Ein Blog zum Buch

Titelbildneu

Worum geht es im Buch? Eine genaue Lektüre von Effi Briest verweist darauf, dass die Moderne früher begonnen hat, als dies aus heutiger Perspektive der Fall zu sein scheint. Da sich der kulturkritische Diskurs zumeist auf die aktuellen Medien konzentriert, kann die Entfaltung einer historischen Perspektive die Diskussion über Medien versachlichen. Nicht zuletzt macht diese Lesart des Romans darauf aufmerksam, wie fragwürdig ein verklärender Blick auf die Kommunikationsverhältnisse der Vergangenheit ist.

 Warum ein Blog zum Buch? Ein Blog eröffnet SPIELRÄUME. Manche Ergänzungen, die Sinn machen, hatten im Buch keinen Platz. Auf manche Hinweise und Belege bin ich erst später gestoßen. Und Neues wird immer wieder dazukommen – hoffe ich!

Effi Briest träumt von einem japanischen Bettschirm, „schwarz und goldene Vögel darauf.“ (Kap. 4) Der zeitgenössischen Leserschaft musste nicht erklärt werden, wieso die Tochter eines Rittergutbesitzers aus der Mark Brandenburg auf solche Wünsche verfällt. Effi bewegte sich damit auf der Höhe des modischen Zeitgeschmacks. Ein Indiz hierfür, die ausführliche Berichterstattung in den Medien über eine im Juni 1885 im Berliner Hygiene-Park eröffnete Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“. Nach einer Notiz am 7. Juli 1885 im Berliner Tageblatt hatten in den ersten vierzehn Tagen nach der Eröffnung schon 200.000 Personen das „Japanische Dorf“ besucht. Wenige Wochen später wird diese Ausstellung mit vergleichbarer Resonanz in München gezeigt. Durch eine Fülle derartiger Hinweisen und Anspielungen wird Fontanes Roman zu einem „Zeitbild“, das Einblicke in die Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffnet.

Fontane konnte sich dabei auf Anspielungen und „stenographischen Abkürzung“ (Demetz 1964, S. 117) beschränken, da sich diese für das Publikum der auflagenstarken illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften sofort erschlossen.

Zur Rekonstruktion des Romans als „Zeitbild“ werden auch im Blog vor allem (zum Teil ausführlich zitierte) zeitgenössische Kommentare, Berichte, Meldungen und Nachrichten herangezogen.

Abb. Wand eines sechsteiligen Klappschirms mit Darstellungen der Jahreszeiten in blühenden Stauden (ca- 1700) – Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung, S. 102

Abbildung in der Kopfzeile: Ausschnitt aus einer Anzeige „Bad Ems – Eröffnung der Saison am 1. Mai“. In: Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen. Nr. 2231/1886, S. 320

Literatur
Berliner Tageblatt vom 7. Juli 1885, S. 5

Demetz, Peter [1964]: Formen des Realismus: Theodor Fontane. Kritische Untersuchungen. München: Hanser

 

 

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Japanische Bettschirme und die große Weltpolitik

Das modische Interesse am Orient reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Durch die Preußische Ostasienexpedition 1864.pngWeltausstellungen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Trend zum „Exotismus“ nur verstärkt und popularisiert. (Die Ausführungen zu „Effis modische Schwäche für den Orient“ finden sich im Buch auf den Seiten 17 – 20.) Für die Außendarstellung des kaiserlichen Japans stellte dabei die Wiener Weltausstellung des Jahres 1873 die eigentliche Premiere dar. „Für den Transport der Exponate und der über 80-köpfigen Delegation aus Diplomaten, Ingenieuren, Kunsthandwerkern und Gehilfen bedurfte es zweier Dampfschiffe; […].“ (Rees 2015, S. 212)

Das verspätete Auftreten Japans auf der europäischen Bühne hängt mit der zweihundert Jahre langen Isolation des Landes zusammen. Auf die politischen Veränderungen, die zur Öffnung des Landes führten, wird in der Einleitung des Berichts über die von 1859 bis 1862 von der Preußischen Marine durchgeführte Ostasien-Expedition Bezug genommen.

„In Japan, das sich seit zweihundert Jahren allem Verkehr mit fremden Nationen verschlossen hatte, brachen 1854 Amerika und Russland die Bahn; gleich darauf schlossen auch England, Frankreich und Holland dort Freundschafts- und Schiffahrtsverträge. In kurzen Jahren fiel eine Schranke nach der anderen, und schon 1858 erlangten alle in Ost-Asien vertretenen Mächte unter dem Einfluss der englisch-französischen Siege in China Handelstractate, die mehrere Häfen des entlegenen Inselreiches dem freien Geschäftsverkehr dieser Nationen öffneten, ihnen das Recht der diplomatische Vertretung und des ausgedehntesten Schutzes ihrer Unterthanen in allen rechtmässigen Ansprüchen gesitteter Völker verliehen.“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. IX)

Wie fremd und unbekannt das Land für Europäer war, wird in dem bereits zitierten Bericht über die Preussische Expedition nach Ost-Asien deutlich. Die Verfasser hielten es für notwendig, dem Bericht „Einleitendes zum Verständnis der japanischen Zustände“ vorauszuschicken.
„Ihre ganze Gesittung ist von der unseren so grundverschieden, dass der Europäer sich dort auf ein anderes Gestirn versetzt glaubt. Japan hinterlässt dem flüchtig Reisenden den Eindruck eines bunten Bilderbuches voll wunderlicher Scenen ohne Text […].“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. 3)
Das durch die Wiener Weltausstellung geweckte Interesse an japanischer Kunst und japanischen Kunsthandwerk führt in der Folgezeit zu einer Reihe von Ausstellungen. So eröffnete im Juni 1885 im Hygiene-Park in Berlin eine Japanische Ausstellung. Von Berlin aus zog die Ausstellung weiter nach München.

MOntagszeitung Japanische Ausstellung

„Ueber zwölf Jahre ist es her, seit Berlin die erste größere selbständige Ausstellung japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse, damals in den noch sehr bescheidenen Räumen des ‚Deutschen Gewerbemuseums‘, gesehen hat, und es wird noch frisch in der Erinnerung Vieler sein, welche helle Begeisterung die kleine, aber gewählte Sammlung erregte. Was dann zwischendurch die Weltausstellungen gezeigt haben und der Handelsverkehr uns an japanischen Waaren zugeführt hat, konnte nur dazu dienen, einer neuen japanische Ausstellung von vornherein eine günstige Aufnahme zu sichern. Der vor acht Tagen in dem Gebäude des Hygiene-Parks eröffneten Ausstellung waren vollends so vielversprechende Ankündigungen voraufgegangen, daß die Erwartungen sehr hoch gespannt werden mußten. Und in der That ist der Eindruck derselben ein sehr origineller. Eine Anzahl von kleinen Hütten vergegenwärtigt, wenn auch nicht

Japanische Ausstelung Deutsches Montags-Blatt 30_07_1885 S_7
Deutsches Montags-Blatt 30. Juli 1885, S. 7

vollständig und genau oder gar in erschöpfender Verschiedenartigkeit die japanische Wohnhausarchitektur, so doch manche charakteristische Eigenthümlichkeit derselben, welche den Anstrich des Fremdartigen geben; und diese bauliche Anlage, bevölkert von einer erheblichen Anzahl japanesischer Männer, Weiber und Kinder, bildet eine Szenerie, in welcher sich die Kunstthätigkeit der Menschen und die Schöpfungen ihrer Hände zu einem eindrucksvollen Ganzen zusammenschließen.“ (Meyer 1885, S. 5)

Bei diesem Japanischen Dorf handelte es sich um eine der Völkerschauen, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode kamen. „Ein japanische Dort mit Häusern, Straßen, Kaufläden, Tempel, Theater, Werkstätten, Theebuden und einigen hundert fleißiger Menschen ist wie durch Zauberhände aus dem fernsten Grenzen Asiens hiergeführt worden. Vor unsern Augen arbeiten und schaffen Schuhmacher, Schneider, Tischler, Böttcher, Sticker, Schirm- und Lampionsfabrikanten, Graveure, Ciseleure, Töpfer, Maler, Tapezierer, Holz- und Elfenbeinschnitzer, Arbeiter für Fantasieartikel.“ (Schubert 1885, S. 60)

Nicht nur die Leipziger Illustrirte Zeitung berichtete ausführlich über das Japanische Dorf. Dem Thema „Japan in Berlin“ widmet der Kladderadatsch im Juli 1885 eine ganze Seite. Fontane kann sich also darauf verlassen, dass seine zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an japanischen Einrichtungsgegenständen speiste. Zumal die Illustration „Japan in Deutschland. Ein Beitrag zur neuesten Mode“ in den Fliegenden Blättern aus dem Jahr 1888 deutlich macht, dass das Interesse an Japan nicht nur auf einen Ausstellungstermin begrenzt war.

Japanische Ausstellung in Berlin Leipziger Ill Zeitung Nr. 2193_1885 S. 58 skal
Aus der Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustirte Zeitung Nr. 2193/1885, S. 58
Japan in Berlin In Kladderadatsch Nr 31_1885. Erstes Beiblatt
Japan in Berlin. In: Kladderadatsch Nr. 31/1885,  Erstes Beiblatt
Japan in Deutschland 2 Fliegende Blätter 1888 Nr_2243 S_36 skal
Japan in Deutschland. In: Fliegende Blätter Nr. 2243/1888, S. 36

Es ist sicherlich eine explizit westliche Sicht, wenn Justus Brinkmann, der Direktor des Hamburgischen Museums für Kunst und Gewerbe, im Vorwort zu seinem 1889 veröffentlichten Buch Kunst und Handwerk in Japan die Auffassung vertritt, der durch Kriegsschiffe erzwungene Abschluss von „Freundschaftsverträgen“ habe Weg nicht nur zu „schwungvollen Handelsverkehr“, sondern auch zu einem „Austausch höherer Ordnung“ eröffnet.

