Fußnoten zu Baron von Güldenklees Attacke auf Lessing

Bei dem traditionellen weihnachtlichen Zusammentreffen in der Oberförsterei Uvagla Lessing Ueber Land und Meer Nr. 20_1881 S. 365 Rahmenergreift der „alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen“, der „als bester Redner des Kreises“ galt, das Wort. (Kap. 19) Er bringt einen Toast auf den Gastgeber, den Oberförster Ring, aus. Dieser Ring stehe noch mit Gott für König und Vaterland ein. Dies gelte aber nicht für die „Judengeschichte“ mit den drei Ringen. (Hierzu im Buch 2. Aufl. „Die sehr eigenwillige Ringparabel des Baron von Güldenklee“ auf den Seiten 198 – 203.)

Für die zeitgenössische Leserschaft des Romans ordnet sich der Toast des Barons in die Welle antisemitischer Angriffe auf Lessing ein, dessen hundertster Todestag sich im Februar 1881 jährte. Der Baron spricht von Lessings Drama „Nathan der Weise“ als der Judengeschichte mit den drei Ringen. In Eugen Dührings 1881 erschienenen Kampfschrift zur Judenfrage ist von Lessings Drama als einem „platten Judenstück“ die Rede.

Eine besondere Position vertritt in dieser Auseinandersetzung der Historiker Gustav Buchholz in der Zeitschrift Die Grenzboten. Er  verteidigt das „Vermächtniß Lessings“ gegen die „unerhörten Mißbrauch, der mit dem Namen Lessings“ von jüdischer Seite getrieben werde.

Grenzboten Vignette. Jg. 40_1881 S. 233

Lessingstudien – Zur Säkularfeier von Lessings Todestag, 15. Februar 1881

„In den Parteikämpfen unsrer Tage ertönt kein Name häufiger als der Lessings. Sollen wir uns dessen freuen, sollen wir es bedauern? Viel gepriesen und viel geschmäht zu werden, war ja stets das Schicksal dieses streitbaren Mannes, zu seinen Lebzeiten so gut wie bei den nachfolgenden Geschlechtern. Aber wenn jetzt der Säculartag seines Todes heranrückt und die Nation uneiniger als je findet in der Würdigung der Grundanschauungen seines Geistes, so ist das im Interesse unsers Volkslebens tief zu beklagen. Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn ein Volk über dem Erbe seiner großen Männer hadert. Und wohin soll es führen, wenn sich Stimmen unter uns erheben dürfen – glücklicher Weise bisher noch vereinzelt – , welche die Manen dieses edlen Mannes aufs schimpflichste besudeln, und wenn man gar auf der andern Seite im Pathos sittlicher Entrüstung die hohe Phrase vom ‚Vermächtniß Lessings‘ unter das Volk zu werfen wagt, um geistig unmündige zu schrecken, und Toleranz predigt in einem Tone, der aller Toleranz Hohn spricht? Da ist es an der Zeit, ernste Verwahrung einzulegen gegen den unerhörten Mißbrauch, der mit dem Namen Lessings getrieben wird. Dieser Name, den wir mit Stolz und mit Ehrfurcht zugleich aussprechen, sollen wir es dulden, daß er einem Theile unserer Nation entfremdet, daß er zum Schiboleth einer Partei gemacht wird? Und mit welchem Rechte dazu gemacht wird?  ‚Sollen Treu und Redlichkeit unter zwei Nationen herrschen, so müssen beide gleichviel dazu beitragen.‘ So rief der zwanzigjährige Lessing den Christen seines Zeitalters zu. Und es sollte seinem Geiste widersprechen, wenn den Juden von heute dieselben Worte mahnend ins Gedächtniß zurückgerufen werden? Ich wage zu behaupten, daß diejenigen Männer, welche sich der Nation gegenüber ohne Noth zu Hütern seines Vermächtnisses aufgeworfen haben, dem wahren Sinne eben dieses Vermächtnisses weit weniger nahe kommen als ihre Gegner.“ (Buchholz 1881, S. 233f.)

