Der Besuch im Nationalpanorama – Effis Begegnung mit einem modernen Massenmedium

Im Nationalpanorama in Berlin wurde von Februar 1881 bis Dezember 1883 der „Sturm auf Saint-Privat“, eine Darstellung der Schlacht von Gravelotte aus dem Krieg 1870/71, gezeigt.  (Im Buch 2. Aufl. dazu „Panoramen als ein fotorealistisches Massenmedien“ auf den Seiten149 – 160.) Auf der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise besucht das Ehepaar Instetten in Begleitung von Vetter Briest dieses Schlachten-Panorama. Bei der Ankunft in Kessin spricht Innstetten Effis Nervosität an, die er u.a. auf den Besuch des St. Privat-Panoramas zurückführt. Die Bemerkung Instettens und Effis Reaktion lässt sich besser einordnen, wenn man einen zeitgenössischen Kommentar zu diesem Rundgemälde hinzuzieht.

Wollten wir über den Eindruck berichten, den die furchtbare Wirklichkeit des Bildes hervorrief, so würden eine Menge individueller Auffassungen zu Tage treten müssen. Eine furchtbare Sache ist es um den Krieg selbst für den Schlachtenbummler, der ihn im Panorama aufsucht.“ (o. V. 1881, S. 197)

Die Schaustellung von Rundgemälden war an sich nicht neu, sondern erfreute sich in Berlin bereits Anfang des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit, war dann aber aus der Mode gekommen. (Deutschen Bauzeitung Nr. 19/1881, S. 115)

Erst im patriotischen Überschwang nach dem Sieg über Frankreich wurden Rundgemälde, die Ereignisse aus diesem Krieg 1870/71 darstellten, in Deutschland noch einmal große Publikumserfolge.

Gerüst Panorama

Neu waren dabei die Anforderungen an die „fotorealistische“ Wiedergabe der Ereignisse. So wird in einem Bericht zur Eröffnung des Nationalpanoramas die realitätsgetreue Wiedergabe des Schlachtfeldes hervorgehoben.„Von großer Wahrheit ist die Ausführung des landschaftlichen Theils, […]. Wer einmal dort gewesen ist, wird auf dem Bilde jede Allee, jeden Weg, jede Bodensenkung oder -erhebung wiedererkennen.“ (1. Beilage der „Berliner Börsen-Zeitung“ Nr. 97 vom 23. Februar 1881, S. 8)

Um diese Realitätsnähe zu erreichen, besuchten die Künstler, die zum Teil schon als künstlerische „Kriegsberichterstatter“ den Feldzug begleitet hatten,  das Schlachtfeld und fotografierten das Terrain. Die anhand dieser Fotografie entwickelten Skizzen wurden auf Glasplatten fotografiert und mit Hilfe der Camera obscura auf die Leinwand im Panoramagebäude projiziert und auf die Leinwand übertragen.  Das Schlachtgeschehen als solches wurde mit Hilfe der offiziellen Kriegstagebücher, privater Aufzeichnungen und der Befragung von Beteiligten rekonstruiert.

Für die reportagehafte Wiedergabe des Geschehens musste der entscheidende Moment des Kampfgeschehens ausgewählt werden. Der „entscheidende Moment“ der Schlacht von Gravelotte aus preußischer Sicht war aber nicht unbedingt der, der den Anteil der sächsischen Regimenter am Sieg ins rechte Licht rückte. Liest man eine Beschreibung des in Berlin ausgestellten Panoramas wird verständlich, warum man in Dresden eine eigene Darstellung des „Sturms auf St. Privat“ in Auftrag gab.

Den Gegenstand des Panoramas bildet bekanntlich der entscheidende Angriff auf St. Privat, welcher am Nachmittage des 18. Augusts das blutige Drama von Gravelotte zu Ende brachte. Ein Haus im Vordergrunde ist ganz von Granaten durchlöchert. Die Löcher dienen den Franzosen, welche das Haus besetzt halten, als Schießscharten, aus denen sie einen verhängnisvollen Kugelregen auf die im Sturmschritt vordringende Preußische Garde eröffnen. Links von diesem Hause schlagen blutrothe Flammen aus einem großen Gehöfte, den Horizont mit schwärzlichem Dampfe verhüllend. Während um das Dorf schon der Einzelkampf wüthet, ziehen von allen Seiten, einen gewaltigen Ring bildend, die Garde-Regimenter heran. Jenseits der sandigen Chaussee, welche nach dem tiefer gelegenen St. Marie aux Chênes führt, sieht man das Kaiserin-Augusta-Regiment und dahinter eine Batterie postirt. Auf der Chaussee traben höhere Stabs-Offiziere. Auf der anderen Seite schließen sich an das zweite Garde-Regiment, das Kaiser Alexander-Regiment, die Garde-Füsiliere und den äußersten Flügel bilden, auf dem Gemälde nur wenig sichtbar, die Sachsen. (1. Beilage der „Berliner Börsen-Zeitung“ Nr. 97 vom 23. Februar 1881, S. 8 – Hervorhebung durch W.-R. Wagner)

a Ueber Land und Ueber Land und Meer Bd 51 1883_1884 S_905Welche Einschränkungen für die Künstler mit der Anforderungen an die „reportagehafte“ Genauigkeit des Ereignisse verbunden waren, geht aus einem Bericht über das „Panorama des Sturmes auf St. Privat in Dresden“ hervor. Über Louis Braun, den Schöpfer des Dresdner Panaromas, heißt es, er habe bereits mit Vorarbeiten zu einem Panorama der Schlacht bei Lützen aus dem 30jährigen Krieg begonnen, „eine solche Aufgabe [muß] für ein warmblütiges, kunstfreudiges Malerherz wie Louis Braun als besonders dankenswerth erscheinen. Und dieß um so mehr, als der Künstler sonst bei der Darstellung seiner Panoramen der Armeerangliste oft mancherlei Zugeständnisse machen muß, so daß oft genug das Kunstwerk, das schließlich aus einer Hand hervorgeht, keineswegs immer daßjenige ist, welches das Ideal seiner Künstlerphantasie gebildet hat, sondern erst die Frucht von mitunter recht schwer geschlossenen und zu Stande gekommenen Kompromissen.“ (Stein 1883/1884, S. 903

