Das Papierne Zeitalter

Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck hatte 1867 von den 400.000 Talern, die ihm als Dotation nach dem Deutsch-Österreichischen Krieg bewilligten worden waren, das Rittergut Varzin in Pommern erworben. In Varzin verpachtete Bismarck  Land, Wasserkraft und Gebäude an einen Betreiber von Papiermühlen, der eine Fabrik zur Erzeugung von Holzschliff und Papier errichtete. Die Papiermühlen, die ab 1890 unter dem Namen Varziner Papierfabrik AG firmierten, entwickelten sich zum größten Industrieunternehmen in Ostpommern. In einem 1895 erschienenen, 5½ kg schweren Prachtwerk über Bismarck  heißt es:

„Mit derselben Freude wie der Besitzer verfolgte der Fürst das rasche Aufblühen der Varziner Fabriken, und oft ließ er auf seinen Spazierfahrten den Wagen halten, um […] bewundernd die Arbeit der riesigen Maschinen zu betrachten, die vor seinen Augen, fast geschwinder als die Blicke ihnen folgen können, aus einem dünnflüssigen Gemisch von Holzfasern und Leim zum Gebrauch fertiges, starkes Papier herstellten, das nach allen Weltteilen versandt wird.“ (Allers 1895, S. 172)

Hammermühle Allers 1895 S. 172
Varziner Papierfabrik – Werk Hammermühle

Bismarcks Aufenthalte auf dem Rittergut Varzin spielen eine Rolle im Roman Effi Briest und auch Bismarck als „Papiermüller“ findet hier Erwähnung. Bei einem Besuch des Ehepaars von Innstetten im Gasthaus „Zum Fürsten Bismarck“ bezeichnet Gastwirt Golchowski den Reichskanzler Bismarck als „Papiermüller“, also als Besitzer einer Papiermühle. (Kap. 11) Man kann davon ausgehen, dass diese Bemerkung für die zeitgenössische Leserschaft des Romans verständlich und nachvollziehbar ist, da in den zahlreichen Berichten über Bismarcks Gut in Varzin nicht nur der Waldreichtum eine Rolle spielt, sondern auch über Bismarcks Pläne, den Waldreichtum wirtschaftlich zu nutzen, geschrieben wird. So sind einem ausführlichen Bericht über Varzin im Familienblatt Daheim der Waldreichtum der Gegend und die Holzpapier- und Pappenfabriken, „die, mit aller Kunst der Neuzeit von Pächtern betrieben, reichen Ertrag abwerfen“, ein Thema. (Daheim 1886 S. 234)

Der „kulturfördernde Rückgang der Papierpreise“ *

 

Papiermühlen – und nicht nur die in Ostpommern – haben durchaus eine Bedeutung für Fontanes Erzählstil. Fontane kann nur  so souverän mit scheinbar beiläufigen Anspielungen auf zeitgenössische Ereignisse und Themen arbeiten, weil er sich darauf verlassen kann, dass er hier Wissensbestände abruft, die seiner Leserschaft durch die auflagenstarken Zeitschriften vertraut sind. Zeitschriften wie Die Gartenlaube mit einer Auflage von  380 000 Exemplaren (1874) wären aber nicht ohne  Fortschritte in der Papierproduktion und den damit verbundenen Rückgang der Papierpreise möglich gewesen. (Im Buch 2. Aufl. dazu „‚Die Gartenlaube‘ und die ‚Moderne'“ S. 215 – 226.)

Anzumerken wäre jedoch, dass die Varziner Holzpapiermühlen kein Papier für den Druck von Zeitungen und Zeitschriften lieferten, sondern, wie ein zeitgenössischer Publizist schreibt, „ein starkes Papier bereiten, das theils in seiner braunen Naturfarbe, theils roth oder blau gefärbt in den Handel kommt und vorzüglich zur Verpackung von Waaren benutzt wird.“ (Busch 1879, S. 374 f.)

*Anonymus [1884]: Papierverbrauch der Hauptländer der Erde. Polytechnisches Journal Band 252/1884, S. 134

Holzschnitt_Ausschnitt gedrehtPapierstatistik. Wohl ironisch hat man unserm Jahrhundert, welches sonst ‚das eiserne‘ genannt wird, auch den Beinamen des ‚papiernen‘ gegeben. Aber diese Benennung hat ihre gewisse Berechtigung, denn der Verbrauch dieser leichten Waare ist in der That überraschend groß. Nach einer uns vorliegenden Statistik existieren in der Welt 3985 Papierfabriken, die jährlich 952 Millionen Kilogramm Papier herstellen. Die Zeitschriften allein verbrauchen davon gegen 300 Millionen Kilogramm. Auf die einzelnen Länder vertheilt sich der Verbrauch des Papiers ziemlich ungleich; denn wie unser Gewährsmann berechnet, consumiren jährlich; ein Engländer 11½ Pfund, ein Amerikaner 10¼ Pfund, ein Deutscher 8 Pfund, ein Franzose 7½ Pfund, je ein Italiener und Oesterreicher 3½ Pfund, ein Mexicaner 2 Pfund, ein Spanier 1½ Pfund und ein Russe 1 Pfund Papier. (Die Gartenlaube H. 29/1884, S. 488)

Friedrich Gottlob Keller Friedrich Gottlob Keller_grauentwickelte um 1840 das noch heute übliche Verfahren zur Papierherstellung mittels Holzschliff und schuf damit die Grundlage zur industriellen Großherstellung billigen Papiers.

Der Holzschliff hat in der Gegenwart ungeheure Bedeutung gewinnen, er ist in der Papierfabrikation unentbehrlich geworden. Obwohl er zur Papiererzeugung nicht ausschließlich dient, ist er doch als billiger Zusatzstoff sehr geschätzt und die meisten billigen Papiere enthalten mehr oder minder große Holzschliffmengen, welche mit zähen Faserstoffen vermischt sind. […] So führte Keller dem Papiergewerbe nicht nur den werthvollen Ersatzstoff zu, sondern er schuf auch eine neue Verwendung des Holzes, kurz, er begründete eine bis dahin unbekannte, großartige Industrie. Keller [selbst] hat aus seiner Erfindung keinen erheblichen Geldnutzen gezogen.“ (Grosse 1892, S. 443f.)

Die Verarbeitung des Holzes zu Papier ist eine Errungenschaft unseres Jahrhunderts.

 

Früher fertigte man das Papier ausschließlich aus Hadern, die in Wasser gefüllten Mahlwerken zu Fasern zerkleinert, gebleicht, gefärbt und dann als Brei zu dünnen Bogen geschöpft wurden. Bis zum ersten Viertel unseres Jahrhunderts genügte dieses Verfahren, die vorhandenen Hadern reichten zur Deckung des Bedarfes vollständig aus. Da gewann die neuerfundene Papiermaschine allmählich Verbreitung, die Papiererzeugung nahm andere Gestalt an, und die mühsame Handarbeit ward mehr und mehr durch die vielleistende Maschinenarbeit verdrängt. Das Papier konnte mit der Maschine billiger hergestellt werden, was allgemeinere Verwendung desselben zu gewerblichen Zwecken und dadurch Steigerung des Bedarfes zur Folge hatte. Dazu kam die Einführung der von König erfundenen Buchdruckschnellpresse, welche eine Vermehrung der Druckerzeugnisse, besonders der Zeitungsliteratur nach sich zog. Der Papierbedarf steigert sich infolgedessen von Jahr zu Jahr, und bald sah man der Zeit entgegen, in welcher die vorhandenen Hadern nicht annähernd mehr zur Erzeugung des nöthigen Papieres ausreichen würden. Sollten die Papiermaschine und die Schnellpresse ihre volle Macht entfalten, so war es nöthig, einen Rohstoff ausfindig zu machen, welcher geeignet war, die Hadern theilweise zu ersetzen.(Grosse 1892, S. 442)

56 Titelvignette - Die Gartenlaube Nr_16_1892

Eine Papierstatistik der „Gartenlaube“

 

Eine Papierstatistik der „Gartenlaube“. Ein Leser unseres Blattes richtete vor Kurzem an uns die Frage, wie viel Papier zum Drucke der „Gartenlaube“ seit ihrer Gründung wohl verbraucht wurde. Um seine Neugierde zu befriedigen, stellten wir eine Berechnung zusammen, die zu so überraschenden Resultaten führte, daß wir beschlossen haben, sie auch weiteren Kreisen an dieser Stelle bekannt zu geben.

Vom Jahre 1853 bis zum Schlusse des Jahres 1885 sind von der „Gartenlaube“ zusammen 356 980 000 Nummern gedruckt, welche die Zahl von 6 856 000 Jahrgängen oder Bänden ergeben, während die Zahl der Druckbogen rund 900 000 000 beträgt. Würde man diese Bogen in einer Linie an einander legen, so könnte man mit denselben 14½ Mal die Erde am Aequator umspannen. Die Länge dieses Papierstreifens würde die Länge sämmtlicher Eisenbahnlinien der Welt nicht nur decken, sondern dieselbe noch um rund 200 000 Kilometer übertreffen. Mit diesem Papierstreifen könnte man auch den Mond mit der Erde verbinden und dann den Rest desselben noch fünfmal um die Erde wickeln.