Kladderadatsch 1881

Einen Rückschluss auf die Schärfe, mit der die gesellschaftliche Debatte um Lessing geführt wird, erlaubt die satirische Auseinandersetzung mit den antisemitischen Angriffen auf Lessing im Kladderadatsch.

Der Lessing wie er dereinst in einer christlich-social-agrarischen Literaturgeschichte dargestellt werden wird.

Wann und wo der Lessing eigentlich geboren wurde, ist, soviel wir wissen, niemals genau ermittelt worden. In der That verlohnt es sich aber auch nicht, deswegen Nachforschungen anzustellen; denn daß er ein Jude war, geht aus dem Charakter seiner verschiedenen Brandschriften mit unzweifelhafter Evidenz hervor. Sein Vorname Ephraim deutet ganz fraglos auf die Provinz Posen hin; er wird also wohl in Meseritz oder Tirschtiegel als Sohn eines Wucherers das Licht der Welt erblickt haben.

Von dort ist er dann nach Berlin gekommen und hat sich, nachdem er im Hasenfellhandel große Geldsummen ‚erworben hatte, der ‚schönen Literatur‘ (sic!) zugewandt. Seine literarische Laufbahn begann er, was sehr bezeichnend ist, als Mitarbeiter der damals schon weitberüchtigten Vossischen Zeitung, für welche er aufreizende Leitartikel und ohne Zweifel auch Reclamen für Erfinder von Malzfabrikaten und Haarwuchsbeförderungsölen verfaßte. […]

Seine Lebensweise war eine sehr unordentliche. Rheinwein, den der gutmütige Gleim ihm zuschickte, trank er ankerweise, und dem Kartenspiel war er überaus ergeben. Daß er stets falsche Würfel bei sich führte, läßt sich zwar nicht nachweisen, ist aber in hohem Grade wahrscheinlich. […]

Das Nonplusultra aller Lessing’schen Mauschelstücke ist aber doch ‚Nathan der Weise‘ (?), ein Stück, welches den Meisten unserer Leser jetzt wohl kaum noch, wär’s auch dem Namen nach, bekannt sein dürfte. Wir wollen vom Inhalt dieser unsaubern jüdischen Posse nur so viel verrathen, daß es sich darin um nachgemachte Ringe handelt. Wahrscheinlich stand Lessing zur Zeit, als er den ‚Nathan‘ zusammenschmierte, in Beziehung zu einer Talmigoldwaarenhandlung.

Die sonstigen Werke Lessings sind wo möglich noch schwächer als seine dramatischen Sudeleien. Darunter ist eine Schrift über Laokoon. Wer war – so fragen wir uns verwundert – wer war Laokoon? Darauf wird ebenso wenig Einer unserer Leser uns Antwort geben können, als wir selbst diese schwierige Frage zu beantworten wissen. Vermutlich aber gab es damals in Hamburg ein Bankhaus ‚Laokoon und Söhne‘, an das Lessing sich heranzuschlängeln suchte, um einen Raubgewinn bei demselben zu realisiren. […]

Zweimal Lessing-Feier am 15. Februar 1881 in Berlin

Lessingfeier Norddeutsche Zeitung vom 15.02.1881 S. 4

Am 15. Februar 1881 findet sich in der Norddeutschen Zeitung ein Reklamegedicht zur Lessing-Feier. Dazu folgende Hintergrundinformation:

Auf der Leipziger Straße 110 befindet sich eines der bekanntesten Berliner Kaufhäuser für Textilien. Bekannt ist es insbesondere dadurch, daß die Gattin des Inhabers regelmäßig Reklamegedichte in Berliner Mundart verfaßt, die in den Zeitungen erscheinen, an Litfaßsäulen (einer Berliner Erfindung!) angeschlagen und sogar in eigenen Gedichtbänden herausgebracht werden. Immer wieder werden in den Gedichten aktuelle Ereignisse aufgegriffen, um in einem Hinweis auf die neuesten Angebote zu endigen.“ Freisinnige Zeitung 1881- Der Blog des Eugen-Richter-Instituts

