen zur „optischen Revolution“ und der dadurch ausgelösten „Bilderflut“. Von Bismarck als „Papiermüller“ führt ein direkter Weg zu dem „kulturfördernden Rückgang der Papierpreise“. Schon diese beiden Stichworte machen deutlich, welche Einblicke in die Medien- und Kommunikationskultur sich hier eröffnen. Aufschlussreich auch, wie die Personen des Romans durch ihre Mediennutzung und ihr Kommunikationsverhalten charakterisiert werden.

Da sich der kulturkritische Diskurs zumeist auf die aktuellen Medien konzentriert, kann die Entfaltung einer historischen Perspektive die Diskussion über Medien versachlichen. Nicht zuletzt macht diese Lesart des Romans darauf aufmerksam, wie fragwürdig ein verklärender Blick auf die Kommunikationsverhältnisse der Vergangenheit ist.

Der Rückgriff auf zeitgenössische Kommentare, Berichte, Meldungen und Nachrichten zur Erschließung dieser zumeist scheinbar beiläufig eingestreuten Hinweise und Anspielungen, macht deutlich, in welchem Maße sich Fontane auf das „Mitwissen“ seiner Leserschaft verlassen konnte. Um dies zu zeigen, werden nahezu ausschließlich zeitgenössische Quellen zitiert. Mit der Konzentration auf die populären Familien- und Unterhaltungszeitschriften erfasst man nicht den „Zeitgeist an sich“, wohl aber Stimmungslagen ihres Lesepublikums, Brinkmann 1889 S. 102 bearbeitet

 Warum ein Blog zum Buch? Mit dem Blog begann ich nach dem Erscheinen der ersten Auflage des Buches. Ein Blog  eröffnet SPIELRÄUME. In diesem Fall für  Ergänzungen, die Sinn machen, aber im Buch keinen Platz gefunden hatten. Auf manche Themen und Belege bin ich erst später gestoßen. Vieles kam neu hinzu.

Heute – nach dem Erscheinen der zweiten Auflage – vermittelt der Blog Hinweise darauf, wieso es zu einer „vollständig überarbeiteten und ergänzten Auflage“ kam. An den entsprechenden Stellen im Blog finden sich jetzt Verweise darauf, wo in der neuen Auflage Themen und Belege ausführlicher und intensiver aufgegriffen werden.

Effis Wunsch nach einem japanische Bettschirm

 

Effi Briest träumt von einem japanischen Bettschirm, „schwarz und goldene Vögel darauf.“ (Kap. 4) Der zeitgenössischen Leserschaft musste nicht erklärt werden, wieso die Tochter eines Rittergutbesitzers aus der Mark Brandenburg auf solche Wünsche verfällt. Effi bewegte sich damit auf der Höhe des modischen Zeitgeschmacks. Ein Indiz hierfür, die ausführliche Berichterstattung in den Medien über eine im Juni 1885 im Berliner Hygiene-Park eröffnete Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“.

Wie im Fall von Effis Wunsch nach einem japanischen Bettschirm konnte Fontane sich im Roman auf Anspielungen und „stenographischen Abkürzung“ (Demetz 1964, S. 117) beschränken, da sich diese für das Publikum der auflagenstarken illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften sofort erschlossen.

Illustrirte Zeitung Nr. 1552 vom 29. März 1873_ S. 237_Page_1
Reiher und Kraniche in Japan – Illustrirte Zeitung 1873

Abb. Wand eines sechsteiligen Klappschirms mit Darstellungen der Jahreszeiten in blühenden Stauden (ca- 1700) – Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung, S. 102

Abb. Reiher und Kraniche in Japan – Illustrirte Zeitung Nr. 1552 vom 29. März 1873, S. 237

Abbildung in der Kopfzeile: Ausschnitt aus einer Anzeige „Bad Ems – Eröffnung der Saison am 1. Mai“. In: Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen. Nr. 2231/1886, S. 320

Literatur
Berliner Tageblatt vom 7. Juli 1885, S. 5
Demetz, Peter [1964]: Formen des Realismus: Theodor Fontane. Kritische Untersuchungen. München: Hanser

 

 

Japanische Bettschirme, die große Weltpolitik und die Moral

Nicht nur Effi Briest schwärmte für Japan!‚Van Gogh & Japan‘

Inspiration from Japan: Japanese printmaking was one of Vincent’s main sources of inspiration and he became an enthusiastic collector. The prints acted as a catalyst: they taught him a new way of looking at the world.

Fontanes zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an japanischen Einrichtungsgegenständen speiste und konnte auch die Reaktion ihrer Mutter einordnen, die sie sofort warnte, sich vor dem Gerede der Leute in Acht zu nehmen. ( „Effis modische Schwäche für den Orient“ im Buch 2. Aufl. auf den Seiten 22 – 45.)

Welche Aufmerksamkeit Japan und japanisches Kunstgewerbe auf sich zog, zeigt z. B. ein Blick in die Illustrirte Zeitschrift für kunstgewerbliche Dekoration. 1890 erschienen hier Beiträge über die „Japanischen Ledertapeten und ihre Herstellung„, über „Zimmer-Einrichtungen im japanischen Stil„, über „Japanischen Wand-Dekor“ sowie die Beschreibung der japanischen Einrichtungen eines Speisesaals in einem Düsseldorfer Hotel. Im Anzeigenteil der Zeitschrift wurde regelmäßig für dazu passende Angebote geworben. Auch mit Teppichen, vor allem orientalischen Teppichen, denen Effis besondere Aufmerksamkeit galt, beschäftigen sich eine Reihe von Artikeln.

Anzeige Wandschirme Illustr. kunstgewerbliche Zeitschrift für Innen-Dekoration Nr.1_1890 S. 10

Auf Ausstellungen – z. B: der  Internationale Ausstellung von Arbeiten aus edlen Metallen und Legierungen in Nürnberg 1885 – fand das japanische Kunstgewerbe hohe Anerkennung.

„Was die Japaner [] in der modernen Abtheilung an Bronzearbeiten ausgestellt haben, ist so über alle Begriffe vollendet, namentlich technisch, daß ihre Arbeiten geradezu der Glanzpunkt der Ausstellung genannt werden müssen.“ (Gmelin 1885, S. 91)

Zum verspäteten Auftreten Japans auf der europäischen Bühne

Das modische Interesse am Orient reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Durch die Preußische Ostasienexpedition 1864_entsättigtWeltausstellungen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Trend zum „Exotismus“ lediglich verstärkt und popularisiert. Für die Außendarstellung des kaiserlichen Japans stellte dabei die Wiener Weltausstellung des Jahres 1873 die eigentliche Premiere dar.

Das verspätete Auftreten Japans auf der europäischen Bühne hängt mit der zweihundert Jahre langen Isolation des Landes zusammen. Auf die politischen Veränderungen, die zur Öffnung des Landes führten, wird in der Einleitung des Berichts über die von 1859 bis 1862 von der Preußischen Marine durchgeführte Ostasien-Expedition Bezug genommen.

„In Japan, das sich seit zweihundert Jahren allem Verkehr mit fremden Nationen verschlossen hatte, brachen 1854 Amerika und Russland die Bahn; gleich darauf schlossen auch England, Frankreich und Holland dort Freundschafts- und Schiffahrtsverträge. In kurzen Jahren fiel eine Schranke nach der anderen, und schon 1858 erlangten alle in Ost-Asien vertretenen Mächte unter dem Einfluss der englisch-französischen Siege in China Handelstractate, die mehrere Häfen des entlegenen Inselreiches dem freien Geschäftsverkehr dieser Nationen öffneten, ihnen das Recht der diplomatische Vertretung und des ausgedehntesten Schutzes ihrer Unterthanen in allen rechtmässigen Ansprüchen gesitteter Völker verliehen.“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. IX)

1873 als der dritte Band des amtlichen Berichts über die „Preußische Expedition nach Ostasien“ erschien, hieß es in einer Ankündigung dieses Werkes, man erkenne erst jetzt den Nutzen dieser Expedition „aus dem regen internationalen Verkehr, der sich zwischen Deutschland und Japan gestaltet hat. Viele junge Japaner leben in Berlin, um sich zu Instructoren in den verschiedensten Fächern der Wissenscahften für ihre Heimath auszubilden. Deutsche Aerzte, Lehrer und Militärs sind oder werden von der Japanischen Regierung dorthin berufen. Japanische Gesandschaften gehöhren in Berlin nicht mehr zu den seltenen Erscheinungen.“ (Deutsches Postarchiv. Beiheft Nr. 6/1873, S. 177)

Die Preußische Expedition nach Ostasien und ihren Leiter, Graf zu Eulenburg, erwähnt Fontane sowohl in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg als auch in seiner autobiografischen Schrift Von Zwanzig bis Dreißig. In den Wanderungen erwähnt er ein Brustbild, das den Leiter der Expedition, Friedrich Albrecht Graf zu Eulenburg, zeigt, und spricht davon, dass „japanische Reminiszenzen überall in Liebenberg nachklingen“. Wenn sich die Baronin Berchtesgaden im Roman Der Stechlin in einem Gespräch über Kunst „fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben“ entscheidet (Kap. 24)  deckt sich das mit Fontanes Urteilen über japanische Kunst, die er bei dem Besuch in Liebenberg formuliert.

„In diesen Zimmern läßt sich vom Schaukelstuhl oder morgens vom Bett aus in die Geheimnisse japanischer Kunst eindringen, und ich muß bekennen, manche berühmte Galerie berühmter Städte mit weniger Nutzen überflogen zu haben. All diese Dinge stehen, ihrem Preis und ihrer Prätention nach, nur etwa auf einer Gustav Kühnschen Bilderbogenstufe, sind aber in Hinsicht ihrer Technik ebenso lehrreich wie bedeutsam. Es wird in ihnen die Kunst geübt, einen Effekt oder eine Perspektive mit allergeringsten Mitteln hervorzubringen, und ist mir namentlich allerlei Landschaftliches in Erinnerung geblieben, auf dem der Zeichner oder Maler, aus drei Linien und einem Farbenklecks, einen Binnensee samt Berg und Landzunge vor mich hinzuzaubern wußte.“ (Fontane- Nymphenburger Ausgabe Bd. 13, S. 310)

In seiner autobiografischen Schrift Von Zwanzig bis Dreißige kommt Fontane auf Hermann Maron zu sprechen, den er im Lenau-Verein kennengelernt hatte. Maron nahm später an der Ostasienexpedition teil und veröffentlichte 1863 Reiseskizzen über Japan und China in zwei Bänden.

Wie fremd und unbekannt das Land für Europäer war, wird in dem bereits zitierten Bericht über die Preussische Expedition nach Ost-Asien deutlich. Die Verfasser hielten es für notwendig, dem Bericht „Einleitendes zum Verständnis der japanischen Zustände“ vorauszuschicken.

Ihre ganze Gesittung ist von der unseren so grundverschieden, dass der Europäer sich dort auf ein anderes Gestirn versetzt glaubt. Japan hinterlässt dem flüchtig Reisenden den Eindruck eines bunten Bilderbuches voll wunderlicher Scenen ohne Text […].“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. 3)

Es ist sicherlich eine explizit westliche Sicht, wenn Justus Brinkmann, der Direktor des Hamburgischen Museums für Kunst und Gewerbe, im Vorwort zu seinem 1889 veröffentlichten Buch Kunst und Handwerk in Japan die Auffassung vertritt, der durch Kriegsschiffe erzwungene Abschluss von „Freundschaftsverträgen“ habe Weg nicht nur zu „schwungvollen Handelsverkehr“, sondern auch zu einem „Austausch höherer Ordnung“ eröffnet.