Würden wir aber alle Bogen ausbreiten und mit denselben eine Fläche zu bedecken suchen, so kämen wir zu dem gewiß überraschenden Resultat, daß wir mit ihnen nicht einmal den Bodensee überspannen und kaum das 316 Quadratkilometer große Fürstenthum Reuß älterer Linie bedecken könnten.

Noch überraschender fällt folgender Vergleich aus. Legen wir die einzelnen Bände auf einander, so erreichen wir dadurch die imposante Höhe von etwa 320 000 Metern, welche die Höhe des höchsten Berges der Erde des Gaurisankar 36 Mal und diejenige des Mont-Blanc beinahe 67 Mal übertrifft. Würden wir aber alle Bände in einem Raum unterbringen, welcher der großen Cheopspyramide entspricht, so müßten wir wahrnehmen, daß diese ganze Papiermasse nur hinreichen würde, um den dreißigsten Theil derselben vollzupfropfen! Wenn ferner das größte deutsche Kriegsschiff „König Wilhelm“ vor die Aufgabe gestellt werden sollte, alle Bände nach einer Insel zu schaffen, so müßte es 16 Mal vollgeladen werden, bis es den Transport bewerkstelligte. Und das Gewicht dieser Bände? In runder Summe dürfte es 190 000 000 Kilogramm betragen und, auf gewöhnliche Lowrywagen der Eisenbahn verpackt, 4250 derselben füllen. 85 Eisenbahnzüge zu je 50 Wagen wären nöthig, um diese Gewichtsmasse zu befördern. Wollte aber ein Mensch versuchen, alle Seiten, die in den 6 856 000 Bänden enthalten sind, zu zählen, so würde er das niemals zu Stande bringen; denn selbst wenn er Tag und Nacht zählte und zur Nennung jeder Zahl nur eine Sekunde brauchte, so würde diese Arbeit doch die Zeit von 228 Jahren, 3 Monaten, 23 Tagen und 8 Stunden erfordern. (Die Gartenlaube H. 1/1886, S. 20)

Abbildungen

Abb. Varziner Papierfabrik – Werk Hammermühle. Aus: Allers 1895, S. 172

 

Abb. Papierfabrikation – Meyers Konversationslexikon Bd. 12/1877 – Zum Artikel „Papier“

Abb. Friedrich Gottlob Keller – Erfinder des Holzschliffpapiers

 

Abb. Rotations-Buchdruckmaschine – konstruiert für den Druck von Meyers Konversationslexikon

Literatur

Allers, Christian Wilhelm [1895]:  Unser Bismarck. Stuttgart, Berlin u. Leipzig: Union „Deutsche Verlagsgesellschaft“

Busch, Moritz [1879]: Neue Tagebuchblätter des Verfassers von ‚Graf Bismarck und seine Leute‘. Leipzig: Verlag von Fr. Wilh. Grunow

Grosse, Eduard [1892]: Erfinder-Lose. Friedrich Gottlieb und das Holzschliffpapier. In: Die Gartenlaube H. 14/1892, S. 442 – 444

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Lebende Bilder – populär … manchmal schwierig … nur bedingt geschätzt … aber mit Tradition (?)

„Lebende Bilder“ zählten im 19. Jahrhundert zu den beliebten Unterhaltungsformen in Theatern, bei höfischen und bürgerlichen Festen sowie bei privaten Anlässen. Voraussetzung für die zunehmende Popularität „Lebender Bilder“ als gehobener Form der Unterhaltung in bürgerlichen Kreisen war die durch neue Drucktechniken mSujets zu lebenden Bildern farbigöglich gewordene Ausweitung der Bildproduktion und der dadurch eröffnete Zugang zu Abbildungen aller Art in Kopien, Zeitschriften, Büchern und Bildbänden. (Im Buch 2. Aufl. dazu „Lebende Bilder als populäre Unterhaltungsform“ auf den Seiten 112 – 123.) So betont der Verfasser einer Anleitung zur Darstellung von „Lebenden Bildern“, dass er als Vorlagen nur solche Bilder gewählt habe,

deren Originale oder Kopien meist in billigen Photographien leicht zu erhalten, oder welche in solchen Werken und Zeitschriften enthalten, die allgemein verbreitet und in den meisten Leihbibliotheken anzutreffen sind.

Namentlich haben wir bei Auszügen aus Prachtwerken solche gewählt, welche in den meisten kunstsinnigen Familien angetroffen werden dürfen und haben dabei Jahrgang und Seitenzahl wo die Bilder eingeheftet genau registriert.“ (Wallner 1895, S. 21)

Lebende Bilder – populär

Am Polterabend vor Effis Hochzeit wird die Holunderbaumszene aus Heinrich von Kleists historischem Ritterschauspiel „Käthchen von Heilbronn“ aufgeführt. (4. Kap.) In zwei anderen Romanen Fontanes, derer Handlung im selben Zeitraum angesiedelt ist, werden „Lebende Bilder“ ebenfalls erwähnt. Im Roman „Die Poggenpuhls“ bittet Sophie, die als Gesellschafterin auf dem schlesischen Gut ihres Onkels lebt, in einen Brief nach Berlin ihre Schwester Therese, ihr die Soiree bei Bronsarts zu beschreiben „und ob lebende Bilder gestellt wurden und welche“. (10. Kap.) In „Der Stechlin“ mokiert sich der alte Dubslav im Gespräch mit dem Pastor über den Ablauf geselliger Veranstaltungen, bei denen ein lebendes Bild gestellt wird, „wo ein Wilddieb von einem Edelmann erschossen wird“. (41. Kapitel)

Dass „Lebende Bilder“ in Mode waren, zeigt der Erfolg der Anleitung zu derartigen Darstellungen, die Edmund Wallner veröffentlichte. Bei der ersten, um 1870 erschienenen Ausgabe handelte es sich noch um die Zusammenstellung von „Vierhundert Sujets zu lebenden Bildern“. 1895 erscheint die vierte „bedeutend vermehrte und verbesserte Auflage“ mit tausend Vorschlägen zur Darstellung lebender Bilder. Der deutliche Zuwachs an vorgeschlagenen „Sujets“ , verweist dabei auf die Steigerung der gesellschaftlichen Bildproduktion.

Ein Verzeichnis von mehr als tausend kleineren wie grösseren Genrebildern, historischen Gruppen und biblischen Tableaux, welche sich zur Darstellung im Familienkreise wie für grössere Gesellschaften besonders eignen. Mit genauer Angabe der Quellen und Maler sowie Notizen über Kostüme, Dekoration, Musikbegleitung, Zahl der zur Darstellung nötigen Personen und anderen praktischen Notizen.“

Vierhundert Sujets_Rahmen 1000 Sujets_Rahmen

Lebende Bilder – manchmal schwierig

Die Ardenne-Affaire mit Ehebruch und Duell hat nicht nur Theodor Fontane zu seinem Roman Effi Briest angeregt. 1896 erscheint Friedrich Spielhagens Version der Affaire unter dem Titel Zum Zeitvertreib als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift  Dies Blatt gehört der Hausfrau.

Im siebten und achten Kapitel dieses Romans beschäftigt sich eine Gesellschaft bei Frau Hauptmann von Meerheim mit den Vorbereitungen für den 60. Geburtstag des Ministerialdirektors Sudenburg. Geplant ist die Aufführung von „Lebenden Bildern“.