Modern sind die Panoramen jedoch nicht nur durch die Darstellungstechniken, die den erhöhten Ansprüchen an Realitätsnähe genügen mussten. Modern sind auch die Geschäftsmodelle, durch die die Realisierung dieser kapitalintensiven Unternehmungen möglich wurde. Hierzu heißt es in einem 1890 veröffentlichten Beitrag zur „Entwicklung der deutschen Panoramamalerei“:

die neueste großartige Entwicklung des Panoramas [ist] bei uns in Deutschland nicht durch die deutsche Schlachtenmalerei, sondern vielmehr, so unangenehm es uns klingen mag, durch das Großkapital und noch dazu durch außerdeutsches Kapital herbeigeführt worden […]. Ein reicher Holländer, ein Herr Diemont aus Arnheim war es, der zuerst dem Gedanken näher trat, durch deutsche Künstler die deutschen Kriegsthaten von 1870/71 im Rundbilde verherrlichen zu lassen. […] War so das erste deutsche Panorama im großen Stile aus der Anregung eines reichen holländischen Privatmannes hervorgegangen, so wurde das zweite, das dem ersten auf dem Fuße folgte, von einer belgischen Aktiengesellschaft, der société anonyme des Panoramas zu Brüssel, ins Leben gerufen: das Panorama der Schlacht von Gravelotte, von den Berliner Malern Hünten und Simmler vortrefflich ausgeführt.“ (Hausmann 1890. S. 258)

Der hohe Kapitaleinsatz erforderte eine Standardisierung der Rundgemälde, die den „sytematischen Panoramen-Austausch“ zwischen den verschiedenen Standorten ermöglichte. (Hausmann 1890,

Deutsches Montagslatt 7. März 1881, S. 7
Deutsches Montagslatt 7. März 1881

UnbenanntSt Privat Wiener Presse vom 14. Dezember 1891, S. 4
Wiener Presse vom 14. Dezember 1891

Die in Wien und Brünn erscheinende Tageszeitung Die Presse meldete im August 1890 aus der „baierischen Hauptstadt„:

„Nachdem die hiesige Panorama-Actien-Gesellschaft das Rundbild ‚Schlacht bei Weißenburg‘ vor einigen Wochen um 85.000 Mark an den Besitzer des Frankfurter Panoramas, den Holländer Diemont, verkauft hat, der die ‚Schlacht bei Sedan‘ von Frankfurt nach Newyork bringen ließ und dieses Bild dafür aufstellt, so ist München gegenwärtig ohne ein solches Rundbild und das für diese Ausstellungen erbaute Haus steht leer. Nach eifrigen Bemühungen um einen Ersatz ist es der Gesellschaft nun gelungen, das Wiener Gemälde: ‚Reise des Kronprinzen Rudolf nach Egypten‘ für eine Miethe von 20.000 Mark auf eine Sommersaison zu erhalten.“ (Die Presse vom 19. März 1890, S. 10)

Abbildungen

Abb. Das Malergerüst im Schlacht-Panorama. In: Die Gartenlaube Nr. 45/1884, S. 740
Abb. Straßenschlacht in St. Privat. Aus dem Dresdner Panorama. Gemalt von Professor  Louis Braun. In: Ueber Land und Meer 1883/1884 Bd. 51, S. 905

Literatur
Hausmann, S. [1890]: Die neueste Entwicklung der deutschen Panoramamalerei. In: Die Kunst für alle H. 17/ Juni 1890. S. 257 – 263
o. V. : Das grosse Panorama [1881]. In: Österreichische Kunst-Chronik vom Nr. 22, 3. März 1881, S. 196 f.
Stein, Philipp [1883/1884]: Das Panorama des Sturmes auf St. Privat in Dresden. In: Ueber Land und Meer 1883/1884 Bd. 51, S. 903

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Bismarcks Vorliebe für das Landleben und die Kommunikationsverhältnisse in Varzin

Berichte über Varzin finden sich nicht nur in den illustrierten Familienzeitschriften, sondern der Ort Varzin taucht zu gewissen Zeiten ständig in den aktuellen Meldungen der Tageszeitungen auf. So meldete das Deutsche Montags-Blatt am 2. Juli 1877: „Ueber die Abreise des Reichskanzlers nach Varzin sind definitive Dispositionen noch nicht getroffen; […].“ Oder das Berliner Tageblatt konstatierte im November 1882: „Ueber die Varziner Entrevue zwischen dem Fürsten Bismarck und dem russischen Minister des Aeßeren, Herrn von Giers, schwirren bereits, wie das bei solchen Gelegenheiten immer der Fall zu sein pflegt, gar mannigfaltige Gerüchte umher.“ (S. 2)

Berliner Tgeblatt 22.12.1879 S.3Eine Erklärung für die häufige Erwähnung Varzins in den Tageszeitungen liefert die kritische Anmerkung eines Zentrumsabgeordneten in einer Reichstagsdebatte. Er spricht davon, dass der Reichskanzler die „Gewohnheit“ habe, „vorzugsweise von Varzin aus Deutschland und Preußen zu regieren“. (Reichstagsprotokolle – 10. Sitzung am 26. Januar 1878, S. 226)

