Die Fotografie und die Veränderung der Gedächtniskultur

Die Photographie, diese wunderbare Erfindung der Neuzeit, ist seit der verhältnismäßig kurzen Zeit ihres Bestehens, ganz abgesehen von ihrer artistischen Bedeutung, ein einflußreicher Zweig der Technik geworden. Redendes Zeugniß hierfür geben die Weltausstellungen, welche uns photographische Apparate und Präparate in unglaublicher Ausdehnung und Vollkommenheit vorführen. Eine Vorstellung von dem kolossalen photographischen Betriebe ergiebt sich aus der Thatsache, daß allein nur aus den Papierabfällen der beschäftigten Ateliers jährlich pfundweise metallisches Silber gewonnen wird. (Vogel 1871, S. 82)

Nicht nur zu einem „einflußreichen Zweig der Technik“ war die Fotografie  in kurzer Zeit geworden. Die Fotografie veränderte auch im privaten Bereich die Wahrnehmung und Erinnerung an die Vergangenheit, denn in Fotografien bleiben Momente aus der Familiengeschichte fixiert, die im Gedächtnis verblassen und verschwinden. (Im Buch 2. Aufl. hierzu „Die Fotografie und die Veränderung der Gedächtniskultur“ auf den Seiten 134 – 138.)

Diese Überlegungen helfen, die Bedeutung einer Schlüsselszene des Romans genauer zu erfassen. Innstetten ist auf die Liebesbriefe gestoßen. Aufgewühlt läuft er stundenlang durch die Stadt. Als er zurückkehrt, ist es dunkel geworden, und er läßt sich die Lampe in sein Zimmer bringen.

Die Lampe kam. In dem grünen Schirm befanden sich halbdurchsichtige Ovale mit Photographien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, damals als man den Wichertschen ‚Schritt vom Wege‘ aufgeführt hatte, für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren. Innstetten drehte den Schirm langsam von links nach rechts und musterte jedes einzelne Bildnis. Dann ließ er davon ab, öffnete, weil er es schwül fand, die Balkontür und nahm schließlich das Briefpaket wieder zur Hand.“ (Kap 27)

Einbrennen von Photographien durch Umwandlung eines Silbercollodiumpositivs in eine andere Metallcombination

In einem Bericht aus dem Jahre 1867 über eine Ausstellung in Paris heißt es im Polytechnischen Journal über die Firma Eduard Grüne aus Berlin:

„Seit Jahren fertigt Hr. Grüne bereits seine eingebrannten Photographien auf Porzellan, Glas und Email, und Tausende von Porträts, Kupferstichen u.s.w. sind seit jener Zeit aus seiner Anstalt hervorgegangen und in den verschiedensten Formen: auf Tassen, Seideldeckeln, Streichholzbüchsen und Pfeifenköpfen in die Welt gewandert.“ (Anonymus 1867, S. 458)

Eingebrannte Porträts Kladderadatsch 01.02.1880 S. 50

Fotorahmen und andere Geschenkideen in einer illustrirten Damen-Zeitschrift

Die Bastelanleitungen für Fotorahmen, Fotoständer, Fotoalben usw. , die sich in Der Bazar, einer „illustrirten Damen-Zeitschrift –  nicht nur als weihnachtliche Geschenkideen – finden, zeigen, dass Fotografien in der Entstehungszeit des Romans dabei sind, eine wichtige Rolle, für die Pflege des Zusammenhalts einer Familie zu übernehmen. Typisches Beispiel hierfür ist der Vorschlag für ein „Erinnerungs-Album“.

Eine der beliebtesten Modeneuheiten und besonders für Mütter zu empfehlen, die Freude daran finden, ihre Lieblinge fast alljährlich photographieren zu lassen, um auf diese Weise den allmählichen Fortschritt der Entwicklung auch später vor Augen haben zu können, ist das Mehrfach zusammenlegbare (….) Album. Dasselbe aus farbigem Leder mit gleichem Seidenfutter gefertigt, dient zur Aufnahme von 12 –  16 Bildern; auf die obere Seite des Albums wird in Blumenschrift mit verschiedenfarbiger Seide das Monogramm oder nach Belieben auch der Namenszug des Kindes gestickt.“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr.17/1893, S. 166)

Kasten für Photographien Bazar Nr 43 1890 S_427  Photographiealbum Bazar Nr 47 1888 S. 506
 Photographieständer Der Bazar Nr 29 _1885 S_295

Die Frau als Amateurphotographin

Zur Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur im ausgehenden 19. Jahrhundert sollte man aber nicht nur die Anleitungen zum Besticken von Bilderrahmen heranziehen. In der Illustrirten Damen-Zeitung aus diesen Jahren findet sich u.a. auch ein Artikel, der die Leserinnen dazu anleitet, „Lichtbilder selbst herzustellen“.