Im Handbuch Der Gute Ton in allen Lebenslagen wird auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die man für eine anspruchsvolle Darstellung von „Lebenden Bildern“ zu überwinden hat. Es heißt dort:

Abgesehen von der Wahl des Bildes, ist auch das Stellen der Personen, die richtige Beleuchtung, die genaue Wiedergabe der auf dem Original befindlichen Gegenstände sehr schwierig und erfordert mehr oder weniger die Mithilfe eines Künstlers.“ (Ebhardt 1880, S. 440)

Um diese Schwierigkeiten zu überwinden, hatte man in der Vorbereitungsgruppe entschieden, sich für die Planung der „Lebenden Bilder“ „auf den maßgeblichen Rat und die sachkundige Führung zweier, gleich ausgezeichneter, dem verehrten Sudenburgschen Hause gleich wohlgesinnter und befreundeter Künstler“ zu  verlassen. (Spielhagen 1897, S. 58)

Wie es das Handbuch zu „Guten Ton in allen Lebenslagen“ empfiehlt, hatten beide Künstler als Vorlagen für die Darstellung „allgemein bekannte Bilder […], welche meist einen Gegenstand behandeln, der Jedem auf den ersten Blick klar ist“, ausgesucht. (Ebhardt 1880, S. 440) So begründet auch einer der Künstler seine Auswahl ganz im Geiste des Handbuchs:

Also, meine Herrschaften, ich habe hier einen ganzen Packen Blätter, wie Sie sehen – alles Reproduktionen von Gemälden aus unsern letzten Kunstausstellungen. Die habe ich gewählt, weil sie noch in Erinnerung von aller Welt sind, oder doch sein sollten. Und ich habe immer gefunden, die Leute sind nicht dankbarer, als wenn man ihnen Sachen zeigt, die sie kennen. Darin sind sie wie die Kinder.“ (Spielhagen 1897, S. 61)

Allerdings, so der Ratschlag im Handbuch, sollte man für den Anlass passende Motive aussuchen, „auf einer Hochzeit z.B. wäre es unpassend […] ‚Gretchen vor dem Madonnenbild“ zu bringen.“ (Ebhardt 1880; S. 440)

Mit seinen Vorschlägen z. B. Darstellungen der „Pietà“ (Maria als Schmerzensmutter) als Vorlage für die geplanten Aufführungen bei der Geburtstagsfeier zu wählen, trifft der „junge Künstler“ mit seiner Begeisterung für „große Kunst“ nicht auf Gegenliebe – und verlässt wütend die gesellige Runde.

In dieser Hinsicht scheint es der ältere der beiden Künstler besser getroffen zu haben. Er geht davon aus, dass man dem Ministerialdirektor Sudenberg

nicht leicht eine größere Freude bereiten können, als wenn wir die Vorwürfe zu den lebenden Bildern aus der Wunderwelt selbst unsers Dichterheroen entnehmen. Wenn Sie, wie ich mir schmeichle, so weit mit mir eines Sinnes sind, ahnen Sie auch bereits, daß ich in meinen Händen hier ein Exemplar der Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goetheschen Frauengestalten meines unsterblichen Meisters und Lehrers Wilhelm von Kaulbach – [habe].“ (Spielhagen 1897 S. 64)

Nun hat man zwar eine „überreiche Auswahl“, allerdings ergeben sich die unterschiedlichsten Schwierigkeiten, für die Umsetzung dieser Vorlagen in „Lebende Bilder“. Lotte album für goethe Galeriepng

Von dem Titelbilde will ich Abstand nehmen: der schwebende ‚Genius der Wahrheit‘ mit der Dichtung Schleier in der einen, dem Lorbeerkranz des Siegers in der andern Hand, dürfte in der Darstellung seine Schwierigkeit haben. – Auch von dem folgenden: dem köstlichen ‚Lotte-Bild‘ – wir möchten am Ende so viele Kinder nicht zusammenbringen. – ‚Dorothea und die Auswanderer‘ überschlage ich – das Ochsengespann, der Wagen mit der – ehem! Das geht natürlich in einem lebenden Bild nicht, so wundervoll es auch hier im Original ist.“ (Spielhagen 1897, S. 68 f.)

Spielhagen malt mit offensichtlichem Genuss an den komischen Effekten den Streit um die „Lebenden Bilder“ aus. Nicht zufällig legt der zweite Künstler der Gesellschaft die „Prachtausgabe des Bruckmannschen Albums der Goetheschen Frauengestalten“ vor, stammen doch die Erläuterungen zu den von Wilhelm von Kaulbach gezeichneten Bildern von Friedrich Spielhagen.

Letztlich entscheidet sich die Gesellschaft bei Frau Hauptmann von Meerheim gegen die Aufführung von „Lebenden Bildern“. Unabhängig davon, verweist dieser Abschnitt des Romans auf die Bedeutung von aufwendig illustrierten „Prachtwerken“ bei der  Schaffung eines kollektiven Bildervorrats.

In einer Familienzeitschrift wie der Gartenlaube erscheinen immer wieder großformatige Illustrationen mit dem Hinweis, aus welchem „Prachtwerk“ sie stammen und bei den Buchempfehlungen für den Weihnachtstisch wird diesen Werke oftmals ein besonderer Platz eingeräumt.

Damit schließen wir das Capitel der ‚Prachtwerke‘. Es bleibt uns nur der Wunsch auszusprechen übrig, daß es recht vielen unserer Leser vergönnt sein möge, das eine oder andere der hier genannten Werke auf seinem Weihnachtstische glänzen zu sehen.“  (Die Gartenlaube H. 50/1878, S. 836)

Anzumerken wäre noch, dass das Thema „Lebende Bilder“ einen besonderen Bezug zur Ardenne-Affaire hat, da die Aufführung „Lebender Bilder“ im Düsseldorfer Künstlervereins Der Malkasten für die Entwicklung der Affäre zwischen Elisabeth von Ardenne und dem Amtsrichter Hartwich offensichtlich eine wichtige Rolle gespielt hat.

Lebende Bilder – nur bedingt geschätzt

Beliebt und populär waren „Lebende Bilder“, aber nicht allseits geschätzt. In der Kunstkritik ist die Rede davon, dass diese Form der Unterhaltung keinen „ganz ungetrübten Genuss“ bereite.

„Während die bildende Kraft todtes Material vergeistigt und in der Malerei durch den Schein aus der Fläche einen Körper macht, setzt das Lebende Bild die menschliche Gestalt, das mit geistigem Inhalt erfüllte Individuum, welches in der höchsten Kunstschöpfung, dem dramatischen Kunstwerk, seine ihm gemässe Verwendung findet, zu einem leblosen Stoff herab und begeht dadurch eine Täuschung, indem es, den Darstellungsmitteln nach, ein dramatisches Kunstwerk verspricht und nur ein malerisches leistet. Der Übergriff einer Kunstart in das Gebiet der andern ist es also, was hier, wie überhaupt in der Kunst, den fein fühlenden Sinn nicht zu ganz ungetrübtem Genusse kommen lässt.“ (Allgemeine deutsche Real-Encyclopädie für die gebildeten Stände, Conversations- Lexikon 11. Aufl., Leipzig 1868 – zitiert nach Koslowski 1996, S. 31)

Während Wallner sein Publikum in Kreisen sieht, „welche sich an schönem, künstlerischen Genusse erfreuen wollen“, und sich an „kunstsinnige Familien“ wendet (S. 21), klingt der Text, mit der die zweite Auflage von Wallners Buch in den Illustrierten Deutschen Monatsheften angekündigt wird, eher herablassend. Das Buch sei hilfreich für „Kreise“, die Vorlagen und Anleitung benötigen, um sich zu unterhalten.

Daß dieses Buch in zweiter Auflage erschienen, beweist, daß es noch solche Kreise giebt, in denen zwar das Bedürfnis vorhanden, sich bei lebenden Bildern zu unterhalten, die aber doch in sich die Mittel nicht finden, selbst zu erfinden und darzustellen. Diesem Theil der lebenslustigen Welt sei denn dieses Buch aufs Beste empfohlen. Man wird darin finden, wie der liebenswürdige Kaiser Karl V. Tizian einen Pinsel aufhebt, welcher dem Maler entfallen, oder wie von zwei Damen keine aus übertriebener Höflichkeit ins Zimmer eintreten will, oder auch wie Doré sich das Dornröschen eingeschlafen dachte. Jedenfalls verdient ein Verfasser Dank, welcher einer Gesellschaft tausend und einen Vorschlag zur Vertreibung der Langeweile macht. (Jahrbuch der illustrierten deutsche Monatshefte Bd. 42/1877, S. 166)

Unüberhörbar klingt in dieser Empfehlung für den Teil „der lebenslustigen Welt“ , „die in sich nicht die Mittel nicht finden, selbst zu erfinden und darzustellen“, ein bis heute bekannter Ton der Medienkritik an.

Lebende Bilder  – aber mit Tradition (?)