„Wenige Jahrzehnte nur sind vergangen, seitdem das japanische Inselreich nach Jahrhunderten der Abgeschlossenheit sich Völkern des Abendlandes wieder geöffnet hat. Diese Zeit genügt, nicht nur einen schwungvollen Handelsverkehr zu entwickeln, sondern auch einen Austausch höherer Ordnung. Das Abendland hat den Japanern die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, welche es vor dem Reiche des Mikado voraus hatte, die Grundzüge seiner Gesetzgebung und Verwaltung dargebracht und darüber hinaus begonnen, mit seinen gesellschaftlichen Bräuchen und Sitten auch deren äußere Erscheinung in der Tracht, im Hausrath, in der Baukunst an die Stelle der nach der Vorväter Brauch in Japan üblichen Formen zu setzen. Als Gegengabe für diese unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe empfingen wir aus dem Lande des fernsten Ostens neue künstlerische Anregungen, welche auf dem Gebiete des Kunstgewerbes und der decorativen Künste von weittragendem, nachhaltigem Einfluß sein werden.“ (Brinckmann 1889, S. VII)

Zu den „Gegengaben“ für die „unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe“ zählen dann wohl auch die Setzschirme und Klappwände, auf die Brinkmann im Kapitel „Der japanische Hausrath“ zu sprechen kommt. Diese Schirme dienen nach ihm in japanischen Häusern dazu, „innerhalb eines größeren Raumes eine Ecke behaglicher zu umgrenzen oder den unmittelbaren Einblick durch die geöffnete Schiebethüre zu hindern“. (Brinckmann 1889, S. 102)

 

Literatur
Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung
Die Preussische Expedition nach Ost-Asien nach amtlichen Quellen [1864], Bd. 1. Berlin: Verlag der königlichen geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
Rees, Joachim [2015]: Menzel meets Meiji: Die „Japanische Ausstellung“ von 1885 im Werk von Adolph Menzel, S. 210 – 217. In: Elegante Zusammenkunft im Gelehrtengarten. Studien zur Ostasiatischen Kunst zu Ehren von Jeong-hee Lee-Kalisch, hrsg. von Annegret Bergmann u. a. Weimar: Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften 2015
Schubert, Gustav [1885]: Die Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustrirte Zeitung Nr. 2194/1885, S. 60

Die Dienstbotenfrage

Auf der Titelvignette der ersten Nummer der illustrierten Familienzeitschrift Die Gartenlaube sieht man eine in einer Gartenlaube um einen Tisch versammelte Familie (Großeltern, Vater, Titelvignette Gartenlaube Nr 1Mutter und Kinder?). Ein Dienstmädchen steht mit einem Tablett in der Hand im Hintergrund und, so könnte man annehmen, belauscht das Gespräch. Dass dies eine durchaus naheliegende Interpretation ist, ergibt sich aus Hinweisen, die sich in den Handbüchern des guten Tons finden. Dort wird immer wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es Abstand von den Dienstboten zu bewahren gelte, um die Privatsphäre zu sichern: „Keiner Hausfrau darf es gleichgültig sein, wie ihre Dienstboten über sie urtheilen, und schon aus diesem Grunde darf sie ihre Würde als Herrin des Hauses keinen Augenblick außer Acht lassen […].“ (Ebhardt 1880, S.97f.)

Die Situation, die sich aus der Anwesenheit von Dienstboten im Haushalt ergibt, wird in Effi Briest mehrfach angesprochen. (Im Buch dazu „Dienstbotenfrage und Frauenbewegung“ auf S. 29f.) Da ist Frau Briest, die das Gerede der Leute über ein Schlafzimmer mit japanischem Bettschirm und einer Ampel mit rotem Schein fürchtet (Kap. 4). Da ist von Instetten, der befürchtet, sich lächerlich zu machen, wenn man in Kessin erfährt, dass er die Wohnung wechselt, weil seine Frau Angst vor Gespenstern hat (Kap. 10). Die Anwesenheit von Dienstboten in einem Haushalt erfordert besondere Achtsamkeit, wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht.

Unbelauscht Der Bazar Nr. 28 1884 S. 217

Unbelauscht. (Zu dem Bilde von F. Kraus.) Für ihr Leben gern hätte Nanni, daß niedliche Kammerzöfchen, gewußt, was ihre junge Herrschaft so viel und eifrig zu schrieben habe! Da trifft es sich denn wirklich gar hübsch, daß sie die gnädige Frau mitten im Schreiben abrufen muß, weil die Frau Präsidentin (eine sehr energische Dame und in Vereins-Angelegenheiten schon früh am Tage thätig) im Salon erschienen ist und eine Unterredung mit der jungen Frau Räthin wünscht. Die Ueberraschte, durch den frühen Besuch Geehrte fliegt hinaus; Briefmappe und Papier bleiben offen auf dem zierlichen Schreibtisch liegen – eine vortreffliche Gelegenheit für das Zöfchen, ihre brennende Neugier einmal ‚unbelauscht‘ zu befriedigen!“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 28/1884, S. 223)

DienstbotenfrageEs ist wohl kaum ein Haus, in welchem nicht von Zeit zu Zeit das Kapitel von den Dienstboten den Gesprächsstoff lieferte – von den Kaffeegesellschaften alter Damen, in denen ‚das Mädchen für alles‘, wie der Berliner sagt, in allen seinen Spezialitäten und Eigenschaften feierlich abgehandelt wird – bis zu den vornehmsten Häusern hinauf bildet die Dienstbotenfrage einen wichtigen Gegenstand des Nachdenkens und der Beschäftigung, weil sie eben in die ganze häusliche Existenz so tief eingreift und für das häusliche Behagen absolut entscheidend ist.

Leider bilden die Unterhaltungen über die Domestiken fast immer eine Kriegsgeschichte, welche sich in den Hauptgrundzügen stets gleich bleibt und doch in den Details immer neue und überraschende Züge bildet. Ob es sich um den Einzelkampf der streitbaren Ricke oder Inste mit ihrer ‚Madamm‘ handelt, oder um einen organisierten Feldzug, welchen die Domestiken eines großen Hauses gegen ihre Herrschaft führen, immer ist es dasselbe Klagelied, das für dem Unbeteiligten tragikomisch wirkt, bei dem aber für den Betroffenen kaum noch für die komische Seite Raum oder Verständnis übrig bleibt.

In unseren Tagen ist die Domestikenfrage brennender und, wie man in dem Jargon der politischen Presse sagt, aktueller geworden als jemals, denn die merkwürdige Verschiebung und Verwirrung unserer sozialen Verhältnisse, welche in allen Ständen falsche Ansprücher hervorrufen, die dann im falschen Schein ihre Befriedigung suchen, hat auch auf die Domestikenwelt ihren verderblichen und zersetzenden Einfluß ausgeübt. Alle unsere Witzblätter beschäftigen sich in mehr oder weniger treffenden Karikaturen mit unserer Domestikenwelt, welche in den großen Städten vielfach den Charakter eines nomadisierenden Heerbanns gegen den häuslichen Comfort angenommen hat – im praktischen Leben aber verschwindet der Humor immer mehr aus dieser vielbesprochenen und vielkarikierten Frage. (von Geyern 1885/1886, S. 643)

Effis NaivitätAuf einen besonderen Aspekt der Anwesenheit von Dienstpersonal im bürgerlichen Haushalt spielt die Geheimrätin Zwicker an, wenn sie in einem Gespräch mit Effi mehrdeutig anmerkt: „Das ist wirklich selten, daß man eine junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres Hausmädchens sprechen hört.“ Dabei macht die Geheimrätin Zwicker recht deutlich, dass sie sich mit dieser Warnung auf persönliche Erfahrungen bezieht.  (Kap. 30)

Die sexuellen Übergriffe der Hausherren sind auch ein beliebtes Thema in den satirschen Zeitschriften, ohne sie jedoch in irgendeiner Weise moralisch zu verurteilen. Sie erscheinen eher Gegenstand einer Art von „Herrenwitzen“ zu sein.

Dienstmädchen geküsst Fliegende Blätter 1891 Nr 2418 S_195

Dienstmädchen Hausherr Fliegende Blätter 1893 Nr 2512 S_103

Entlassung des Dienstmädchens Fliegende Blätter 1896 Nr_2655 S_226

Gouvernante Liebes Kind Fliegende Blätter Nr 2419 1891 S_200

Die „sittliche Gefährdung“, die von Dienstboten ausgehen kann, wird in Fontanes Roman Frau Jenny Treibel direkt angesprochen. Nach einer  Auseinandersetzung mit ihrem Sohn Leopold über dessen überraschende Ankündigung seiner Verlobung, tritt die Kommerzienrätin ans Fenster:
„Hier, in ihrem Vorgarten, den linken Arm von innen her auf die Gitterstäbe gestützt, stand ihr Hausmädchen, eine hübsche Blondine, die mit Rücksicht auf Leopolds ‚mores‘ beinahe nicht engangiert worden wäre, […].“ (Kap. 12)

Abbildungen
Unbelauscht. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 28/1884, S. 217
Unverfroren. In: Fliegende Blätter Nr. 2418/1891, S. 195
Unerwartete Replik. In: Fliegende Blätter Nr. 2512/1893, S.103
Eingegangen. In: Fliegende Blätter Nr. 2655/1896, S. 226
Unangenehme Frage. In: Fliegende Blätter Nr. 2419/1891, S. 200

Literatur
Geyern, Detlev von (Pseudonym von Oskar Meding): Die Dienstbotenfrage jetzt wie vor Zeiten. In: Ueber Land und Meer Nr. 29/ Bd. 56 Oktober 1885 – 1886, S. 643f.

Haustelegraphie

„Nicht mehr das ‚Jahrhundert des Dampfes‘, nein, das ‚Zeitalter der Elektrizität‘ will die Jetztzeit genannt sein.“ ( Wilke 1893, S. 2)

Als Effi nach der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise am ersten Morgen in Kessin Druckknopf Außenansichtaufwacht, hatte sie Mühe sich zurechtzufinden. „Allmählich entsann sie sich auch, daß Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte, nach der sie denn auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie nun leise drückte.“ (Kap. 7)  Die „erst vor kurzem hergerichtete“ Klingelanlage, die das Schlafzimmer und die Küche mit der „Mädchenstube“ verband, wird auch in den beiden folgenden Kapiteln des Romans erwähnt.