Gegen diese Kritik verteidigt der Präsident des Reichskanzleramtes den Reichskanzler mit dem Hinweis, durch „die Abwesenheit des Herrn Reichskanzlers in Friedrichsruhe oder in Varzin [sei] noch keine Vorlage länger als etwa um 24 Stunden verzögert worden“. (Reichstagsprotokolle – 61, Sitzung am 17. Juni 1879, S. 1679)
Dies verweist darauf, dass Bismarck die Regierungsgeschäfte auch über einen längeren Zeitraum aus Varzin wahrnehmen konnte, weil die bestehenden Verkehrs- und Nachrichtenverbindungen dies zuließen. Varzin lag verkehrs- und nachrichtentechnisch – zumindest nachdem der Reichskanzler dort sein Rittergut erworben hat -nicht mehr abgeschnitten in den „caschubischen Bergen“.* Die Poststation im Dorf Varzin „expedirte“ im Jahr 1876 10.428 Telegramme und 6419 „Briefsachen“ kamen dort an bzw. wurden von dort abgeschickt. Direkt in das Arbeitszimmer des Kanzlers liefen „zwei Telegraphendrähte“. (Schlawe 1877, S. 6) Nach der Vorführung des Bellschen Telephons auf Bismarcks Gut wurde in Varzin eine „Telephonstation“ eingerichtet. (Die Gartenlaube H. 50/1877, S. 847) In Hammermühle, in nur sechs Kilometer Entfernung von Varzin, gab es seit 1878 eine Bahnstation und somit eine weitere Zugangsmöglichkeit zum Telegrafennetz. Während seiner Aufenthalte in Varzin konnte Bismarck über diese Bahnstation bis zu zweimal täglich mit Post aus Berlin versorgt werden.
Glaubt man nun aber […], daß Füst Bismarck sich in Varzin der Ruhe gönnt, so irrt man gewaltig, denn im Gegentheil widmet er sich mit großem Eifer der diplomatischen Arbeit. Zweimal täglich trifft von Berlin aus in Varzin eine mächtige verschlossene und versiegelte Mappe mit Aktenstücken und Briefen ein, die, wenn die betreffenden Züge auf der Station in ‚Hammermühle‘ nicht halten, während der Fahrt aus dem Postwagen heraus geworfen und in einem eigends für diesen Zweck hergerichteten Fangapparat aufgefangen werden. Auch der direkte Telegraphendraht von Varzin nach Berlin ist wohl selten in größerer Thätigkeit gewesen, wie gerade jetzt, wo Bismarck scharf von den Türken um seinen gewichtigen Rath in der egyptischen Frage angegangen wird.“ (Deutsches Montags-Blatt 31.07.1882, S. 1)5 Apparat zur Abgabe und Aufnahme von Briefen_Le Génie industriel 1865 Vol XXX Pl 385
Bei dem im Zitat angesprochenen „Fangapparat“ handelt es sich um eine der Vorrichtungen, wie sie zum „Aufnehmen u. Abgeben der Briefbeutel während des Laufes der Bahnzüge“ (Morandière 1863, S. 325 f.) entwickelt wurden.

Die Eisenbahnverbindung zwischen Hinterpommern und Posen spielte auch für die ökonomischen Aktivitäten des Reichskanzlers eine wichtige Rolle. Nachdem sich weder der Export von Holz nach England noch der Betrieb von Glashütten in dieser Gegend als profitabel erwiesen hatten, nutzte Bismarck den Waldbestand und die Wasserkraft in seinem Gutsbereich für die Errichtung von Papiermühlen.
„Die Eisenbahn zwischen Stolp und Rummelsberg, welche 1877 noch im Bau begriffen, jetzt ihre Güterzüge durch das Varziner Gebiet sendet und die Verbindung zwischen Hinterpommern und Posen herzustellen bestimmt ist, hat selbstverständlich den Werth eines Theils der hiesigen Producte durch die Möglichkeit wohlfeiler und rascher Versendung derselben einigermaßen gesteigert, […].“ (Busch 1879, S. 375)

*1859 schreibt Bismarck aus Reinfeld, einem Ort in der Nachbarschaft zu dem später erworbenen Rittergut Varzin, nach Berlin: „Unsere postalischen Beziehungen in den caschubischen Bergen erfreun sich noch nicht derselben Durchbildung wie in den bewohnteren Teilen der Monarchie, und insbesondere besteht für Berliner Briefe die eigentümliche Einrichtung, daß sie in Stolp beinah 24 Stunden ausruhn, bevor sie mit einer Seitenpost für die letzten 4 oder 5 Meilen ihres Weges instradiert werden.“ (Bismarck 2011, S. 58)

Abbildungen
Morandière, M. J. [1863]: Apparate zum Aufnehmen u. Abgeben der Briefbeutel während des Laufes der Bahnzüge. In: Dingler´s Polytechnisches Journal Band 169/1863, Nr. LXXIX S. 325–326

Literatur
Bismarck, Otto von: Bismarcks Briefwechsel mit dem Minister Freiherrn von Schleinitz 1858 – 1861. Reihe Deutsches Reich – Schriften und Diskurs Reichskanzler Bd. I/IV hrsg. von Björn Bedey, Hamburg: Severus Verlag 2011
Busch, Moritz [1879]: Neue Tagebuchblätter des Verfassers von ‚Graf Bismarck und seine Leute‘. Verlag von Fr. Wilh. Grunow
Schlawe, R. [1877]: Von Varzin. In: Deutsches Montagsblatt vom 31. Dez. 1877, S. 6

 

Varzin, Bismarck und die Einführung des Telefons in Deutschland

Im Oktober 1876 führte Graham Bell das von ihm entwickelte Telefon auf der Weltausstellung in Philadelphia öffentlich vor. Praktisch verwendbar wurde Bells Telefon im Laufe des folgenden Jahres. Die ersten verwertbaren Informationen über den Apparat und die damit durchgeführten Versuche erreichten Berlin mit der Ausgabe der Scientific American vom 6. Oktober 1877. Heinrich Stephan, der Generalpostdirektor des Deutschen Reichs, interessierte sich sofort für die neue Erfindung und führte schon am 24. Oktober 1877 die ersten Fernsprechversuche in Berlin durch.* Über diese Versuche berichtete die Berliner Börsen-Zeitung am 8. November 1877.

Seit Montag ist das erste Telephon hier wirklich in Dienst gestellt, und zwar von dem Arbeitszimmer des General-Postmeisters in der Leipziger-Straße zu dem Arbeitszimmer des Directors des General-Telegraphenamts in der Französischenstraße. Die mündliche Verständigung auf der 2 Kilometer langen Drahtleitung ist vollkommen. Der General-Postmeister spricht in das auf seinem Arbeitstische befindliche Instrument, erläßt mündlich Verfügungen und Anfragen, ertheilt mündlich Aufträge und erhält die Berichte und Antworten von dem Director des General-Telegraphenamts, auf dessen Arbeitstisch sich das andere Instrument befindet, ebenfalls auf mündlichem Wege, und zwar unmittelbar, als ob beide Herren sich in ein und demselben Zimmer befänden und mit vollkommener Deutlichkeit, so daß das Ideal der Abkürzung des Geschäftsganges und der Verminderung des Schreibwerks erreicht ist. (Berliner Börsen-Zeitung vom 8. November 1877, S. 5)

In einem Schreiben an den Reichskanzler Bismarck vom 9. November 1877, in dem Heinrich von Stephan die Funktionsweise des Bellschen Telefons beschreibt, sagte er dem Telefon eine „große Zukunft im menschlichen Verkehr“ voraus. (vgl. Grosse 1917, S. 11ff.)[1] Der Reichskanzler Bismarck reagierte prompt und ließ sich schon am 12. November Bells Telefon auf seinem Gut Varzin in Hinterpommern vorführen. Daraufhin wurde, wie in Nummer 50 der Wochenzeitschrift Die Gartenlaube zu lesen ist, in Varzin „eine Telephonstation“ eingerichet. (Die Gartenlaube H. 50/1877, S. 847)

Die lange Abwesenheit Bismarcks während der sogenannten „Kanzlerkrise“ ist Anlass für Karikaturisten, das Thema „Telefon und Bismarck“ aufzugreifen. Die „Kanzlerkrise“ lasse, so ihr Vorschlag, sich doch mit einer telefonischen Verbindung zwischen Berlin und Bismarcks Gut in Varzin lösen.

