Ein Beitrag zur Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Effi Deutsche Rundschau1894

1887 erscheint in der Zeitschrift Die Grenzboten eine Rezension des Romans Cécile von Theodor Fontane. Es heißt dort, Fontane erfülle der Gedanke, „die deutsche Reichshauptstadt zum Unter- und Hintergrunde von poetischen Darstellungen zu benutzen, und ohne den französischen Naturalisten näher verwandt zu sein, empfindet er den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist.
In seinem Roman Effi Briest benutzt Fontane zwar nicht die deutsche Reichshauptstadt zum „Unter- und Hintergrund [seiner] poetischen Darstellungen“, aber die Einschätzung er empfände „den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist“, trifft auf diesen Roman vielleicht noch in stärkerem Maße zu. Der „Boden“, auf dem sich der Dichter hier bewegt, ist seiner Leserschaft offensichtlich so vertraut, dass er sich auf beiläufige Anspielungen und stenografisch verkürzte Hinweise beschränken konnte.
Fontanes zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an Japan speiste, u.a. aus Berichten über die 1885 in Berlin eröffnete und danach auch in München gezeigte Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“.
An Effis Polterabend wird ein „Lebendes Bild“ aufgeführt. Voraussetzung für die Popularität dieser Unterhaltungsform waren die Zugriffsmöglichkeiten auf Bilder, wie sie durch die „optische Revolution“ oder mit den Worten eines Zeitgenossen – durch die „Wiedergeburt der graphischen Künste“ – eröffnet wurden.
Instettens werden nach ihrer Hochzeitsreise am Bahnhof abgeholt. Auf dem Weg nach Kessin wird beiläufig der Ort „Varzin“ erwähnt. Erklärungen erübrigen sich für die zeitgenössische Leserschaft. Wie es in einem Bericht über Varzin heißt, sei dieser Name „seit 1867 tausendfach in Wort und Schrift wiederholt und in aller Munde gewesen“.
Bei einem späteren Besuch des Ehepaars in dieser Gegend ist von Bismarck als „Papiermüller“ die Rede. Dem Publikum der illustrierten Zeitschriften war bekannt, dass die auf Bismarcks Gut betriebenen Papierfabriken „reichen Ertrag abwerfen. Wer die Wochen- und Monatszeitschriften las, wusste, welcher Zusammenhang zwischen der Erfindung des Holzschliffs, den Papiermühlen und dem „kulturfördernden Rückgang der Papierpreise“ bestand.
Durch Fontanes literarisches Spiel mit den Wissensbeständen, die seiner zeitgenössischen Leserschaft vertraut sind, lässt sich die Handlung des Romans einem eingrenzbaren Zeitraum zuordnen. Eine Analyse dieser kollektiven Wissensbestände erschließt, welche Informationen und Themen und welche Bewertungen und Bilder zur Entwicklung der Kommunikations- und Medienkultur über die populären Medien transportiert wurden.
Nicht zuletzt wird durch eine von den Anspielungen im Roman ausgehende Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur deutlich, dass die Moderne früher begonnen hat, als dies aus heutiger Perspektive der Fall zu sein scheint. Ein Beispiel hierfür liefert das Gedicht, das Effi zitiert, um sich gegen die Verführungskünste des Majors von Crampas zu wappnen. Unter dem Titel „Draus bei Schleswig vor der Pforte“ findet sich dieses Gedicht in der Kleinen Missionsharfe, einer Liedersammlung, die im 19. Jahrhundert über zwei Millionen Mal verkauft und zum ersten Bestseller des Bertelsmann Verlages wurde.
In der eingangs zitierten Rezension des Romans Cécile heißt es, dass sich „ein Dichter wie Theodor Fontane nicht darüber täuschen kann, daß alles, was an Wirkungen der Lokalschilderung, der gesellschaftlichen Atmosphäre gewonnen wird, verhältnismäßig wenig bedeuten will gegenüber der Stärke der Motive und der unmittelbaren Darstellung der in allen Wandlungen und Spielarten sich gleich bleibenden Menschennatur“.
Das verweist darauf, welchen begrenzten Beitrag eine Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur ausgehend von den Anspielungen und Hinweisen in Effi Briest für das Verständnis des Romans selbst leisten kann. Aufschlüsse liefert eine solche Rekonstruktion jedoch für Fontanes Erzählhaltung und die Verortung seiner literarischen Produktion in der Medienkultur des 19. Jahrhunderts.

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