Aus heutiger Sicht erscheint eine elektrische Klingelanlage vielleicht erwähnenswert mit Blick auf die Organisation eines großbürgerlichen Haushalts. In der Zeit, in der die Handlung spielt und Fontane den Roman schrieb, sind elektrische Klingeln Ausgangspunkt für die Entwicklung der „Haustelegraphie“, deren „Hauptzweck […] die Erzeugung von Klingelsignalen mittels des Stromes“ ist. (Wilke 1893, S. 472)*
Nicht vergleichbar mit dem Ausbau der nationalen und internationalen Telegrafennetze steht die Entwicklung der „Haustelegraphie“ jedoch für die Anwendung der Elektrizität im Alltag.Druckknopf Mechanismus In der 1893 erschienenen Auflage des Buches Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe heißt es, bei der „Haustelegraphie“ handele es sich um ein „Gebiet der Telegraphie, das zwar nur bescheidene Ziele verfolgt, aber trotz seiner technischen Beschränkung eine ganz außerordentliche Ausdehnung gewonnen hat, da die telegraphischen Anlagen, welche ihm zugehören, man darf sagen, in Palast und Hütte zu finden sind, sich über die ganze Erde verbreitet haben und eine große blühende Industrie haben entspringen lassen. Wir meinen die Haustelegraphie, die Technik jener Anlagen, welche die Ersetzung des guten alten Klingelzuges durch den stromdurchflossenen Draht hat entstehen lassen. Käme die Zahl für die Bedeutung eines elektrotechnischen Gebietes in Frage, so stände die RasselklingelHaustelegraphie zweifellos vornan in der Reihe der einzelnen Anwendungen des Stromes, denn die Zahl der elektrischen Klingeln, die zur Zeit in Betrieb sind, reicht in die Million hinein, und die jährliche Erzeugung derselben geht in die Hunderttausende. Rechnet man hierzu die für solche Anlagen benötigten Elemente, Druckknöpfe, Tableaus, die Leitungsanlagen, so wird man erkennen, daß diese Industrie alljährlich eine ganz bedeutende Produktion aufweist und ihr jährlicher Umsatz sich auf manche Million Mark beläuft. Sie ist auch von einer andern Seite von Bedeutung, indem sie namentlich dem kleineren und mittleren Gewerbetreibenden Nahrung gibt und die Anlage der Haustelegraphen vielfach als eine lohnende Nebenbeschäftigung von Handwerkern betrieben wird, was wiederum die erfreuliche Wirkung für die Elektrotechnik gehabt hat, ihr in diesen Kreisen Interesse zu wecken und aus denselben die Monteure für die Starkstromanlagen zuzuführen.“ (Wilke 1893, S. 472)
Noch wurden im Haus des Landrats die Lampen angezündet, aber der „Zugriff“ auf die Hausangestellten erfolgte bereits batteriebetrieben elektrisch. Später in der kleinen Wohnung in Königgrätzer Straße gibt es keine elektrische Klingel, sondern hier muss Effi wieder an einer mechanischen Klingel ziehen, um Roswitha herbeizurufen. (Kap. 33)

*Die Stromerzeugung für die Haustelegraphie erfolgte durch Batterien. Nach Wilke „empfiehlt sich als zweckmäßigstes Element für Anlagen dieser Art das Leclanché-Element in seinen verschiedenen Formen.“ (Wilke 1893, S. 474) „Leclanché-Element“ war die Bezeichnung für heute nicht mehr verwendete Nassbatterien.

Abbildungen
Abb. Druckknopf; Außenansicht – Wilke 1893, S. 480
Abb. Druckknopf; Mechanismus – Wilke 1893, S. 481
Abb. Rasselklingel –  Wilke 1893, S. 476

Literatur
Wilke, Arthur [1893]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer

 

Arnold Böcklin: Der Dichter unter den Malern

Effi fährt mit ihrer Mutter nach Berlin, um die für die Hochzeit notwendigen Einkäufe zu erledigen. Der Vetter Briest besucht mit ihnen bei dieser Gelegenheit die Nationalgalerie, um ihnen Arnold Böcklins Bild „Die Gefilde der Seligen“ (im Roman ist von der „Insel der Seligen“ die Rede) zu zeigen. Dieses im Auftrag der Nationalgalerie erstellte Gemälde wurde 1878 kurz ausgestellt, aber aufgrund der öffentlichen Proteste wieder abgehangen. (Die Ausführungen zu Besuch in der Nationalgalerie Ausstellung und zu Arnold Böcklins Gemälde „Gefilde der Seligen“ finden sich im Buch auf den Seiten 56 – 59.)

Der Skandal um dieses Bild liegt bereits einige Jahre zurück, als Fontane mit der Arbeit am Roman beginnt. Für die gewachsene Popularität des Malers Arnold Böcklin in der Entstehungszeit des Romans Effi Briest sprechen einerseits das Titelblatt der Leipziger Illustrirten Zeitung vom 8. Februar 1890 und andererseits die (antisemitisch aufgeladene) Karikatur „Wie von Böcklin“ in der satirischen Wochenzeitschrift Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104.

Böcklin Illustrirte Zeitung Februar 1890

 

Wie von Böcklin.Fliegende Blätter 1890 Nr 2304 S_104

Arnold Böcklin bleibt als Künstler präsent in den illustrierten Zeitschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Für den Maler und Kunstschriftsteller Otto Baisch ist Arnold Böcklin: „eine jener außergewöhnlichen Erscheinungen […], an denen niemand gleichgültig vorübergehen kann, für deren Thun und Treiben vielmehr ihre Gegner trotz alles Scheltens sich kaum weniger lebhaft interessieren als ihre Verehrer; […].“ (Baisch 1884, S. 594) In seiner ausführlichen Würdigung Böcklins in Westermanns Illustierten Deutschen Monatsheften unterscheidet sich sein Urteil über das für die Berliner Nationalgalerie geschaffene Gemälde „Gefilde der Seligen“ deutlich von den ersten Reaktionen im Jahres 1878.

„Entgegen der altherkömmlichen Ansicht, die eine Schönheit im Sinne des Malerischen nur der geschwungenen Linie zuerkannt wissen will, hat Böcklin hier gerade die Durchführung senkrecht aufstrebender Linien gewählt. Man würde zu falschen Schlüssen gelangen, wollte man annehmen, der Künstler habe das infolge einer vernünftelnden Berechnung gethan. Böcklin ist, bei all seiner klassischen Bildung, durch und durch eine Malernatur. Der Hauptsitz seines gestaltungskräftigen Empfindens liegt im Auge. Mit offenem Sinn für jedweden Anschauungseindruck fühlte er sich gelegentlich gefesselt durch die Ausblicke, die sich zwischen den kerzengerade emporgewachsenen Stämmen einer Reihe ziemlich gleichmäßig verteilter Pappeln oder Cypressen erschließen.“ (Baisch 1884, S. 610)

1894,  Böcklin ist inzwischen zum Malerfürsten arriviert, wird das 1878 auf Wunsch der Kronprinzessin aus der der Nationalgalerie entfernte Gemälde „Gefilde der Seligen“, in Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift zu den bekanntesten Schöpfungen Böcklins gezählt.
„Prächtig ist die Staffage auf dem letztgenannten Phantasiebilde: […]; die wunderbare Landschaft mit ihren dunklen Baumgruppen und wilden Felsmassen hilft auch hier wesentlich mit zur Erzeugung jener romantischen Gesamtstimmung, durch die sich die Werke Böcklins dem Gedächtnis so unauslöschlich einprägen.“ (Dahms 1894, S. 37)

Der 1887 erschienenen 5. Auflage des Baedekers „Berlin und Umgebung“ kann man entnehmen, dass das Gemälde inzwischen im Erdgeschoß der Nationalgalerie ausgestellt  wurde (S. 96).

Abb. Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104

Literatur
Baisch, Otto [1884]: Arnold Böcklin. In: Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte Bd. 56/1884, S. 593 – 611
Dahms, Gustav [1894]: Der Dichter unter den Malern. Der Bazar Nr. 4/1894, S. 37

 

 

 

Signaltelegraphie und Effis Interesse an durchfahrenden Zügen

„Telegraphie im engeren Sinne […] umfaßt die Verkehrstelegraphie, die Haustelegraphie und die Signaltelegraphie, Gebiete, welche sich zwar nicht scharf gegeneinander abgrenzen lassen, aber immerhin eine getrennte Behandlung ermöglichen.“ (Wilke 1893, S. 399)

Alle drei hier genannten Gebiete der Telegrafie tauchen mehr oder weniger prominent im Roman auf. Telegramme werden vor allem benutzt, um den genauen Termin einer Ankunft anzukündigen bzw. eine überraschende Änderung von Reiseplänen mitzuteilen (im Buch S. 48 -50). Auf das Vorhandensein einer elektrischen Hausklingel im Hause des Landrats wird explizit hingewieRahmen Eisenbahnläutwerk Wilke 1893 S. 495sen. Aber auch die „Signaltelegraphie“ findet Erwähnung.

Die durchlaufenden Liniensignale. Wie der Leser weiß, sind an unsern Bahnen, wenigstens an den Vollbahnen, Bahnwärter bestellt, welche je ein Stück der Bahnstrecke zu überwachen, für die Sicherheit dieselben zu sorgen, die Übergänge zu öffnen und zu verschließen und mehr dergleichen für die Sicherheit und Erhaltung bestimmte Verrichtungen zu thun haben. Diese Wärter müssen nun von dem wichtigsten Vorgang auf der Bahn, von dem herannahenden Zuge benachrichtigt werden, und hierfür dienen die Liniensignale, für welche man außer dem bekannten Signalmast auch ein hörbares Zeichen, das Anschlagen einer Glocke verwendet, Für dieses letztere wird der elektrische Strom verwendet, welcher, von der signalgebenden Station ausgeschickt, die bei oder auf den Wärterbuden stehenden Glocken zum Ertönen bringt. (Wilke 1893, S. 494)

Als Effi ihren Mann begleitet, der in Vorbereitung der anstehenden Wahlen den Gastwirt Golchowski besucht, meldet „die von der Bahn herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug“. Es handelt sich um die Durchfahrt des Schnellzugs nach Danzig. Effi, die von sich sagt, dass sie gerne Züge sieht, steigt mit ihrem Mann und dem Gastwirt den Damm hinauf zum Wärterhaus 417. „Der Bahnwärter stand schon da, die Fahne in der Hand.“ (Kap. 11) Als Effi nach Berlin fährt, um den Umzug durch die Wohnungssuche vorzubereiten, wird noch einmal auf die Signaltelegraphie Bezug genommen. Es heißt dort: „Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; […].“ (Kap. 22)

Die elektrischen Sicherheitseinrichtungen „stellen für sich allein schon Errungenschaften dar, deren Wert für Leben, Gesundheit und Besitz man nicht übersehen kann.“ (Wilke 1893, S. 7) Warum dies so ist, wird deutlich, wenn man in der Einleitung eines Berichts über einen folgenschweren Eisenbahnunfall liest: „‘Eisenbahnunfälle‘ sind eine so häufig wiederkehrende Rubrik unserer Zeitungen, daß ein derartiges Ereigniß schon einen ungewöhnlichen Umfang angenommen haben muß, um den Inhaber eines Jahresbillets aus der vornehmen Gleichgültigkeit aufzuschrecken, mit er liest, daß wieder einmal ein Güterzüge aufeinandergestoßen, aber glücklicherweise nur ein Locomotivführer und ein Heizer um’s Leben gekommen oder zu Krüppeln geworden sind, […]. (Die Gartenlaube H. 42/1874 S. 686)
Damit macht die Erwähnung der Signaltelegraphie Sinn, wenn es um Ausmalen des zeitgenössischen Hintergrundes geht, vor dem die Handlung des Romans spielt. Mit Blick auf die Erregung und Sehnsucht, von der Effi beim Anblick durchfahrender Züge ergriffen wird, geht es aber um mehr. Es geht um das veränderte Erleben von Raum und Zeit durch die Beschleunigung der Verkehrsmittel.
Effis Faszination von Zügen zeigt sich auch in der letzten Phase ihres Lebens. Nach ihrer Rückkehr auf das elterlich Gut wählt sie bei ihren täglichen Spaziergängen einen Rastplatz, „von dem aus sie das Treiben auf dem Bahndamm verfolgen konnte; Züge kamen und gingen, und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen Augenblick wie deckten und dann nach links und rechts hin wieder auseinandergingen, bis sie hinter Dorf und Wäldchen verschwanden.“ Kap. 36)