Parlaments-Telephonie Berliner Wespen Nr. 45_1877 Telefon_Varzin Kladderadatsch Nr_51 1877 S_208 für Blog
Durch das Telephon werden allen Klagen über Abwesenheit und Beurlaubung der Minister ein Ende gemacht. So wie der Ruf nach Bismarck ertönt, antwortet der Betreffende von Varzin aus: „Hier!“ um sofort in die Diskussion einzutreten. (9. Nov. 1877) Das neu erfundene Telephon arbeitet so vortrefflich, daß man beabsichtigen soll, durch dasselbe eine Verbindung zwischen dem Abgeordnetenhause und Varzin herzustellen. Dann gute Nacht, Kanzlersruh. (11. Nov. 1877)

 

*Mit welcher erstaunlichen Schnelligkeit man in Berlin reagierte, wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, dass in dieser Zeit ein Brief von New York nach Berlin 12 Tage unterwegs war. (Grosse 1917, S. 11)

Abbildungen
Abb. Wirkung in die Ferne –  Kladderadatsch Nr. 52/1877, S. 570
Abb. Parlaments-Telephonie – Berliner Wespen Nr. 45/1877

Literatur
Grosse, Oskar [1917]: 40 Jahre Fernsprecher. Stephan – Siemens – Rathenau: Berlin: Verlag von Julius Springer

Signaltelegraphie und Effis Interesse an durchfahrenden Zügen

„Telegraphie im engeren Sinne […] umfaßt die Verkehrstelegraphie, die Haustelegraphie und die Signaltelegraphie, Gebiete, welche sich zwar nicht scharf gegeneinander abgrenzen lassen, aber immerhin eine getrennte Behandlung ermöglichen.“ (Wilke 1893, S. 399)

Alle drei hier genannten Gebiete der Telegrafie tauchen mehr oder weniger prominent im Roman auf. Telegramme werden vor allem benutzt, um den genauen Termin einer Ankunft anzukündigen bzw. eine überraschende Änderung von Reiseplänen mitzuteilen (im Buch S. 48 -50). Auf das Vorhandensein einer elektrischen Hausklingel im Hause des Landrats wird explizit hingewiesen. Aber auch die „Signaltelegraphie“ findet Erwähnung. Nicht unwichtig, dass die Eisenbahn-Telegraphenstationen auch für die Aufgabe privater Telegramme genutzt werden konnten. (Im Buch 2. Aufl. auf den S. 227 – 239)

Die elektrische Telegraphie beim Eisenbahnbetriebe

[Dass] elektrische Telegraphenanlagen für die Eisenbahnen sehr nützlich sein müssen, liegt auf der Hand; und in der That haben auch die Eisenbahnen sich nicht auf das Bestreben allein beschränkt, die Telegraphen, sobald sie nur irgend betriebsfähig schienen, sich dienstbar zu machen, sondern sie vorwiegend haben anfänglich zur Ausbildung und Vervollkommnung der Telegraphen gedrängt. Wurden doch die ersten grösseren Telegraphenanlagen z. Th. ausschließlich für den Dienst der Eisenbahnen hergestellt, und wo dies nicht der Fall war, wurden sie, wie die ersten Staatstelegraphen in Deutschland und Oesterreich, entlang den Bahnen errichtet. (Zetzsche 1881, S. 146 f.)

Als Effi ihren Mann begleitet, der in Vorbereitung der anstehenden Wahlen den Gastwirt Eisenbahnläutewerke nach schwed Ausgabe von Wilke 1897 S. 465Golchowski besucht, meldet „die von der Bahn herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug“. Es handelt sich um die Durchfahrt des Schnellzugs nach Danzig. Effi, die von sich sagt, dass sie gerne Züge sieht, steigt mit ihrem Mann und dem Gastwirt den Damm hinauf zum Wärterhaus 417. „Der Bahnwärter stand schon da, die Fahne in der Hand.“ (Kap. 11) Als Effi nach Berlin fährt, um den Umzug durch die Wohnungssuche vorzubereiten, wird noch einmal auf die Signaltelegraphie Bezug genommen. Es heißt dort: „Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; […].“ (Kap. 22)

Die durchlaufenden Liniensignale. Wie der Leser weiß, sind an unsern Bahnen, wenigstens an den Vollbahnen, Bahnwärter bestellt, welche je ein Stück der Bahnstrecke zu überwachen, für die Sicherheit dieselben zu sorgen, die Übergänge zu öffnen und zu verschließen und mehr dergleichen für die Sicherheit und Erhaltung bestimmte Verrichtungen zu thun haben. Diese Wärter müssen nun von dem wichtigsten Vorgang auf der Bahn, von dem herannahenden Zuge benachrichtigt werden, und hierfür dienen die Liniensignale, für welche man außer dem bekannten Signalmast auch ein hörbares Zeichen, das Anschlagen einer Glocke verwendet, Für dieses letztere wird der elektrische Strom verwendet, welcher, von der signalgebenden Station ausgeschickt, die bei oder auf den Wärterbuden stehenden Glocken zum Ertönen bringt. (Wilke 1893, S. 494)

Die elektrischen Sicherheitseinrichtungen „stellen für sich allein schon Errungenschaften dar, deren Wert für Leben, Gesundheit und Besitz man nicht übersehen kann.“ (Wilke 1893, S. 7) Warum dies so ist, wird deutlich, wenn man in der Einleitung eines Berichts über einen folgenschweren Eisenbahnunfall liest: „‘Eisenbahnunfälle‘ sind eine so häufig wiederkehrende Rubrik unserer Zeitungen, daß ein derartiges Ereigniß schon einen ungewöhnlichen Umfang angenommen haben muß, um den Inhaber eines Jahresbillets aus der vornehmen Gleichgültigkeit aufzuschrecken, mit er liest, daß wieder einmal ein Güterzüge aufeinandergestoßen, aber glücklicherweise nur ein Locomotivführer und ein Heizer um’s Leben gekommen oder zu Krüppeln geworden sind, […]. (Die Gartenlaube H. 42/1874 S. 686)

Damit macht die Erwähnung der Signaltelegraphie Sinn, wenn es um Ausmalen des zeitgenössischen Hintergrundes geht, vor dem die Handlung des Romans spielt. Mit Blick auf die Erregung und Sehnsucht, von der Effi beim Anblick durchfahrender Züge ergriffen wird, geht es aber um mehr. Es geht um das veränderte Erleben von Raum und Zeit durch die Beschleunigung der Verkehrsmittel (im Buch dazu S. 24f.).