Bazar Nr. 30_1892 S. 259
Bazar Nr. 30/1892 S. 259

Es sind erst wenige Jahre verflossen, seitdem man von einer Amateurphotographie sprechen kann. Bis vor kurzem war die Photographie noch eine Kunst, zu deren Ausübung es eingehender Studien und vieler Uebung bedurfte. Durch die Bemühungen deutscher Techniker, besonders des Professors H. W. Vogel an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, ist jetzt jedermann mit wenig Mühe und ohne größeren Aufwand fähig, photographische Aufnahmen auszuführen. Natürlich wird auch hierbei der Erfolg dort am bedeutendsten sein, wo Geschick und Ausdauer am größten sind. Wir wollen im nachfolgenden die Methoden mitteilen, nach denen jede Leserin in der Lage sein wird, Lichtbilder selbst herzustellen. […] Die vorstehende Anweisung genügt, um eine gute Photographie zu erzielen, wenn die Anfängerin mit einer gewissen Ausdauer bestrebt ist, sich die Handgriffe präzis einzuüben; freilich muß stets im Auge behalten werden, daß die Photographie eine Kunst ist und daß der Erfolg der aufgewendeten Arbeit entsprechen wird.“ (Bendt 1892, S. 259)

Dies ist nicht der erste Beitrag, in dem versucht wird den Leserinnen dieser Illustrirten Damenzeitschrift das „Wesen der Photographie“ zu erklären, um sie so zum eigenen Fotografieren zu ermutigen.

In den letzten Jahren wird die Photographie, dank der großen Vereinfachungen, welche sie erfahren hat, nicht allein von Professionsphotographen, sondern auch von einer Legion von Dilettanten* und Amateuren ausgeübt – ja, selbst Damen verschmähen es nicht mehr, den reizvollen Zauber zu genießen, welche die Herstellung eines photographischen Bildes gewährt. – Die Dilettantenapparate, deren Herstellung heute Gegenstand einer ausgebreiteten Industrie geworden ist, werden fast durchweg mit genauen Gebrauchsanweisungen versehen in die Hände der Abnehmer gegeben, bei deren genauer Einhaltung jeder leidlich Gebildete photographische Bilder erzeugen kann, welche häufig nicht hinter denjenigen eines Photographen von Beruf zurückstehen. Trotzdem dürften sich – vorzüglich unter den weiblichen Dilettanten viele befinden, denen das Wesen der Photographie vollständig fremd, und das ‚Warum‘ der einzelnen photographischen Operationen keineswegs klar ist. Vielleicht werden aus diesen Gründen unseren Leserinnen die nachfolgenden Zeilen willkommen sein, welche es sich zur Aufgabe machen, ein möglichst wahrheitsgetreues Bild von der Photographie – eine Photographie der Photographie – zu geben.“ (Bender 1888, S. 266)

Effi hatte wohl weder die Neigung noch die Möglichkeit, den „reizvollen Zauber zu genießen, welche die Herstellung eines photographischen Bildes gewährt“. Nach ihrer Scheidung nahm sie dafür Zeichenunterricht bei einem „ganz alten Malerprofessor„, weil dies eine Beschäftigung „still und geräuschlos, ganz nach ihrem Herzen war“. (Kap, 32)

Bildschirmfoto 2017-07-14 um 11.45.42

*Dilettant (v. ital. dilettare, lieben), derjenige, welcher irgend eine Kunst oder Wissenschaft weder um ihrer selbst, noch um einer Pflicht oder um äußern Vortheils willen, sondern ausschließlich zu seinem Vergnügen betreibt. Ersterer Umstand unterscheidet ihn vom eigentlichen Künstler und Forscher, der zweite vom Berufs-, der dritte vom Erwerbsmenschen. (Meyers Konversations-Lexikon Bd. 5, 3. gänzlich umgearbeitete Auflage, Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts 1875, S. 471)

Abbildungen

Eingebrannte Porträts. In: Kladderadatsch 01.02.1880, S. 50

Kasten für Photographien. In: Der Bazar Nr. 43/1890, S. 427

Photographiealbum. In: Der Bazar Nr. 47/1888, S. 506

Photographieständer. In Der Bazar Nr. 29/1885, S. 295

Dilettantenapparate. In: Kladderadatsch Nr. 53/1888, S. 464

Literatur

Anonymus [1867]: Grüne’s eingebrannte Photographien auf Porzellan, Glas und Email. Polytechnischen Journals, Bd. 184/Miszelle 6, S. 458–459

Bender, U. [1888]: Über Photographie. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 24/1888, S. 266f

Bendt, Franz [1892]: Die Amateurphotographie Nr. 26/1892, S. 259

Vogel, August [1871]: Photographie und Technik. Westermann’s Illustrirte Deutsche Monatshefte April 1871, S. 82

 

 

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