Abb. Eisenbahnläutewerk – Wilke 1893, S. 495
Literatur
Wilke, Arthur [1893]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer

 

 

Ein Beitrag zur Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Effi Deutsche Rundschau1894

1887 erscheint in der Zeitschrift Die Grenzboten eine Rezension des Romans Cécile von Theodor Fontane. Es heißt dort, Fontane erfülle der Gedanke, „die deutsche Reichshauptstadt zum Unter- und Hintergrunde von poetischen Darstellungen zu benutzen, und ohne den französischen Naturalisten näher verwandt zu sein, empfindet er den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist.
In seinem Roman Effi Briest benutzt Fontane zwar nicht die deutsche Reichshauptstadt zum „Unter- und Hintergrund [seiner] poetischen Darstellungen“, aber die Einschätzung er empfände „den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist“, trifft auf diesen Roman vielleicht noch in stärkerem Maße zu. Der „Boden“, auf dem sich der Dichter hier bewegt, ist seiner Leserschaft offensichtlich so vertraut, dass er sich auf beiläufige Anspielungen und stenografisch verkürzte Hinweise beschränken konnte.
Fontanes zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an Japan speiste, u.a. aus Berichten über die 1885 in Berlin eröffnete und danach auch in München gezeigte Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“.
An Effis Polterabend wird ein „Lebendes Bild“ aufgeführt. Voraussetzung für die Popularität dieser Unterhaltungsform waren die Zugriffsmöglichkeiten auf Bilder, wie sie durch die „optische Revolution“ oder mit den Worten eines Zeitgenossen – durch die „Wiedergeburt der graphischen Künste“ – eröffnet wurden.
Instettens werden nach ihrer Hochzeitsreise am Bahnhof abgeholt. Auf dem Weg nach Kessin wird beiläufig der Ort „Varzin“ erwähnt. Erklärungen erübrigen sich für die zeitgenössische Leserschaft. Wie es in einem Bericht über Varzin heißt, sei dieser Name „seit 1867 tausendfach in Wort und Schrift wiederholt und in aller Munde gewesen“.
Bei einem späteren Besuch des Ehepaars in dieser Gegend ist von Bismarck als „Papiermüller“ die Rede. Dem Publikum der illustrierten Zeitschriften war bekannt, dass die auf Bismarcks Gut betriebenen Papierfabriken „reichen Ertrag abwerfen. Wer die Wochen- und Monatszeitschriften las, wusste, welcher Zusammenhang zwischen der Erfindung des Holzschliffs, den Papiermühlen und dem „kulturfördernden Rückgang der Papierpreise“ bestand.
Durch Fontanes literarisches Spiel mit den Wissensbeständen, die seiner zeitgenössischen Leserschaft vertraut sind, lässt sich die Handlung des Romans einem eingrenzbaren Zeitraum zuordnen. Eine Analyse dieser kollektiven Wissensbestände erschließt, welche Informationen und Themen und welche Bewertungen und Bilder zur Entwicklung der Kommunikations- und Medienkultur über die populären Medien transportiert wurden.
Nicht zuletzt wird durch eine von den Anspielungen im Roman ausgehende Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur deutlich, dass die Moderne früher begonnen hat, als dies aus heutiger Perspektive der Fall zu sein scheint. Ein Beispiel hierfür liefert das Gedicht, das Effi zitiert, um sich gegen die Verführungskünste des Majors von Crampas zu wappnen. Unter dem Titel „Draus bei Schleswig vor der Pforte“ findet sich dieses Gedicht in der Kleinen Missionsharfe, einer Liedersammlung, die im 19. Jahrhundert über zwei Millionen Mal verkauft und zum ersten Bestseller des Bertelsmann Verlages wurde.
In der eingangs zitierten Rezension des Romans Cécile heißt es, dass sich „ein Dichter wie Theodor Fontane nicht darüber täuschen kann, daß alles, was an Wirkungen der Lokalschilderung, der gesellschaftlichen Atmosphäre gewonnen wird, verhältnismäßig wenig bedeuten will gegenüber der Stärke der Motive und der unmittelbaren Darstellung der in allen Wandlungen und Spielarten sich gleich bleibenden Menschennatur“.
Das verweist darauf, welchen begrenzten Beitrag eine Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur ausgehend von den Anspielungen und Hinweisen in Effi Briest für das Verständnis des Romans selbst leisten kann. Aufschlüsse liefert eine solche Rekonstruktion jedoch für Fontanes Erzählhaltung und die Verortung seiner literarischen Produktion in der Medienkultur des 19. Jahrhunderts.

Fortschrittsglaube, Angst um Arbeitsplätze und ein Schuss Kulturpessimismus

Die Entwicklung der Massenmedien befördert „kulturelle Differenzierungsprozesse“ (vgl. Lübbe 1994 S. 317). So kann Fontane, um das Milieu zu charakterisieren, dem einzelne Personen in Effi Briest zuzurechnen sind, ihre Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre heranziehen.
Dies gilt nicht nur für den Vetter Briest, der bei seinem ersten Auftreten als „ein ungemein ausgelassener ,junger Leutnant, der die ‚Fliegenden Blätter‘ hielt und über die besten Witze Buch führte“, beschrieben wird.
Vom Apotheker Gieshübler heißt es, er sei „Schöngeist und Original“, der „neben allem anderen, auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser [war], ganz zu geschweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand“. Auch Effis Ehemann und ihr Vater werden als Zeitungsleser vorgestellt, deren Zeitungslektüre in Alltagsroutinen eingebettet ist und ihren Alltag strukturiert.
Effi scheint dagegen in Kessin lieber zu den Modezeitungen zu greifen, um sich von ihren Sorgen abzulenken, als zu den Zeitungen und Journalen, die ihr der Apotheker Grieshübler regelmäßig – mit Anmerkungen und Lesehilfen versehen – zuschickt.

Aus dieser Perspektive wird es verständlich, dass in der zeitgenössischen Diskussion  Erfindungen wie die der Schnellpresse eine hohe Bedeutung für die „civilisirte Menschenheit“ zugesprochen wird, zumal es sich hier um die erste technische Innovation des Buchdrucks seit der Erfindung der Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts handelt.

Rotations-Buchdruckmaschine
Rotations-Buchdruckmaschine

Friedrich König, der Erfinder der Schnellpresse, ein „Wohlthäter der Menschheit“
Mit der stetig wachsenden Vervollkommnung in Construction der modernen Rotationsschnellpressen […] mit den Fortschritten der Rundstereotypie, mit der in erfreulicher Weise verbesserten Qualität der für Rotationsdruck benöthigten Materialien (Rollenpapier, Farbe, Walzenmasse u. dgl.) und nicht zum wenigsten mit dem Lesebedürfnisse der civilisirten Menschheit wächst naturgemäß die Anwendbarkeit und Einführung der Rotationsschnellpressen, welche bei Massenproduction nicht nur billigst, sondern auch schnellstens und gut jede Druckarbeit – sei dieselbe eine ordinäre Zeitung, ein Werk oder ein fein illustrirtes Journal – zu liefern im Stande sind.“ (Anonymus 1883, S. 318)

„Wer endlich wollte den Einfluß ermessen und in Zahlen ausdrücken, welchen die König Schnellpresse Goebel 1883gewaltig erhöhte Leichtigkeit und Schnelligkeit des Druckes auf Verbreitung der Bildung unter allen Klassen des Volkes, unter Hoch und Niedrig und in allen Verhältnissen des gesellschaftlichen und politischen Lebens gehabt hat und noch täglich hat in stets wachsender Progression? Die Grenzen dieses Einflusses sind ganz unabsehbar und unberechenbar; eines aber ist für jedes Auge zu erkennen und steht unumstößlich fest: daß Friedrich Koenig’s große Erfindung der Druckmaschine den Grund- und Eckstein dieses Einflusses bildet, daß er ihre direkte Folge war und auf ihr ruht. Durch seine Erfindung wurde Koenig zu einem der größten Wohlthäter der Menschheit. Sein Name wird daher auch stets glänzen inmitten der Namen aller großen Erfinder, neben den Wohlthätern aller Nationen. – Ehre seinem Andenken!“ (Anonymus 1883, S. 318)

Nicht nur  im Polytechnischen Journal, sondern auch in der Famlienzeitschrift Die Gartenlaube erschien 1883 anläßlich des 50. Todestags von Friedrich König ein Beitrag, um  das „Leben und Wirken dieses Wohlthäters der Menschheit wieder in’s Gedächtnis zu rufen“.

„Die Verdienste, welche Friedrich Koenig sich durch die Erfindung der ‚Schnellpresse‘ um das geistige, gesellschaftliche und geschäftliche Leben der ganzen civilisirten Welt erworben hat, sind jedoch bis jetzt nur in dem Kreise der Drucker gewürdigt worden, während dem größten Theil unseres Volks die eigentliche Bedeutung und Tragweite dieser Erfindung noch völlig unbekannt geblieben ist. Man weiß nicht, wie schwerfällig vorher die Herstellung eines Druckes war, wie wenig die fleißigsten Arbeiter an einem Tage vollenden konnten, wie theuer deshalb die Bücher und Zeitungen waren und wie sehr dies ihrer Verbreitung und, damit der ganzen Bildungs- und Geschäftsforderung im Wege stand. Jetzt aber, wo man gewöhnt ist, seine sauber gedruckten Bücher für Schule und Haus, seine Unterhaltungsliteratur und Prachtwerke billig zu kaufen, sein Geschäfts- oder politisches Blatt mit unfehlbarer Regelmäßigkeit auf dem Frühstückstische liegen zu sehen, vergißt man darnach zu fragen, wem man denn eigentlich all diese Wohlthaten und Annehmlichkeiten verdankt.“ (Goebel 1883a, S. 30f.)