Effis Faszination von Zügen zeigt sich auch in der letzten Phase ihres Lebens. Nach ihrer Rückkehr auf das elterlich Gut wählt sie bei ihren täglichen Spaziergängen einen Rastplatz, „von dem aus sie das Treiben auf dem Bahndamm verfolgen konnte; Züge kamen und gingen, und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen Augenblick wie deckten und dann nach links und rechts hin wieder auseinandergingen, bis sie hinter Dorf und Wäldchen verschwanden.“ Kap. 36)

Abb. Eisenbahnläutewerk – hier nach schwedischer Ausgabe von Wilke 1897, S. 465

Literatur
Wilke, Arthur [1893]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer

Zetzsche, K. E. (Hrsg.) [1881]: Handbuch der Elektrischen Telegraphie. Bd. 4 Die Elektrischen Telegraphen für besondere Zwecke. Berlin: Verlag von Julius Springer

Ein Beitrag zur Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts

Effi Deutsche Rundschau1894

1887 erscheint in der Zeitschrift Die Grenzboten eine Rezension des Romans Cécile von Theodor Fontane. Es heißt dort, Fontane erfülle der Gedanke, „die deutsche Reichshauptstadt zum Unter- und Hintergrunde von poetischen Darstellungen zu benutzen, und ohne den französischen Naturalisten näher verwandt zu sein, empfindet er den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist.
In seinem Roman Effi Briest benutzt Fontane zwar nicht die deutsche Reichshauptstadt zum „Unter- und Hintergrund [seiner] poetischen Darstellungen“, aber die Einschätzung er empfände „den geheimen Reiz, sich auf einem Boden zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist“, trifft auf diesen Roman vielleicht noch in stärkerem Maße zu. Der „Boden“, auf dem sich der Dichter hier bewegt, ist seiner Leserschaft offensichtlich so vertraut, dass er sich auf beiläufige Anspielungen und stenografisch verkürzte Hinweise beschränken konnte.
Fontanes zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an Japan speiste, u.a. aus Berichten über die 1885 in Berlin eröffnete und danach auch in München gezeigte Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“.
An Effis Polterabend wird ein „Lebendes Bild“ aufgeführt. Voraussetzung für die Popularität dieser Unterhaltungsform waren die Zugriffsmöglichkeiten auf Bilder, wie sie durch die „optische Revolution“ oder mit den Worten eines Zeitgenossen – durch die „Wiedergeburt der graphischen Künste“ – eröffnet wurden.
Instettens werden nach ihrer Hochzeitsreise am Bahnhof abgeholt. Auf dem Weg nach Kessin wird beiläufig der Ort „Varzin“ erwähnt. Erklärungen erübrigen sich für die zeitgenössische Leserschaft. Wie es in einem Bericht über Varzin heißt, sei dieser Name „seit 1867 tausendfach in Wort und Schrift wiederholt und in aller Munde gewesen“.
Bei einem späteren Besuch des Ehepaars in dieser Gegend ist von Bismarck als „Papiermüller“ die Rede. Dem Publikum der illustrierten Zeitschriften war bekannt, dass die auf Bismarcks Gut betriebenen Papierfabriken „reichen Ertrag abwerfen. Wer die Wochen- und Monatszeitschriften las, wusste, welcher Zusammenhang zwischen der Erfindung des Holzschliffs, den Papiermühlen und dem „kulturfördernden Rückgang der Papierpreise“ bestand.
Durch Fontanes literarisches Spiel mit den Wissensbeständen, die seiner zeitgenössischen Leserschaft vertraut sind, lässt sich die Handlung des Romans einem eingrenzbaren Zeitraum zuordnen. Eine Analyse dieser kollektiven Wissensbestände erschließt, welche Informationen und Themen und welche Bewertungen und Bilder zur Entwicklung der Kommunikations- und Medienkultur über die populären Medien transportiert wurden.
Nicht zuletzt wird durch eine von den Anspielungen im Roman ausgehende Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur deutlich, dass die Moderne früher begonnen hat, als dies aus heutiger Perspektive der Fall zu sein scheint. Ein Beispiel hierfür liefert das Gedicht, das Effi zitiert, um sich gegen die Verführungskünste des Majors von Crampas zu wappnen. Unter dem Titel „Draus bei Schleswig vor der Pforte“ findet sich dieses Gedicht in der Kleinen Missionsharfe, einer Liedersammlung, die im 19. Jahrhundert über zwei Millionen Mal verkauft und zum ersten Bestseller des Bertelsmann Verlages wurde.
In der eingangs zitierten Rezension des Romans Cécile heißt es, dass sich „ein Dichter wie Theodor Fontane nicht darüber täuschen kann, daß alles, was an Wirkungen der Lokalschilderung, der gesellschaftlichen Atmosphäre gewonnen wird, verhältnismäßig wenig bedeuten will gegenüber der Stärke der Motive und der unmittelbaren Darstellung der in allen Wandlungen und Spielarten sich gleich bleibenden Menschennatur“.
Das verweist darauf, welchen begrenzten Beitrag eine Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur ausgehend von den Anspielungen und Hinweisen in Effi Briest für das Verständnis des Romans selbst leisten kann. Aufschlüsse liefert eine solche Rekonstruktion jedoch für Fontanes Erzählhaltung und die Verortung seiner literarischen Produktion in der Medienkultur des 19. Jahrhunderts.

