Bismarcks Vorliebe für das Landleben und die Kommunikationsverhältnisse in Varzin

Berichte über Varzin finden sich nicht nur in den illustrierten Familienzeitschriften, sondern der Ort Varzin taucht zu gewissen Zeiten ständig in den aktuellen Meldungen der Tageszeitungen auf. So meldete das Deutsche Montags-Blatt am 2. Juli 1877: „Ueber die Abreise des Reichskanzlers nach Varzin sind definitive Dispositionen noch nicht getroffen; […].“ Oder das Berliner Tageblatt konstatierte im November 1882: „Ueber die Varziner Entrevue zwischen dem Fürsten Bismarck und dem russischen Minister des Aeßeren, Herrn von Giers, schwirren bereits, wie das bei solchen Gelegenheiten immer der Fall zu sein pflegt, gar mannigfaltige Gerüchte umher.“ (S. 2)

Berliner Tgeblatt 22.12.1879 S.3Eine Erklärung für die häufige Erwähnung Varzins in den Tageszeitungen liefert die kritische Anmerkung eines Zentrumsabgeordneten in einer Reichstagsdebatte. Er spricht davon, dass der Reichskanzler die „Gewohnheit“ habe, „vorzugsweise von Varzin aus Deutschland und Preußen zu regieren“. (Reichstagsprotokolle – 10. Sitzung am 26. Januar 1878, S. 226)

Gegen diese Kritik verteidigt der Präsident des Reichskanzleramtes den Reichskanzler mit dem Hinweis, durch „die Abwesenheit des Herrn Reichskanzlers in Friedrichsruhe oder in Varzin [sei] noch keine Vorlage länger als etwa um 24 Stunden verzögert worden“. (Reichstagsprotokolle – 61, Sitzung am 17. Juni 1879, S. 1679)
Dies verweist darauf, dass Bismarck die Regierungsgeschäfte auch über einen längeren Zeitraum aus Varzin wahrnehmen konnte, weil die bestehenden Verkehrs- und Nachrichtenverbindungen dies zuließen. Varzin lag verkehrs- und nachrichtentechnisch – zumindest nachdem der Reichskanzler dort sein Rittergut erworben hat -nicht mehr abgeschnitten in den „caschubischen Bergen“.* Die Poststation im Dorf Varzin „expedirte“ im Jahr 1876 10.428 Telegramme und 6419 „Briefsachen“ kamen dort an bzw. wurden von dort abgeschickt. Direkt in das Arbeitszimmer des Kanzlers liefen „zwei Telegraphendrähte“. (Schlawe 1877, S. 6) Nach der Vorführung des Bellschen Telephons auf Bismarcks Gut wurde in Varzin eine „Telephonstation“ eingerichtet. (Die Gartenlaube H. 50/1877, S. 847) In Hammermühle, in nur sechs Kilometer Entfernung von Varzin, gab es seit 1878 eine Bahnstation und somit eine weitere Zugangsmöglichkeit zum Telegrafennetz. Während seiner Aufenthalte in Varzin konnte Bismarck über diese Bahnstation bis zu zweimal täglich mit Post aus Berlin versorgt werden.
Glaubt man nun aber […], daß Füst Bismarck sich in Varzin der Ruhe gönnt, so irrt man gewaltig, denn im Gegentheil widmet er sich mit großem Eifer der diplomatischen Arbeit. Zweimal täglich trifft von Berlin aus in Varzin eine mächtige verschlossene und versiegelte Mappe mit Aktenstücken und Briefen ein, die, wenn die betreffenden Züge auf der Station in ‚Hammermühle‘ nicht halten, während der Fahrt aus dem Postwagen heraus geworfen und in einem eigends für diesen Zweck hergerichteten Fangapparat aufgefangen werden. Auch der direkte Telegraphendraht von Varzin nach Berlin ist wohl selten in größerer Thätigkeit gewesen, wie gerade jetzt, wo Bismarck scharf von den Türken um seinen gewichtigen Rath in der egyptischen Frage angegangen wird.“ (Deutsches Montags-Blatt 31.07.1882, S. 1)5 Apparat zur Abgabe und Aufnahme von Briefen_Le Génie industriel 1865 Vol XXX Pl 385
Bei dem im Zitat angesprochenen „Fangapparat“ handelt es sich um eine der Vorrichtungen, wie sie zum „Aufnehmen u. Abgeben der Briefbeutel während des Laufes der Bahnzüge“ (Morandière 1863, S. 325 f.) entwickelt wurden.

Die Eisenbahnverbindung zwischen Hinterpommern und Posen spielte auch für die ökonomischen Aktivitäten des Reichskanzlers eine wichtige Rolle. Nachdem sich weder der Export von Holz nach England noch der Betrieb von Glashütten in dieser Gegend als profitabel erwiesen hatten, nutzte Bismarck den Waldbestand und die Wasserkraft in seinem Gutsbereich für die Errichtung von Papiermühlen.
„Die Eisenbahn zwischen Stolp und Rummelsberg, welche 1877 noch im Bau begriffen, jetzt ihre Güterzüge durch das Varziner Gebiet sendet und die Verbindung zwischen Hinterpommern und Posen herzustellen bestimmt ist, hat selbstverständlich den Werth eines Theils der hiesigen Producte durch die Möglichkeit wohlfeiler und rascher Versendung derselben einigermaßen gesteigert, […].“ (Busch 1879, S. 375)

*1859 schreibt Bismarck aus Reinfeld, einem Ort in der Nachbarschaft zu dem später erworbenen Rittergut Varzin, nach Berlin: „Unsere postalischen Beziehungen in den caschubischen Bergen erfreun sich noch nicht derselben Durchbildung wie in den bewohnteren Teilen der Monarchie, und insbesondere besteht für Berliner Briefe die eigentümliche Einrichtung, daß sie in Stolp beinah 24 Stunden ausruhn, bevor sie mit einer Seitenpost für die letzten 4 oder 5 Meilen ihres Weges instradiert werden.“ (Bismarck 2011, S. 58)

Abbildungen
Morandière, M. J. [1863]: Apparate zum Aufnehmen u. Abgeben der Briefbeutel während des Laufes der Bahnzüge. In: Dingler´s Polytechnisches Journal Band 169/1863, Nr. LXXIX S. 325–326

Literatur
Bismarck, Otto von: Bismarcks Briefwechsel mit dem Minister Freiherrn von Schleinitz 1858 – 1861. Reihe Deutsches Reich – Schriften und Diskurs Reichskanzler Bd. I/IV hrsg. von Björn Bedey, Hamburg: Severus Verlag 2011
Busch, Moritz [1879]: Neue Tagebuchblätter des Verfassers von ‚Graf Bismarck und seine Leute‘. Verlag von Fr. Wilh. Grunow
Schlawe, R. [1877]: Von Varzin. In: Deutsches Montagsblatt vom 31. Dez. 1877, S. 6

 

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