„Wenige Jahrzehnte nur sind vergangen, seitdem das japanische Inselreich nach Jahrhunderten der Abgeschlossenheit sich Völkern des Abendlandes wieder geöffnet hat. Diese Zeit genügt, nicht nur einen schwungvollen Handelsverkehr zu entwickeln, sondern auch einen Austausch höherer Ordnung. Das Abendland hat den Japanern die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, welche es vor dem Reiche des Mikado voraus hatte, die Grundzüge seiner Gesetzgebung und Verwaltung dargebracht und darüber hinaus begonnen, mit seinen gesellschaftlichen Bräuchen und Sitten auch deren äußere Erscheinung in der Tracht, im Hausrath, in der Baukunst an die Stelle der nach der Vorväter Brauch in Japan üblichen Formen zu setzen. Als Gegengabe für diese unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe empfingen wir aus dem Lande des fernsten Ostens neue künstlerische Anregungen, welche auf dem Gebiete des Kunstgewerbes und der decorativen Künste von weittragendem, nachhaltigem Einfluß sein werden.“ (Brinckmann 1889, S. VII)

Zu den „Gegengaben“ für die „unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe“ zählen dann wohl auch die Setzschirme und Klappwände, auf die Brinkmann im Kapitel „Der japanische Hausrath“ zu sprechen kommt. Diese Schirme dienen nach ihm in japanischen Häusern dazu, „innerhalb eines größeren Raumes eine Ecke behaglicher zu umgrenzen oder den unmittelbaren Einblick durch die geöffnete Schiebethüre zu hindern“. (Brinckmann 1889, S. 102)

1873 – Japan auf der Weltausstellung in Wien

Japan auf der Weltausstellung in Wien Illustrirte Zeitung Nr. 1568_1873„Zum zweitenmale finden wir Japan, das fortschrittfreundlichste Land der ostasiatischen Reiche, an dem friedlichen Wettstreite der Culturstaaten der Erde theilnehmen, und gänzlich verschieden ist die Vertretung des japanesischen Reiches es auf der diesjährigen Ausstellung von jener in Paris. […] Heute finden wir das aus dem Bürgerkriege verjüngt und erstarkt hervorgegangene Japan, den ersten Fortschrittstaat des asiatischen Ostens, sich in würdiger Weise den europäischen Culturgebieten anreihen. In der diesjährigen Weltausstellung hat die Regierung des Mikado die günstigste Gelegenheit erblickt, ein Bild japanischer Cultur und japanischen Gewerbefleisses vor den Augen der civilisirten Menschheit zu entfalten und so die nationale Stellung des Reiches zu befestigen. Wir glauben nicht irre zu gehen, wenn wir dies, sowie die Belebung der Handelsbeziehungen des Reiches zu den Ländern des europäischen Continentes als Hauptzweck hinstellen, welche die Staatsmänner Japans im Auge hatten, als sie die Entsendung einer aus nahezu 50 Mitgliedern bestehenden Commission nach Europa und die Beschickung der Weltausstellung 1873 im grossartigsten Masstabe beschlossen.“ (Internationale Ausstellungs-Zeitung. Beilage der „Neue Freien Presse“. Wien 2. Mai 1873, S. 2)

Japanische Bettdecke_Lützow 1875 S. 401_entsättigt

In den Berichten über die japanische Abteilung auf der Weltausstellung in Wien finden sich dann auch Hinweise auf Effi Briests „Bettschirme„:  „Daß die Porzellanindustrie in der Gruppe Japans nicht wenig Raum beansprucht, läßt sich denken. Vasen und andere Gefäße, mit den zierlichen Handmalereien geschmückt, fesseln ebensosehr wie die im eigenthümlichen Geschmack jenes fernen Landes bemalten größern und kleinern Wandschirme.“ (Von der wiener Weltausstellung. In der japanesischen Galerie. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1568/1873, S. 46)

Zur medialen Begleitung der Wiener Weltausstellung

Titelvignette Ill Zeitung 1873

Im Vorwort zum ersten Halbjahresband der Leipziger Illustrirten Zeitschrift heißt es:

Das eigentliche Hauptereignis des Jahrs 1873 ist die am 1. Mai eröffnete wiener Weltausstellung. Eine Reihe anschaulicher Illustrationen und Berichte in dem abgeschlossenen Band geben Zeugniß von der erfolgreichen Thätigkeit unserer an Ort und Stelle befindlichen artistischen und literarischen Mitarbeiter- Im nächsten Band werden wir uns noch eingehender mit dem wichtigen Culturwerk beschäftigten.“ (Illustrirte Zeitung Bd. 60/Januar bis Juni 1873)

Im zweiten Halbjahr der Zeitschrift wird diese Ankündigung durch wöchentliche Berichte über die Weltausstellung in Wort und Bild eingelöst: „Das Hauptereigniß des verflossenen Halbjahrs, das in den Auen des wiener Praters errichtete großartige Culturwerk der Weltausstellung, [nahm] naturgemäß auch in den Spalten des eben abgeschlossenen 61. Bandes der ‚Illustrirten Zeitung‘ den ersten Rang ein.“ (Illustrirte Zeitung Bd. 61 Juli bis Dezember 1873)

Dass die Weltausstellung in Wien in einem durchaus modernen Ausmaß medial begleitet wurde, wird auch aus einer Notiz aus der Illustrirten Zeitung über die Herstellung des Ausstellungskatalogs deutlich:

„Der Druck des wiener Weltausstellungskatalogs […] wird 100 Bogen stark sein, und seine Auflage ist zunächst auf 500.000 Exemplare festgesetzt. Hierzu ist demnach ein Papierquantum von 50 Mill. Bogen oder 100.000 Ries erforderlich. Um diese Massen des Papiers zu bedrucken, müßte eine gewöhnliche Schnellpresse bei unausgesetzter  24stündiger Thätigkeiten 11 Jahre und 7 Monate fortarbeiteten, während 2 Walter-Pressen dieselben Arbeit nebem dem täglichen zweimaligen Druck der ‚Presse‘ in 4 Wochen liefern werden.“ (Illustrirte Zeitung Nr. 1558/1873, S. 351)

Das heißt nicht, dass in allen Medien die Weltausstellung als „großartiges Culturwerk“ gefeiert wurde. Die Berichterstattung in der Familienzeitschrift Die Gartenlaube war eher zurückhaltend. In der satirischen Wochenzeitschrift Kladderadatsch machte man sich im Mai – also kurz nach der Eröffnung – über die Weltausstellung als „Kisten-Ausstellung“ lustig,  „was dieser Ausstellung ihr Eigenartiges gibt, ist dies, daß sie im Großen und Ganzen sich als eine Ausstellung von Kisten manifestiert. Kisten von allen Größen, von den verschiedensten Formen und in unglaublicher Menge erfüllen fast sämtliche Räume des Riesenbaues.“ (Zur  Wiener Weltausstellung. III. Erstes Schreiben unseres Spezial-Correspondenten für erste und allgemeine Eindrücke. In: Kladderadatsch Nr. 23 vom 18. Mai 1873, S. 90) Aber auch nachdem die Kisten ausgepackt waren, eröffnete sich dem „Spezial-Correspondent“ kein positiver Zugang zur Weltausstellung.

In der Zeitschrift Die Grenzboten greift der Verfasser eines Berichtes über die Weltausstellung die Charakterisierung als „Kisten-Ausstellung“ mit offensichtlichem Vergnügen auf, kommt in seinem Bericht dann zum Ergebnis, die Weltausstellung dürfte inzwischen „doch im Wesentlichen fertig sein und ihren Glanzpunkt erreicht haben. Daß diese Weltausstellung großartig, über alle Maßen großartig ist, unendlich viel Schönes und Interessantes bietet, und daher in hohem Grade sehenswerth ist, kann niemand läugnen. Daß sie aber gelungen ist, bestreite ich.“ (B-au 1873a, S. 25)

In den insgesamt 9 Berichten über die Wiener Ausstellung, die in der Zeitschrift erscheinen, wird Japan nur einmal im Beitrag über die „Nationale Hausindusitrie“ erwähnt. Neben der „überhand nehmenden Nachbildung von Gegenständen alter Kunst“ falle der „Einfluß des Orients“ auf.

Je näher wir die Kunstindustrie der Orientalen, der Perser, Inder, Chinesen, Japanesen ec. kennen lernen, desto mehr Lehrreiches und Begehrenswerthes finden wir in ihr und wir müssen es als einen großen Fortschritt bezeichnen, daß die Handelsverbindungen mit diesen Völkern jetzt erleichtert, so daß ihre Produkte nun in größerer Anzahl zu uns herüber kommen.“  (B-au 1873b, S. 342)

Kladderadatsch Nr 20 u 21 Erstes Beiblatt 1873_S. 230

Japan in Deutschland

MOntagszeitung Japanische Ausstellung

Das durch die Wiener Weltausstellung geweckte Interesse an japanischer Kunst und japanischen Kunsthandwerk führt in der Folgezeit zu einer Reihe von Ausstellungen. Für Berlin wurde, wie die Deutsche Bauzeitung 1884 ankündigte, unter der Aegide der japanesischen Regierung [für 1885] eine Ausstellung projektirt, welche ein umfassendes Bild der japanesischen Sitten, namentlich aber des japanesischen Gewerbes (im Betriebe) vorführen soll. Der Ausstellungsplatz am Lehrter Bahnhof soll für diesen Zweck in eine japanesische Ortschaft umgewandelt werden, in welcher nicht weniger als 300 Japanesen Aufenthalt nehmen sollen. (Deutsche Bauzeitung Nr. 52/1884, S. 311)

Ueber zwölf Jahre ist es her, seit Berlin die erste größere selbständige Ausstellung japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse, damals in den noch sehr bescheidenen Räumen des ‚Deutschen Gewerbemuseums‘, gesehen hat, und es wird noch frisch in der Erinnerung Vieler sein, welche helle Begeisterung die kleine, aber gewählte Sammlung erregte. Was dann zwischendurch die Weltausstellungen gezeigt haben und der Handelsverkehr uns an japanischen Waaren zugeführt hat, konnte nur dazu dienen, einer neuen japanische Ausstellung von vornherein eine günstige Aufnahme zu sichern. Der vor acht Tagen in dem Gebäude des Hygiene-Parks eröffneten Ausstellung waren vollends so vielversprechende Ankündigungen voraufgegangen, daß die Erwartungen sehr hoch gespannt werden mußten. Und in der That ist der Eindruck derselben ein sehr origineller. Eine Anzahl von kleinen Hütten vergegenwärtigt, wenn auch nicht

Japanische Ausstelung Deutsches Montags-Blatt 30_07_1885 S_7
Deutsches Montags-Blatt 30. Juli 1885, S. 7

vollständig und genau oder gar in erschöpfender Verschiedenartigkeit die japanische Wohnhausarchitektur, so doch manche charakteristische Eigenthümlichkeit derselben, welche den Anstrich des Fremdartigen geben; und diese bauliche Anlage, bevölkert von einer erheblichen Anzahl japanesischer Männer, Weiber und Kinder, bildet eine Szenerie, in welcher sich die Kunstthätigkeit der Menschen und die Schöpfungen ihrer Hände zu einem eindrucksvollen Ganzen zusammenschließen.“ (Meyer 1885, S. 5)

Bei diesem „Japanischen Dorf“ handelte es sich nicht um eine der „anthropologisch-zoologischen“ Völkerschauen, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode kamen, sondern um eine von der japanische Regierung geförderte Aktion im Rahmen ihrer Öffnungspolitik.

Ein japanische Dort mit Häusern, Straßen, Kaufläden, Tempel, Theater, Werkstätten, Theebuden und einigen hundert fleißiger Menschen ist wie durch Zauberhände aus dem fernsten Grenzen Asiens hiergeführt worden. Vor unsern Augen arbeiten und schaffen Schuhmacher, Schneider, Tischler, Böttcher, Sticker, Schirm- und Lampionsfabrikanten, Graveure, Ciseleure, Töpfer, Maler, Tapezierer, Holz- und Elfenbeinschnitzer, Arbeiter für Fantasieartikel.“ (Schubert 1885, S. 60)

Nicht nur die Leipziger Illustrirte Zeitung berichtete ausführlich über das Japanische Dorf. Dem Thema „Japan in Berlin“ widmet der Kladderadatsch im Juli 1885 eine ganze Seite. Fontane kann sich also darauf verlassen, dass seine zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an japanischen Einrichtungsgegenständen speiste und warum auch die Baronin Berchtesgaden im Roman Der Stechlin sich in einem Gespräch über Kunst „fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben“ entscheidet. (Kap. 24)

Hier spricht die Baronin von Berchtesgaden wohl für den Autor. In  den Wanderungen durch die Mark Brandenburg schreibt Fontane,  „daß japanische Reminiszenzen überall in Liebenberg nachklingen. Aus der Fülle dessen, was Graf Friedrich Eulenburg von seiner ostasiatischen Gesandtschaftsreise mit heimbrachte, […] In diesen Zimmern läßt sich vom Schaukelstuhl oder morgens vom Bett aus in die Geheimnisse japanischer Kunst eindringen, […]. Es wird in ihnen die Kunst geübt, einen Effekt oder eine Perspektive mit allergeringsten Mitteln hervorzubringen, und ist mir namentlich allerlei Landschaftliches in Erinnerung geblieben, auf dem der Zeichner oder Maler, aus drei Linien und einem Farbenklecks, einen Binnensee samt Berg und Landzunge vor mich hinzuzaubern wußte. Fast möcht‘ ich glauben, daß sich ein Studium dieser Arbeiten und ihrer Technik auch unsererseits verlohnen würde, wie denn bereits Amerikaner und Engländer (ich erinnere nur an die englischen Kinderbücher) allerhand daraus gelernt zu haben scheinen.“  (Fontane-NA Bd. 13, S. 310)

Japanische Ausstellung in Berlin Leipziger Ill Zeitung Nr. 2193_1885 S. 58 skal
Aus der Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustirte Zeitung Nr. 2193/1885, S. 58

„Die japanische Leih Ausstellung im Kunstgewerbe-Museum zu Berlin“

1892 – also in der Zeit, in der Fontane an dem Roman Effi Briest arbeitete – fand im Kunstgewerbe-Museum in Berlin eine japanische Ausstellung statt. In einem Bericht über diese Ausstellung heißt es: „Einen der am zahlreichsten vertretenen Zweige der japanischen Kunstindustrie bilden die Wandschirme, theils gestickt, theils Handweberei […]. (Siebold Norddeutsche Allgemeine Zeitung Nr. 74/1892, S. 1)

Besondere mediale Aufmerksamkeit zog diese Ausstellung vor allem als Benefiz-Ausstellung  auf sich. Im Oktober 1891 war Japan von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden, bei dem 500 000 Menschen obdachlos geworden waren. Die Ausstellungsstücke stammten fast ausnahmslos aus privatem Besitz, u. a. auch aus der kaiserlichen Privatsammlung.

„Die Ausstellung war […] hauptsächlich einem wohlthätigen Zweck gewidmet: nämlich – durch die dabei erhobenen Eintrittsgelder etwas zur Unterstützung der durch das fürchterliche Erdbeben im Innern von Japan heimgesuchten Unglücklichen beizutragen. Erfreulich ist, daß die Zwecke von freiwilligen Beiträgen ausgelegte Liste bereits viele Namensschriften und beträchtliche Gaben verzeichnet, welche den besten Beweis liefern, daß das Interesse Deutschlands sich nicht nur für die japanische Kunst begeistern kann, sondern auch den so schwer betroffenen Einwohnern des Landes selbst eine mitfühlende und opferfreudige Gesinnung entgegenbringt.“ (Siebold Norddeutsche Allgemeine Zeitung Nr. 74/1892, S. 2)

Japan in Deutschland. Ein Beitrag zur neuesten Mode

Dass das Interesse an Japan nicht auf einzelne Ausstellungstermine begrenzt war, dafür sprechen Illustrationen und Artikel in unterschiedlichsten Zeitschriften.

