Varzin, Bismarck und die Einführung des Telefons in Deutschland

Im Oktober 1876 führte Graham Bell das von ihm entwickelte Telefon auf der Weltausstellung in Philadelphia öffentlich vor. Praktisch verwendbar wurde Bells Telefon im Laufe des folgenden Jahres. Die ersten verwertbaren Informationen über den Apparat und die damit durchgeführten Versuche erreichten Berlin mit der Ausgabe der Scientific American vom 6. Oktober 1877. Heinrich Stephan, der Generalpostdirektor des Deutschen Reichs, interessierte sich sofort für die neue Erfindung und führte schon am 24. Oktober 1877 die ersten Fernsprechversuche in Berlin durch.* Über diese Versuche berichtete die Berliner Börsen-Zeitung am 8. November 1877.

Seit Montag ist das erste Telephon hier wirklich in Dienst gestellt, und zwar von dem Arbeitszimmer des General-Postmeisters in der Leipziger-Straße zu dem Arbeitszimmer des Directors des General-Telegraphenamts in der Französischenstraße. Die mündliche Verständigung auf der 2 Kilometer langen Drahtleitung ist vollkommen. Der General-Postmeister spricht in das auf seinem Arbeitstische befindliche Instrument, erläßt mündlich Verfügungen und Anfragen, ertheilt mündlich Aufträge und erhält die Berichte und Antworten von dem Director des General-Telegraphenamts, auf dessen Arbeitstisch sich das andere Instrument befindet, ebenfalls auf mündlichem Wege, und zwar unmittelbar, als ob beide Herren sich in ein und demselben Zimmer befänden und mit vollkommener Deutlichkeit, so daß das Ideal der Abkürzung des Geschäftsganges und der Verminderung des Schreibwerks erreicht ist. (Berliner Börsen-Zeitung vom 8. November 1877, S. 5)

In einem Schreiben an den Reichskanzler Bismarck vom 9. November 1877, in dem Heinrich von Stephan die Funktionsweise des Bellschen Telefons beschreibt, sagte er dem Telefon eine „große Zukunft im menschlichen Verkehr“ voraus. (vgl. Grosse 1917, S. 11ff.)[1] Der Reichskanzler Bismarck reagierte prompt und ließ sich schon am 12. November Bells Telefon auf seinem Gut Varzin in Hinterpommern vorführen. Daraufhin wurde, wie in Nummer 50 der Wochenzeitschrift Die Gartenlaube zu lesen ist, in Varzin „eine Telephonstation“ eingerichet. (Die Gartenlaube H. 50/1877, S. 847)

Die lange Abwesenheit Bismarcks während der sogenannten „Kanzlerkrise“ ist Anlass für Karikaturisten, das Thema „Telefon und Bismarck“ aufzugreifen. Die „Kanzlerkrise“ lasse, so ihr Vorschlag, sich doch mit einer telefonischen Verbindung zwischen Berlin und Bismarcks Gut in Varzin lösen.

Parlaments-Telephonie Berliner Wespen Nr. 45_1877 Telefon_Varzin Kladderadatsch Nr_51 1877 S_208 für Blog
Durch das Telephon werden allen Klagen über Abwesenheit und Beurlaubung der Minister ein Ende gemacht. So wie der Ruf nach Bismarck ertönt, antwortet der Betreffende von Varzin aus: „Hier!“ um sofort in die Diskussion einzutreten. (9. Nov. 1877) Das neu erfundene Telephon arbeitet so vortrefflich, daß man beabsichtigen soll, durch dasselbe eine Verbindung zwischen dem Abgeordnetenhause und Varzin herzustellen. Dann gute Nacht, Kanzlersruh. (11. Nov. 1877)

 

*Mit welcher erstaunlichen Schnelligkeit man in Berlin reagierte, wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, dass in dieser Zeit ein Brief von New York nach Berlin 12 Tage unterwegs war. (Grosse 1917, S. 11)

Abbildungen
Abb. Wirkung in die Ferne –  Kladderadatsch Nr. 52/1877, S. 570
Abb. Parlaments-Telephonie – Berliner Wespen Nr. 45/1877

Literatur
Grosse, Oskar [1917]: 40 Jahre Fernsprecher. Stephan – Siemens – Rathenau: Berlin: Verlag von Julius Springer

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