In einem Brief vom 4. Mai 1897 an den Schriftsteller und Publizisten Fritz Mauthner erwähnt Fontane, dass er diese an  Litfaßsäulen veröffentlichten Reklamegedichte las. Er schreibt: Mein treues Studium der ‚Goldenen Hundertzehn‘ dieser meiner (jetzt wenigstens) bevorzugten Literaturquelle, hat sich gestern Abend an einer zugigen Ecke, wo ich Dr. Alfred Friedmann traf, ganz besonders belohnt. (Fontane-Blätter 1985/H. 1, S. 19

Am 16. Februar 1881 berichtet die Norddeutsche Zeitung, dass das Königliche Schauspielhaus den hundertjährigen Todestag Lessings durch eine Aufführung seiner Emilia Galotti in Anwesenheit des Kaiser und der Kaiserin sowie der kronprinzlichen Herrschaften gefeiert habe. Die Auswahl dieses Stückes ist nicht ohne Bedeutung, denn folgt man der Auffassung des Publizisten Fritz Mauthner, dann ist eine „Lessingfeier zu veranstalten und den Nathan nicht aufzuführen, […] beinahe eine Demonstration.“ (Mauthner 1881, S. 2)

Von Altardecken und Zimmergymnastik

Der Roman beginnt mit einer Beschreibung des „schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familien von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen“. „Frau und Tochter des Hauses“ sitzen im schattigen Fliesengang und arbeiten an einem aus „Einzelquadraten zusammengesetzten Altarteppich“. Für zeitgenössische Leser ist damit klar. Das Herrenhaus in Hohen-Cremmen ist schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts im Besitz der Familie. Als Grundherren waren die von Briest für die Kirche in ihrem Gebiet verantwortlich. Wenn die Frau des Hauses an einer Altardecke arbeitet, erfüllt sie damit eine Erwartung, die man an eine Kirchenpatronin stellt.

Altardecke

Teil der Altardecke Der Bazar Nr. 1_1885 S. 3
Teil der Bordüre einer Altardecke: Platt-, Stielstich-Stickerei und Holbein-Technik. Der Bazar 1885

Einerseits beteiligt sich Effi als Tochter an dieser durch Recht und Tradition festgelegten Aufgabe, andererseits zeigt sich in ihrem Verhalten der Einfluss des Zeitgeistes. Während sich die Mutter auf die Arbeit konzentriert, steht Effi von Zeit zu Zeit auf, „um unter allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen.“

Aufschlussreich ist hier das Verhalten der Mutter, die immer nur flüchtig und verstohlen aufsah, „weil sie nicht zeigen wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war.“ Dies spricht für Liberalität bzw. Aufgeschlossenheit im Hause Briest. Blickt man auf die Diskussion über Gymnastik für Mädchen, wie sie in der Zeit, in der der Roman spielt, geführt wurde, dann scheint eine Mutter wie Frau von Briest mit ihrer Bemerkung, „Effi, eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen“, eher eine Ausnahme zu sein.

Zimmergymnastik.png Angerstein Eckler Titelseite 1890

Heil- und Zimmergymnastik wurde schon länger und mit hoher Resonanz propagiert. (im Buch 2. Aufl. dazu S. 240 – 245) Dafür spricht, dass die von Daniel Gottlieb Moritz Schreber 1855 zum ersten Mal veröffentlichte Anleitung „Aerztliche Zimmergymnastik“ 1890 bereits in 24. Auflage gedruckt wurde. Seine Überlegungen und Anleitungen zur Gymnastik ordnen sich ein in lebensreformerische Bestrebungen, mit denen die schädlichen Auswirkungen der Industrialisierung und Urbanisierung bekämpft werden sollten.