Wallner verweist gleich in der Einleitung  seiner Zusammenstellen von Vorschlägen für Darstellung von „Lebenden Bildern“ – vielleicht zur Entkräftung solcher Vorbehalte – auf die Tradition, in der die Darstellung „Lebender Bilder“ zu sehen sei, und führt dabei u. a.  die Namen prominenter Künstler an. Dieses Thema greift er im Anhang mit der Verweis auf die Bedeutung „Lebender Bilder“ für die Passionsspiele in Oberammergau noch einmal auf. Wie es in einem Bericht aus dem Jahre 1890 heißt, werden die  Handlungen des Passionsspiels jeweils durch ein „Lebendes Bild“ eingeleitet. (Rogge 1890, S. 334)

Oberammergau Wallner 1895 S.33
=berammergau Lebendes Bild Ill_Zeit Nr. 2456_1890 S. 93

Abbildungen

Abb. Lotte (Werther’s Leiden) – Kaulbach: The Goethe Gallery 1879, S. 11

Abb. Aus dem Passionsspiel in Oberammergau. Hoffnung auf das Heil des Kreuzes. Lebendes Bild – Rogge 1890, S. 633

Literatur

Ebhardt, Franz [1880]: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Ein Handbuch für den Verkehr in der Familie, in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben. Berlin: Verlag von Franz Ebhardt

Koslowski, Stefan [1996]: Bürgerturner und Theater. Zur Basler Theatergeschichte des 19. Jahrhunderts. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 92 (1996), H. 1, 15-32

Rogge, Bernhard [1890]: Das Oberammergauer Passionspiel. In: Daheim Nr. 40/1890, S. 633 – 638

Spielhagen, Friedrich [1897]: Zum Zeitvertreib. Leipzig: Staackmann

The Goethe Gallery. From the original drawings of Wilhelm von Kaulbach [1879]. Boston: Houghton, Osgood and Company

Wiedergeburt der graphischen Künste im 19. Jahrhundert

„Unsere Zeit ist die Zeit der Illustration. Bücher ohne Abbildungen haben im allgemeinen keine  besondere Zugkraft mehr, unsere Unterhaltungslitteratur muß illustriert sein: die Abbildungen sind in einem großen Teil derselben die Hauptsache!“ (Stockbauer 1894, S. 308)

Im Roman finden sich vielfältige Hinweise auf die Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aus diesen scheinbar beiläufig eingestreuten Hinweisen und Anspielungen lassen sich wichtige Ausschnitte der Kommunikations- und Medienverhältnisse im ausgehenden 19. Jahrhundert rekonstruieren.
An Effis Polterabend wird ein „Lebendes Bild“ aufgeführt. (Kap. 4) Unter „Lebenden Bildern“ verstand man die  „Darstellungen von Werken der Malerei und Plastik durch lebende Personen“. (Meyers Konversations-Lexikon 1877, S. 651)
Voraussetzung für die Popularität „Lebender Bilder“ als gehobener Form der Unterhaltung in bürgerlichen Kreisen war die durch neue Drucktechniken mögliche Ausweitung der Bildproduktion und der dadurch eröffnete Zugang zu Abbildungen aller Art in Kopien, Zeitschriften, Büchern und Bildbänden.
Wenn in diesem Zusammenhang von einer „optischen Revolution“ die Rede ist,  dann handelt es sich dabei nicht um eine Einschätzung, die sich erst aus der Perspektive von heute ergibt. (Im Buch „Drucktechniken und die optische Revolution“ S. 69 – 82) Viele zeitgenössische Beobachter verwenden ähnliche Begriffe, sprechen z. B. vom „gewaltigen Einfluß“ der graphischen Künste auf „unser ganzes Kulturleben“.

Allerdings gab es auch Stimmen, die zwar nicht allgemein vor der „Bilderflut“ warnten, aber sich gegen die Tendenz aussprachen, alles und jedes zu illustrieren. So ist in der Zeitschrift Die Grenzboten mit Bezug auf  die 1883 erschienene  „erste illustrierte Ausgabe von Heinrich Heines ‚Buch der Lieder‘“ von der  „Illustrirmühle unserer Zeit“ die Rede. Die Kritik richtet sich hier gegen den Versuch, lyrische Gefühle und Stimmungen illustrieren zu wollen. (Die Grenzboten 1883, S. 627)

Wiedergeburt der graphische KünsteBuch_ und Illustrationstechniken Hamann 1899, S. 301
„Das 19. Jahrhundert oder strenger genommen dessen zweite Hälfte, darf auf die Bezeichnung des Zeitalters der Wiedergeburt der graphische Künste überhaupt und der Buchdruckerkunst im besonderen Anspruch machen. Die wiederum deutsche Erfindung der Schnellpresse und später des Rotationsdruckes, die Wiedergeburt des Holzschnittes, die Erfindung des Steindruckes, die Erfindung der Photographie und der auf ihr beruhenden Verfahren, wie Autotypie u.s.w., dann die Galvanoplastik, endlich der Aufschwung des Farbendruckes, alle diese Faktoren haben eine Entwicklung des Buch- oder Zeitungswesens hervorgerufen, die man noch vor 50 Jahren in das Reich der Träume verwiesen hätte, und den Erzeugnissen der Presse eine Bedeutung verliehen, die weit über die Entwicklung der ersten Erzeugnisse des Buchdruckes auf den Kulturfortschritt hinausgeht.“ (Hamann 1899, S. 54 f.)

„In unserem nun zur Neige gehenden Jahrhundert hat die Technik gewaltige Triumphe gefeiert und nicht zuletzt auf dem Gebiete der Buchherstellung. Wer wollte behaupten, daß wir schon im Zenith der Entwicklung ständen, und doch, wenn wir uns umschauen, überall stoßen wir auf eine Vollendung und Vollkommenheit, von der man sich – besonders im Illustrationswesen im vorigen Jahrhundert keinen Begriff hätte machen können.“ (Hamann 1899, S. 303)

Der gewaltige Einfluß der graphischen Künste auf das Kulturleben
„Die graphischen Künste in ihrer jetzigen Vervollkommnung sind, besonders auch soweit sie illustrativer Natur, auf unser ganzes Kulturleben von gewaltigem Einfluß. […] für manche Kreise muß die Belehrung durch Illustrationen den Unterricht durch Buchstaben ersetzen. Was ist es anders als ein Unterricht durch ‚Bilderbesehen‘, wenn wir den Journalzirkel, die oft schon abgegriffenen ‚neuen Hefte‘, durchblättern. Es will doch wohl niemand behaupten, daß der große Teil solcher Leser überhaupt ernsthafte Belehrung, es sei denn aber durch die Bilder, in diesen Zeitschriften sucht. Die illustrierten Familienblätter, die für ihren Zweck sogar eigene Romantypen kultivieren, haben denn auch dem Geschmacke des Publikums Rechnung getragen und eine Zeitschrift ist immer illustrierter als die andere geworden, sogar die farbigen Drucke sind bereits ins Feld geführt.
Während nun hier die Illustration weniger dringenden Bedürfnissen dient, hat sie andererseits einen ernsteren Zweck zu erfüllen, indem sie der Wissenschaft und dem Unterricht nutzbar gemacht worden ist. Wir können uns manche Werke heute garnicht mehr ohne Bilder denken und wenn wir z. B. zum Brockhaus-Lexikon greifen, betrachten wir es als selbstverständlich, daß das Werk uns durch instruktive Tafeln den Text erläutert. Wir haben uns neuerdings sogar derart an Illustrationen gewöhnt, daß wir die größten Kunstwerke der graphischen Industrie als etwas ganz selbstverständliches betrachten, z. B. Plakate in den wundervollen Ausführungen, entworfen von ersten Künstlern, reproduziert von den besten Anstalten, treten uns auf Schritt und Tritt entgegen und der neueste Sport, die Ansichtspostkarten, denen sich die sogenannten Künstlerkarten beigesellten, droht bedenkliche Dimensionen anzunehmen. Der Umstand, daß eine einzige Platte eine ungeheure Vervielfältigung gestattet, hat es mit sich gebracht, daß der einzelne Abzug, mag er auch künstlerisch noch so vollendet sein, doch an Wert verloren hat und wir haben uns bereits daran gewöhnt, für die Erzeugnisse der Pressen nicht mehr zu hohe Preise anzuschlagen.“ (Hamann 1899, S. 317f.)

Jugendstil

Literatur
Die Grenzboten 1883/4. Quartal: Das diesjährige Prachtwerk, S. 623 – 629
Hamann, Ludwig [1899]: Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. Leipzig: Verlag von Ludwig Hamann, 2. Aufl.

Meyers Konversations-Lexikon [1877]: Bd. 10. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 3. Auflage
Stockbauer, Jakob [1894]: Die moderne Illustration. Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 28/1894, S. 308f.

Fußnoten zu Baron von Güldenklees Attacke auf Lessing

Bei dem traditionellen weihnachtlichen Zusammentreffen in der Oberförsterei Uvagla Lessing Ueber Land und Meer Nr. 20_1881 S. 365 Rahmenergreift der „alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen“, der „als bester Redner des Kreises“ galt, das Wort. (Kap. 19) Er bringt einen Toast auf den Gastgeber, den Oberförster Ring, aus. Dieser Ring stehe noch mit Gott für König und Vaterland ein. Dies gelte aber nicht für die „Judengeschichte“ mit den drei Ringen. (Hierzu im Buch 2. Aufl. „Die sehr eigenwillige Ringparabel des Baron von Güldenklee“ auf den Seiten 198 – 203.)

Für die zeitgenössische Leserschaft des Romans ordnet sich der Toast des Barons in die Welle antisemitischer Angriffe auf Lessing ein, dessen hundertster Todestag sich im Februar 1881 jährte. Der Baron spricht von Lessings Drama „Nathan der Weise“ als der Judengeschichte mit den drei Ringen. In Eugen Dührings 1881 erschienenen Kampfschrift zur Judenfrage ist von Lessings Drama als einem „platten Judenstück“ die Rede.