Die Angst der Drucker um ihre Arbeitsplätze
Am 29. November 1814 „konnte die ‚Times‘ der Welt verkünden, daß sie zum ersten Male auf Druckmaschinen mit einer Schnelligkeit von 1100 Drucken in der Stunde (vorher eine Tagesarbeit) hergestellt worden sei. Bei Bau und Aufstellung derselben aber hatte mit größter Heimlichkeit vorgegangen werden müssen, um Gewaltthätigkeiten seitens der Drucker, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen, zu verhüten.“ (Goebel 1883a, S. 31)

Während Friedrich Koenig die französische Julirevolution begüßte, in der er auch „eine bessere Zeit erblicken zu sollen meinte für die Buch- und Zeitungsdrucker“, benutzten die Arbeiter in Paris „jedoch die Freiheit, um in verblendetem Wahne die Druckmaschinen, sowohl die Koenig’schen, wie die aus England gekommenen, zu zerschlagen, und daß nicht auch in Leipzig Gleiches geschah, verdankte man nur der Ruhe und Geistesgegenwart des Chefs der Firma F. A. Brockhaus, Herrn Friedrich Brockhaus, welcher damals der einzige Besitzer von Schnellpressen in der Metropole des deutschen Buchhandles war.
Damit war der Aufschwung, den die Druckmaschinenfabrikation in Deutschland genommen, mit einem Schlage vernichtet; Niemand wollte noch fernerhin ein Werkzeug anschaffen, hinsichtlich dessen man in Bezug auf den von ihm gewährten Vortheil noch nicht alle Zweifel überwunden hatte, dessen Besitz jedoch zu Collisionen mit aufgeregten Arbeitermassen führen konnte.“ (Goebel 1883a, S. 34)

Die Erfindung der Schnellpresse gereichte „Arbeitern und Arbeit zum Segen“
„Hatte man einst gegen [die Erfindung der Schnellpresse] den Vorwurf erhoben, dass sie die Pressedrucker brodlos mache und der Noth preisgebe, […] so haben die Thatsachen und namentlich die ungeheure Zunahme dieses Bedürfnisses solchen Vorwurf in schlagendster und überzeugendster Weise widerlegt. Denn wer zählt die Tausende der Arbeiter, die heute allein im Schnellpressenbau beschäftigt sind, wer die Tausende der Maschinenmeister, d. h. der intelligenten Leiter dieser Schnellpressen, die jenes durstige Geschlecht der Massendrucker ersetzt haben, welches Gutenbergs Kunst nicht immer zur Ehre gereichte? An der Schnellpresse, von der man heute die vollendetsten typographischen Leistungen verlangt, wie man sie zur Zeit ihrer Erfindung selbst nicht als auf der Handpresse erreichbar gehalten hätte, haben sich viele ihrer Leiter, indem sie zugleich eine lohnende Existenz fanden, zu wahren Künstlern herangebildet, der Buchdruck ist wieder eine Kunst geworden, dank dem Einflusse der Erfindung Koenigs, die somit Arbeitern und Arbeit zum Segen gereicht.“ (Goebel 1883b, 278f.)

Zeitungslektüre als Nervengift
Unsere Nerven Fliegende Blätter 1888 Nr 2240 S_6
Wenn wir morgens uns erheben,
Schon beginnt der Nerven Pein,
Und mit Schrecken und mit Beben
Nehmen wir das ‚Tagblatt‘ ein.

Selbstmord, Brände, Zugentgleisung,
Raub und Diebstahl, Unglücksschlag,
Bringt zu unsrer Nerven Speisung
Uns die Presse jeden Tag.

Und der Wust polit’scher Dinge!
Wiederkehren jedes Jahr
Auf Bestellung fast im Ringe
Cholera und Kriegsgefahr.

Auf den Straßen, welch‘ Gedränge,
Welch Getümmel und Geschrei!
Tramwaywagen, Menschenmenge,
Omnibus und Polizei.
von Miris 1888 (Unsere Nerven – Auszug)

Lesezirkel IZ 2164_1884_S_620

Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt
Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt uns gewissermaßen, und die Zeitschriften, Journale und Monatsschriften, die auch die Sammellektüre kultivieren, tragen weiter dazu bei, daß wir vieles in uns aufnehmen ohne ernsteren Nutzen. Die raffinierte Geschäftsspekulation hat sich sogar nicht begnügt mit diesem Sammelsurium der gebotenen Lektüre und hat das Monstrum Lesezirkel erfunden. In einem solchen famosen Institut werden 10 bis 20 Romane nebeneinander in ‚Fortsetzungen‘ verzapft. 30 verschiedene wissenschaftliche Fragen angeschnitten und ebensoviele, deren Anfang man sich noch erinnert, vor einigen Wochen gelesen zu haben, zu Ende geführt. Der Wert eines solchen Lesezirkels kann einzig nur in den Illustrationen gesucht werden, die die großen Blätter bieten, und außerdem in den der heiteren Muse gewidmeten Witzblättern. Ein ernste Lektüre in diesem mit pedantischer Pünktlichkeit kommenden und gehenden Litteraturwust zu suchen, soll keinem einfallen, […]. (Hamann 1899, S. 63)

Abbildung
Abb. Rotations-Buchdruckmaschine mit Falzapparat konstruiert für den Druck von Meyers Konversationslexikon – Meyers Konversations-Lexikon Bd. 14/1878
Abb. Friedrich König – Goebel 1883b
Abb. Unsere Nerven – Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6
Abb. Fritz Borstell’s Lesezirkel – Illustrirte Zeitung Nr. 2164/1884, S. 620

Literatur
Anonymus [1883]: Ueber die Verbreitung der Rotationsschnellpressen in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, sowie über den Erfinder der Schnellpresse. In: Polytechnisches Journal Band 249/1883, Miszelle 1, S. 316–318
Goebel, Theodor [1883a]: Friedrich König, der Erfinder der „Schnellpresse“. In: Die Gartenlaube H. 2/1883, S. 30–35
– ders.: [1883b]: Friedrich König und die Erfindung der Schnellpresse: ein biographisches       Denkmal. Stuttgart: Kröner
Hamann, Ludwig [1899]: Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. Leipzig: Verlag von Ludwig Hamann
Lübbe, Hermann [1994]: Mediennutzungsethik. Medienkonsum als moralische Herausforderung. In: Hilmar Hoffmann, Hrsg.: Gestern begann die Zukunft. Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung der Medienvielfalt. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellschaft, S. 313 – 318.
von Miris [1888]: Unsere Nerven. In: Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6f.

„Ein Schritt vom Wege“ – Fontanes Spiel mit den Wissensbeständen seiner Leserschaft

Ernst Wichert Bazar Nr 10_1891 S. 96 grauIm Roman Effi Briest wird Ernst Wicherts Lustspiel „Ein Schritt vom Wege“ kurz vor Weihnachten am „Theaterabend in der Ressource“ aufgeführt. Major von Crampas führte Regie. Effi hatte die Hauptrolle übernommen. Für die Entwicklung der Affäre zwischen Effi und dem Major von Crampas spielte diese Liebhaberaufführung eine entscheidende Rolle.
Im Roman ist dreimal von dem Stück „Ein Schritt vom Wege“ und einmal davon die Rede, dass der Dichter ein Kammergerichtspräsident aus Königsberg sei.

„Nach einem Crampasschen Plane nämlich sollte noch vor Weihnachten ‚Ein Schritt vom Wege‘ aufgeführt werden, […].“ (Kap. 18)
„Der ‚Schritt vom Wege‘ kam wirklich zustande, und gerade weil man nur noch gute vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging vorzüglich; […].“ (Kap. 18)
„‘Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich habe mich amüsiert über das hübsche Stück. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat, eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus Königsberg. (Kap. 18)
„Die Lampe kam auch. In dem grauen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale mit Photographien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, damals, als man den Wichertschen ‚Schritt vom Wege‘ aufgeführt hatte, für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren.“ (Kap. 27) *

Ein Schritt vom Wege_Scan Theaterzettel Ein Schritt vom Wege

Ernst Wichert, Kammergerichtsrat in Königsberg, zählte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu den populären Autoren.  Sein Lustspiel „Ein Schritt vom Wege“ wurde 1871 am Stadttheater in Königsberg uraufgeführt. 1894 erscheinen die ersten Folgen von Effi Briest in der Deutschen Rundschau. Fast 25 Jahre nach der Uraufführung des Stückes kann sich Fontane darauf verlassen, dass kurze Erwähnungen des Stückes und des Namens seines Autors bzw. seiner Funktion als Kammergerichtsrat ausreichen, um bei seiner Leserschaft auf Resonanz zu stoßen. Dass dies so war, dafür spricht die ungebrochene Präsenz Ernst Wicherts in Zeitschriften.

Anlässlich seines 60. Geburtstage liest man in einer Würdigung Ernst Wicherts in der illustrierten Damen-Zeitung Der Bazar,
wer endlich erinnert sich nicht gern und mit fortwirkendem Wohlgefühl jener graziösen Lustspiele „Ein Narr des Glückes“, „Ein Schritt vom Wege“ […] und so vieler anderer, mit denen uns der Dichter, zum Teil in sorgenvoller Zeit, über die lastenden Kümmernisse des Tages mit liebenswürdigem Lächeln hinweg führte!“ (Der Bazar Nr. 10/1891, S. 96)

Zum selben Anlass schreibt Gustav Dahms in der Zeitschrift Ueber Land und Meer über Ernst Wichert Über Land und Meer Nr_24 1890_91 S_24einen Besuch bei Ernst Wichert mit einem Blick auf das Bücherregal in dessen Arbeitszimmer:
In vier stattlichen Reihen stehen seine Dichtungen in dem Bücherregal vor mir. Dort die lange Reihe jener eigenartigen historischen Romane, durch welche der Dichter weitere Kreise auf die hohe geschichtliche Bedeutung Altpreußens aufmerksam gemacht hat, […]. Endlich alle seine kleineren oder größeren Bühnenwerke, deren Anzahl geradezu erstaunlich ist. Wenn auch ein Teil derselben von der Bühne schneller Abschied genommen hat, als es wohl wünschenswert gewesen wäre, so ist doch die Zahl derjenigen Dichtungen, auf deren glänzende und nachhaltige Erfolge Wichert mit stolzer Freude zurückblicken darf, recht ansehnlich, so vor allem sein Meisterwerk: ‚Ein Schritt vom Wege‘, das sich schon zwei Jahrzehnte lang mit ungewöhnlichem Erfolg auf dem Spielplan unserer Bühnen behauptet; […]. (Dahms 1890/91, S. 510)

*Auch im Roman Frau Jenny Treibel nimmt Fontane Bezug auf Wicherts Lustspiel:
„Diese Treibelei war ein Irrtum, ein ‚Schritt vom Wege‘, wie jetzt, wie du wissen wirst, auch ein Lustspiel heißt, noch dazu von einem Kammergerichtsrat. Das Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das Literarische macht frei…“  (Kap. 16)

Abbildungen
Abb. Ernst Wichert – Der Bazar Nr. 10/1891, S. 96
Abb. Ein Schritt vom Wege. Bühnen-Manuskript – Königsberg 1871
Abb. Theaterzettel „Ein Schritt vom Wege“ – Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar. Kunst und Wissenschaft – Hofwesen.
Abb. Ernst Wichert vor seinem Bücherregal – Ueber Land und Meer Nr. 24 1890/91, S. 24

Literatur
Dahms, Gustav: Ein Besuch bei Ernst Wichert. In: Ueber Land und Meer. Deutsche Illustrirte Zeitung 1890/91 Nr. 24, S. 510f.