Japan in Berlin In Kladderadatsch Nr 31_1885. Erstes Beiblatt
Japan in Berlin. In: Kladderadatsch Nr. 31/1885,  Erstes Beiblatt
Japan in Deutschland 2 Fliegende Blätter 1888 Nr_2243 S_36 skal
Japan in Deutschland. In: Fliegende Blätter Nr. 2243/1888, S. 36

Damen-Zimmer im japanischen Stil

Juni 1895 Ill Zeitschrift für kunstgewerbl Innen-Dekoration Damen-Zimmer im japanischen Stil S. 101

Zur Entwicklung japanischer Interieurs für europäische Bedürfnisse: „Aber wer japanische Kunstwerke sammelt? Soll der sie in einem öden, leeren, mit Papier und Bambus tapezirten Gemach ohne Behaglichkeit und ohne Möbel aufstellen, bloß weil die kunstbegabten Söhne Dai-Nippons sich in solchen unbehaglichen Scheunen wohl fühlen? […] Was unsere europäischen Bedürfnisse verlangen, ist daran europäisch seinem Wesen nach geblieben; die Zierrathen, das Muster und die Form im Detail sind japanisch. Für Japaner waren die Zimmer nicht bestimmt, Europäer aber fanden sich in demso neuen Element bald heimisch, wie die große Zahl der in diesen Jahren angefertigten Zimmer beweist.“ (R. von Seydlitz 1895, S.97)

Das Kunstgewerbe 1891 Mai_Heft JaponismusKritik am Japonismus

[…] selbst mit Begeisterung für japanische Kunst hat der Japanismus nur sehr oberflächlich zu tun. Er ist lediglich ein neues rettendes Schlagwort für diejenigen Kreise geworden, deren müdegekitzelten Nerven fortwährend nach Neuem verlangen und deren Gehirnschwund doch selbst nichts Neues zu erfinden vermag. (Anonymus 1892, S. 139)

Japonismus oder Japanismus wird als neuer „Ismus“ und modische Verirrung massiv kritisiert. Bewundernswert sei die unvergleichliche Technik, jedoch fehlten der japanische Kunst „Größe, heroische Leidenschaft, der Trieb ins Ungemessene, weltumspannender Blick und selbstaufopferndes Ringen um transzendentale Erkenntnisse oder um Erweiterung der Lebensziel. Ausgeschmückt durch Berufung auf das klassische Ideal der europäischen Kunst, das Christentum, den „germanischen Geist“ sowie „den wunderbar heroischen Zug, der in der ganzen arischen Mythologie liegt“ (Anonymus 1892, S. 140), wird hier mehr verhandelt als nur Einstellungen zur Kunst. Man fühlt sich in eine Diskussion über „Leitkultur“ versetzt.

„Das Rokoko ist wenigstens aus richtiger europäischer Kunst  abgeleitet, wenn es auch auf Seitenwege geraten ist. […] Die Kunst Japans aber steht nicht bloß dem, was wir wünschen und erstreben, entgegen, sondern der ganzen europäischen Kunst wie sie sich aus der klassischen Kunst, fallend und steigen, mit Hilfe von Christentum und germanischem Geiste durch die Jahrhunderte herausgebildet hat. […] Wir verlangen, wenn wir Menschen darstellten, Schönheit der Form oder Individualität, wir verlangen Tiefe des Ausdrucks, Charakter und Empfindung, Beseelung der Form durch geistigen Inhalt. Wir haben die schöne Form von den Griechen gelernt und wollen uns diesen Gewinn nicht rauben lassen; wir haben durch das Christentum die Form beseelt und ihr warmes und tiefes Gefühl eingehaucht; und der Norden ist gekommen und hat der schönen und beseelten Form die individuelle zur Seite gestellt.

Was bietet nun der Japonismus dagegen? Durchaus unschöne Menschen, klein und häßlich wie Karikaturen, typisch einer wie der andere ohne Individualität, höchsten nach den sogenannten ‚Schulen‘ von verschiedener Schablone, im Ausdruck entweder unbedeutend oder drastisch übertrieben bis zur grinsenden Widerwärtigkeit, bei geschickter Darstellung, oft nur mit wenigen Strichen, durchaus nicht ohne Manirirtheit, zuweilen mit Humor und Witz, aber ohne jegliche Anmut. Die Grazien haben nichts mit der figürlichen Kunst der Japaner zu schaffen.“ (von Falke 1891, S. 147)

Der „Kulturaustausch“ zwischen Deutschland und Japan als Gegenstand der Persiflage

Deutsche Cultur in Japan Fl. Bl. Nr. 2219 1888 S. 54 Größe angepasst
Fliegende Blätter Nr. 2219/1888, S. 54

In Japan ist die Prüderie nicht zu Hause

Als Effi iher Mutter von ihren Einrichtungswünschen erzählt, schweigt diese.

„»Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas besonders Unpassendes gesagt hätte.«

»Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiß nicht. Denn ich kenne dich ja. […] Und wenn du nun nach Kessin kommst, einen kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brannt, so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.«“ (Kap. 4)

Die Vorbehalte und Befürchtungen der Mutter erklären sich wohl kaum allein durch Effis Wunsch nach einer „Ampel […] mit rotem Schein“.

In Matthilde Möhring schenkt die spitznasige Posamentierswitwe Schmädicke der Braut eine „rosafarbne Ampel an drei Ketten“ zur Hochzeit und erklärt, „wenn eine Hochzeit is, schenke ich so was“. (Kap. 12) Als Rebecca Silberstein sich auch so eine Ampel wünscht, vertröstet ihr Vater sie auf ihre Hochzeit, „dann sollst du haben die Ampel, und nicht Rosa sollst du haben, du sollst sie haben in Rubin und sollst haben, wenn du schläfst, einen himmlischen Glanz.“ (Kap. 13)

Anstoß erregt eher der Bezug auf Japan, denn in den Medien ist die aus westlicher Sicht freizügigere Sexualmoral ein häufig angesprochenes Thema. Hermann Maron, einer der Teilnehmer an der Preussischen Expedition nach Ost-Asien, spricht in seinen Reiseskizzen davon, dass in Japan die Prüderie nicht zu Hause sei. Aus seiner poetischen Umschreibung für diese Lebenseinstellung, scheint dabei eine gewisse Sympathie zu sprechen.

„Es ist eine heitere, sonnige, genießliche Lebensanschauung, die Alles beherrscht. Das Symbol des japanischen Volkes ist der Schmetterling; nicht der sich seines leichtfertigen Dranges wohlbewußte, bei allen Blumen schmarotzende Schmetterlings-Stutzer unserer Gesellschaft, sondern der wahre Schmetterling, der, einem unbewußten Naturdrange folgend, in unschuldsvoller Naivetät von Blume zu Blume sich schwingt, um heiteren Lebensgenuß zu schöpfen. Es ist etwas entschieden Griechisches in dieser Lebensanschauung.“ (Maron 1863, S. 164)

Vor zu großer Nähe zu den sich in  „unschuldsvoller Naivetät von Blume zu Blume“ schingenden Schmetterlingen wollten sich dagegen die Veranstalter der Weltausstellung in Wien offensichtlich schützen, als man die Errichtung eines japanischen Teehauses auf dem Ausstellungsgelände nicht genehmigt, weil man “ dessen ethnographische Aufgaben […] mit schwarzem Verdacht umhüllte und darin erstickte.“ (Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873 S. 288) Das japanische Teehaus durfte nur im Vauxhallgarten des Praters errichtet werden.  Eigentlich, so meint der Verfasser eines Berichts in der Illustriten Zeitung über Das japanische Theehaus im Vauxhallgarten des Praters hätte man es besser wissen können.

Theehäuser dieser Art stehen in Japan allenthalben an den großen Heerstraßen. Die irrige Auffassung der Bestimmung dieser Theehäuser möge hier ihre Berichtigung finden. Nach dem officiellen Werk über die preußische Expedition nach Ostasien […] sind die Theehäuser, Tscha=ya, Restaurationen, wo man Thee, Saki und andere Getränke und Speisen erhält und wohl zu unterscheiden von den Dschoro=ya, deren Bestimmung minder unschuldig ist. In den meisten Büchern über Japan werden sowohl die Tscha=ya als Dschoro=ya Theehäuser genannt, wodurch das Wort eine verfängliche Bedeutung erhalten hat, die für die Tscha=ya unrichtig ist. Weibliche Bedienung findet man in beiden.“ (Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873 S. 290)

Jap. Theehaus Wiener Weltausstellung Illust Zeitung 1873 Nr. 1511 S. 292
Wiener Weltausstellung: Das japanische Theehaus im Vauxhall

Auch Johannes Justus Rein, der im Auftrag des preußische Handelsministerium 1873 Japan bereiste, schreibt im Kapitel über  „Die Familie, Adoption, Erziehung und Unterricht. Individuelle Vergnügen, Theater, Geishas und Yoshiwaras, Beerdigungen“ u.a. über die Geishas: „Von ihrer Moral lässt sich nur sagen, dass sie in der Regel jederzeit bereit sind, mit Zustimmung ihres Herrn aus dem Verbande, in welchem sie stehen, auszutreten, um sich durch Vertrag für einen Monat oder länger an einen Einheimischen oder Fremden zu vermiethen.“ (Rein 1881, S. 500) Und kommt zum Schluß: „Dies Alles und vieles Andere beweist uns, dass die Japaner in diesen Dingen noch auf einer sehr niedrigen Stufe sittlicher Entwicklung stehen und geschlechtliche Excesse nach ihrem sinnlichen Standpunkte milde beurteilen.“ (Rein 1881, S. 501)

Auch die Informationen, die Die Gartenlaube über das „Japanische Frauenleben“ vermittelte, zeichneten kein positiveres Bild. Nach einem mehrjährigen Japanaufenthalt schreibt die Schriftstellerin C.W. Emma Brauns in einem Artikel:

Daß die Vielweiberei, wenn auch etwas verschleiert durch die bevorzugte Stellung der eigentlich legitimen Gemahlin, noch heutzutage in Japan existirt, ist eine leider nicht abzustreitende Thatsache, und namentlich sind es die reichen und vornehmen Stände, welche dieser Sitte huldigen. Hier spielen die sogenannten ‚Nebenfrauen‘, und zwar durchaus mit Vorwissen der eigentlichen Hausfrau, eine bedeutende Rolle; der ‚Schacher‘ mit diesen Frauenzimmern, der Wechsel derselben hört fast nie auf.“ (Brauns 1886, S. 233)

Abb. Anzeige für japanische Wandschirme. In: Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innen-Dekoration Nr. 1/1890 S. 10

Abb. Wiener Weltausstellung: In der japanischen Galerie – Illustrirte Zeitung Nr. 1568/1873, S. 444

Abb. Japanesische Bettdecke – Lützow 1875, S. 401

Abb. Wiener Welt-Ausstellung –  Kladderadatsch Nr 20 /21 Erstes Beiblatt 1873, S. 230

Abb. Damen-Zimmer im japanischen Stil – Seydlitz 1895, S. 101

Abb. Deutsche Cultur und Renaissance in Japan. In: Fliegende Blätter Nr. 2219/1888, S. 54

Abb. Wiener Weltausstellung: Das japanische Theehaus im Vauxhall – Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873, S. 292

Literatur

Anonymus [1892]: Über „Japanismus“. In: Das Kunstgewerbe. Illustrirte Halbmonatsschrift August-Heft/1892, S. 139 – 141

B—au. [1873a]: Weltausstellungsbericht. Allgemeine Uebersicht. In: Die Grenzboten : Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, Jg. 32/1873, S. 25 – 31

B-au. [1873b]: Weltausstellungsbericht : 8. Die nationale Hausindustrie. In: Die Grenzboten : Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, Jg. 32/1873, S. 341-345

Brauns, Caroline Wilhelmine Emma [1886]: Japanisches Frauenleben. In: Die Gartenlaube H. 13/1886, S. 232 – 235

Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung

Berg, Albert (Hrsg.) [1864]: Die Preussische Expedition nach Ost-Asien nach amtlichen Quellen , Bd. 1. Berlin: Verlag der königlichen geheimen Ober-Hofbuchdruckerei

Falke, Jakob von [1891]: Der Japonismus. In: Das Kunstgewerbe. Illustrirte Halbmonatsschau H. 16/ 1891, S. 147 – 148 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbe1890_1891

Gmelin, Leopold [1885]: Internationale Ausstellung von Arbeiten aus edlen Metallen und Legierungen in Nürnberg 1885. In: Zeitschrift des Kunst-Gewerbe-Vereins zu München S. 90 – 100

Lützow, Carl [1875]: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung. Leipzig: Verlag Seemann

Maron, Hermann [1863]: Japan und China. Reiseskizzen, entworfen während der Preußischen Expedition nach Ost Asien von einem Mitgliede derselben. Bd. 1 Berlin: Otto Janke

Meyer, Bruno [1885]: Von der japanischen Ausstellung. In: Deutsches Montags-Blatt vom 29. Juni 1885, S. 5 f.