Schreber wendete sich mit seiner Anleitung zwar an „beiderlei Geschlechter und jedes Alter“, aber noch in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts besteht offensichtlich die Notwendigkeit, für Gymnastik und Bewegungsübungen für Mädchen und Frauen besonders zu werben.

Angerstein Eckler 1890 Rumpfbeugen vorwärts S. 20.png Angerstein Eckler 1890 Rumpfbeugen rückwärts S. 20 Angerstein Eckler 1890 Rumpfbeugen seitwärts S. 20

„Sollen denn auch Jungfrauen turnen?“ – „Lasset sie turnen! Turnen macht schön!“

Dieses rhetorische Frage-Antwort-Spiel steht am Ende der Rezension einer Anleitung zur „Haus-Gymnastik für Mädchen und Frauen“, die 1888 in der illustrierten Damenzeitung „Der Bazar“ erschien. Mit dem Hinweis auf die vielen Einschränkungen, denen Mädchen unterworfen sind, begründen die beiden Autoren der besprochenen Veröffentlichung, die Notwendigkeit sich besonders für die Gymnastik von Mädchen einzusetzen.

„Schon den jüngeren Mädchen ist es, zumal in den besseren Ständen, aus sogenannten Anstandsrücksichten untersagt, in fröhlichem Spiele zu jauchzen, zu laufen, zu springen, sich lebhaft zu drehen und zu schwenken. Und auch das Schulturnen, welches als Ersatz für solche Einschränkungen gerade den Mädchen in ausgedehntem Maße geboten werden sollte, ist viel weniger allgemein eingeführt und benutzt als bei den Knaben. Jungfrauen und Frauen aber haben fast gar keine Gelegenheit, den Körper angemessen zu üben. Ihre Spaziergänge sind kurz bemessen, die Bewegungen durch Sitte und Kleidung eingeengt, […].“ (Angerstein/Eckler 1890, S. 2)

Dementsprechend wird für die Gymnastik und körperliche Bewegung vor allem mit medizinischen Argumenten geworben.

„Für die Gesundheit des weiblichen Geschlechtes sind regelmäßig betriebene Leibesübungen von größter Wichtigkeit. Die so häufige Blutarmut und Bleichsucht und damit im Zusammenhang stehenden weiblichen Leiden, krankhafte nervöse Affektionen, Hysterie u. dergl. würden viel seltener werden, wenn die Gymnastik beim weiblichen Geschlecht mehr in Aufnahme käme. Eine angenehme Frische der äußeren Erscheinung, sichere, gerade Haltung, Anmut und Gewandtheit der Bewegung würden ein allgemeineres Gut der Mädchen und Frauen sein.“ (Angerstein/Eckler 1890, S. III)

Wie wichtig es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung immer noch ist, Vorbehalte gegen Leibesübungen von Mädchen zu entkräften, sieht man daran, dass die Autoren der „Haus-Gymnastik für Mädchen und Frauen“ ausführlich aus einem Gutachten der „Berliner medizinische Gesellschaft“ und aus einem „Ärztlichen Gutachten über das höhere Töchterschulwesen Elsaß-Lothringens“ ztieren. (Angerstein/Eckels 1890 S. 4 f.)

Der Rezensent Adolf Hermann, ein in der Turnerbewegung aktiver Braunschweiger Lehrer, unterstreicht den Wert der besprochenen Veröffentlichung durch den Hinweis auf eigene Erfahrungen, beispielsweise „in den weitbekannten Erziehungsanstalten für das weibliche Geschlecht im Schlosse zu Wolfenbüttel, wo von der Vorsteherin, Fräulein Vorwerk, die Einrichtung getroffen ist, daß die im Internate wohnenden Seminaristinnen täglich eine halbe Stunde systematische Turnübungen betreiben können.“ (Hermann 1888, S. 56)

Dabei ist aber nicht zu übersehen, dass die Förderung von Gesundheit, Anmut und Schönheit der Mädchen einem „höheren Zweck“ dient. Diese Ziele stehen nicht zuletzt im Dienste der Nation.

