Verregelte Kommunikation

An verschiedenen Stellen des Romans werden die starren Regeln und Normen deutlich, denen die Kommunikation in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts unterworfen ist. (Im Buch 2. Aufl. dazu: Vom guten Ton im schriftlichen Verkehr …“ auf den Seiten 72 – 89.) Wie sehr durch diese Konventionen die Kommunikation „verregelt“ wird, ist auch den Zeitgenossen bewusst.

Visitenkartenschale_Lützow 1875 S. 436

Amerikanische Visiten- und Einladungskarten

Daß die Mode, indem sie den Anspruch erhebt, die Gesamtform des sozialen Lebens unter ihren Vorschriften zu beugen, auch dem Verkehr der guten Gesellschaft in Besuchen und Gegenbesuchen, Einladungen und Familien-Anzeigen geltende Regelns aufzuerlegen sucht, ist bekannt. Sie normiert nicht blos die Besuchszeit, die Besuchstoilette, die Besuchsdauer, die Besuchserwiderung, – sie stellt auch über die Vorläufer des Besuches, die Visitenkarten gültige Bestimmungen auf, setzt die Größenverhältnisse der Karte, die Beschaffenheit ihres Materials, die Farbe , den Glanz oder Nicht-Glanz, die Schriftform, den Schriftsatz, das Mehr oder Minder im Namen und Titel fest und verfügt, ob eine und welche Ecke eingebogen werden dürfe, ob die Adresse anzugeben sei oder nicht, – ja sie schreibt sogar vor, wem die Führung von Visitenkarten zustehe, wem sie versagt werden müsse.

Aus: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift  Nr. 17/1885, S. 180

Visitenkarte

Das p. r. v. bedeutet pur rendre visite, einen Besuch abzustatten; p. f. = pour féliciter, Glück zu wünschen; p. p. c. = pour prendre congé, Abschied zu nehmen; p. c. = pour condoler, Beileid zu bezeugen. Je nach dem Zwecke des Besuches bog man die betreffende Ecke aufwärts nach der Vorderseite der Karte hin, wo der Name steht, und der Empfänger wußte damit, welchen Zweck der Besuch hatte. (Ebhardt 1880, S. 337)

Für die Bedeutung, die den Visitenkarten im gesellschaftlichen Verkehr zukommt, spricht, dass in den Romanen Fontanes Visitenkartenschalen bei der Beschreibung der Wohnungseinrichtung erwähnt werden, wenn es um den Nachweis gesellschaftlicher Respektabilität geht. Dies gilt für die Poggenpuhls, die um den Erhalt iher gesellschaftlichen Position kämpfen müssen. Bei ihnen befindet sich in der guten Stube eine „flache Glasschale […], drin im Sommer Aurikeln und ein Vergißmeinnichtkranz, im Winter Visitenkarten zu liegen pflegten.“ (Kap. 1)

Für Mathilde Möhring und ihre Tochter ist der Nachweis bürgerlicher Respektabilität wichtig, um die Vermietung eines Zimmers in ihrer Wohnung zu erleichtern.

Alles dürftig, aber sehr sauber. Und nun öffnete Frau Möhring die Tür, die rechts nach dem zu vermietenden Zimmer führte. Hierher hatten sich alle Anstrengungen konzentriert: ein etwas eingesessenes Sofa mit rotem Plüschüberzug und ohne Antimakassar, Visitenkartenschale, […].“ (Kap. 2)

Wie eine Episode in Fontanes Roman Quitt zeigt, gilt eine korrekt gestaltete Visitenkarte als Ausweis für gute Erziehung und gutes Benehmen. Im Roman wird ein verlorengegangenes Plaid zusammen mit „einer großen goldgeränderten Karte“ abgegeben:

Dr. Sophus Unverdorben

Kammergerichtsassessor und Lieutenant der Reserve

Im 2. Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Franz

Berlin W Lützow-Ufer 7a

Der Berliner Rechnungsrat Espe betrachtete mit einem „sozusagen auf staatlicher Grundlage ruhenden Wohlgefühl“ die „korrekt abgefaßte Karte“: „‘Seht, Kinder, so muß dergleichen aussehen‘, waren seine mehr als einmal wiederholten Worte, [… ].“ (Kap. 16)

In Fontanes Roman Der Stechlin wird über den „Musikdoktor“ Niels Wrschowitz erzählt, er sei nur „aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden, […] um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden“ (Kap. 13) Die Bedeutung dieser Bemerkung erschließt sich erst vollständig, wenn man die Hinweise zur Gestaltung einer Visitenkarte im „Guten Ton in allen Lebenslagen“ zur Interpretation heranzieht.

Die Visitenkarte, jetzt modern in großem Format und aus starkem, glanzlosem weißen Papier mit deutlicher Schrift gedruckt, werden je nach dem Zweck und nach Person verschieden gewählt. Offiziere und Beamte, sowie alle Herren, welche einen Rang bekleiden, setzen außer ihrem Familiennamen, dem der Vorname selten vorausgeht, mit kleiner Schrift Rang und Stand, sowie in großen Städten rechts unten die Adresse der Wohnung. […] Herren von solchen Lebensstellungen machen den größten Teil ihrer Besuche in Kreisen, in denen der Rang eine große Rolle spielt und in welchen ihnen eben durch ihren Rang ein bestimmter Platz zugewiesen ist. In solchen Fällen ist es viel gleichgültiger, ob der Hauptmann, welcher der Frau Generalin seine Aufwartung macht, Theodor oder Karl Frank heißt, als ob der fragliche Theodor Frank Hauptmann oder Leutnant ist.“ (Ebhardt 1889, S. 30)

Abb. Lützow, Carl von [1875]: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873. Leipzig: E. A. Seemann, S. 436

Literatur

Ebhardt, Franz [1880]: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Berlin: Franz Ebhardt

Ebhardt, Franz [1889]: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Berlin: Franz Ebhardt

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