Das Papierne Zeitalter

Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck hatte 1867 von den 400.000 Talern, die ihm als Dotation nach dem Deutsch-Österreichischen Krieg bewilligten worden waren, das Rittergut Varzin in Pommern erworben. In Varzin verpachtete Bismarck  Land, Wasserkraft und Gebäude an einen Betreiber von Papiermühlen, der eine Fabrik zur Erzeugung von Holzschliff und Papier errichtete. Die Papiermühlen, die ab 1890 unter dem Namen Varziner Papierfabrik AG firmierten, entwickelten sich zum größten Industrieunternehmen in Ostpommern. In einem 1895 erschienenen, 5½ kg schweren Prachtwerk über Bismarck  heißt es:
„Mit derselben Freude wie der Besitzer verfolgte der Fürst das rasche Aufblühen der Varziner Fabriken, und oft ließ er auf seinen Spazierfahrten den Wagen halten, um […] bewundernd die Arbeit der riesigen Maschinen zu betrachten, die vor seinen Augen, fast geschwinder als die Blicke ihnen folgen können, aus einem dünnflüssigen Gemisch von Holzfasern und Leim zum Gebrauch fertiges, starkes Papier herstellten, das nach allen Weltteilen versandt wird.“ (Allers 1895, S. 172)

Hammermühle Allers 1895 S. 172
Varziner Papierfabrik – Werk Hammermühle

Bismarcks Aufenthalte auf dem Rittergut Varzin spielen eine Rolle im Roman Effi Briest und auch Bismarck als „Papiermüller“ findet hier Erwähnung. Bei einem Besuch des Ehepaars von Innstetten im Gasthaus „Zum Fürsten Bismarck“ bezeichnet Gastwirt Golchowski den Reichskanzler Bismarck als „Papiermüller“. (Kap. 11) Man kann davon ausgehen, dass diese Bemerkung für die zeitgenössische Leserschaft des Romans verständlich und nachvollziehbar ist, da in den zahlreichen Berichten über Bismarcks Gut in Varzin nicht nur der Waldreichtum eine Rolle spielt, sondern auch über Bismarcks Pläne, den Waldreichtum wirtschaftlich zu nutzen, geschrieben wird. So sind einem ausführlichen Bericht über Varzin im Familienblatt Daheim der Waldreichtum der Gegend und die Holzpapier- und Pappenfabriken, „die, mit aller Kunst der Neuzeit von Pächtern betrieben, reichen Ertrag abwerfen“, ein Thema. (Daheim 1886 S. 234)

Der „kulturfördernde Rückgang der Papierpreise“ *
Papiermühlen – und nicht nur die in Ostpommern – haben durchaus eine Bedeutung für Fontanes Erzählstil. Fontane kann nur  so souverän mit scheinbar beiläufigen Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse und Themen arbeiten, weil er sich darauf verlassen kann, dass er hier Wissensbestände abruft, die seiner Leserschaft durch die auflagenstarken Zeitschriften vertraut sind. Zeitschriften wie Die Gartenlaube mit einer Auflage von  380 000 Exemplaren (1874) wären aber nicht ohne  Fortschritte in der Papierproduktion und den damit verbundenen Rückgang der Papierpreise möglich gewesen. (Im Buch dazu „‚Die Gartenlaube‘ und die ‚Moderne'“ S. 141 -144)

*Anonymus [1884]: Papierverbrauch der Hauptländer der Erde. Polytechnisches Journal Band 252/1884, S. 134

Holzschnitt_Ausschnitt gedrehtPapierstatistik. Wohl ironisch hat man unserm Jahrhundert, welches sonst ‚das eiserne‘ genannt wird, auch den Beinamen des ‚papiernen‘ gegeben. Aber diese Benennung hat ihre gewisse Berechtigung, denn der Verbrauch dieser leichten Waare ist in der That überraschend groß. Nach einer uns vorliegenden Statistik existieren in der Welt 3985 Papierfabriken, die jährlich 952 Millionen Kilogramm Papier herstellen. Die Zeitschriften allein verbrauchen davon gegen 300 Millionen Kilogramm. Auf die einzelnen Länder vertheilt sich der Verbrauch des Papiers ziemlich ungleich; denn wie unser Gewährsmann berechnet, consumiren jährlich; ein Engländer 11½ Pfund, ein Amerikaner 10¼ Pfund, ein Deutscher 8 Pfund, ein Franzose 7½ Pfund, je ein Italiener und Oesterreicher 3½ Pfund, ein Mexicaner 2 Pfund, ein Spanier 1½ Pfund und ein Russe 1 Pfund Papier. (Die Gartenlaube H. 29/1884, S. 488)

Friedrich Gottlob Keller Friedrich Gottlob Keller_grauentwickelte um 1840 das noch heute übliche Verfahren zur Papierherstellung mittels Holzschliff und schuf damit die Grundlage zur industriellen Großherstellung billigen Papiers.
Der Holzschliff hat in der Gegenwart ungeheure Bedeutung gewinnen, er ist in der Papierfabrikation unentbehrlich geworden. Obwohl er zur Papiererzeugung nicht ausschließlich dient, ist er doch als billiger Zusatzstoff sehr geschätzt und die meisten billigen Papiere enthalten mehr oder minder große Holzschliffmengen, welche mit zähen Faserstoffen vermischt sind. […] So führte Keller dem Papiergewerbe nicht nur den werthvollen Ersatzstoff zu, sondern er schuf auch eine neue Verwendung des Holzes, kurz, er begründete eine bis dahin unbekannte, großartige Industrie. Keller [selbst] hat aus seiner Erfindung keinen erheblichen Geldnutzen gezogen.“ (Grosse 1892, S. 443f.)

Die Verarbeitung des Holzes zu Papier ist eine Errungenschaft unseres Jahrhunderts.
Früher fertigte man das Papier ausschließlich aus Hadern, die in Wasser gefüllten Mahlwerken zu Fasern zerkleinert, gebleicht, gefärbt und dann als Brei zu dünnen Bogen geschöpft wurden. Bis zum ersten Viertel unseres Jahrhunderts genügte dieses Verfahren, die vorhandenen Hadern reichten zur Deckung des Bedarfes vollständig aus. Da gewann die neuerfundene Papiermaschine allmählich Verbreitung, die Papiererzeugung nahm andere Gestalt an, und die mühsame Handarbeit ward mehr und mehr durch die vielleistende Maschinenarbeit verdrängt. Das Papier konnte mit der Maschine billiger hergestellt werden, was allgemeinere Verwendung desselben zu gewerblichen Zwecken und dadurch Steigerung des Bedarfes zur Folge hatte. Dazu kam die Einführung der von König erfundenen Buchdruckschnellpresse, welche eine Vermehrung der Druckerzeugnisse, besonders der Zeitungsliteratur nach sich zog. Der Papierbedarf steigert sich infolgedessen von Jahr zu Jahr, und bald sah man der Zeit entgegen, in welcher die vorhandenen Hadern nicht annähernd mehr zur Erzeugung des nöthigen Papieres ausreichen würden. Sollten die Papiermaschine und die Schnellpresse ihre volle Macht entfalten, so war es nöthig, einen Rohstoff ausfindig zu machen, welcher geeignet war, die Hadern theilweise zu ersetzen.(Grosse 1892, S. 442)

56 Titelvignette - Die Gartenlaube Nr_16_1892

Eine Papierstatistik der „Gartenlaube“
Eine Papierstatistik der „Gartenlaube“. Ein Leser unseres Blattes richtete vor Kurzem an uns die Frage, wie viel Papier zum Drucke der „Gartenlaube“ seit ihrer Gründung wohl verbraucht wurde. Um seine Neugierde zu befriedigen, stellten wir eine Berechnung zusammen, die zu so überraschenden Resultaten führte, daß wir beschlossen haben, sie auch weiteren Kreisen an dieser Stelle bekannt zu geben.
Vom Jahre 1853 bis zum Schlusse des Jahres 1885 sind von der „Gartenlaube“ zusammen 356 980 000 Nummern gedruckt, welche die Zahl von 6 856 000 Jahrgängen oder Bänden ergeben, während die Zahl der Druckbogen rund 900 000 000 beträgt. Würde man diese Bogen in einer Linie an einander legen, so könnte man mit denselben 14½ Mal die Erde am Aequator umspannen. Die Länge dieses Papierstreifens würde die Länge sämmtlicher Eisenbahnlinien der Welt nicht nur decken, sondern dieselbe noch um rund 200 000 Kilometer übertreffen. Mit diesem Papierstreifen könnte man auch den Mond mit der Erde verbinden und dann den Rest desselben noch fünfmal um die Erde wickeln.
Würden wir aber alle Bogen ausbreiten und mit denselben eine Fläche zu bedecken suchen, so kämen wir zu dem gewiß überraschenden Resultat, daß wir mit ihnen nicht einmal den Bodensee überspannen und kaum das 316 Quadratkilometer große Fürstenthum Reuß älterer Linie bedecken könnten.
Noch überraschender fällt folgender Vergleich aus. Legen wir die einzelnen Bände auf einander, so erreichen wir dadurch die imposante Höhe von etwa 320 000 Metern, welche die Höhe des höchsten Berges der Erde des Gaurisankar 36 Mal und diejenige des Mont-Blanc beinahe 67 Mal übertrifft. Würden wir aber alle Bände in einem Raum unterbringen, welcher der großen Cheopspyramide entspricht, so müßten wir wahrnehmen, daß diese ganze Papiermasse nur hinreichen würde, um den dreißigsten Theil derselben vollzupfropfen! Wenn ferner das größte deutsche Kriegsschiff „König Wilhelm“ vor die Aufgabe gestellt werden sollte, alle Bände nach einer Insel zu schaffen, so müßte es 16 Mal vollgeladen werden, bis es den Transport bewerkstelligte. Und das Gewicht dieser Bände? In runder Summe dürfte es 190 000 000 Kilogramm betragen und, auf gewöhnliche Lowrywagen der Eisenbahn verpackt, 4250 derselben füllen. 85 Eisenbahnzüge zu je 50 Wagen wären nöthig, um diese Gewichtsmasse zu befördern. Wollte aber ein Mensch versuchen, alle Seiten, die in den 6 856 000 Bänden enthalten sind, zu zählen, so würde er das niemals zu Stande bringen; denn selbst wenn er Tag und Nacht zählte und zur Nennung jeder Zahl nur eine Sekunde brauchte, so würde diese Arbeit doch die Zeit von 228 Jahren, 3 Monaten, 23 Tagen und 8 Stunden erfordern. (Die Gartenlaube H. 1/1886, S. 20)

Abbildungen
Abb. Varziner Papierfabrik – Werk Hammermühle. Aus: Allers 1895, S. 172
Abb. Papierfabrikation – Meyers Konversationslexikon Bd. 12/1877 – Zum Artikel „Papier“

Abb. Friedrich Gottlob Keller – Erfinder des Holzschliffpapiers
Abb. Rotations-Buchdruckmaschine – konstruiert für den Druck von Meyers Konversationslexikon

Literatur
Allers, Christian Wilhelm [1895]:  Unser Bismarck. Stuttgart, Berlin u. Leipzig: Union „Deutsche Verlagsgesellschaft“
Grosse, Eduard [1892]: Erfinder-Lose. Friedrich Gottlieb und das Holzschliffpapier. In: Die Gartenlaube H. 14/1892, S. 442 – 444

 

Lebende Bilder – populär … manchmal schwierig … nur bedingt geschätzt … aber mit Tradition (?)