Rein, Johannes Justus [1881]: Japan nach Reisen und Studien im Auftrage der Königlich Preussischen Regierung dargestellt. Bd. 1. Natur und Volk des Mikadoreiches. Leipzig: Verlag von Wilhelm Engelmann

Schubert, Gustav [1885]: Die Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustrirte Zeitung Nr. 2194/1885, S. 60

Seydlitz, R. von [1895]: Der japanische Stil für die Innen-Dekoration. In: Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für  Innen-Dekoration. Juni-Heft 1895, S. 97 – 102

Siebold, Alexander von: Die japanische Leih Ausstellung im Kunstgewerbe-Museum zu Berlin. In: Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom Nr. 72 vom 12. Februar 1892, S. 1 f. und Nr. 74 vom 13. Februar 1892, S. 1 f.

Von der wiener Weltausstellung. Das japanische Theehaus im Vauxhallgarten des Praters. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873, S. 287, 288, 290

Die Dienstbotenfrage

Auf der Titelvignette der ersten Nummer der illustrierten Familienzeitschrift Die Gartenlaube sieht man eine in einer Gartenlaube um einen Tisch versammelte Familie (Großeltern, Vater, Titelvignette Gartenlaube Nr 1Mutter und Kinder?). Ein Dienstmädchen steht mit einem Tablett in der Hand im Hintergrund und, so könnte man annehmen, belauscht das Gespräch. Dass dies eine durchaus naheliegende Interpretation ist, ergibt sich aus Hinweisen, die sich in den Handbüchern des guten Tons finden. Dort wird immer wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es Abstand von den Dienstboten zu bewahren gelte, um die Privatsphäre zu sichern: „Keiner Hausfrau darf es gleichgültig sein, wie ihre Dienstboten über sie urtheilen, und schon aus diesem Grunde darf sie ihre Würde als Herrin des Hauses keinen Augenblick außer Acht lassen […].“ (Ebhardt 1880, S.97f.)

Die Situation, die sich aus der Anwesenheit von Dienstboten im Haushalt ergibt, wird in Effi Briest mehrfach angesprochen. (Im Buch 2. Aufl. dazu „Die Dienstbotenfrage“ auf S. 57 ff.) Da ist Frau Briest, die das Gerede der Leute über ein Schlafzimmer mit japanischem Bettschirm und einer Ampel mit rotem Schein fürchtet (Kap. 4). Da ist von Instetten, der befürchtet, sich lächerlich zu machen, wenn man in Kessin erfährt, dass er die Wohnung wechselt, weil seine Frau Angst vor Gespenstern hat (Kap. 10). Die Anwesenheit von Dienstboten in einem Haushalt erfordert besondere Achtsamkeit, wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht.

Unbelauscht Der Bazar Nr. 28 1884 S. 217

Unbelauscht. (Zu dem Bilde von F. Kraus.) Für ihr Leben gern hätte Nanni, das niedliche Kammerzöfchen, gewußt, was ihre junge Herrschaft so viel und eifrig zu schreiben habe! […] Da trifft es sich denn wirklich gar hübsch, daß sie die gnädige Frau mitten im Schreiben abrufen muß, weil die Frau Präsidentin (eine sehr energische Dame und in Vereins-Angelegenheiten schon früh am Tage thätig) im Salon erschienen ist und eine Unterredung mit der jungen Frau Räthin wünscht. Die Ueberraschte, durch den frühen Besuch Geehrte fliegt hinaus; Briefmappe und Papier bleiben offen auf dem zierlichen Schreibtisch liegen – eine vortreffliche Gelegenheit für das Zöfchen, ihre brennende Neugier einmal ‚unbelauscht‘ zu befriedigen!“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 28/1884, S. 223)

DienstbotenfrageEs ist wohl kaum ein Haus, in welchem nicht von Zeit zu Zeit das Kapitel von den Dienstboten den Gesprächsstoff lieferte – von den Kaffeegesellschaften alter Damen, in denen ‚das Mädchen für alles‘, wie der Berliner sagt, in allen seinen Spezialitäten und Eigenschaften feierlich abgehandelt wird – bis zu den vornehmsten Häusern hinauf bildet die Dienstbotenfrage einen wichtigen Gegenstand des Nachdenkens und der Beschäftigung, weil sie eben in die ganze häusliche Existenz so tief eingreift und für das häusliche Behagen absolut entscheidend ist.

Leider bilden die Unterhaltungen über die Domestiken fast immer eine Kriegsgeschichte, welche sich in den Hauptgrundzügen stets gleich bleibt und doch in den Details immer neue und überraschende Züge bildet. Ob es sich um den Einzelkampf der streitbaren Ricke oder Inste mit ihrer ‚Madamm‘ handelt, oder um einen organisierten Feldzug, welchen die Domestiken eines großen Hauses gegen ihre Herrschaft führen, immer ist es dasselbe Klagelied, das für dem Unbeteiligten tragikomisch wirkt, bei dem aber für den Betroffenen kaum noch für die komische Seite Raum oder Verständnis übrig bleibt.

In unseren Tagen ist die Domestikenfrage brennender und, wie man in dem Jargon der politischen Presse sagt, aktueller geworden als jemals, denn die merkwürdige Verschiebung und Verwirrung unserer sozialen Verhältnisse, welche in allen Ständen falsche Ansprücher hervorrufen, die dann im falschen Schein ihre Befriedigung suchen, hat auch auf die Domestikenwelt ihren verderblichen und zersetzenden Einfluß ausgeübt. Alle unsere Witzblätter beschäftigen sich in mehr oder weniger treffenden Karikaturen mit unserer Domestikenwelt, welche in den großen Städten vielfach den Charakter eines nomadisierenden Heerbanns gegen den häuslichen Comfort angenommen hat – im praktischen Leben aber verschwindet der Humor immer mehr aus dieser vielbesprochenen und vielkarikierten Frage. (von Geyern 1885/1886, S. 643)

Effis NaivitätAuf einen besonderen Aspekt der Anwesenheit von Dienstpersonal im bürgerlichen Haushalt spielt die Geheimrätin Zwicker an, wenn sie in einem Gespräch mit Effi mehrdeutig anmerkt: „Das ist wirklich selten, daß man eine junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres Hausmädchens sprechen hört.“ Dabei macht die Geheimrätin Zwicker recht deutlich, dass sie sich mit dieser Warnung auf persönliche Erfahrungen bezieht.  (Kap. 30)

Die sexuellen Übergriffe der Hausherren sind auch ein beliebtes Thema in den satirischen Zeitschriften, ohne sie jedoch in irgendeiner Weise moralisch zu verurteilen. Sie erscheinen eher Gegenstand einer Art von „Herrenwitzen“ zu sein.

Dienstmädchen geküsst Fliegende Blätter 1891 Nr 2418 S_195

Dienstmädchen Hausherr Fliegende Blätter 1893 Nr 2512 S_103

Entlassung des Dienstmädchens Fliegende Blätter 1896 Nr_2655 S_226

Gouvernante Liebes Kind Fliegende Blätter Nr 2419 1891 S_200

Die „sittliche Gefährdung“, die von Dienstboten ausgehen kann, wird in Fontanes Roman Frau Jenny Treibel direkt angesprochen. Nach einer  Auseinandersetzung mit ihrem Sohn Leopold über dessen überraschende Ankündigung seiner Verlobung, tritt die Kommerzienrätin ans Fenster:

„Hier, in ihrem Vorgarten, den linken Arm von innen her auf die Gitterstäbe gestützt, stand ihr Hausmädchen, eine hübsche Blondine, die mit Rücksicht auf Leopolds ‚mores‘ beinahe nicht engangiert worden wäre, […].“ (Kap. 12)

Abbildungen

Unbelauscht. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 28/1884, S. 217

Unverfroren. In: Fliegende Blätter Nr. 2418/1891, S. 195

Unerwartete Replik. In: Fliegende Blätter Nr. 2512/1893, S.103

Eingegangen. In: Fliegende Blätter Nr. 2655/1896, S. 226

Unangenehme Frage. In: Fliegende Blätter Nr. 2419/1891, S. 200

Literatur

Geyern, Detlev von (Pseudonym von Oskar Meding): Die Dienstbotenfrage jetzt wie vor Zeiten. In: Ueber Land und Meer Nr. 29/ Bd. 56 Oktober 1885 – 1886, S. 643f.

Haustelegraphie

„Nicht mehr das ‚Jahrhundert des Dampfes‘, nein, das ‚Zeitalter der Elektrizität‘ will die Jetztzeit genannt sein.“ ( Wilke 1893, S. 2)

Als Effi nach der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise am ersten Morgen in Kessin Druckknopf Außenansichtaufwacht, hatte sie Mühe sich zurechtzufinden. „Allmählich entsann sie sich auch, daß Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte, nach der sie denn auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie nun leise drückte.“ (Kap. 7)  Die „erst vor kurzem hergerichtete“ Klingelanlage, die das Schlafzimmer und die Küche mit der „Mädchenstube“ verband, wird auch in den beiden folgenden Kapiteln des Romans erwähnt. („Zur Haustelegraphie“ im Buch 2. Aufl. auf den Seiten 230 ff.)Wie diese Neuerung im Hause Landrats einzuordnen ist, erschließt sich über eine Anmerkung im  „Handbuch der elektrischen Telegraphie“ aus dem Jahre 1881. Hier heißt es, die „Haus-Telegraphen“ hätten „in feineren Wohnhäusern die Klingelzüge verdrängt.“ (Zetzsche 1881, S. 70)

Aus heutiger Sicht erscheint eine elektrische Klingelanlage vielleicht erwähnenswert mit Blick auf die Organisation eines großbürgerlichen Haushalts. In der Zeit, in der die Handlung spielt und Fontane den Roman schrieb, sind elektrische Klingeln Ausgangspunkt für die Entwicklung der „Haustelegraphie“, deren „Hauptzweck […] die Erzeugung von Klingelsignalen mittels des Stromes“ ist. (Wilke 1893, S. 472)*

Nicht vergleichbar mit dem Ausbau der nationalen und internationalen Telegrafennetze steht die Entwicklung der „Haustelegraphie“ jedoch für die Anwendung der Elektrizität im Alltag.Druckknopf Mechanismus

In der 1893 erschienenen Auflage des Buches Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe heißt es, bei der „Haustelegraphie“ handele es sich um ein „Gebiet der Telegraphie, das zwar nur bescheidene Ziele verfolgt, aber trotz seiner technischen Beschränkung eine ganz außerordentliche Ausdehnung gewonnen hat, da die telegraphischen Anlagen, welche ihm zugehören, man darf sagen, in Palast und Hütte zu finden sind, sich über die ganze Erde verbreitet haben und eine große blühende Industrie haben entspringen lassen. Wir meinen die Haustelegraphie, die Technik jener Anlagen, welche die Ersetzung des guten alten Klingelzuges durch den stromdurchflossenen Draht hat entstehen lassen. Käme die Zahl für die Bedeutung eines elektrotechnischen Gebietes in Frage, so stände die RasselklingelHaustelegraphie zweifellos vornan in der Reihe der einzelnen Anwendungen des Stromes, denn die Zahl der elektrischen Klingeln, die zur Zeit in Betrieb sind, reicht in die Million hinein, und die jährliche Erzeugung derselben geht in die Hunderttausende. Rechnet man hierzu die für solche Anlagen benötigten Elemente, Druckknöpfe, Tableaus, die Leitungsanlagen, so wird man erkennen, daß diese Industrie alljährlich eine ganz bedeutende Produktion aufweist und ihr jährlicher Umsatz sich auf manche Million Mark beläuft. Sie ist auch von einer andern Seite von Bedeutung, indem sie namentlich dem kleineren und mittleren Gewerbetreibenden Nahrung gibt und die Anlage der Haustelegraphen vielfach als eine lohnende Nebenbeschäftigung von Handwerkern betrieben wird, was wiederum die erfreuliche Wirkung für die Elektrotechnik gehabt hat, ihr in diesen Kreisen Interesse zu wecken und aus denselben die Monteure für die Starkstromanlagen zuzuführen.“ (Wilke 1893, S. 472)

Noch wurden im Haus des Landrats die Lampen angezündet, aber der „Zugriff“ auf die Hausangestellten erfolgte bereits batteriebetrieben elektrisch. Später in der kleinen Wohnung in Königgrätzer Straße gibt es keine elektrische Klingel, sondern hier muss Effi wieder an einer mechanischen Klingel ziehen, um Roswitha herbeizurufen. (Kap. 33)

*Die Stromerzeugung für die Haustelegraphie erfolgte durch Batterien. Nach Wilke „empfiehlt sich als zweckmäßigstes Element für Anlagen dieser Art das Leclanché-Element in seinen verschiedenen Formen.“ (Wilke 1893, S. 474) „Leclanché-Element“ war die Bezeichnung für heute nicht mehr verwendete Nassbatterien.

Abbildungen

Abb. Druckknopf; Außenansicht – Wilke 1893, S. 480
Abb. Druckknopf; Mechanismus – Wilke 1893, S. 481
Abb. Rasselklingel –  Wilke 1893, S. 476

Literatur
Wilke, Arthur [1893]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer
Zetzsche, K. E. (Hrsg.) [1881]: Handbuch der Elektrischen Telegraphie. Bd. 4 Die Elektrischen Telegraphen für besondere Zwecke. Berlin: Verlag von Julius Springer

 

Arnold Böcklin: Der Dichter unter den Malern

Effi fährt mit ihrer Mutter nach Berlin, um die für die Hochzeit notwendigen Einkäufe zu erledigen. Der Vetter Briest besucht mit ihnen bei dieser Gelegenheit die Nationalgalerie, um ihnen Arnold Böcklins Bild „Die Gefilde der Seligen“ (im Roman ist von der „Insel der Seligen“ die Rede) zu zeigen. Das von der Nationalgalerie in Auftrag gegebene Gemälde wurde 1878 kurz ausgestellt, aber aufgrund der öffentlichen Proteste wieder abgehangen. (Die Ausführungen zu Besuch in der Nationalgalerie Ausstellung und zu Arnold Böcklins Gemälde „Gefilde der Seligen“ finden sich im Buch 2. Aufl. auf den Seiten 91 – 97.)