„Die Gesundheit kommender Geschlechter, die Zukunft eines Volkes hängt zum großen Teil von der Erziehung der Mädchen ab; denn die Mädchen sollen dereinst Gattinnen und Mütter werden, und als solchen liegen ihnen für die Heranbildung eines neuen Geschlechtes Pflichten ob, welche sie voll und ganz nur erfüllen können, wenn sie selbst gesund an Leib und Seele sind. (Angerstein/Eckler 1890, S.1)

Abbildungen

Vermischte Nachrichten – Amts-Blatt der Königlichen Regierung zu Potsdam Jahrgang 1845, S. 40

Teil der Bordüre einer Altardecke – Der Bazar. Illustrirte Damenzeitung  Nr. 1/1885, S. 3

Rumpfbeugen – Angerstein/Eckler [1890], S. 20

Literatur

Angerstein, E.; Eckler, G. [1890]: Haus-Gymnastik für Mädchen und Frauen. Eine Anleitung zu körperlichen Übungen für Gesund und Kranke des weiblichen Geschlechtes. Berlin: Hermann Paetel

Schreber, Daniel Gottlieb Moritz [1855]: Aerztliche Gymnastik oder System der ohne Geräth und Beistand überall ausführbaren heilgymnastischen Freiübungen als Mittel der Gesundheit und Lebenstüchtigkeit für beide Geschlechter, jedes Alter und alle Gebrauchszwecke. Leipzig: Friedrich Fleischer

Hermann, August [1888]: Gymnastik für Mädchen und Frauen. In: Der Bazar Nr. 48/1888, S. 526

Verregelte Kommunikation

An verschiedenen Stellen des Romans werden die starren Regeln und Normen deutlich, denen die Kommunikation in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts unterworfen ist. (Im Buch 2. Aufl. dazu: Vom guten Ton im schriftlichen Verkehr …“ auf den Seiten 72 – 89.) Wie sehr durch diese Konventionen die Kommunikation „verregelt“ wird, ist auch den Zeitgenossen bewusst.

Visitenkartenschale_Lützow 1875 S. 436

Amerikanische Visiten- und Einladungskarten

Daß die Mode, indem sie den Anspruch erhebt, die Gesamtform des sozialen Lebens unter ihren Vorschriften zu beugen, auch dem Verkehr der guten Gesellschaft in Besuchen und Gegenbesuchen, Einladungen und Familien-Anzeigen geltende Regelns aufzuerlegen sucht, ist bekannt. Sie normiert nicht blos die Besuchszeit, die Besuchstoilette, die Besuchsdauer, die Besuchserwiderung, – sie stellt auch über die Vorläufer des Besuches, die Visitenkarten gültige Bestimmungen auf, setzt die Größenverhältnisse der Karte, die Beschaffenheit ihres Materials, die Farbe , den Glanz oder Nicht-Glanz, die Schriftform, den Schriftsatz, das Mehr oder Minder im Namen und Titel fest und verfügt, ob eine und welche Ecke eingebogen werden dürfe, ob die Adresse anzugeben sei oder nicht, – ja sie schreibt sogar vor, wem die Führung von Visitenkarten zustehe, wem sie versagt werden müsse.