Eine besondere Position vertritt in dieser Auseinandersetzung der Historiker Gustav Buchholz in der Zeitschrift Die Grenzboten. Er  verteidigt das „Vermächtniß Lessings“ gegen die „unerhörten Mißbrauch, der mit dem Namen Lessings“ von jüdischer Seite getrieben werde.

Grenzboten Vignette. Jg. 40_1881 S. 233

Lessingstudien – Zur Säkularfeier von Lessings Todestag, 15. Februar 1881

„In den Parteikämpfen unsrer Tage ertönt kein Name häufiger als der Lessings. Sollen wir uns dessen freuen, sollen wir es bedauern? Viel gepriesen und viel geschmäht zu werden, war ja stets das Schicksal dieses streitbaren Mannes, zu seinen Lebzeiten so gut wie bei den nachfolgenden Geschlechtern. Aber wenn jetzt der Säculartag seines Todes heranrückt und die Nation uneiniger als je findet in der Würdigung der Grundanschauungen seines Geistes, so ist das im Interesse unsers Volkslebens tief zu beklagen. Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn ein Volk über dem Erbe seiner großen Männer hadert. Und wohin soll es führen, wenn sich Stimmen unter uns erheben dürfen – glücklicher Weise bisher noch vereinzelt – , welche die Manen dieses edlen Mannes aufs schimpflichste besudeln, und wenn man gar auf der andern Seite im Pathos sittlicher Entrüstung die hohe Phrase vom ‚Vermächtniß Lessings‘ unter das Volk zu werfen wagt, um geistig unmündige zu schrecken, und Toleranz predigt in einem Tone, der aller Toleranz Hohn spricht? Da ist es an der Zeit, ernste Verwahrung einzulegen gegen den unerhörten Mißbrauch, der mit dem Namen Lessings getrieben wird. Dieser Name, den wir mit Stolz und mit Ehrfurcht zugleich aussprechen, sollen wir es dulden, daß er einem Theile unserer Nation entfremdet, daß er zum Schiboleth einer Partei gemacht wird? Und mit welchem Rechte dazu gemacht wird?  ‚Sollen Treu und Redlichkeit unter zwei Nationen herrschen, so müssen beide gleichviel dazu beitragen.‘ So rief der zwanzigjährige Lessing den Christen seines Zeitalters zu. Und es sollte seinem Geiste widersprechen, wenn den Juden von heute dieselben Worte mahnend ins Gedächtniß zurückgerufen werden? Ich wage zu behaupten, daß diejenigen Männer, welche sich der Nation gegenüber ohne Noth zu Hütern seines Vermächtnisses aufgeworfen haben, dem wahren Sinne eben dieses Vermächtnisses weit weniger nahe kommen als ihre Gegner.“ (Buchholz 1881, S. 233f.)

Kladderadatsch 1881

Einen Rückschluss auf die Schärfe, mit der die gesellschaftliche Debatte um Lessing geführt wird, erlaubt die satirische Auseinandersetzung mit den antisemitischen Angriffen auf Lessing im Kladderadatsch.

Der Lessing wie er dereinst in einer christlich-social-agrarischen Literaturgeschichte dargestellt werden wird.

Wann und wo der Lessing eigentlich geboren wurde, ist, soviel wir wissen, niemals genau ermittelt worden. In der That verlohnt es sich aber auch nicht, deswegen Nachforschungen anzustellen; denn daß er ein Jude war, geht aus dem Charakter seiner verschiedenen Brandschriften mit unzweifelhafter Evidenz hervor. Sein Vorname Ephraim deutet ganz fraglos auf die Provinz Posen hin; er wird also wohl in Meseritz oder Tirschtiegel als Sohn eines Wucherers das Licht der Welt erblickt haben.

Von dort ist er dann nach Berlin gekommen und hat sich, nachdem er im Hasenfellhandel große Geldsummen ‚erworben hatte, der ‚schönen Literatur‘ (sic!) zugewandt. Seine literarische Laufbahn begann er, was sehr bezeichnend ist, als Mitarbeiter der damals schon weitberüchtigten Vossischen Zeitung, für welche er aufreizende Leitartikel und ohne Zweifel auch Reclamen für Erfinder von Malzfabrikaten und Haarwuchsbeförderungsölen verfaßte. […]

Seine Lebensweise war eine sehr unordentliche. Rheinwein, den der gutmütige Gleim ihm zuschickte, trank er ankerweise, und dem Kartenspiel war er überaus ergeben. Daß er stets falsche Würfel bei sich führte, läßt sich zwar nicht nachweisen, ist aber in hohem Grade wahrscheinlich. […]

Das Nonplusultra aller Lessing’schen Mauschelstücke ist aber doch ‚Nathan der Weise‘ (?), ein Stück, welches den Meisten unserer Leser jetzt wohl kaum noch, wär’s auch dem Namen nach, bekannt sein dürfte. Wir wollen vom Inhalt dieser unsaubern jüdischen Posse nur so viel verrathen, daß es sich darin um nachgemachte Ringe handelt. Wahrscheinlich stand Lessing zur Zeit, als er den ‚Nathan‘ zusammenschmierte, in Beziehung zu einer Talmigoldwaarenhandlung.

Die sonstigen Werke Lessings sind wo möglich noch schwächer als seine dramatischen Sudeleien. Darunter ist eine Schrift über Laokoon. Wer war – so fragen wir uns verwundert – wer war Laokoon? Darauf wird ebenso wenig Einer unserer Leser uns Antwort geben können, als wir selbst diese schwierige Frage zu beantworten wissen. Vermutlich aber gab es damals in Hamburg ein Bankhaus ‚Laokoon und Söhne‘, an das Lessing sich heranzuschlängeln suchte, um einen Raubgewinn bei demselben zu realisiren. […]

Zweimal Lessing-Feier am 15. Februar 1881 in Berlin

Lessingfeier Norddeutsche Zeitung vom 15.02.1881 S. 4

Am 15. Februar 1881 findet sich in der Norddeutschen Zeitung ein Reklamegedicht zur Lessing-Feier. Dazu folgende Hintergrundinformation:

Auf der Leipziger Straße 110 befindet sich eines der bekanntesten Berliner Kaufhäuser für Textilien. Bekannt ist es insbesondere dadurch, daß die Gattin des Inhabers regelmäßig Reklamegedichte in Berliner Mundart verfaßt, die in den Zeitungen erscheinen, an Litfaßsäulen (einer Berliner Erfindung!) angeschlagen und sogar in eigenen Gedichtbänden herausgebracht werden. Immer wieder werden in den Gedichten aktuelle Ereignisse aufgegriffen, um in einem Hinweis auf die neuesten Angebote zu endigen.“ Freisinnige Zeitung 1881- Der Blog des Eugen-Richter-Instituts

In einem Brief vom 4. Mai 1897 an den Schriftsteller und Publizisten Fritz Mauthner erwähnt Fontane, dass er diese an  Litfaßsäulen veröffentlichten Reklamegedichte las. Er schreibt: Mein treues Studium der ‚Goldenen Hundertzehn‘ dieser meiner (jetzt wenigstens) bevorzugten Literaturquelle, hat sich gestern Abend an einer zugigen Ecke, wo ich Dr. Alfred Friedmann traf, ganz besonders belohnt. (Fontane-Blätter 1985/H. 1, S. 19

Am 16. Februar 1881 berichtet die Norddeutsche Zeitung, dass das Königliche Schauspielhaus den hundertjährigen Todestag Lessings durch eine Aufführung seiner Emilia Galotti in Anwesenheit des Kaiser und der Kaiserin sowie der kronprinzlichen Herrschaften gefeiert habe. Die Auswahl dieses Stückes ist nicht ohne Bedeutung, denn folgt man der Auffassung des Publizisten Fritz Mauthner, dann ist eine „Lessingfeier zu veranstalten und den Nathan nicht aufzuführen, […] beinahe eine Demonstration.“ (Mauthner 1881, S. 2)

Von Altardecken und Zimmergymnastik

Der Roman beginnt mit einer Beschreibung des „schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familien von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen“. „Frau und Tochter des Hauses“ sitzen im schattigen Fliesengang und arbeiten an einem aus „Einzelquadraten zusammengesetzten Altarteppich“. Für zeitgenössische Leser ist damit klar. Das Herrenhaus in Hohen-Cremmen ist schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts im Besitz der Familie. Als Grundherren waren die von Briest für die Kirche in ihrem Gebiet verantwortlich. Wenn die Frau des Hauses an einer Altardecke arbeitet, erfüllt sie damit eine Erwartung, die man an eine Kirchenpatronin stellt.