Der Skandal um dieses Bild liegt bereits einige Jahre zurück, als Fontane mit der Arbeit am Roman beginnt. Für die gewachsene Popularität des Malers Arnold Böcklin in der Entstehungszeit des Romans Effi Briest sprechen einerseits das Titelblatt der Leipziger Illustrirten Zeitung vom 8. Februar 1890 und andererseits die (antisemitisch aufgeladene) Karikatur „Wie von Böcklin“ in der satirischen Wochenzeitschrift Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104.

Böcklin Illustrirte Zeitung Februar 1890

Wie von Böcklin.Fliegende Blätter 1890 Nr 2304 S_104

Arnold Böcklin bleibt als Künstler präsent in den illustrierten Zeitschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Für den Maler und Kunstschriftsteller Otto Baisch ist Arnold Böcklin: „eine jener außergewöhnlichen Erscheinungen […], an denen niemand gleichgültig vorübergehen kann, für deren Thun und Treiben vielmehr ihre Gegner trotz alles Scheltens sich kaum weniger lebhaft interessieren als ihre Verehrer; […].“ (Baisch 1884, S. 594) In seiner ausführlichen Würdigung Böcklins in Westermanns Illustierten Deutschen Monatsheften unterscheidet sich sein Urteil über das für die Berliner Nationalgalerie geschaffene Gemälde „Gefilde der Seligen“ deutlich von den ersten Reaktionen im Jahres 1878.

„Entgegen der altherkömmlichen Ansicht, die eine Schönheit im Sinne des Malerischen nur der geschwungenen Linie zuerkannt wissen will, hat Böcklin hier gerade die Durchführung senkrecht aufstrebender Linien gewählt. Man würde zu falschen Schlüssen gelangen, wollte man annehmen, der Künstler habe das infolge einer vernünftelnden Berechnung gethan. Böcklin ist, bei all seiner klassischen Bildung, durch und durch eine Malernatur. Der Hauptsitz seines gestaltungskräftigen Empfindens liegt im Auge. Mit offenem Sinn für jedweden Anschauungseindruck fühlte er sich gelegentlich gefesselt durch die Ausblicke, die sich zwischen den kerzengerade emporgewachsenen Stämmen einer Reihe ziemlich gleichmäßig verteilter Pappeln oder Cypressen erschließen.“ (Baisch 1884, S. 610)

1894,  Böcklin ist inzwischen zum Malerfürsten arriviert, wird das Gemälde „Gefilde der Seligen“,  das 1878 auf Wunsch der Kronprinzessin aus der Nationalgalerie entfernt wurde, in Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift zu den bekanntesten Schöpfungen Böcklins gezählt.

„Prächtig ist die Staffage auf dem letztgenannten Phantasiebilde: […]; die wunderbare Landschaft mit ihren dunklen Baumgruppen und wilden Felsmassen hilft auch hier wesentlich mit zur Erzeugung jener romantischen Gesamtstimmung, durch die sich die Werke Böcklins dem Gedächtnis so unauslöschlich einprägen.“ (Dahms 1894, S. 37)

Schon der 1887 erschienenen 5. Auflage des Baedekers „Berlin und Umgebung“ konnte man entnehmen, dass das Gemälde wieder im Erdgeschoß der Nationalgalerie ausgestellt  wurde. (S. 96)

Abb. Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104

Literatur

Baisch, Otto [1884]: Arnold Böcklin. In: Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte Bd. 56/1884, S. 593 – 611

Dahms, Gustav [1894]: Der Dichter unter den Malern. Der Bazar Nr. 4/1894, S. 37

 

Der Besuch im Nationalpanorama – Effis Begegnung mit einem modernen Massenmedium

Im Nationalpanorama in Berlin wurde von Februar 1881 bis Dezember 1883 der „Sturm auf Saint-Privat“, eine Darstellung der Schlacht von Gravelotte aus dem Krieg 1870/71, gezeigt.  (Im Buch 2. Aufl. dazu „Panoramen als ein fotorealistisches Massenmedien“ auf den Seiten149 – 160.) Auf der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise besucht das Ehepaar Instetten in Begleitung von Vetter Briest dieses Schlachten-Panorama. Bei der Ankunft in Kessin spricht Innstetten Effis Nervosität an, die er u.a. auf den Besuch des St. Privat-Panoramas zurückführt. Die Bemerkung Instettens und Effis Reaktion lässt sich besser einordnen, wenn man einen zeitgenössischen Kommentar zu diesem Rundgemälde hinzuzieht.

Wollten wir über den Eindruck berichten, den die furchtbare Wirklichkeit des Bildes hervorrief, so würden eine Menge individueller Auffassungen zu Tage treten müssen. Eine furchtbare Sache ist es um den Krieg selbst für den Schlachtenbummler, der ihn im Panorama aufsucht.“ (o. V. 1881, S. 197)

Die Schaustellung von Rundgemälden war an sich nicht neu, sondern erfreute sich in Berlin bereits Anfang des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit, war dann aber aus der Mode gekommen. (Deutschen Bauzeitung Nr. 19/1881, S. 115)

Erst im patriotischen Überschwang nach dem Sieg über Frankreich wurden Rundgemälde, die Ereignisse aus diesem Krieg 1870/71 darstellten, in Deutschland noch einmal große Publikumserfolge.

Gerüst Panorama

Neu waren dabei die Anforderungen an die „fotorealistische“ Wiedergabe der Ereignisse. So wird in einem Bericht zur Eröffnung des Nationalpanoramas die realitätsgetreue Wiedergabe des Schlachtfeldes hervorgehoben.„Von großer Wahrheit ist die Ausführung des landschaftlichen Theils, […]. Wer einmal dort gewesen ist, wird auf dem Bilde jede Allee, jeden Weg, jede Bodensenkung oder -erhebung wiedererkennen.“ (1. Beilage der „Berliner Börsen-Zeitung“ Nr. 97 vom 23. Februar 1881, S. 8)

Um diese Realitätsnähe zu erreichen, besuchten die Künstler, die zum Teil schon als künstlerische „Kriegsberichterstatter“ den Feldzug begleitet hatten,  das Schlachtfeld und fotografierten das Terrain. Die anhand dieser Fotografie entwickelten Skizzen wurden auf Glasplatten fotografiert und mit Hilfe der Camera obscura auf die Leinwand im Panoramagebäude projiziert und auf die Leinwand übertragen.  Das Schlachtgeschehen als solches wurde mit Hilfe der offiziellen Kriegstagebücher, privater Aufzeichnungen und der Befragung von Beteiligten rekonstruiert.

Für die reportagehafte Wiedergabe des Geschehens musste der entscheidende Moment des Kampfgeschehens ausgewählt werden. Der „entscheidende Moment“ der Schlacht von Gravelotte aus preußischer Sicht war aber nicht unbedingt der, der den Anteil der sächsischen Regimenter am Sieg ins rechte Licht rückte. Liest man eine Beschreibung des in Berlin ausgestellten Panoramas wird verständlich, warum man in Dresden eine eigene Darstellung des „Sturms auf St. Privat“ in Auftrag gab.

Den Gegenstand des Panoramas bildet bekanntlich der entscheidende Angriff auf St. Privat, welcher am Nachmittage des 18. Augusts das blutige Drama von Gravelotte zu Ende brachte. Ein Haus im Vordergrunde ist ganz von Granaten durchlöchert. Die Löcher dienen den Franzosen, welche das Haus besetzt halten, als Schießscharten, aus denen sie einen verhängnisvollen Kugelregen auf die im Sturmschritt vordringende Preußische Garde eröffnen. Links von diesem Hause schlagen blutrothe Flammen aus einem großen Gehöfte, den Horizont mit schwärzlichem Dampfe verhüllend. Während um das Dorf schon der Einzelkampf wüthet, ziehen von allen Seiten, einen gewaltigen Ring bildend, die Garde-Regimenter heran. Jenseits der sandigen Chaussee, welche nach dem tiefer gelegenen St. Marie aux Chênes führt, sieht man das Kaiserin-Augusta-Regiment und dahinter eine Batterie postirt. Auf der Chaussee traben höhere Stabs-Offiziere. Auf der anderen Seite schließen sich an das zweite Garde-Regiment, das Kaiser Alexander-Regiment, die Garde-Füsiliere und den äußersten Flügel bilden, auf dem Gemälde nur wenig sichtbar, die Sachsen. (1. Beilage der „Berliner Börsen-Zeitung“ Nr. 97 vom 23. Februar 1881, S. 8 – Hervorhebung durch W.-R. Wagner)

a Ueber Land und Ueber Land und Meer Bd 51 1883_1884 S_905Welche Einschränkungen für die Künstler mit der Anforderungen an die „reportagehafte“ Genauigkeit des Ereignisse verbunden waren, geht aus einem Bericht über das „Panorama des Sturmes auf St. Privat in Dresden“ hervor. Über Louis Braun, den Schöpfer des Dresdner Panaromas, heißt es, er habe bereits mit Vorarbeiten zu einem Panorama der Schlacht bei Lützen aus dem 30jährigen Krieg begonnen, „eine solche Aufgabe [muß] für ein warmblütiges, kunstfreudiges Malerherz wie Louis Braun als besonders dankenswerth erscheinen. Und dieß um so mehr, als der Künstler sonst bei der Darstellung seiner Panoramen der Armeerangliste oft mancherlei Zugeständnisse machen muß, so daß oft genug das Kunstwerk, das schließlich aus einer Hand hervorgeht, keineswegs immer daßjenige ist, welches das Ideal seiner Künstlerphantasie gebildet hat, sondern erst die Frucht von mitunter recht schwer geschlossenen und zu Stande gekommenen Kompromissen.“ (Stein 1883/1884, S. 903

Modern sind die Panoramen jedoch nicht nur durch die Darstellungstechniken, die den erhöhten Ansprüchen an Realitätsnähe genügen mussten. Modern sind auch die Geschäftsmodelle, durch die die Realisierung dieser kapitalintensiven Unternehmungen möglich wurde. Hierzu heißt es in einem 1890 veröffentlichten Beitrag zur „Entwicklung der deutschen Panoramamalerei“:

die neueste großartige Entwicklung des Panoramas [ist] bei uns in Deutschland nicht durch die deutsche Schlachtenmalerei, sondern vielmehr, so unangenehm es uns klingen mag, durch das Großkapital und noch dazu durch außerdeutsches Kapital herbeigeführt worden […]. Ein reicher Holländer, ein Herr Diemont aus Arnheim war es, der zuerst dem Gedanken näher trat, durch deutsche Künstler die deutschen Kriegsthaten von 1870/71 im Rundbilde verherrlichen zu lassen. […] War so das erste deutsche Panorama im großen Stile aus der Anregung eines reichen holländischen Privatmannes hervorgegangen, so wurde das zweite, das dem ersten auf dem Fuße folgte, von einer belgischen Aktiengesellschaft, der société anonyme des Panoramas zu Brüssel, ins Leben gerufen: das Panorama der Schlacht von Gravelotte, von den Berliner Malern Hünten und Simmler vortrefflich ausgeführt.“ (Hausmann 1890. S. 258)

Der hohe Kapitaleinsatz erforderte eine Standardisierung der Rundgemälde, die den „sytematischen Panoramen-Austausch“ zwischen den verschiedenen Standorten ermöglichte. (Hausmann 1890,

Deutsches Montagslatt 7. März 1881, S. 7
Deutsches Montagslatt 7. März 1881

UnbenanntSt Privat Wiener Presse vom 14. Dezember 1891, S. 4
Wiener Presse vom 14. Dezember 1891

Die in Wien und Brünn erscheinende Tageszeitung Die Presse meldete im August 1890 aus der „baierischen Hauptstadt„:

„Nachdem die hiesige Panorama-Actien-Gesellschaft das Rundbild ‚Schlacht bei Weißenburg‘ vor einigen Wochen um 85.000 Mark an den Besitzer des Frankfurter Panoramas, den Holländer Diemont, verkauft hat, der die ‚Schlacht bei Sedan‘ von Frankfurt nach Newyork bringen ließ und dieses Bild dafür aufstellt, so ist München gegenwärtig ohne ein solches Rundbild und das für diese Ausstellungen erbaute Haus steht leer. Nach eifrigen Bemühungen um einen Ersatz ist es der Gesellschaft nun gelungen, das Wiener Gemälde: ‚Reise des Kronprinzen Rudolf nach Egypten‘ für eine Miethe von 20.000 Mark auf eine Sommersaison zu erhalten.“ (Die Presse vom 19. März 1890, S. 10)

Abbildungen

Abb. Das Malergerüst im Schlacht-Panorama. In: Die Gartenlaube Nr. 45/1884, S. 740
Abb. Straßenschlacht in St. Privat. Aus dem Dresdner Panorama. Gemalt von Professor  Louis Braun. In: Ueber Land und Meer 1883/1884 Bd. 51, S. 905

Literatur
Hausmann, S. [1890]: Die neueste Entwicklung der deutschen Panoramamalerei. In: Die Kunst für alle H. 17/ Juni 1890. S. 257 – 263
o. V. : Das grosse Panorama [1881]. In: Österreichische Kunst-Chronik vom Nr. 22, 3. März 1881, S. 196 f.
Stein, Philipp [1883/1884]: Das Panorama des Sturmes auf St. Privat in Dresden. In: Ueber Land und Meer 1883/1884 Bd. 51, S. 903