Fortschrittsglaube, Angst um Arbeitsplätze und ein Schuss Kulturpessimismus

Die Entwicklung der Massenmedien befördert „kulturelle Differenzierungsprozesse“ (vgl. Lübbe 1994 S. 317). So kann Fontane, um das Milieu zu charakterisieren, dem einzelne Personen in Effi Briest zuzurechnen sind, ihre Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre heranziehen.
Dies gilt nicht nur für den Vetter Briest, der bei seinem ersten Auftreten als „ein ungemein ausgelassener ,junger Leutnant, der die ‚Fliegenden Blätter‘ hielt und über die besten Witze Buch führte“, beschrieben wird.
Vom Apotheker Gieshübler heißt es, er sei „Schöngeist und Original“, der „neben allem anderen, auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser [war], ganz zu geschweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand“. Auch Effis Ehemann und ihr Vater werden als Zeitungsleser vorgestellt, deren Zeitungslektüre in Alltagsroutinen eingebettet ist und ihren Alltag strukturiert.
Effi scheint dagegen in Kessin lieber zu den Modezeitungen zu greifen, um sich von ihren Sorgen abzulenken, als zu den Zeitungen und Journalen, die ihr der Apotheker Grieshübler regelmäßig – mit Anmerkungen und Lesehilfen versehen – zuschickt.

Aus dieser Perspektive wird es verständlich, dass in der zeitgenössischen Diskussion  Erfindungen wie die der Schnellpresse eine hohe Bedeutung für die „civilisirte Menschenheit“ zugesprochen wird, zumal es sich hier um die erste technische Innovation des Buchdrucks seit der Erfindung der Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts handelt.

Rotations-Buchdruckmaschine
Rotations-Buchdruckmaschine

Friedrich König, der Erfinder der Schnellpresse, ein „Wohlthäter der Menschheit“
Mit der stetig wachsenden Vervollkommnung in Construction der modernen Rotationsschnellpressen […] mit den Fortschritten der Rundstereotypie, mit der in erfreulicher Weise verbesserten Qualität der für Rotationsdruck benöthigten Materialien (Rollenpapier, Farbe, Walzenmasse u. dgl.) und nicht zum wenigsten mit dem Lesebedürfnisse der civilisirten Menschheit wächst naturgemäß die Anwendbarkeit und Einführung der Rotationsschnellpressen, welche bei Massenproduction nicht nur billigst, sondern auch schnellstens und gut jede Druckarbeit – sei dieselbe eine ordinäre Zeitung, ein Werk oder ein fein illustrirtes Journal – zu liefern im Stande sind.“ (Anonymus 1883, S. 318)

„Wer endlich wollte den Einfluß ermessen und in Zahlen ausdrücken, welchen die König Schnellpresse Goebel 1883gewaltig erhöhte Leichtigkeit und Schnelligkeit des Druckes auf Verbreitung der Bildung unter allen Klassen des Volkes, unter Hoch und Niedrig und in allen Verhältnissen des gesellschaftlichen und politischen Lebens gehabt hat und noch täglich hat in stets wachsender Progression? Die Grenzen dieses Einflusses sind ganz unabsehbar und unberechenbar; eines aber ist für jedes Auge zu erkennen und steht unumstößlich fest: daß Friedrich Koenig’s große Erfindung der Druckmaschine den Grund- und Eckstein dieses Einflusses bildet, daß er ihre direkte Folge war und auf ihr ruht. Durch seine Erfindung wurde Koenig zu einem der größten Wohlthäter der Menschheit. Sein Name wird daher auch stets glänzen inmitten der Namen aller großen Erfinder, neben den Wohlthätern aller Nationen. – Ehre seinem Andenken!“ (Anonymus 1883, S. 318)

Nicht nur  im Polytechnischen Journal, sondern auch in der Famlienzeitschrift Die Gartenlaube erschien 1883 anläßlich des 50. Todestags von Friedrich König ein Beitrag, um  das „Leben und Wirken dieses Wohlthäters der Menschheit wieder in’s Gedächtnis zu rufen“.

„Die Verdienste, welche Friedrich Koenig sich durch die Erfindung der ‚Schnellpresse‘ um das geistige, gesellschaftliche und geschäftliche Leben der ganzen civilisirten Welt erworben hat, sind jedoch bis jetzt nur in dem Kreise der Drucker gewürdigt worden, während dem größten Theil unseres Volks die eigentliche Bedeutung und Tragweite dieser Erfindung noch völlig unbekannt geblieben ist. Man weiß nicht, wie schwerfällig vorher die Herstellung eines Druckes war, wie wenig die fleißigsten Arbeiter an einem Tage vollenden konnten, wie theuer deshalb die Bücher und Zeitungen waren und wie sehr dies ihrer Verbreitung und, damit der ganzen Bildungs- und Geschäftsforderung im Wege stand. Jetzt aber, wo man gewöhnt ist, seine sauber gedruckten Bücher für Schule und Haus, seine Unterhaltungsliteratur und Prachtwerke billig zu kaufen, sein Geschäfts- oder politisches Blatt mit unfehlbarer Regelmäßigkeit auf dem Frühstückstische liegen zu sehen, vergißt man darnach zu fragen, wem man denn eigentlich all diese Wohlthaten und Annehmlichkeiten verdankt.“ (Goebel 1883a, S. 30f.)

Die Angst der Drucker um ihre Arbeitsplätze
Am 29. November 1814 „konnte die ‚Times‘ der Welt verkünden, daß sie zum ersten Male auf Druckmaschinen mit einer Schnelligkeit von 1100 Drucken in der Stunde (vorher eine Tagesarbeit) hergestellt worden sei. Bei Bau und Aufstellung derselben aber hatte mit größter Heimlichkeit vorgegangen werden müssen, um Gewaltthätigkeiten seitens der Drucker, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen, zu verhüten.“ (Goebel 1883a, S. 31)

Während Friedrich Koenig die französische Julirevolution begüßte, in der er auch „eine bessere Zeit erblicken zu sollen meinte für die Buch- und Zeitungsdrucker“, benutzten die Arbeiter in Paris „jedoch die Freiheit, um in verblendetem Wahne die Druckmaschinen, sowohl die Koenig’schen, wie die aus England gekommenen, zu zerschlagen, und daß nicht auch in Leipzig Gleiches geschah, verdankte man nur der Ruhe und Geistesgegenwart des Chefs der Firma F. A. Brockhaus, Herrn Friedrich Brockhaus, welcher damals der einzige Besitzer von Schnellpressen in der Metropole des deutschen Buchhandles war.
Damit war der Aufschwung, den die Druckmaschinenfabrikation in Deutschland genommen, mit einem Schlage vernichtet; Niemand wollte noch fernerhin ein Werkzeug anschaffen, hinsichtlich dessen man in Bezug auf den von ihm gewährten Vortheil noch nicht alle Zweifel überwunden hatte, dessen Besitz jedoch zu Collisionen mit aufgeregten Arbeitermassen führen konnte.“ (Goebel 1883a, S. 34)