Aus: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift  Nr. 17/1885, S. 180

Visitenkarte

Das p. r. v. bedeutet pur rendre visite, einen Besuch abzustatten; p. f. = pour féliciter, Glück zu wünschen; p. p. c. = pour prendre congé, Abschied zu nehmen; p. c. = pour condoler, Beileid zu bezeugen. Je nach dem Zwecke des Besuches bog man die betreffende Ecke aufwärts nach der Vorderseite der Karte hin, wo der Name steht, und der Empfänger wußte damit, welchen Zweck der Besuch hatte. (Ebhardt 1880, S. 337)

Für die Bedeutung, die den Visitenkarten im gesellschaftlichen Verkehr zukommt, spricht, dass in den Romanen Fontanes Visitenkartenschalen bei der Beschreibung der Wohnungseinrichtung erwähnt werden, wenn es um den Nachweis gesellschaftlicher Respektabilität geht. Dies gilt für die Poggenpuhls, die um den Erhalt iher gesellschaftlichen Position kämpfen müssen. Bei ihnen befindet sich in der guten Stube eine „flache Glasschale […], drin im Sommer Aurikeln und ein Vergißmeinnichtkranz, im Winter Visitenkarten zu liegen pflegten.“ (Kap. 1)

Für Mathilde Möhring und ihre Tochter ist der Nachweis bürgerlicher Respektabilität wichtig, um die Vermietung eines Zimmers in ihrer Wohnung zu erleichtern.

Alles dürftig, aber sehr sauber. Und nun öffnete Frau Möhring die Tür, die rechts nach dem zu vermietenden Zimmer führte. Hierher hatten sich alle Anstrengungen konzentriert: ein etwas eingesessenes Sofa mit rotem Plüschüberzug und ohne Antimakassar, Visitenkartenschale, […].“ (Kap. 2)

Wie eine Episode in Fontanes Roman Quitt zeigt, gilt eine korrekt gestaltete Visitenkarte als Ausweis für gute Erziehung und gutes Benehmen. Im Roman wird ein verlorengegangenes Plaid zusammen mit „einer großen goldgeränderten Karte“ abgegeben:

Dr. Sophus Unverdorben

Kammergerichtsassessor und Lieutenant der Reserve

Im 2. Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Franz

Berlin W Lützow-Ufer 7a

Der Berliner Rechnungsrat Espe betrachtete mit einem „sozusagen auf staatlicher Grundlage ruhenden Wohlgefühl“ die „korrekt abgefaßte Karte“: „‘Seht, Kinder, so muß dergleichen aussehen‘, waren seine mehr als einmal wiederholten Worte, [… ].“ (Kap. 16)

In Fontanes Roman Der Stechlin wird über den „Musikdoktor“ Niels Wrschowitz erzählt, er sei nur „aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden, […] um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden“ (Kap. 13) Die Bedeutung dieser Bemerkung erschließt sich erst vollständig, wenn man die Hinweise zur Gestaltung einer Visitenkarte im „Guten Ton in allen Lebenslagen“ zur Interpretation heranzieht.

Die Visitenkarte, jetzt modern in großem Format und aus starkem, glanzlosem weißen Papier mit deutlicher Schrift gedruckt, werden je nach dem Zweck und nach Person verschieden gewählt. Offiziere und Beamte, sowie alle Herren, welche einen Rang bekleiden, setzen außer ihrem Familiennamen, dem der Vorname selten vorausgeht, mit kleiner Schrift Rang und Stand, sowie in großen Städten rechts unten die Adresse der Wohnung. […] Herren von solchen Lebensstellungen machen den größten Teil ihrer Besuche in Kreisen, in denen der Rang eine große Rolle spielt und in welchen ihnen eben durch ihren Rang ein bestimmter Platz zugewiesen ist. In solchen Fällen ist es viel gleichgültiger, ob der Hauptmann, welcher der Frau Generalin seine Aufwartung macht, Theodor oder Karl Frank heißt, als ob der fragliche Theodor Frank Hauptmann oder Leutnant ist.“ (Ebhardt 1889, S. 30)

Abb. Lützow, Carl von [1875]: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung 1873. Leipzig: E. A. Seemann, S. 436

Literatur

Ebhardt, Franz [1880]: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Berlin: Franz Ebhardt