Bismarcks Vorliebe für das Landleben und die Kommunikationsverhältnisse in Varzin

Berichte über Varzin finden sich nicht nur in den illustrierten Familienzeitschriften, sondern der Ort Varzin taucht zu gewissen Zeiten ständig in den aktuellen Meldungen der Tageszeitungen auf. So meldete das Deutsche Montags-Blatt am 2. Juli 1877: „Ueber die Abreise des Reichskanzlers nach Varzin sind definitive Dispositionen noch nicht getroffen; […].“ Oder das Berliner Tageblatt konstatierte im November 1882: „Ueber die Varziner Entrevue zwischen dem Fürsten Bismarck und dem russischen Minister des Aeßeren, Herrn von Giers, schwirren bereits, wie das bei solchen Gelegenheiten immer der Fall zu sein pflegt, gar mannigfaltige Gerüchte umher.“ (S. 2)

Berliner Tgeblatt 22.12.1879 S.3Eine Erklärung für die häufige Erwähnung Varzins in den Tageszeitungen liefert die kritische Anmerkung eines Zentrumsabgeordneten in einer Reichstagsdebatte. Er spricht davon, dass der Reichskanzler die „Gewohnheit“ habe, „vorzugsweise von Varzin aus Deutschland und Preußen zu regieren“. (Reichstagsprotokolle – 10. Sitzung am 26. Januar 1878, S. 226)

Gegen diese Kritik verteidigt der Präsident des Reichskanzleramtes den Reichskanzler mit dem Hinweis, durch „die Abwesenheit des Herrn Reichskanzlers in Friedrichsruhe oder in Varzin [sei] noch keine Vorlage länger als etwa um 24 Stunden verzögert worden“. (Reichstagsprotokolle – 61, Sitzung am 17. Juni 1879, S. 1679)
Dies verweist darauf, dass Bismarck die Regierungsgeschäfte auch über einen längeren Zeitraum aus Varzin wahrnehmen konnte, weil die bestehenden Verkehrs- und Nachrichtenverbindungen dies zuließen. Varzin lag verkehrs- und nachrichtentechnisch – zumindest nachdem der Reichskanzler dort sein Rittergut erworben hat -nicht mehr abgeschnitten in den „caschubischen Bergen“.* Die Poststation im Dorf Varzin „expedirte“ im Jahr 1876 10.428 Telegramme und 6419 „Briefsachen“ kamen dort an bzw. wurden von dort abgeschickt. Direkt in das Arbeitszimmer des Kanzlers liefen „zwei Telegraphendrähte“. (Schlawe 1877, S. 6) Nach der Vorführung des Bellschen Telephons auf Bismarcks Gut wurde in Varzin eine „Telephonstation“ eingerichtet. (Die Gartenlaube H. 50/1877, S. 847) In Hammermühle, in nur sechs Kilometer Entfernung von Varzin, gab es seit 1878 eine Bahnstation und somit eine weitere Zugangsmöglichkeit zum Telegrafennetz. Während seiner Aufenthalte in Varzin konnte Bismarck über diese Bahnstation bis zu zweimal täglich mit Post aus Berlin versorgt werden.
Glaubt man nun aber […], daß Füst Bismarck sich in Varzin der Ruhe gönnt, so irrt man gewaltig, denn im Gegentheil widmet er sich mit großem Eifer der diplomatischen Arbeit. Zweimal täglich trifft von Berlin aus in Varzin eine mächtige verschlossene und versiegelte Mappe mit Aktenstücken und Briefen ein, die, wenn die betreffenden Züge auf der Station in ‚Hammermühle‘ nicht halten, während der Fahrt aus dem Postwagen heraus geworfen und in einem eigends für diesen Zweck hergerichteten Fangapparat aufgefangen werden. Auch der direkte Telegraphendraht von Varzin nach Berlin ist wohl selten in größerer Thätigkeit gewesen, wie gerade jetzt, wo Bismarck scharf von den Türken um seinen gewichtigen Rath in der egyptischen Frage angegangen wird.“ (Deutsches Montags-Blatt 31.07.1882, S. 1)5 Apparat zur Abgabe und Aufnahme von Briefen_Le Génie industriel 1865 Vol XXX Pl 385
Bei dem im Zitat angesprochenen „Fangapparat“ handelt es sich um eine der Vorrichtungen, wie sie zum „Aufnehmen u. Abgeben der Briefbeutel während des Laufes der Bahnzüge“ (Morandière 1863, S. 325 f.) entwickelt wurden.

Die Eisenbahnverbindung zwischen Hinterpommern und Posen spielte auch für die ökonomischen Aktivitäten des Reichskanzlers eine wichtige Rolle. Nachdem sich weder der Export von Holz nach England noch der Betrieb von Glashütten in dieser Gegend als profitabel erwiesen hatten, nutzte Bismarck den Waldbestand und die Wasserkraft in seinem Gutsbereich für die Errichtung von Papiermühlen.
„Die Eisenbahn zwischen Stolp und Rummelsberg, welche 1877 noch im Bau begriffen, jetzt ihre Güterzüge durch das Varziner Gebiet sendet und die Verbindung zwischen Hinterpommern und Posen herzustellen bestimmt ist, hat selbstverständlich den Werth eines Theils der hiesigen Producte durch die Möglichkeit wohlfeiler und rascher Versendung derselben einigermaßen gesteigert, […].“ (Busch 1879, S. 375)

*1859 schreibt Bismarck aus Reinfeld, einem Ort in der Nachbarschaft zu dem später erworbenen Rittergut Varzin, nach Berlin: „Unsere postalischen Beziehungen in den caschubischen Bergen erfreun sich noch nicht derselben Durchbildung wie in den bewohnteren Teilen der Monarchie, und insbesondere besteht für Berliner Briefe die eigentümliche Einrichtung, daß sie in Stolp beinah 24 Stunden ausruhn, bevor sie mit einer Seitenpost für die letzten 4 oder 5 Meilen ihres Weges instradiert werden.“ (Bismarck 2011, S. 58)

Abbildungen
Morandière, M. J. [1863]: Apparate zum Aufnehmen u. Abgeben der Briefbeutel während des Laufes der Bahnzüge. In: Dingler´s Polytechnisches Journal Band 169/1863, Nr. LXXIX S. 325–326

Literatur
Bismarck, Otto von: Bismarcks Briefwechsel mit dem Minister Freiherrn von Schleinitz 1858 – 1861. Reihe Deutsches Reich – Schriften und Diskurs Reichskanzler Bd. I/IV hrsg. von Björn Bedey, Hamburg: Severus Verlag 2011
Busch, Moritz [1879]: Neue Tagebuchblätter des Verfassers von ‚Graf Bismarck und seine Leute‘. Verlag von Fr. Wilh. Grunow
Schlawe, R. [1877]: Von Varzin. In: Deutsches Montagsblatt vom 31. Dez. 1877, S. 6

 

Varzin, Bismarck und die Einführung des Telefons in Deutschland

Im Oktober 1876 führte Graham Bell das von ihm entwickelte Telefon auf der Weltausstellung in Philadelphia öffentlich vor. Praktisch verwendbar wurde Bells Telefon im Laufe des folgenden Jahres. Die ersten verwertbaren Informationen über den Apparat und die damit durchgeführten Versuche erreichten Berlin mit der Ausgabe der Scientific American vom 6. Oktober 1877. Heinrich Stephan, der Generalpostdirektor des Deutschen Reichs, interessierte sich sofort für die neue Erfindung und führte schon am 24. Oktober 1877 die ersten Fernsprechversuche in Berlin durch.* Über diese Versuche berichtete die Berliner Börsen-Zeitung am 8. November 1877.

Seit Montag ist das erste Telephon hier wirklich in Dienst gestellt, und zwar von dem Arbeitszimmer des General-Postmeisters in der Leipziger-Straße zu dem Arbeitszimmer des Directors des General-Telegraphenamts in der Französischenstraße. Die mündliche Verständigung auf der 2 Kilometer langen Drahtleitung ist vollkommen. Der General-Postmeister spricht in das auf seinem Arbeitstische befindliche Instrument, erläßt mündlich Verfügungen und Anfragen, ertheilt mündlich Aufträge und erhält die Berichte und Antworten von dem Director des General-Telegraphenamts, auf dessen Arbeitstisch sich das andere Instrument befindet, ebenfalls auf mündlichem Wege, und zwar unmittelbar, als ob beide Herren sich in ein und demselben Zimmer befänden und mit vollkommener Deutlichkeit, so daß das Ideal der Abkürzung des Geschäftsganges und der Verminderung des Schreibwerks erreicht ist. (Berliner Börsen-Zeitung vom 8. November 1877, S. 5)

In einem Schreiben an den Reichskanzler Bismarck vom 9. November 1877, in dem Heinrich von Stephan die Funktionsweise des Bellschen Telefons beschreibt, sagte er dem Telefon eine „große Zukunft im menschlichen Verkehr“ voraus. (vgl. Grosse 1917, S. 11ff.)[1] Der Reichskanzler Bismarck reagierte prompt und ließ sich schon am 12. November Bells Telefon auf seinem Gut Varzin in Hinterpommern vorführen. Daraufhin wurde, wie in Nummer 50 der Wochenzeitschrift Die Gartenlaube zu lesen ist, in Varzin „eine Telephonstation“ eingerichet. (Die Gartenlaube H. 50/1877, S. 847)

Die lange Abwesenheit Bismarcks während der sogenannten „Kanzlerkrise“ ist Anlass für Karikaturisten, das Thema „Telefon und Bismarck“ aufzugreifen. Die „Kanzlerkrise“ lasse, so ihr Vorschlag, sich doch mit einer telefonischen Verbindung zwischen Berlin und Bismarcks Gut in Varzin lösen.

Parlaments-Telephonie Berliner Wespen Nr. 45_1877 Telefon_Varzin Kladderadatsch Nr_51 1877 S_208 für Blog
Durch das Telephon werden allen Klagen über Abwesenheit und Beurlaubung der Minister ein Ende gemacht. So wie der Ruf nach Bismarck ertönt, antwortet der Betreffende von Varzin aus: „Hier!“ um sofort in die Diskussion einzutreten. (9. Nov. 1877) Das neu erfundene Telephon arbeitet so vortrefflich, daß man beabsichtigen soll, durch dasselbe eine Verbindung zwischen dem Abgeordnetenhause und Varzin herzustellen. Dann gute Nacht, Kanzlersruh. (11. Nov. 1877)

 

*Mit welcher erstaunlichen Schnelligkeit man in Berlin reagierte, wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, dass in dieser Zeit ein Brief von New York nach Berlin 12 Tage unterwegs war. (Grosse 1917, S. 11)

Abbildungen
Abb. Wirkung in die Ferne –  Kladderadatsch Nr. 52/1877, S. 570
Abb. Parlaments-Telephonie – Berliner Wespen Nr. 45/1877

Literatur
Grosse, Oskar [1917]: 40 Jahre Fernsprecher. Stephan – Siemens – Rathenau: Berlin: Verlag von Julius Springer

Signaltelegraphie und Effis Interesse an durchfahrenden Zügen

„Telegraphie im engeren Sinne […] umfaßt die Verkehrstelegraphie, die Haustelegraphie und die Signaltelegraphie, Gebiete, welche sich zwar nicht scharf gegeneinander abgrenzen lassen, aber immerhin eine getrennte Behandlung ermöglichen.“ (Wilke 1893, S. 399)

Alle drei hier genannten Gebiete der Telegrafie tauchen mehr oder weniger prominent im Roman auf. Telegramme werden vor allem benutzt, um den genauen Termin einer Ankunft anzukündigen bzw. eine überraschende Änderung von Reiseplänen mitzuteilen (im Buch S. 48 -50). Auf das Vorhandensein einer elektrischen Hausklingel im Hause des Landrats wird explizit hingewiesen. Aber auch die „Signaltelegraphie“ findet Erwähnung. Nicht unwichtig, dass die Eisenbahn-Telegraphenstationen auch für die Aufgabe privater Telegramme genutzt werden konnten. (Im Buch 2. Aufl. auf den S. 227 – 239)

Die elektrische Telegraphie beim Eisenbahnbetriebe

[Dass] elektrische Telegraphenanlagen für die Eisenbahnen sehr nützlich sein müssen, liegt auf der Hand; und in der That haben auch die Eisenbahnen sich nicht auf das Bestreben allein beschränkt, die Telegraphen, sobald sie nur irgend betriebsfähig schienen, sich dienstbar zu machen, sondern sie vorwiegend haben anfänglich zur Ausbildung und Vervollkommnung der Telegraphen gedrängt. Wurden doch die ersten grösseren Telegraphenanlagen z. Th. ausschließlich für den Dienst der Eisenbahnen hergestellt, und wo dies nicht der Fall war, wurden sie, wie die ersten Staatstelegraphen in Deutschland und Oesterreich, entlang den Bahnen errichtet. (Zetzsche 1881, S. 146 f.)