Titelvignette Vorwärts 17. Jänner 1873Fortschrittsrhetorik in einer Zeitung der Gewerkschaft Druck und Papier
Die Druckerei der österreichischen Zeitung Die Presse erhält 1873 den Auftrag, den Katalog für die in Wien stattfindende Weltaustellung zu drucken. Aus diesem Anlaß erscheint in der Zeitschrift der Gewerkschaft Druck und Papier ein Artikel über die Leistungsfähigkeit der  von der Druckerei neu angeschafften Walterpressen – so benannt nach dem Besitzer der Times, der die Konstruktion der neuen Maschinen finanziert hatte.
„Die neuen ‚Walter-Maschinen‘ werden der Druckerei der ‚Presse‘ auch Gelegenheit geben, sich in der hervorragendsten Weise an der Weltausstellung zu betheiligen. Es ist ihr bekanntlich von der General-Direction der Weltausstellung der Druck des officiellen Katalogs derselben übertragen worden – eine typographische Arbeit von so colossalem Umfange, daß deren Bewältigung gegenwärtig auf dem ganzen Continente nur der Druckerei der ‚Presse‘ mit ihren neuen Maschinen möglich ist. Der Katalog wird hundert Bogen stark sein und seine Auflage ist zunächst auf eine halbe Millionen Exemplare festgesetzt. Hierzu ist demnach ein Papierquantum von fünfzig Bogen oder hunderttausend Rieß erforderlich. Um sich von dieser Papiermasse einen anschaulichen Begriff machen zu können, sei constatirt, daß die aneinandergereihten Medianbögen über Rußland, Asien und den stillen Ocean bis nach Mexiko reichen würden. Uebereinander geschichtet, hätten diese Bogen eine Höhe, welche achtunddreißigmal so hoch wären als jene des Stephansthurmes. Um diese Masse Papier zu bedrucken, müßte eine gewöhnliche Schnellpresse bei unausgesetzter, täglich vierundzwanzigstündiger Thätigkeit elf Jahre und sieben Monate fortarbeiten, während die beiden ‚Walter-Pressen‘ dieselbe Arbeit neben dem täglichen Drucke der ‚Presse‘ mit Leichtigkeit in vier Wochen liefern und also in dieser Zeit ebensoviel wie 192 Schnellpressen leisten werden. Der amtliche Katalog der Wiener Weltausstellung wird daher zugleich das Ausstellungs-Object der ‚Presse‘ sein und als solches die stärkste, bisher unerreichte Leistung der typographischen Technik und deren größte Vervollkommnung und Vollendung repräsentieren.“ (Die Walter-Presse 1873, S. 2)

Die Erfindung der Schnellpresse gereichte „Arbeitern und Arbeit zum Segen“
„Hatte man einst gegen [die Erfindung der Schnellpresse] den Vorwurf erhoben, dass sie die Pressedrucker brodlos mache und der Noth preisgebe, […] so haben die Thatsachen und namentlich die ungeheure Zunahme dieses Bedürfnisses solchen Vorwurf in schlagendster und überzeugendster Weise widerlegt. Denn wer zählt die Tausende der Arbeiter, die heute allein im Schnellpressenbau beschäftigt sind, wer die Tausende der Maschinenmeister, d. h. der intelligenten Leiter dieser Schnellpressen, die jenes durstige Geschlecht der Massendrucker ersetzt haben, welches Gutenbergs Kunst nicht immer zur Ehre gereichte? An der Schnellpresse, von der man heute die vollendetsten typographischen Leistungen verlangt, wie man sie zur Zeit ihrer Erfindung selbst nicht als auf der Handpresse erreichbar gehalten hätte, haben sich viele ihrer Leiter, indem sie zugleich eine lohnende Existenz fanden, zu wahren Künstlern herangebildet, der Buchdruck ist wieder eine Kunst geworden, dank dem Einflusse der Erfindung Koenigs, die somit Arbeitern und Arbeit zum Segen gereicht.“ (Goebel 1883b, 278f.)

Zeitungslektüre als Nervengift
Unsere Nerven Fliegende Blätter 1888 Nr 2240 S_6
Wenn wir morgens uns erheben,
Schon beginnt der Nerven Pein,
Und mit Schrecken und mit Beben
Nehmen wir das ‚Tagblatt‘ ein.

Selbstmord, Brände, Zugentgleisung,
Raub und Diebstahl, Unglücksschlag,
Bringt zu unsrer Nerven Speisung
Uns die Presse jeden Tag.

Und der Wust polit’scher Dinge!
Wiederkehren jedes Jahr
Auf Bestellung fast im Ringe
Cholera und Kriegsgefahr.

Auf den Straßen, welch‘ Gedränge,
Welch Getümmel und Geschrei!
Tramwaywagen, Menschenmenge,
Omnibus und Polizei.
von Miris 1888 (Unsere Nerven – Auszug)

Lesezirkel IZ 2164_1884_S_620

Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt
Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt uns gewissermaßen, und die Zeitschriften, Journale und Monatsschriften, die auch die Sammellektüre kultivieren, tragen weiter dazu bei, daß wir vieles in uns aufnehmen ohne ernsteren Nutzen. Die raffinierte Geschäftsspekulation hat sich sogar nicht begnügt mit diesem Sammelsurium der gebotenen Lektüre und hat das Monstrum Lesezirkel erfunden. In einem solchen famosen Institut werden 10 bis 20 Romane nebeneinander in ‚Fortsetzungen‘ verzapft. 30 verschiedene wissenschaftliche Fragen angeschnitten und ebensoviele, deren Anfang man sich noch erinnert, vor einigen Wochen gelesen zu haben, zu Ende geführt. Der Wert eines solchen Lesezirkels kann einzig nur in den Illustrationen gesucht werden, die die großen Blätter bieten, und außerdem in den der heiteren Muse gewidmeten Witzblättern. Ein ernste Lektüre in diesem mit pedantischer Pünktlichkeit kommenden und gehenden Litteraturwust zu suchen, soll keinem einfallen, […]. (Hamann 1899, S. 63)

Abbildung
Abb. Rotations-Buchdruckmaschine mit Falzapparat konstruiert für den Druck von Meyers Konversationslexikon – Meyers Konversations-Lexikon Bd. 14/1878
Abb. Friedrich König – Goebel 1883b
Abb. Unsere Nerven – Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6
Abb. Fritz Borstell’s Lesezirkel – Illustrirte Zeitung Nr. 2164/1884, S. 620