Altardecke

Teil der Altardecke Der Bazar Nr. 1_1885 S. 3
Teil der Bordüre einer Altardecke: Platt-, Stielstich-Stickerei und Holbein-Technik. Der Bazar 1885

Einerseits beteiligt sich Effi als Tochter an dieser durch Recht und Tradition festgelegten Aufgabe, andererseits zeigt sich in ihrem Verhalten der Einfluss des Zeitgeistes. Während sich die Mutter auf die Arbeit konzentriert, steht Effi von Zeit zu Zeit auf, „um unter allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen.“

Aufschlussreich ist hier das Verhalten der Mutter, die immer nur flüchtig und verstohlen aufsah, „weil sie nicht zeigen wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war.“ Dies spricht für Liberalität bzw. Aufgeschlossenheit im Hause Briest. Blickt man auf die Diskussion über Gymnastik für Mädchen, wie sie in der Zeit, in der der Roman spielt, geführt wurde, dann scheint eine Mutter wie Frau von Briest mit ihrer Bemerkung, „Effi, eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen“, eher eine Ausnahme zu sein.

Zimmergymnastik.png Angerstein Eckler Titelseite 1890

Heil- und Zimmergymnastik wurde schon länger und mit hoher Resonanz propagiert. (im Buch 2. Aufl. dazu S. 240 – 245) Dafür spricht, dass die von Daniel Gottlieb Moritz Schreber 1855 zum ersten Mal veröffentlichte Anleitung „Aerztliche Zimmergymnastik“ 1890 bereits in 24. Auflage gedruckt wurde. Seine Überlegungen und Anleitungen zur Gymnastik ordnen sich ein in lebensreformerische Bestrebungen, mit denen die schädlichen Auswirkungen der Industrialisierung und Urbanisierung bekämpft werden sollten.

Schreber wendete sich mit seiner Anleitung zwar an „beiderlei Geschlechter und jedes Alter“, aber noch in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts besteht offensichtlich die Notwendigkeit, für Gymnastik und Bewegungsübungen für Mädchen und Frauen besonders zu werben.

Angerstein Eckler 1890 Rumpfbeugen vorwärts S. 20.png Angerstein Eckler 1890 Rumpfbeugen rückwärts S. 20 Angerstein Eckler 1890 Rumpfbeugen seitwärts S. 20

„Sollen denn auch Jungfrauen turnen?“ – „Lasset sie turnen! Turnen macht schön!“

Dieses rhetorische Frage-Antwort-Spiel steht am Ende der Rezension einer Anleitung zur „Haus-Gymnastik für Mädchen und Frauen“, die 1888 in der illustrierten Damenzeitung „Der Bazar“ erschien. Mit dem Hinweis auf die vielen Einschränkungen, denen Mädchen unterworfen sind, begründen die beiden Autoren der besprochenen Veröffentlichung, die Notwendigkeit sich besonders für die Gymnastik von Mädchen einzusetzen.

„Schon den jüngeren Mädchen ist es, zumal in den besseren Ständen, aus sogenannten Anstandsrücksichten untersagt, in fröhlichem Spiele zu jauchzen, zu laufen, zu springen, sich lebhaft zu drehen und zu schwenken. Und auch das Schulturnen, welches als Ersatz für solche Einschränkungen gerade den Mädchen in ausgedehntem Maße geboten werden sollte, ist viel weniger allgemein eingeführt und benutzt als bei den Knaben. Jungfrauen und Frauen aber haben fast gar keine Gelegenheit, den Körper angemessen zu üben. Ihre Spaziergänge sind kurz bemessen, die Bewegungen durch Sitte und Kleidung eingeengt, […].“ (Angerstein/Eckler 1890, S. 2)

Dementsprechend wird für die Gymnastik und körperliche Bewegung vor allem mit medizinischen Argumenten geworben.

„Für die Gesundheit des weiblichen Geschlechtes sind regelmäßig betriebene Leibesübungen von größter Wichtigkeit. Die so häufige Blutarmut und Bleichsucht und damit im Zusammenhang stehenden weiblichen Leiden, krankhafte nervöse Affektionen, Hysterie u. dergl. würden viel seltener werden, wenn die Gymnastik beim weiblichen Geschlecht mehr in Aufnahme käme. Eine angenehme Frische der äußeren Erscheinung, sichere, gerade Haltung, Anmut und Gewandtheit der Bewegung würden ein allgemeineres Gut der Mädchen und Frauen sein.“ (Angerstein/Eckler 1890, S. III)

Wie wichtig es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung immer noch ist, Vorbehalte gegen Leibesübungen von Mädchen zu entkräften, sieht man daran, dass die Autoren der „Haus-Gymnastik für Mädchen und Frauen“ ausführlich aus einem Gutachten der „Berliner medizinische Gesellschaft“ und aus einem „Ärztlichen Gutachten über das höhere Töchterschulwesen Elsaß-Lothringens“ ztieren. (Angerstein/Eckels 1890 S. 4 f.)

Der Rezensent Adolf Hermann, ein in der Turnerbewegung aktiver Braunschweiger Lehrer, unterstreicht den Wert der besprochenen Veröffentlichung durch den Hinweis auf eigene Erfahrungen, beispielsweise „in den weitbekannten Erziehungsanstalten für das weibliche Geschlecht im Schlosse zu Wolfenbüttel, wo von der Vorsteherin, Fräulein Vorwerk, die Einrichtung getroffen ist, daß die im Internate wohnenden Seminaristinnen täglich eine halbe Stunde systematische Turnübungen betreiben können.“ (Hermann 1888, S. 56)

Dabei ist aber nicht zu übersehen, dass die Förderung von Gesundheit, Anmut und Schönheit der Mädchen einem „höheren Zweck“ dient. Diese Ziele stehen nicht zuletzt im Dienste der Nation.

„Die Gesundheit kommender Geschlechter, die Zukunft eines Volkes hängt zum großen Teil von der Erziehung der Mädchen ab; denn die Mädchen sollen dereinst Gattinnen und Mütter werden, und als solchen liegen ihnen für die Heranbildung eines neuen Geschlechtes Pflichten ob, welche sie voll und ganz nur erfüllen können, wenn sie selbst gesund an Leib und Seele sind. (Angerstein/Eckler 1890, S.1)

Abbildungen

Vermischte Nachrichten – Amts-Blatt der Königlichen Regierung zu Potsdam Jahrgang 1845, S. 40

Teil der Bordüre einer Altardecke – Der Bazar. Illustrirte Damenzeitung  Nr. 1/1885, S. 3

Rumpfbeugen – Angerstein/Eckler [1890], S. 20

Literatur

Angerstein, E.; Eckler, G. [1890]: Haus-Gymnastik für Mädchen und Frauen. Eine Anleitung zu körperlichen Übungen für Gesund und Kranke des weiblichen Geschlechtes. Berlin: Hermann Paetel

Schreber, Daniel Gottlieb Moritz [1855]: Aerztliche Gymnastik oder System der ohne Geräth und Beistand überall ausführbaren heilgymnastischen Freiübungen als Mittel der Gesundheit und Lebenstüchtigkeit für beide Geschlechter, jedes Alter und alle Gebrauchszwecke. Leipzig: Friedrich Fleischer

Hermann, August [1888]: Gymnastik für Mädchen und Frauen. In: Der Bazar Nr. 48/1888, S. 526

Verregelte Kommunikation

An verschiedenen Stellen des Romans werden die starren Regeln und Normen deutlich, denen die Kommunikation in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts unterworfen ist. (Im Buch 2. Aufl. dazu: Vom guten Ton im schriftlichen Verkehr …“ auf den Seiten 72 – 89.) Wie sehr durch diese Konventionen die Kommunikation „verregelt“ wird, ist auch den Zeitgenossen bewusst.

Visitenkartenschale_Lützow 1875 S. 436

Amerikanische Visiten- und Einladungskarten

Daß die Mode, indem sie den Anspruch erhebt, die Gesamtform des sozialen Lebens unter ihren Vorschriften zu beugen, auch dem Verkehr der guten Gesellschaft in Besuchen und Gegenbesuchen, Einladungen und Familien-Anzeigen geltende Regelns aufzuerlegen sucht, ist bekannt. Sie normiert nicht blos die Besuchszeit, die Besuchstoilette, die Besuchsdauer, die Besuchserwiderung, – sie stellt auch über die Vorläufer des Besuches, die Visitenkarten gültige Bestimmungen auf, setzt die Größenverhältnisse der Karte, die Beschaffenheit ihres Materials, die Farbe , den Glanz oder Nicht-Glanz, die Schriftform, den Schriftsatz, das Mehr oder Minder im Namen und Titel fest und verfügt, ob eine und welche Ecke eingebogen werden dürfe, ob die Adresse anzugeben sei oder nicht, – ja sie schreibt sogar vor, wem die Führung von Visitenkarten zustehe, wem sie versagt werden müsse.