„Lebende Bilder“ zählten im 19. Jahrhundert zu den beliebten Unterhaltungsformen in Theatern, bei höfischen und bürgerlichen Festen sowie bei privaten Anlässen. Voraussetzung für die zunehmende Popularität „Lebender Bilder“ als gehobener Form der Unterhaltung in bürgerlichen Kreisen war die durch neue Drucktechniken mSujets zu lebenden Bildern farbigögliche Ausweitung der Bildproduktion und der dadurch eröffnete Zugang zu Abbildungen aller Art in Kopien, Zeitschriften, Büchern und Bildbänden. (Im Buch dazu „Lebende Bilder“ S. 71 – 75) So betont der Verfasser einer Anleitung zur Darstellung von „Lebenden Bildern“, dass er als Vorlagen nur solche Bilder gewählt habe,
deren Originale oder Kopien meist in billigen Photographien leicht zu erhalten, oder welche in solchen Werken und Zeitschriften enthalten, die allgemein verbreitet und in den meisten Leihbibliotheken anzutreffen sind.
Namentlich haben wir bei Auszügen aus Prachtwerken solche gewählt, welche in den meisten kunstsinnigen Familien angetroffen werden dürfen und haben dabei Jahrgang und Seitenzahl wo die Bilder eingeheftet genau registriert.“ (Wallner 1895, S. 21)

Lebende Bilder – populär
Am Polterabend vor Effis Hochzeit wird die Holunderbaumszene aus Heinrich von Kleists historischem Ritterschauspiel „Käthchen von Heilbronn“ aufgeführt. (4. Kap.) In zwei anderen Romanen Fontanes, derer Handlung im selben Zeitraum angesiedelt ist, werden „Lebende Bilder“ ebenfalls erwähnt. Im Roman „Die Poggenpuhls“ bittet Sophie, die als Gesellschafterin auf dem schlesischen Gut ihres Onkels lebt, in einen Brief nach Berlin ihre Schwester Therese, ihr die Soiree bei Bronsarts zu beschreiben „und ob lebende Bilder gestellt wurden und welche“. (10. Kap.) In „Der Stechlin“ mokiert sich der alte Dubslav im Gespräch mit dem Pastor über den Ablauf geselliger Veranstaltungen, bei denen ein lebendes Bild gestellt wird, „wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen wird“. (41. Kapitel)

Dass „Lebende Bilder“ in Mode waren, zeigt der Erfolg der Anleitung zu derartigen Darstellungen, die Edmund Wallner veröffentlichte. Bei der ersten, um 1870 erschienenen Ausgabe handelte es sich noch um die Zusammenstellung von „Vierhundert Sujets zu lebenden Bildern“. 1895 erscheint die vierte „bedeutend vermehrte und verbesserte Auflage“ mit tausend Vorschlägen zur Darstellung lebender Bilder. Der deutliche Zuwachs an vorgeschlagenen „Sujets“ , verweist dabei auf die Steigerung der gesellschaftlichen Bildproduktion.
Ein Verzeichnis von mehr als tausend kleineren wie grösseren Genrebildern, historischen Gruppen und biblischen Tableaux, welche sich zur Darstellung im Familienkreise wie für grössere Gesellschaften besonders eignen. Mit genauer Angabe der Quellen und Maler sowie Notizen über Kostüme, Dekoration, Musikbegleitung, Zahl der zur Darstellung nötigen Personen und anderen praktischen Notizen.“

Vierhundert Sujets_Rahmen 1000 Sujets_Rahmen

Lebende Bilder – manchmal schwierig
Die Ardenne-Affaire mit Ehebruch und Duell hat nicht nur Theodor Fontane zu seinem Roman Effi Briest angeregt. 1896 erscheint Friedrich Spielhagens Version der Affaire unter dem Titel Zum Zeitvertreib als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift  Dies Blatt gehört der Hausfrau.
Im siebten und achten Kapitel dieses Romans beschäftigt sich eine Gesellschaft bei Frau Hauptmann von Meerheim mit den Vorbereitungen für den 60. Geburtstag des Ministerialdirektors Sudenburg. Geplant ist die Aufführung von „Lebenden Bildern“.
Im Handbuch Der Gute Ton in allen Lebenslagen wird auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die man für eine anspruchsvolle Darstellung von „Lebenden Bildern“ zu überwinden hat. Es heißt dort:
Abgesehen von der Wahl des Bildes, ist auch das Stellen der Personen, die richtige Beleuchtung, die genaue Wiedergabe der auf dem Original befindlichen Gegenstände sehr schwierig und erfordert mehr oder weniger die Mithilfe eines Künstlers.“ (Ebhardt 1880, S. 440)
Um diese Schwierigkeiten zu überwinden, hatte man in der Vorbereitungsgruppe entschieden, sich für die Planung der „Lebenden Bilder“ „auf den maßgeblichen Rat und die sachkundige Führung zweier, gleich ausgezeichneter, dem verehrten Sudenburgschen Hause gleich wohlgesinnter und befreundeter Künstler“ zu  verlassen. (Spielhagen 1897, S. 58)

Wie es das Handbuch zu „Guten Ton in allen Lebenslagen“ empfiehlt, hatten beide Künstler als Vorlagen für die Darstellung „allgemein bekannte Bilder […], welche meist einen Gegenstand behandeln, der Jedem auf den ersten Blick klar ist“, ausgesucht. (Ebhardt 1880, S. 440) So begründet auch einer der Künstler seine Auswahl ganz im Geiste des Handbuchs:
Also, meine Herrschaften, ich habe hier einen ganzen Packen Blätter, wie Sie sehen – alles Reproduktionen von Gemälden aus unsern letzten Kunstausstellungen. Die habe ich gewählt, weil sie noch in Erinnerung von aller Welt sind, oder doch sein sollten. Und ich habe immer gefunden, die Leute sind nicht dankbarer, als wenn man ihnen Sachen zeigt, die sie kennen. Darin sind sie wie die Kinder.“ (Spielhagen 1897, S. 61)
Allerdings, so der Ratschlag im Handbuch, sollte man für den Anlass passende Motive aussuchen, „auf einer Hochzeit z.B. wäre es unpassend […] ‚Gretchen vor dem Madonnenbild“ zu bringen.“ (Ebhardt 1880; S. 440)
Mit seinen Vorschlägen z. B. Darstellungen der „Pietà“ (Maria als Schmerzensmutter) als Vorlage für die geplanten Aufführungen bei der Geburtstagsfeier zu wählen, trifft der „junge Künstler“ mit seiner Begeisterung für „große Kunst“ nicht auf Gegenliebe – und verlässt wütend die gesellige Runde.
In dieser Hinsicht scheint es der ältere der beiden Künstler besser getroffen zu haben. Er geht davon aus, dass man dem Ministerialdirektor Sudenberg
nicht leicht eine größere Freude bereiten können, als wenn wir die Vorwürfe zu den lebenden Bildern aus der Wunderwelt selbst unsers Dichterheroen entnehmen. Wenn Sie, wie ich mir schmeichle, so weit mit mir eines Sinnes sind, ahnen Sie auch bereits, daß ich in meinen Händen hier ein Exemplar der Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goetheschen Frauengestalten meines unsterblichen Meisters und Lehrers Wilhelm von Kaulbach –.“ (Spielhagen 1897 S. 64)
Nun hat man zwar eine „überreiche Auswahl“, allerdings ergeben sich die unterschiedlichsten Schwierigkeiten, für die Umsetzung dieser Vorlagen in „Lebende Bilder“. Lotte album für goethe Galeriepng
Von dem Titelbilde will ich Abstand nehmen: der schwebende ‚Genius der Wahrheit‘ mit der Dichtung Schleier in der einen, dem Lorbeerkranz des Siegers in der andern Hand, dürfte in der Darstellung seine Schwierigkeit haben. – Auch von dem folgenden: dem köstlichen ‚Lotte-Bild‘ – wir möchten am Ende so viele Kinder nicht zusammenbringen. – ‚Dorothea und die Auswanderer‘ überschlage ich – das Ochsengespann, der Wagen mit der – ehem! Das geht natürlich in einem lebenden Bild nicht, so wundervoll es auch hier im Original ist.“ (Spielhagen 1897, S. 68 f.)
Spielhagen malt mit offensichtlichem Genuss an den komischen Effekten den Streit um die „Lebenden Bilder“ aus. Nicht zufällig legt der zweite Künstler der Gesellschaft die „Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goetheschen Frauengestalten“ vor, stammen doch die Erläuterungen zu den von Wilhelm von Kaulbach gezeichneten Bildern von Friedrich Spielhagen.
Letztlich entscheidet sich die Gesellschaft bei Frau Hauptmann von Meerheim gegen die Aufführung von „Lebenden Bildern“. Unabhängig davon, verweist dieser Abschnitt des Romans auf die Bedeutung von aufwendig illustrierten „Prachtwerken“ bei der  Schaffung eines kollektiven Bildervorrats.
In einer Familienzeitschrift wie der Gartenlaube erscheinen immer wieder großformatige Illustrationen mit dem Hinweis, aus welchem „Prachtwerk“ sie stammen und bei den Buchempfehlungen für den Weihnachtstisch wird diesen Werke oftmals ein besonderer Platz eingeräumt.
Damit schließen wir das Capitel der „Prachtwerke“. Es bleibt uns nur der Wunsch auszusprechen übrig, daß es recht vielen unserer Leser vergönnt sein möge, das eine oder andere der hier genannten Werke auf seinem Weihnachtstische glänzen zu sehen.“  (Die Gartenlaube H. 50/1878, S. 836)

Anzumerken wäre noch, dass das Thema „Lebende Bilder“ einen besonderen Bezug zur Ardenne-Affaire hat, da die Aufführung „Lebender Bilder“ im Düsseldorfer Künstlervereins Der Malkasten für die Entwicklung der Affäre zwischen Elisabeth von Ardenne und dem Amtsrichter Hartwich offensichtlich eine wichtige Rolle gespielt hat.