Literatur
Anonymus [1883]: Ueber die Verbreitung der Rotationsschnellpressen in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, sowie über den Erfinder der Schnellpresse. In: Polytechnisches Journal Band 249/1883, Miszelle 1, S. 316–318
Die Walter-Presse. In: Vorwärts. Organ der Gewerkschaft Druck und Papier, Wien 17. Januar  1873, S. 1 – 2
Goebel, Theodor [1883a]: Friedrich König, der Erfinder der „Schnellpresse“. In: Die Gartenlaube H. 2/1883, S. 30–35
– ders.: [1883b]: Friedrich König und die Erfindung der Schnellpresse: ein biographisches       Denkmal. Stuttgart: Kröner
Hamann, Ludwig [1899]: Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. Leipzig: Verlag von Ludwig Hamann
Lübbe, Hermann [1994]: Mediennutzungsethik. Medienkonsum als moralische Herausforderung. In: Hilmar Hoffmann, Hrsg.: Gestern begann die Zukunft. Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung der Medienvielfalt. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellschaft, S. 313 – 318.
von Miris [1888]: Unsere Nerven. In: Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6f.

 

„Ein Schritt vom Wege“ – Fontanes Spiel mit den Wissensbeständen seiner Leserschaft

Ernst Wichert Bazar Nr 10_1891 S. 96 grauIm Roman Effi Briest wird Ernst Wicherts Lustspiel „Ein Schritt vom Wege“ kurz vor Weihnachten am „Theaterabend in der Ressource“ aufgeführt. Major von Crampas führte Regie. Effi hatte die Hauptrolle übernommen. Für die Entwicklung der Affäre zwischen Effi und dem Major von Crampas spielte diese Liebhaberaufführung eine entscheidende Rolle.

Im Roman ist dreimal von dem Stück „Ein Schritt vom Wege“ und einmal davon die Rede, dass der Dichter ein Kammergerichtspräsident aus Königsberg sei. (Im Buch 2. Aufl. dazu Näheres auf den Seiten 192 – 196.)

„Nach einem Crampasschen Plane nämlich sollte noch vor Weihnachten ‚Ein Schritt vom Wege‘ aufgeführt werden, […].“ (Kap. 18)

„Der ‚Schritt vom Wege‘ kam wirklich zustande, und gerade weil man nur noch gute vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging vorzüglich; […].“ (Kap. 18)

„‘Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich habe mich amüsiert über das hübsche Stück. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat, eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus Königsberg. (Kap. 18)

„Die Lampe kam auch. In dem grauen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale mit Photographien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, damals, als man den Wichertschen ‚Schritt vom Wege‘ aufgeführt hatte, für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren.“ (Kap. 27) *

Ein Schritt vom Wege_Scan Theaterzettel Ein Schritt vom Wege

Ernst Wichert, Kammergerichtsrat in Königsberg, zählte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu den populären Autoren.  Sein Lustspiel „Ein Schritt vom Wege“ wurde 1871 am Stadttheater in Königsberg uraufgeführt. 1894 erscheinen die ersten Folgen von Effi Briest in der Deutschen Rundschau. Fast 25 Jahre nach der Uraufführung des Stückes kann sich Fontane darauf verlassen, dass kurze Erwähnungen des Stückes und des Namens seines Autors bzw. seiner Funktion als Kammergerichtsrat ausreichen, um bei seiner Leserschaft auf Resonanz zu stoßen. Dass dies so war, dafür spricht die ungebrochene Präsenz Ernst Wicherts in Zeitschriften.

Anlässlich seines 60. Geburtstage liest man in einer Würdigung Ernst Wicherts in der illustrierten Damen-Zeitung Der Bazar,

wer endlich erinnert sich nicht gern und mit fortwirkendem Wohlgefühl jener graziösen Lustspiele „Ein Narr des Glückes“, „Ein Schritt vom Wege“ […] und so vieler anderer, mit denen uns der Dichter, zum Teil in sorgenvoller Zeit, über die lastenden Kümmernisse des Tages mit liebenswürdigem Lächeln hinweg führte!“ (Der Bazar Nr. 10/1891, S. 96)

Zum selben Anlass veröffentlicht Gustav Dahms in der Zeitschrift Ueber Land und Meer einen Bericht über Ernst Wichert Über Land und Meer Nr_24 1890_91 S_24einen Besuch bei Ernst Wichert. Mit Blick auf das Bücherregal in dessen Arbeitszimmer schreibt Dahms:

In vier stattlichen Reihen stehen seine Dichtungen in dem Bücherregal vor mir. Dort die lange Reihe jener eigenartigen historischen Romane, durch welche der Dichter weitere Kreise auf die hohe geschichtliche Bedeutung Altpreußens aufmerksam gemacht hat, […]. Endlich alle seine kleineren oder größeren Bühnenwerke, deren Anzahl geradezu erstaunlich ist. Wenn auch ein Teil derselben von der Bühne schneller Abschied genommen hat, als es wohl wünschenswert gewesen wäre, so ist doch die Zahl derjenigen Dichtungen, auf deren glänzende und nachhaltige Erfolge Wichert mit stolzer Freude zurückblicken darf, recht ansehnlich, so vor allem sein Meisterwerk: ‚Ein Schritt vom Wege‘, das sich schon zwei Jahrzehnte lang mit ungewöhnlichem Erfolg auf dem Spielplan unserer Bühnen behauptet; […]. (Dahms 1890/91, S. 510)

*Auch im Roman Frau Jenny Treibel nimmt Fontane Bezug auf Wicherts Lustspiel:

„Diese Treibelei war ein Irrtum, ein ‚Schritt vom Wege‘, wie jetzt, wie du wissen wirst, auch ein Lustspiel heißt, noch dazu von einem Kammergerichtsrat. Das Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das Literarische macht frei…“  (Kap. 16)

Abbildungen

Abb. Ernst Wichert – Der Bazar Nr. 10/1891, S. 96

Abb. Ein Schritt vom Wege. Bühnen-Manuskript – Königsberg 1871

Abb. Theaterzettel „Ein Schritt vom Wege“ – Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar. Kunst und Wissenschaft – Hofwesen.

Abb. Ernst Wichert vor seinem Bücherregal – Ueber Land und Meer Nr. 24 1890/91, S. 505

Literatur

Dahms, Gustav: Ein Besuch bei Ernst Wichert. In: Ueber Land und Meer. Deutsche Illustrirte Zeitung 1890/91 Nr. 24, S. 510f.