Aus: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift  Nr. 17/1885, S. 180

Visitenkarte

Das p. r. v. bedeutet pur rendre visite, einen Besuch abzustatten; p. f. = pour féliciter, Glück zu wünschen; p. p. c. = pour prendre congé, Abschied zu nehmen; p. c. = pour condoler, Beileid zu bezeugen. Je nach dem Zwecke des Besuches bog man die betreffende Ecke aufwärts nach der Vorderseite der Karte hin, wo der Name steht, und der Empfänger wußte damit, welchen Zweck der Besuch hatte. (Ebhardt 1880, S. 337)

Für die Bedeutung, die den Visitenkarten im gesellschaftlichen Verkehr zukommt, spricht, dass in den Romanen Fontanes Visitenkartenschalen bei der Beschreibung der Wohnungseinrichtung erwähnt werden, wenn es um den Nachweis gesellschaftlicher Respektabilität geht. Dies gilt für die Poggenpuhls, die um den Erhalt iher gesellschaftlichen Position kämpfen müssen. Bei ihnen befindet sich in der guten Stube eine „flache Glasschale […], drin im Sommer Aurikeln und ein Vergißmeinnichtkranz, im Winter Visitenkarten zu liegen pflegten.“ (Kap. 1)

Für Mathilde Möhring und ihre Tochter ist der Nachweis bürgerlicher Respektabilität wichtig, um die Vermietung eines Zimmers in ihrer Wohnung zu erleichtern.

Alles dürftig, aber sehr sauber. Und nun öffnete Frau Möhring die Tür, die rechts nach dem zu vermietenden Zimmer führte. Hierher hatten sich alle Anstrengungen konzentriert: ein etwas eingesessenes Sofa mit rotem Plüschüberzug und ohne Antimakassar, Visitenkartenschale, […].“ (Kap. 2)

Wie eine Episode in Fontanes Roman Quitt zeigt, gilt eine korrekt gestaltete Visitenkarte als Ausweis für gute Erziehung und gutes Benehmen. Im Roman wird ein verlorengegangenes Plaid zusammen mit „einer großen goldgeränderten Karte“ abgegeben:

Dr. Sophus Unverdorben

Kammergerichtsassessor und Lieutenant der Reserve

Im 2. Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Franz

Berlin W Lützow-Ufer 7a

Der Berliner Rechnungsrat Espe betrachtete mit einem „sozusagen auf staatlicher Grundlage ruhenden Wohlgefühl“ die „korrekt abgefaßte Karte“: „‘Seht, Kinder, so muß dergleichen aussehen‘, waren seine mehr als einmal wiederholten Worte, [… ].“ (Kap. 16)

In Fontanes Roman Der Stechlin wird über den „Musikdoktor“ Niels Wrschowitz erzählt, er sei nur „aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden, […] um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden“ (Kap. 13) Die Bedeutung dieser Bemerkung erschließt sich erst vollständig, wenn man die Hinweise zur Gestaltung einer Visitenkarte im „Guten Ton in allen Lebenslagen“ zur Interpretation heranzieht.

Die Visitenkarte, jetzt modern in großem Format und aus starkem, glanzlosem weißen Papier mit deutlicher Schrift gedruckt, werden je nach dem Zweck und nach Person verschieden gewählt. Offiziere und Beamte, sowie alle Herren, welche einen Rang bekleiden, setzen außer ihrem Familiennamen, dem der Vorname selten vorausgeht, mit kleiner Schrift Rang und Stand, sowie in großen Städten rechts unten die Adresse der Wohnung. […] Herren von solchen Lebensstellungen machen den größten Teil ihrer Besuche in Kreisen, in denen der Rang eine große Rolle spielt und in welchen ihnen eben durch ihren Rang ein bestimmter Platz zugewiesen ist. In solchen Fällen ist es viel gleichgültiger, ob der Hauptmann, welcher der Frau Generalin seine Aufwartung macht, Theodor oder Karl Frank heißt, als ob der fragliche Theodor Frank Hauptmann oder Leutnant ist.“ (Ebhardt 1889, S. 30)

Abb. Lützow, Carl von [1875]: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873. Leipzig: E. A. Seemann, S. 436

Literatur

Ebhardt, Franz [1880]: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Berlin: Franz Ebhardt

Ebhardt, Franz [1889]: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Berlin: Franz Ebhardt

Die Klavierseuche und das neue Medium „Hammerklavier“

Manches Klavier mit seinen weißen Tasten ist ein Denkmal der Rache, die der kluge Elephant für seine ausgerissenen Zähne am Menschengeschlechte nimmt. (Sirius 1892, S. 164)

Effi hat gelernt Klavier zu spielen, denn Klavierspielen trug zum „kulturellen Kapital“ der Töchter aus gutem Hause bei. Durch das Vorspielen vor Gästen leisteten die jungen Frauen einen Beitrag zur Verschönerung des Zusammenlebens und zum gesellschaftlichen Ansehen der Familie – und lenkten dabei das Interesse potenzieller Ehemänner auf ihre Person. Kritiker sprachen von einer  Clavier- oder Musikseuche. (Zu diesen Kontroversen im Buch 2. Aufl. auf den Seiten 180 – 187.)

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Die Belästigung durch lautes und unüberhörbares Klavierspielen in Mietshäusern bot Stoff für die satirischen Zeitschriften. Eine Anspielung hierauf findet sich in der Auseinandersetzung des Ehepaars Instetten über einen möglichen Wohnungswechsel in Kessin. Effi möchte aus dem ihr unheimlichen Haus ausziehen und argumentiert gegenüber ihrem Mann, dass man in Berlin aus nichtigeren Gründen die Wohnung wechsele.

Ich habe, wenn wir Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft gehört, daß in Berlin Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben oder wegen einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeit willen geschieht …“ (Kap. 10)

Diese hier von Effi angedeutete Gleichstellung der Belästigung durch Klavierspielen und „Schwaben“ – also Kakerlaken –  mag heute befremdlich wirken, erforderte für die zeitgenössische Leserschaft des Romans, zumal wenn sie in Mietwohnungen lebten, keine weitere Erklärung.  In dieser kulturkritisch aufgeladenen Diskussion über das Hammerklavier bzw. des Pianoforte ginge es aber nicht nur um die Lärmbelästigung. Wenn man so will, stand mit dem „Hammerklavier“ ein neues Medium zur Diskussion – und wie immer in ging es in solchen Diskussionen auch um kulturelle Verluste und befürchteten Niveauverlust, Fragen der Bildungsrelevanz und, wie nicht anders zu erwarten, um potenzielle gesundheitliche Gefahren.

Kündigung Klavier Flieg Bl Nr_2678_1896 S_203

Vierhändig Klavierspielen Flieg Bl Nr. 2329_1888 S. 144

Herstellung des neuen Mediums „Hammerklavier“

Den „endgültigen Sieg des Hammerklaviers“, also den Beginn seiner Karriere als neues Medium, führt der Soziologie Max Weber in einer 1921 erschienene Abhandlung auf „die maschinelle Großproduktion des Instruments“ zurück.

„Die großen Meister der modernen Klaviermusik, Johann Sebastian und Philipp Emanuel Bach, standen dem Hammerklavier noch neutral gegenüber, und speziell der erstere hat einen bedeutenden Teil seiner besten Werke für die tonlich schwächeren, aber intimeren und auf feinere Ohren berechneten älteren Instrumententypen: Clavichord und Cembalo geschrieben. Erst das internationale Virtuosentum Mozarts und das steigende Bedürfnis der Musikalienverleger und Konzertunternehmer, der großen Musikkonsumtion nach Markt- und Massenwirkungen brachten den endgültigen Sieg des Hammerklaviers. […] Zuerst in England (Broadwood), dann aber in Amerika (Steinway), wo das vorzügliche Eisen der Konstruktion der eisernen Rahmen zugute kam und die nicht geringen klimatischen Schwierigkeiten einer Einbürgerung der Klaviers – die ja auch seiner Verwendung in den Tropen entgegenstehen – überwinden helfen mußte, bemächtigte sich die maschinelle Großproduktion des Instruments. Anfang des 19. Jahrhunderts war es reguläres Handelsobjekt geworden und wurde auf Vorrat hergestellt. Der wilde Konkurrenzkampf der Fabriken und Virtuosen mit den spezifisch modernen Mittel der Presse, Ausstellungen, schließlich, nach Analogie etwa der Absatztechnik der Brauereien, Schaffung eigener Konzertsäle seitens der Instrumentenfabriken (bei uns namentlich der Berliner) haben jene technische Vollkommenheit der Instrumente zuwege gebracht, welche allein den stets steigenden Ansprüchen der Komponisten genügen konnte.“ (Weber 1972, S. 76)

Piano Werbung IZ Nr_1789 1877 S_297

Zugang zum neuen Medium „Hammerklavier“

Zum neuen Medium konnten die Hammerklaviere werden, weil durch die „maschinelle Großproduktion“ der Kauf von Klavieren für neue Bevölkerungsgruppen möglich wurde. Wobei die Erfüllung bildungsbürgerlicher Ambitionen auch durch das Mieten von Klavieren erleichtert wurde.