Als Effi ihren Mann begleitet, der in Vorbereitung der anstehenden Wahlen den Gastwirt Eisenbahnläutewerke nach schwed Ausgabe von Wilke 1897 S. 465Golchowski besucht, meldet „die von der Bahn herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug“. Es handelt sich um die Durchfahrt des Schnellzugs nach Danzig. Effi, die von sich sagt, dass sie gerne Züge sieht, steigt mit ihrem Mann und dem Gastwirt den Damm hinauf zum Wärterhaus 417. „Der Bahnwärter stand schon da, die Fahne in der Hand.“ (Kap. 11) Als Effi nach Berlin fährt, um den Umzug durch die Wohnungssuche vorzubereiten, wird noch einmal auf die Signaltelegraphie Bezug genommen. Es heißt dort: „Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; […].“ (Kap. 22)

Die durchlaufenden Liniensignale. Wie der Leser weiß, sind an unsern Bahnen, wenigstens an den Vollbahnen, Bahnwärter bestellt, welche je ein Stück der Bahnstrecke zu überwachen, für die Sicherheit dieselben zu sorgen, die Übergänge zu öffnen und zu verschließen und mehr dergleichen für die Sicherheit und Erhaltung bestimmte Verrichtungen zu thun haben. Diese Wärter müssen nun von dem wichtigsten Vorgang auf der Bahn, von dem herannahenden Zuge benachrichtigt werden, und hierfür dienen die Liniensignale, für welche man außer dem bekannten Signalmast auch ein hörbares Zeichen, das Anschlagen einer Glocke verwendet, Für dieses letztere wird der elektrische Strom verwendet, welcher, von der signalgebenden Station ausgeschickt, die bei oder auf den Wärterbuden stehenden Glocken zum Ertönen bringt. (Wilke 1893, S. 494)

Die elektrischen Sicherheitseinrichtungen „stellen für sich allein schon Errungenschaften dar, deren Wert für Leben, Gesundheit und Besitz man nicht übersehen kann.“ (Wilke 1893, S. 7) Warum dies so ist, wird deutlich, wenn man in der Einleitung eines Berichts über einen folgenschweren Eisenbahnunfall liest: „‘Eisenbahnunfälle‘ sind eine so häufig wiederkehrende Rubrik unserer Zeitungen, daß ein derartiges Ereigniß schon einen ungewöhnlichen Umfang angenommen haben muß, um den Inhaber eines Jahresbillets aus der vornehmen Gleichgültigkeit aufzuschrecken, mit er liest, daß wieder einmal ein Güterzüge aufeinandergestoßen, aber glücklicherweise nur ein Locomotivführer und ein Heizer um’s Leben gekommen oder zu Krüppeln geworden sind, […]. (Die Gartenlaube H. 42/1874 S. 686)

Damit macht die Erwähnung der Signaltelegraphie Sinn, wenn es um Ausmalen des zeitgenössischen Hintergrundes geht, vor dem die Handlung des Romans spielt. Mit Blick auf die Erregung und Sehnsucht, von der Effi beim Anblick durchfahrender Züge ergriffen wird, geht es aber um mehr. Es geht um das veränderte Erleben von Raum und Zeit durch die Beschleunigung der Verkehrsmittel (im Buch dazu S. 24f.).

Effis Faszination von Zügen zeigt sich auch in der letzten Phase ihres Lebens. Nach ihrer Rückkehr auf das elterlich Gut wählt sie bei ihren täglichen Spaziergängen einen Rastplatz, „von dem aus sie das Treiben auf dem Bahndamm verfolgen konnte; Züge kamen und gingen, und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen Augenblick wie deckten und dann nach links und rechts hin wieder auseinandergingen, bis sie hinter Dorf und Wäldchen verschwanden.“ Kap. 36)

Abb. Eisenbahnläutewerk – hier nach schwedischer Ausgabe von Wilke 1897, S. 465

Literatur
Wilke, Arthur [1893]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer

Zetzsche, K. E. (Hrsg.) [1881]: Handbuch der Elektrischen Telegraphie. Bd. 4 Die Elektrischen Telegraphen für besondere Zwecke. Berlin: Verlag von Julius Springer

Ein Beitrag zur Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Effi Deutsche Rundschau1894

1887 erscheint in der Zeitschrift Die Grenzboten eine Rezension des Romans Cécile von Theodor Fontane. Es heißt dort, Fontane erfülle der Gedanke, „die deutsche Reichshauptstadt zum Unter- und Hintergrunde von poetischen Darstellungen zu benutzen, und ohne den französischen Naturalisten näher verwandt zu sein, empfindet er den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist.
In seinem Roman Effi Briest benutzt Fontane zwar nicht die deutsche Reichshauptstadt zum „Unter- und Hintergrund [seiner] poetischen Darstellungen“, aber die Einschätzung er empfände „den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist“, trifft auf diesen Roman vielleicht noch in stärkerem Maße zu. Der „Boden“, auf dem sich der Dichter hier bewegt, ist seiner Leserschaft offensichtlich so vertraut, dass er sich auf beiläufige Anspielungen und stenografisch verkürzte Hinweise beschränken konnte.
Fontanes zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an Japan speiste, u.a. aus Berichten über die 1885 in Berlin eröffnete und danach auch in München gezeigte Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“.
An Effis Polterabend wird ein „Lebendes Bild“ aufgeführt. Voraussetzung für die Popularität dieser Unterhaltungsform waren die Zugriffsmöglichkeiten auf Bilder, wie sie durch die „optische Revolution“ oder mit den Worten eines Zeitgenossen – durch die „Wiedergeburt der graphischen Künste“ – eröffnet wurden.
Instettens werden nach ihrer Hochzeitsreise am Bahnhof abgeholt. Auf dem Weg nach Kessin wird beiläufig der Ort „Varzin“ erwähnt. Erklärungen erübrigen sich für die zeitgenössische Leserschaft. Wie es in einem Bericht über Varzin heißt, sei dieser Name „seit 1867 tausendfach in Wort und Schrift wiederholt und in aller Munde gewesen“.
Bei einem späteren Besuch des Ehepaars in dieser Gegend ist von Bismarck als „Papiermüller“ die Rede. Dem Publikum der illustrierten Zeitschriften war bekannt, dass die auf Bismarcks Gut betriebenen Papierfabriken „reichen Ertrag abwerfen. Wer die Wochen- und Monatszeitschriften las, wusste, welcher Zusammenhang zwischen der Erfindung des Holzschliffs, den Papiermühlen und dem „kulturfördernden Rückgang der Papierpreise“ bestand.
Durch Fontanes literarisches Spiel mit den Wissensbeständen, die seiner zeitgenössischen Leserschaft vertraut sind, lässt sich die Handlung des Romans einem eingrenzbaren Zeitraum zuordnen. Eine Analyse dieser kollektiven Wissensbestände erschließt, welche Informationen und Themen und welche Bewertungen und Bilder zur Entwicklung der Kommunikations- und Medienkultur über die populären Medien transportiert wurden.
Nicht zuletzt wird durch eine von den Anspielungen im Roman ausgehende Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur deutlich, dass die Moderne früher begonnen hat, als dies aus heutiger Perspektive der Fall zu sein scheint. Ein Beispiel hierfür liefert das Gedicht, das Effi zitiert, um sich gegen die Verführungskünste des Majors von Crampas zu wappnen. Unter dem Titel „Draus bei Schleswig vor der Pforte“ findet sich dieses Gedicht in der Kleinen Missionsharfe, einer Liedersammlung, die im 19. Jahrhundert über zwei Millionen Mal verkauft und zum ersten Bestseller des Bertelsmann Verlages wurde.
In der eingangs zitierten Rezension des Romans Cécile heißt es, dass sich „ein Dichter wie Theodor Fontane nicht darüber täuschen kann, daß alles, was an Wirkungen der Lokalschilderung, der gesellschaftlichen Atmosphäre gewonnen wird, verhältnismäßig wenig bedeuten will gegenüber der Stärke der Motive und der unmittelbaren Darstellung der in allen Wandlungen und Spielarten sich gleich bleibenden Menschennatur“.
Das verweist darauf, welchen begrenzten Beitrag eine Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur ausgehend von den Anspielungen und Hinweisen in Effi Briest für das Verständnis des Romans selbst leisten kann. Aufschlüsse liefert eine solche Rekonstruktion jedoch für Fontanes Erzählhaltung und die Verortung seiner literarischen Produktion in der Medienkultur des 19. Jahrhunderts.

Fortschrittsglaube, Angst um Arbeitsplätze und ein Schuss Kulturpessimismus

Die Entwicklung der Massenmedien befördert „kulturelle Differenzierungsprozesse“ (vgl. Lübbe 1994 S. 317). So kann Fontane, um das Milieu zu charakterisieren, dem einzelne Personen in Effi Briest zuzurechnen sind, ihre Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre heranziehen.
Dies gilt nicht nur für den Vetter Briest, der bei seinem ersten Auftreten als „ein ungemein ausgelassener ,junger Leutnant, der die ‚Fliegenden Blätter‘ hielt und über die besten Witze Buch führte“, beschrieben wird.
Vom Apotheker Gieshübler heißt es, er sei „Schöngeist und Original“, der „neben allem anderen, auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser [war], ganz zu geschweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand“. Auch Effis Ehemann und ihr Vater werden als Zeitungsleser vorgestellt, deren Zeitungslektüre in Alltagsroutinen eingebettet ist und ihren Alltag strukturiert.
Effi scheint dagegen in Kessin lieber zu den Modezeitungen zu greifen, um sich von ihren Sorgen abzulenken, als zu den Zeitungen und Journalen, die ihr der Apotheker Grieshübler regelmäßig – mit Anmerkungen und Lesehilfen versehen – zuschickt.

Aus dieser Perspektive wird es verständlich, dass in der zeitgenössischen Diskussion  Erfindungen wie die der Schnellpresse eine hohe Bedeutung für die „civilisirte Menschenheit“ zugesprochen wird, zumal es sich hier um die erste technische Innovation des Buchdrucks seit der Erfindung der Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts handelt.

Rotations-Buchdruckmaschine
Rotations-Buchdruckmaschine

Friedrich König, der Erfinder der Schnellpresse, ein „Wohlthäter der Menschheit“
Mit der stetig wachsenden Vervollkommnung in Construction der modernen Rotationsschnellpressen […] mit den Fortschritten der Rundstereotypie, mit der in erfreulicher Weise verbesserten Qualität der für Rotationsdruck benöthigten Materialien (Rollenpapier, Farbe, Walzenmasse u. dgl.) und nicht zum wenigsten mit dem Lesebedürfnisse der civilisirten Menschheit wächst naturgemäß die Anwendbarkeit und Einführung der Rotationsschnellpressen, welche bei Massenproduction nicht nur billigst, sondern auch schnellstens und gut jede Druckarbeit – sei dieselbe eine ordinäre Zeitung, ein Werk oder ein fein illustrirtes Journal – zu liefern im Stande sind.“ (Anonymus 1883, S. 318)

„Wer endlich wollte den Einfluß ermessen und in Zahlen ausdrücken, welchen die König Schnellpresse Goebel 1883gewaltig erhöhte Leichtigkeit und Schnelligkeit des Druckes auf Verbreitung der Bildung unter allen Klassen des Volkes, unter Hoch und Niedrig und in allen Verhältnissen des gesellschaftlichen und politischen Lebens gehabt hat und noch täglich hat in stets wachsender Progression? Die Grenzen dieses Einflusses sind ganz unabsehbar und unberechenbar; eines aber ist für jedes Auge zu erkennen und steht unumstößlich fest: daß Friedrich Koenig’s große Erfindung der Druckmaschine den Grund- und Eckstein dieses Einflusses bildet, daß er ihre direkte Folge war und auf ihr ruht. Durch seine Erfindung wurde Koenig zu einem der größten Wohlthäter der Menschheit. Sein Name wird daher auch stets glänzen inmitten der Namen aller großen Erfinder, neben den Wohlthätern aller Nationen. – Ehre seinem Andenken!“ (Anonymus 1883, S. 318)

Nicht nur  im Polytechnischen Journal, sondern auch in der Famlienzeitschrift Die Gartenlaube erschien 1883 anläßlich des 50. Todestags von Friedrich König ein Beitrag, um  das „Leben und Wirken dieses Wohlthäters der Menschheit wieder in’s Gedächtnis zu rufen“.

„Die Verdienste, welche Friedrich Koenig sich durch die Erfindung der ‚Schnellpresse‘ um das geistige, gesellschaftliche und geschäftliche Leben der ganzen civilisirten Welt erworben hat, sind jedoch bis jetzt nur in dem Kreise der Drucker gewürdigt worden, während dem größten Theil unseres Volks die eigentliche Bedeutung und Tragweite dieser Erfindung noch völlig unbekannt geblieben ist. Man weiß nicht, wie schwerfällig vorher die Herstellung eines Druckes war, wie wenig die fleißigsten Arbeiter an einem Tage vollenden konnten, wie theuer deshalb die Bücher und Zeitungen waren und wie sehr dies ihrer Verbreitung und, damit der ganzen Bildungs- und Geschäftsforderung im Wege stand. Jetzt aber, wo man gewöhnt ist, seine sauber gedruckten Bücher für Schule und Haus, seine Unterhaltungsliteratur und Prachtwerke billig zu kaufen, sein Geschäfts- oder politisches Blatt mit unfehlbarer Regelmäßigkeit auf dem Frühstückstische liegen zu sehen, vergißt man darnach zu fragen, wem man denn eigentlich all diese Wohlthaten und Annehmlichkeiten verdankt.“ (Goebel 1883a, S. 30f.)