Lebende Bilder – nur bedingt geschätzt
Beliebt und populär waren „Lebende Bilder“, aber nicht allseits geschätzt. In der Kunstkritik ist die Rede davon, dass diese Form der Unterhaltung keinen „ganz ungetrübten Genuss“ bereite.
„Während die bildende Kraft todtes Material vergeistigt und in der Malerei durch den Schein aus der Fläche einen Körper macht, setzt das Lebende Bild die menschliche Gestalt, das mit geistigem Inhalt erfüllte Individuum, welches in der höchsten Kunstschöpfung, dem dramatischen Kunstwerk, seine ihm gemässe Verwendung findet, zu einem leblosen Stoff herab und begeht dadurch eine Täuschung, indem es, den Darstellungsmitteln nach, ein dramatisches Kunstwerk verspricht und nur ein malerisches leistet. Der Übergriff einer Kunstart in das Gebiet der andern ist es also, was hier, wie überhaupt in der Kunst, den fein fühlenden Sinn nicht zu ganz ungetrübtem Genusse kommen lässt.“ (Allgemeine deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände, Conversations- Lexikon 11. Aufl., Leipzig 1868 – zitiert nach Koslowski 1996, S. 31)

Während Wallner sein Publikum in Kreisen sieht, „welche sich an schönem, künstlerischen Genusse erfreuen wollen“, und sich an „kunstsinnige Familien“ wendet (S. 21), klingt der Text, mit der die zweite Auflage von Wallners Buch in den illustrierten deutschen Monatsheften angekündigt wird, eher herablassend. Das Buch sei hilfreich für „Kreise“, die Vorlagen und Anleitung benötigen, um sich zu unterhalten.
Daß dieses Buch in zweiter Auflage erschienen, beweist, daß es noch solche Kreise giebt, in denen zwar das Bedürfnis vorhanden, sich bei lebenden Bildern zu unterhalten, die aber doch in sich die Mittel nicht finden, selbst zu erfinden und darzustellen. Diesem Theil der lebenslustigen Welt sei denn dieses Buch aufs Beste empfohlen. Man wird darin finden, wie der liebenswürdige Kaiser Karl V. Tizian einen Pinsel aufhebt, welcher dem Maler entfallen, oder wie von zwei Damen keine aus übertriebener Höflichkeit ins Zimmer eintreten will, oder auch wie Doré sich das Dornröschen eingeschlafen dachte. Jedenfalls verdient ein Verfasser Dank, welcher einer Gesellschaft tausend und einen Vorschlag zur Vertreibung der Langeweile macht. (Jahrbuch der illustrierten deutsche Monatshefte Bd. 42/1877, S. 166)

Unüberhörbar klingt in dieser Empfehlung für den Teil „der lebenslustigen Welt“ , „die in sich nicht die Mittel nicht finden, selbst zu erfinden und darzustellen“, ein bis heute bekannter Ton der Medienkritik an.

Lebende Bilder  – aber mit Tradition (?)
Wallner verweist gleich in der Einleitung  seiner Zusammenstellen von Vorschlägen für Darstellung von „Lebenden Bildern“ – vielleicht zur Entkräftung solcher Vorbehalte – auf die Tradition, in der die Darstellung „Lebender Bilder“ zu sehen sei, und führt dabei u. a.  die Namen prominenter Künstler an. Dieses Thema greift er im Anhang mit der Verweis auf die Bedeutung „Lebender Bilder“ für die Passionsspiele in Oberammergau noch einmal auf. Wie es in einem Bericht aus dem Jahre 1890 heißt, werden die  Handlungen des Passionsspiels jeweils durch ein „Lebendes Bild“ eingeleitet. (Rogge 1890, S. 334)

Oberammergau Wallner 1895 S.33
=berammergau Lebendes Bild Ill_Zeit Nr. 2456_1890 S. 93

Abbildungen
Abb. Lotte (Werther’s Leiden) – Kaulbach: Goethe-Gallerie
Abb. Aus dem Passionsspiel in Oberammergau. Hoffnung auf das Heil des Kreuzes. Lebendes Bild – Rogge 1890, S. 633

Literatur
Ebhardt, Franz [1880]: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Ein Handbuch für den Verkehr in der Familie, in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben. Berlin: Verlag von Franz Ebhardt
Koslowski, Stefan [1996]: Bürgerturner und Theater. Zur Basler Theatergeschichte des 19. Jahrhunderts. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 92 (1996), H. 1, 15-32
Rogge, Bernhard [1890]: Das Oberammergauer Passionspiel. In: Daheim Nr. 40/1890, S. 633 – 638
Spielhagen, Friedrich [1897]: Zum Zeitvertreib. Leipzig: Staackmann

Wiedergeburt der graphischen Künste im 19. Jahrhundert

„Unsere Zeit ist die Zeit der Illustration. Bücher ohne Abbildungen haben im allgemeinen keine  besondere Zugkraft mehr, unsere Unterhaltungslitteratur muß illustriert sein: die Abbildungen sind in einem großen Teil derselben die Hauptsache!“ (Stockbauer 1894, S. 308)

Im Roman finden sich vielfältige Hinweise auf die Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aus diesen scheinbar beiläufig eingestreuten Hinweisen und Anspielungen lassen sich wichtige Ausschnitte der Kommunikations- und Medienverhältnisse im ausgehenden 19. Jahrhundert rekonstruieren.
An Effis Polterabend wird ein „Lebendes Bild“ aufgeführt. (Kap. 4) Unter „Lebenden Bildern“ verstand man die  „Darstellungen von Werken der Malerei und Plastik durch lebende Personen“. (Meyers Konversations-Lexikon 1877, S. 651)
Voraussetzung für die Popularität „Lebender Bilder“ als gehobener Form der Unterhaltung in bürgerlichen Kreisen war die durch neue Drucktechniken mögliche Ausweitung der Bildproduktion und der dadurch eröffnete Zugang zu Abbildungen aller Art in Kopien, Zeitschriften, Büchern und Bildbänden.
Wenn in diesem Zusammenhang von einer „optischen Revolution“ die Rede ist,  dann handelt es sich dabei nicht um eine Einschätzung, die sich erst aus der Perspektive von heute ergibt. (Im Buch „Drucktechniken und die optische Revolution“ S. 69 – 82) Viele zeitgenössische Beobachter verwenden ähnliche Begriffe, sprechen z. B. vom „gewaltigen Einfluß“ der graphischen Künste auf „unser ganzes Kulturleben“.

Allerdings gab es auch Stimmen, die zwar nicht allgemein vor der „Bilderflut“ warnten, aber sich gegen die Tendenz aussprachen, alles und jedes zu illustrieren. So ist in der Zeitschrift Die Grenzboten mit Bezug auf  die 1883 erschienene  „erste illustrierte Ausgabe von Heinrich Heines ‚Buch der Lieder‘“ von der  „Illustrirmühle unserer Zeit“ die Rede. Die Kritik richtet sich hier gegen den Versuch, lyrische Gefühle und Stimmungen illustrieren zu wollen. (Die Grenzboten 1883, S. 627)

Wiedergeburt der graphische KünsteBuch_ und Illustrationstechniken Hamann 1899, S. 301
„Das 19. Jahrhundert oder strenger genommen dessen zweite Hälfte, darf auf die Bezeichnung des Zeitalters der Wiedergeburt der graphische Künste überhaupt und der Buchdruckerkunst im besonderen Anspruch machen. Die wiederum deutsche Erfindung der Schnellpresse und später des Rotationsdruckes, die Wiedergeburt des Holzschnittes, die Erfindung des Steindruckes, die Erfindung der Photographie und der auf ihr beruhenden Verfahren, wie Autotypie u.s.w., dann die Galvanoplastik, endlich der Aufschwung des Farbendruckes, alle diese Faktoren haben eine Entwicklung des Buch- oder Zeitungswesens hervorgerufen, die man noch vor 50 Jahren in das Reich der Träume verwiesen hätte, und den Erzeugnissen der Presse eine Bedeutung verliehen, die weit über die Entwicklung der ersten Erzeugnisse des Buchdruckes auf den Kulturfortschritt hinausgeht.“ (Hamann 1899, S. 54 f.)

„In unserem nun zur Neige gehenden Jahrhundert hat die Technik gewaltige Triumphe gefeiert und nicht zuletzt auf dem Gebiete der Buchherstellung. Wer wollte behaupten, daß wir schon im Zenith der Entwicklung ständen, und doch, wenn wir uns umschauen, überall stoßen wir auf eine Vollendung und Vollkommenheit, von der man sich – besonders im Illustrationswesen im vorigen Jahrhundert keinen Begriff hätte machen können.“ (Hamann 1899, S. 303)

Der gewaltige Einfluß der graphischen Künste auf das Kulturleben
„Die graphischen Künste in ihrer jetzigen Vervollkommnung sind, besonders auch soweit sie illustrativer Natur, auf unser ganzes Kulturleben von gewaltigem Einfluß. […] für manche Kreise muß die Belehrung durch Illustrationen den Unterricht durch Buchstaben ersetzen. Was ist es anders als ein Unterricht durch ‚Bilderbesehen‘, wenn wir den Journalzirkel, die oft schon abgegriffenen ‚neuen Hefte‘, durchblättern. Es will doch wohl niemand behaupten, daß der große Teil solcher Leser überhaupt ernsthafte Belehrung, es sei denn aber durch die Bilder, in diesen Zeitschriften sucht. Die illustrierten Familienblätter, die für ihren Zweck sogar eigene Romantypen kultivieren, haben denn auch dem Geschmacke des Publikums Rechnung getragen und eine Zeitschrift ist immer illustrierter als die andere geworden, sogar die farbigen Drucke sind bereits ins Feld geführt.
Während nun hier die Illustration weniger dringenden Bedürfnissen dient, hat sie andererseits einen ernsteren Zweck zu erfüllen, indem sie der Wissenschaft und dem Unterricht nutzbar gemacht worden ist. Wir können uns manche Werke heute garnicht mehr ohne Bilder denken und wenn wir z. B. zum Brockhaus-Lexikon greifen, betrachten wir es als selbstverständlich, daß das Werk uns durch instruktive Tafeln den Text erläutert. Wir haben uns neuerdings sogar derart an Illustrationen gewöhnt, daß wir die größten Kunstwerke der graphischen Industrie als etwas ganz selbstverständliches betrachten, z. B. Plakate in den wundervollen Ausführungen, entworfen von ersten Künstlern, reproduziert von den besten Anstalten, treten uns auf Schritt und Tritt entgegen und der neueste Sport, die Ansichtspostkarten, denen sich die sogenannten Künstlerkarten beigesellten, droht bedenkliche Dimensionen anzunehmen. Der Umstand, daß eine einzige Platte eine ungeheure Vervielfältigung gestattet, hat es mit sich gebracht, daß der einzelne Abzug, mag er auch künstlerisch noch so vollendet sein, doch an Wert verloren hat und wir haben uns bereits daran gewöhnt, für die Erzeugnisse der Pressen nicht mehr zu hohe Preise anzuschlagen.“ (Hamann 1899, S. 317f.)

Jugendstil

Literatur
Die Grenzboten 1883/4. Quartal: Das diesjährige Prachtwerk, S. 623 – 629
Hamann, Ludwig [1899]: Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. Leipzig: Verlag von Ludwig Hamann, 2. Aufl.

Meyers Konversations-Lexikon [1877]: Bd. 10. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 3. Auflage
Stockbauer, Jakob [1894]: Die moderne Illustration. Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 28/1894, S. 308f.