„In den sogenannten höhern oder gebildeten Kreisen galt Musik längst als unerlässlicher Theil der Bildung; jede Familie fordert ihn, wo möglich für alle Angehörigen, ohne sonderliche Rücksicht auf Talent und Lust, in gar vielen beschränkt sich, wenigstens für die weibliche Jugend, die ganze freiere Bildung, sogar die gesellige Unterhaltung nur auf Musik, neben der etwa noch ein Paar neuere Sprachen und eine höchst ängstliche und prüde gesichtete und beschränkte Lektüre Raum findet. […] Was im Kreise der günstiger gestellten ‚Gesellschaft‘ so begonnen, dem eifert, schon vom Beispiel von Unkunde von falschem Ehrgeiz bezwungen, unerschrocken und unberechnend die Menge nach; bis in die Kreise des Kleinhandels und Gewerks hinein wird der endlos drängenden Arbeitsnoth Zeit, dem knappen Erwerbe Geld abgelistet und abgerungen, um wenigstens für die Töchter Klavier Noten Lehrer Musikbildung zu erbeuten, vor allem in der Hoffnung damit zu den ‚Gebildeten‘ zu zählen.“ (Marx 1873, S. 88)

Zum neuen Medium konnte das Hammerklavier auch werden, weil das „ohnehin schon mechanische Klavier“ (Marx 1873, S. 282) im Vergleich zu anderen Musikinstrumenten für Anfänger leichter zu erlernen und bei Dilettanten eher zu irgendwie passablen Ergebnissen führte.

„Das Klavier […] liefert dem Spieler unabänderlich gestimmte Saiten, die durch die rechte Taste unfehlbar den verlangten Ton geben, erfordert also in Bezug auf Tonverhältnisse zunächst nur äusserliche Aufmerksamkeit auf den Mechanismus der Tastenbenutzung. Das Gehör kann aus dem Spiele bleiben, – und wie oft es vom Schüler und Lehrer aus dem Spiel gelassen wird, kann man nur zu häufig beobachten. Musik aber ohne Tonsinn ist leeres Handtiren mit fremdbleibenden Dingen.“ (Marx 1873, S. 223)

Ästhetische  Bewertung des neuen Mediums „Hammerklavier“

Durch die „kapitalistisch gewordenen Instrumentenproduktion“ wurde das Clavichord vom Hammerklavier abgelöst. Für Max Weber war mit der Dominanz des neuen Mediums Hammerklavier ein ästhetischer Verlust verbunden.. Mit Blick auf das Clavichord schreibt er: „Seine rasch verhallenden Töne regten zur Figuration an, und so war es vornehmlich ein Instrument für eigentliche Kunstmusik. Die eigenartigen Klangeffekte des durch Tangenten, welche den tönenden Teil der Saiten zugleich abgrenzten und zum Schweigen brachten, angeschlagenen Instruments auf der Höhe seiner Vollendung,  namentlich die charakteristischen ausdrucksvollen ‚Bebungen‘ der Töne haben es der Konkurrenz des Hammerklaviers erst dann zum Opfer fallen lassen, als nicht mehr die Nachfrage einer dünnen Schicht von Musikern und feinhörigen Dilettanten, sondern die Marktbedingen der kapitalistisch gewordenen Instrumentenproduktion über das Schicksal der Musikinstrumente entschieden.“ (Weber 1921, S. 90)

Andere Stimmen sahen im Hammerklavier dagegen einen Sieg des „selbständigen Virtuoseninstrument“.

„Ein jeder Vortrag moderner Klavierstücke überzeugt von der unendlichen Schattierungsfähigkeit, die der Ton des Hammerklaviers, ohne bei der Mechanik der Orgel Anleihen zu nehmen, besitzt. Ein jeder Blick in die inneren Geheimnisse des Klaviers enthüllt uns die Wunder von Vollendung, zu denen sich die Hammertechnik mit ihrer ‚Auflösung‘ und ‚Dämpfung‘ entwickelt hat. Denn wir sahen, daß die Geschichte des Klaviers nicht in einem konstanten Fortschritt besteht, sondern in stets erneuerten Versuchen, die bequeme Tastatur auf verschiedene, bereits vorhandene Saitenwerke anzuwenden. Der letzte dieser Versuche glückte derart, daß er schnell die Formen des Klavichords und Klavicymbels aus dem Felde schlug, das Klavier völlig von der Einwirkung der Orgel befreite und zu demjenigen emporhob, durch welches unsere ganze große schöne Klavierliteratur und ihr heilsamer Einfluß auf die Verbreitung musikalischen Sinnes erst möglich wurde.“ (Bie 1894, S. 618)

Pädagogische Einwände gegen (die Überbewertung) des  Klavierspielens

„Von allen Künsten die gefeierste, weil sie eine Sprache spricht, die allen Menschen verständlich, ist die Musik. Und von allen Musikinstrumenten das beliebteste, das populärste und das am meisten mißhandelte ist das Klavier. Klavierspielen zu können betrachtet man heutzutage nahezu als eine Bedingung, um Anspruch darauf machen zu dürfen, für einen gebildeten Menschen zu gelten. Namentlich das weibliche Geschlecht in den höheren und mittleren Ständen schmachtet unter diesem Banne. Es giebt heute wenig Familien in diesen Gesellschaftskreisen, wo die Töchter nicht einander am Flügel ablösen, wie die Soldaten am Wachtposten, nur mit dem Unterschied, daß die letzteren keinen Lärm machen. […]

Die Musikseuche ist schuld daran, daß das Klavier nachgerade zu einem gemeingefährlichen Instrument geworden ist. Wer in einer größeren Straße wohnt, wird die Erfahrung gemacht haben, daß es durchaus nichts Seltenes ist, wenn man gleichzeitig unter sich, über sich, nebenan und zuweilen auch noch über die Gasse herüber Klavierspielen hört. […] Und es ist meine feste Überzeugung, daß die von den Aerzten konstatierte Ueberhandnahme von Nervenkrankheiten zum guten Teil in der gefährlichen Ausbreitung der Klavierepidemie ihre Ursache hat.

Nun ist es aber eine durchaus falsche Anschauung, zu glauben, daß das ‚Musikalisch-Sein‘ ein notwendiges Ingredienz wahrer Bildung sei. Denn einerseits kann man ein höchst gebildeter Mensch ein, ohne die geringste musikalische Ader zu besitzen, und andererseits kann man tiefes musikalisches Verständnis und Empfinden besitzen, ohne in eigener Person durch mehr oder minder dilettantische Musikmacherei dem lieben Nächsten das Leben zu vergällen.“  (Troll-Borostyàni 1894, S. 197)

Klavierspielen Wände haben Ohren Fligende Blätter 1890 Nr 2296 S_29

Die medizinische Warnung vor dem neuen Medium „Hammerklavier“

„Klavierspiel. Man nennt es auch eine ‚moderne Seuche‘, da es in alle Schichten der Lieber Singen als KlavierspielenBevölkerung eingedrungen ist, und da es leider von Unbegabten ebenso gepflegt wird, wie von Begabten. Nervöse Personen werden durch übermäßige Ausübung derselben noch reizbarer, als sie schon sind; es ist daher nur mit Vorsicht zu üben und schwachen Mädchen mit erregtem Herzen, Blutarmut und Neigung zu starken Menstruationen ganz zu verbieten. Anders verhält es sich mit dem Singen. Mäßig betrieben kräftigt es den Organismus und leitet das Blut vom Becken ab. Man lasse also schwächliche Mädchen eher Gesangsunterricht nehmen, als Klavierspiel beginnen.“ (Fischer-Dückelmann 1911, S. 699f)

Abbildungen

Abb. Zur Klavierseuche. In: Fliegende Blätter Nr. 2260/1888, S.183

Abb. Verschnappt. In: Fliegende Blätter Nr. 2678/1896, S. 203

Abb. Einfachste Abhilfe. In: Fliegende Blätter Nr. 2329/1888, S. 144

Abb. Pianowerbung. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1789/1877, S. 297

Abb. Verblümt. In: Fliegende Blätter Nr. 2296/1890,  S. 29

Literatur

Bie, O. Die Geschichte des Klaviers. In: Daheim Nr. 38/1894, S. 615 – 618

Fischer-Dückelmann, Anna [1911]: Die Frau als Hausärztin. Ein ärztliches Nachschlagebuch der Gesundheitspflege und Heilkunde in der Familie. Stuttgart: Süddeutsches Verlags-Institut

Marx, Adolf Bernhard [1873]: Die Musik des neunzehnten Jahrhunderts und ihre Pflege. Methode der Musik. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 2. unveränderte Auflage

Sirius [1892]: Klavier Tasten Elefant. In: Fliegende Blätter Nr. 2466/1892, S. 164

Troll-Borostyàni, Irma [1894]: Wert und Gefahren der modernen Bildung. In: Der Bazar Nr. 18/1894, S. 197 f.

Weber, Max [1921]: Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik. München: Drei Masken Verlag