Die Angst der Drucker um ihre Arbeitsplätze
Am 29. November 1814 „konnte die ‚Times‘ der Welt verkünden, daß sie zum ersten Male auf Druckmaschinen mit einer Schnelligkeit von 1100 Drucken in der Stunde (vorher eine Tagesarbeit) hergestellt worden sei. Bei Bau und Aufstellung derselben aber hatte mit größter Heimlichkeit vorgegangen werden müssen, um Gewaltthätigkeiten seitens der Drucker, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen, zu verhüten.“ (Goebel 1883a, S. 31)

Während Friedrich Koenig die französische Julirevolution begüßte, in der er auch „eine bessere Zeit erblicken zu sollen meinte für die Buch- und Zeitungsdrucker“, benutzten die Arbeiter in Paris „jedoch die Freiheit, um in verblendetem Wahne die Druckmaschinen, sowohl die Koenig’schen, wie die aus England gekommenen, zu zerschlagen, und daß nicht auch in Leipzig Gleiches geschah, verdankte man nur der Ruhe und Geistesgegenwart des Chefs der Firma F. A. Brockhaus, Herrn Friedrich Brockhaus, welcher damals der einzige Besitzer von Schnellpressen in der Metropole des deutschen Buchhandles war.
Damit war der Aufschwung, den die Druckmaschinenfabrikation in Deutschland genommen, mit einem Schlage vernichtet; Niemand wollte noch fernerhin ein Werkzeug anschaffen, hinsichtlich dessen man in Bezug auf den von ihm gewährten Vortheil noch nicht alle Zweifel überwunden hatte, dessen Besitz jedoch zu Collisionen mit aufgeregten Arbeitermassen führen konnte.“ (Goebel 1883a, S. 34)

Titelvignette Vorwärts 17. Jänner 1873Fortschrittsrhetorik in einer Zeitung der Gewerkschaft Druck und Papier
Die Druckerei der österreichischen Zeitung Die Presse erhält 1873 den Auftrag, den Katalog für die in Wien stattfindende Weltaustellung zu drucken. Aus diesem Anlaß erscheint in der Zeitschrift der Gewerkschaft Druck und Papier ein Artikel über die Leistungsfähigkeit der  von der Druckerei neu angeschafften Walterpressen – so benannt nach dem Besitzer der Times, der die Konstruktion der neuen Maschinen finanziert hatte.
„Die neuen ‚Walter-Maschinen‘ werden der Druckerei der ‚Presse‘ auch Gelegenheit geben, sich in der hervorragendsten Weise an der Weltausstellung zu betheiligen. Es ist ihr bekanntlich von der General-Direction der Weltausstellung der Druck des officiellen Katalogs derselben übertragen worden – eine typographische Arbeit von so colossalem Umfange, daß deren Bewältigung gegenwärtig auf dem ganzen Continente nur der Druckerei der ‚Presse‘ mit ihren neuen Maschinen möglich ist. Der Katalog wird hundert Bogen stark sein und seine Auflage ist zunächst auf eine halbe Millionen Exemplare festgesetzt. Hierzu ist demnach ein Papierquantum von fünfzig Bogen oder hunderttausend Rieß erforderlich. Um sich von dieser Papiermasse einen anschaulichen Begriff machen zu können, sei constatirt, daß die aneinandergereihten Medianbögen über Rußland, Asien und den stillen Ocean bis nach Mexiko reichen würden. Uebereinander geschichtet, hätten diese Bogen eine Höhe, welche achtunddreißigmal so hoch wären als jene des Stephansthurmes. Um diese Masse Papier zu bedrucken, müßte eine gewöhnliche Schnellpresse bei unausgesetzter, täglich vierundzwanzigstündiger Thätigkeit elf Jahre und sieben Monate fortarbeiten, während die beiden ‚Walter-Pressen‘ dieselbe Arbeit neben dem täglichen Drucke der ‚Presse‘ mit Leichtigkeit in vier Wochen liefern und also in dieser Zeit ebensoviel wie 192 Schnellpressen leisten werden. Der amtliche Katalog der Wiener Weltausstellung wird daher zugleich das Ausstellungs-Object der ‚Presse‘ sein und als solches die stärkste, bisher unerreichte Leistung der typographischen Technik und deren größte Vervollkommnung und Vollendung repräsentieren.“ (Die Walter-Presse 1873, S. 2)

Die Erfindung der Schnellpresse gereichte „Arbeitern und Arbeit zum Segen“
„Hatte man einst gegen [die Erfindung der Schnellpresse] den Vorwurf erhoben, dass sie die Pressedrucker brodlos mache und der Noth preisgebe, […] so haben die Thatsachen und namentlich die ungeheure Zunahme dieses Bedürfnisses solchen Vorwurf in schlagendster und überzeugendster Weise widerlegt. Denn wer zählt die Tausende der Arbeiter, die heute allein im Schnellpressenbau beschäftigt sind, wer die Tausende der Maschinenmeister, d. h. der intelligenten Leiter dieser Schnellpressen, die jenes durstige Geschlecht der Massendrucker ersetzt haben, welches Gutenbergs Kunst nicht immer zur Ehre gereichte? An der Schnellpresse, von der man heute die vollendetsten typographischen Leistungen verlangt, wie man sie zur Zeit ihrer Erfindung selbst nicht als auf der Handpresse erreichbar gehalten hätte, haben sich viele ihrer Leiter, indem sie zugleich eine lohnende Existenz fanden, zu wahren Künstlern herangebildet, der Buchdruck ist wieder eine Kunst geworden, dank dem Einflusse der Erfindung Koenigs, die somit Arbeitern und Arbeit zum Segen gereicht.“ (Goebel 1883b, 278f.)

Zeitungslektüre als Nervengift
Unsere Nerven Fliegende Blätter 1888 Nr 2240 S_6
Wenn wir morgens uns erheben,
Schon beginnt der Nerven Pein,
Und mit Schrecken und mit Beben
Nehmen wir das ‚Tagblatt‘ ein.

Selbstmord, Brände, Zugentgleisung,
Raub und Diebstahl, Unglücksschlag,
Bringt zu unsrer Nerven Speisung
Uns die Presse jeden Tag.

Und der Wust polit’scher Dinge!
Wiederkehren jedes Jahr
Auf Bestellung fast im Ringe
Cholera und Kriegsgefahr.

Auf den Straßen, welch‘ Gedränge,
Welch Getümmel und Geschrei!
Tramwaywagen, Menschenmenge,
Omnibus und Polizei.
von Miris 1888 (Unsere Nerven – Auszug)

Lesezirkel IZ 2164_1884_S_620

Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt
Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt uns gewissermaßen, und die Zeitschriften, Journale und Monatsschriften, die auch die Sammellektüre kultivieren, tragen weiter dazu bei, daß wir vieles in uns aufnehmen ohne ernsteren Nutzen. Die raffinierte Geschäftsspekulation hat sich sogar nicht begnügt mit diesem Sammelsurium der gebotenen Lektüre und hat das Monstrum Lesezirkel erfunden. In einem solchen famosen Institut werden 10 bis 20 Romane nebeneinander in ‚Fortsetzungen‘ verzapft. 30 verschiedene wissenschaftliche Fragen angeschnitten und ebensoviele, deren Anfang man sich noch erinnert, vor einigen Wochen gelesen zu haben, zu Ende geführt. Der Wert eines solchen Lesezirkels kann einzig nur in den Illustrationen gesucht werden, die die großen Blätter bieten, und außerdem in den der heiteren Muse gewidmeten Witzblättern. Ein ernste Lektüre in diesem mit pedantischer Pünktlichkeit kommenden und gehenden Litteraturwust zu suchen, soll keinem einfallen, […]. (Hamann 1899, S. 63)

Abbildung
Abb. Rotations-Buchdruckmaschine mit Falzapparat konstruiert für den Druck von Meyers Konversationslexikon – Meyers Konversations-Lexikon Bd. 14/1878
Abb. Friedrich König – Goebel 1883b
Abb. Unsere Nerven – Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6
Abb. Fritz Borstell’s Lesezirkel – Illustrirte Zeitung Nr. 2164/1884, S. 620

Literatur
Anonymus [1883]: Ueber die Verbreitung der Rotationsschnellpressen in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, sowie über den Erfinder der Schnellpresse. In: Polytechnisches Journal Band 249/1883, Miszelle 1, S. 316–318
Die Walter-Presse. In: Vorwärts. Organ der Gewerkschaft Druck und Papier, Wien 17. Januar  1873, S. 1 – 2
Goebel, Theodor [1883a]: Friedrich König, der Erfinder der „Schnellpresse“. In: Die Gartenlaube H. 2/1883, S. 30–35
– ders.: [1883b]: Friedrich König und die Erfindung der Schnellpresse: ein biographisches       Denkmal. Stuttgart: Kröner
Hamann, Ludwig [1899]: Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. Leipzig: Verlag von Ludwig Hamann
Lübbe, Hermann [1994]: Mediennutzungsethik. Medienkonsum als moralische Herausforderung. In: Hilmar Hoffmann, Hrsg.: Gestern begann die Zukunft. Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung der Medienvielfalt. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellschaft, S. 313 – 318.
von Miris [1888]: Unsere Nerven. In: Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6f.

 

„Ein Schritt vom Wege“ – Fontanes Spiel mit den Wissensbeständen seiner Leserschaft

Ernst Wichert Bazar Nr 10_1891 S. 96 grauIm Roman Effi Briest wird Ernst Wicherts Lustspiel „Ein Schritt vom Wege“ kurz vor Weihnachten am „Theaterabend in der Ressource“ aufgeführt. Major von Crampas führte Regie. Effi hatte die Hauptrolle übernommen. Für die Entwicklung der Affäre zwischen Effi und dem Major von Crampas spielte diese Liebhaberaufführung eine entscheidende Rolle.

Im Roman ist dreimal von dem Stück „Ein Schritt vom Wege“ und einmal davon die Rede, dass der Dichter ein Kammergerichtspräsident aus Königsberg sei. (Im Buch 2. Aufl. dazu Näheres auf den Seiten 192 – 196.)

„Nach einem Crampasschen Plane nämlich sollte noch vor Weihnachten ‚Ein Schritt vom Wege‘ aufgeführt werden, […].“ (Kap. 18)

„Der ‚Schritt vom Wege‘ kam wirklich zustande, und gerade weil man nur noch gute vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging vorzüglich; […].“ (Kap. 18)

„‘Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich habe mich amüsiert über das hübsche Stück. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat, eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus Königsberg. (Kap. 18)

„Die Lampe kam auch. In dem grauen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale mit Photographien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, damals, als man den Wichertschen ‚Schritt vom Wege‘ aufgeführt hatte, für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren.“ (Kap. 27) *

Ein Schritt vom Wege_Scan Theaterzettel Ein Schritt vom Wege

Ernst Wichert, Kammergerichtsrat in Königsberg, zählte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu den populären Autoren.  Sein Lustspiel „Ein Schritt vom Wege“ wurde 1871 am Stadttheater in Königsberg uraufgeführt. 1894 erscheinen die ersten Folgen von Effi Briest in der Deutschen Rundschau. Fast 25 Jahre nach der Uraufführung des Stückes kann sich Fontane darauf verlassen, dass kurze Erwähnungen des Stückes und des Namens seines Autors bzw. seiner Funktion als Kammergerichtsrat ausreichen, um bei seiner Leserschaft auf Resonanz zu stoßen. Dass dies so war, dafür spricht die ungebrochene Präsenz Ernst Wicherts in Zeitschriften.

Anlässlich seines 60. Geburtstage liest man in einer Würdigung Ernst Wicherts in der illustrierten Damen-Zeitung Der Bazar,

wer endlich erinnert sich nicht gern und mit fortwirkendem Wohlgefühl jener graziösen Lustspiele „Ein Narr des Glückes“, „Ein Schritt vom Wege“ […] und so vieler anderer, mit denen uns der Dichter, zum Teil in sorgenvoller Zeit, über die lastenden Kümmernisse des Tages mit liebenswürdigem Lächeln hinweg führte!“ (Der Bazar Nr. 10/1891, S. 96)

Zum selben Anlass veröffentlicht Gustav Dahms in der Zeitschrift Ueber Land und Meer einen Bericht über Ernst Wichert Über Land und Meer Nr_24 1890_91 S_24einen Besuch bei Ernst Wichert. Mit Blick auf das Bücherregal in dessen Arbeitszimmer schreibt Dahms:

In vier stattlichen Reihen stehen seine Dichtungen in dem Bücherregal vor mir. Dort die lange Reihe jener eigenartigen historischen Romane, durch welche der Dichter weitere Kreise auf die hohe geschichtliche Bedeutung Altpreußens aufmerksam gemacht hat, […]. Endlich alle seine kleineren oder größeren Bühnenwerke, deren Anzahl geradezu erstaunlich ist. Wenn auch ein Teil derselben von der Bühne schneller Abschied genommen hat, als es wohl wünschenswert gewesen wäre, so ist doch die Zahl derjenigen Dichtungen, auf deren glänzende und nachhaltige Erfolge Wichert mit stolzer Freude zurückblicken darf, recht ansehnlich, so vor allem sein Meisterwerk: ‚Ein Schritt vom Wege‘, das sich schon zwei Jahrzehnte lang mit ungewöhnlichem Erfolg auf dem Spielplan unserer Bühnen behauptet; […]. (Dahms 1890/91, S. 510)

*Auch im Roman Frau Jenny Treibel nimmt Fontane Bezug auf Wicherts Lustspiel:

„Diese Treibelei war ein Irrtum, ein ‚Schritt vom Wege‘, wie jetzt, wie du wissen wirst, auch ein Lustspiel heißt, noch dazu von einem Kammergerichtsrat. Das Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das Literarische macht frei…“  (Kap. 16)

Abbildungen

Abb. Ernst Wichert – Der Bazar Nr. 10/1891, S. 96

Abb. Ein Schritt vom Wege. Bühnen-Manuskript – Königsberg 1871

Abb. Theaterzettel „Ein Schritt vom Wege“ – Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar. Kunst und Wissenschaft – Hofwesen.

Abb. Ernst Wichert vor seinem Bücherregal – Ueber Land und Meer Nr. 24 1890/91, S. 505

Literatur

Dahms, Gustav: Ein Besuch bei Ernst Wichert. In: Ueber Land und Meer. Deutsche Illustrirte Zeitung 1890/91 Nr. 24, S. 510f.