Ebhardt, Franz [1889]: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Berlin: Franz Ebhardt

Die Klavierseuche und das neue Medium „Hammerklavier“

Manches Klavier mit seinen weißen Tasten ist ein Denkmal der Rache, die der kluge Elephant für seine ausgerissenen Zähne am Menschengeschlechte nimmt. (Sirius 1892, S. 164)

Effi hat gelernt Klavier zu spielen, denn Klavierspielen trug zum „kulturellen Kapital“ der Töchter aus gutem Hause bei. Durch das Vorspielen vor Gästen leisteten die jungen Frauen einen Beitrag zur Verschönerung des Zusammenlebens und zum gesellschaftlichen Ansehen der Familie – und lenkten dabei das Interesse potenzieller Ehemänner auf ihre Person. Kritiker sprachen von einer  Clavier- oder Musikseuche. (Zu diesen Kontroversen im Buch 2. Aufl. auf den Seiten 180 – 187.)

Kalvierseuche Fliegende Blätter 1888 Nr 2260 S_183

Die Belästigung durch lautes und unüberhörbares Klavierspielen in Mietshäusern bot Stoff für die satirischen Zeitschriften. Eine Anspielung hierauf findet sich in der Auseinandersetzung des Ehepaars Instetten über einen möglichen Wohnungswechsel in Kessin. Effi möchte aus dem ihr unheimlichen Haus ausziehen und argumentiert gegenüber ihrem Mann, dass man in Berlin aus nichtigeren Gründen die Wohnung wechsele.

Ich habe, wenn wir Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft gehört, daß in Berlin Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben oder wegen einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeit willen geschieht …“ (Kap. 10)

Diese hier von Effi angedeutete Gleichstellung der Belästigung durch Klavierspielen und „Schwaben“ – also Kakerlaken –  mag heute befremdlich wirken, erforderte für die zeitgenössische Leserschaft des Romans, zumal wenn sie in Mietwohnungen lebten, keine weitere Erklärung.  In dieser kulturkritisch aufgeladenen Diskussion über das Hammerklavier bzw. des Pianoforte ginge es aber nicht nur um die Lärmbelästigung. Wenn man so will, stand mit dem „Hammerklavier“ ein neues Medium zur Diskussion – und wie immer in ging es in solchen Diskussionen auch um kulturelle Verluste und befürchteten Niveauverlust, Fragen der Bildungsrelevanz und, wie nicht anders zu erwarten, um potenzielle gesundheitliche Gefahren.

Kündigung Klavier Flieg Bl Nr_2678_1896 S_203

Vierhändig Klavierspielen Flieg Bl Nr. 2329_1888 S. 144

Herstellung des neuen Mediums „Hammerklavier“

Den „endgültigen Sieg des Hammerklaviers“, also den Beginn seiner Karriere als neues Medium, führt der Soziologie Max Weber in einer 1921 erschienene Abhandlung auf „die maschinelle Großproduktion des Instruments“ zurück.

„Die großen Meister der modernen Klaviermusik, Johann Sebastian und Philipp Emanuel Bach, standen dem Hammerklavier noch neutral gegenüber, und speziell der erstere hat einen bedeutenden Teil seiner besten Werke für die tonlich schwächeren, aber intimeren und auf feinere Ohren berechneten älteren Instrumententypen: Clavichord und Cembalo geschrieben. Erst das internationale Virtuosentum Mozarts und das steigende Bedürfnis der Musikalienverleger und Konzertunternehmer, der großen Musikkonsumtion nach Markt- und Massenwirkungen brachten den endgültigen Sieg des Hammerklaviers. […] Zuerst in England (Broadwood), dann aber in Amerika (Steinway), wo das vorzügliche Eisen der Konstruktion der eisernen Rahmen zugute kam und die nicht geringen klimatischen Schwierigkeiten einer Einbürgerung der Klaviers – die ja auch seiner Verwendung in den Tropen entgegenstehen – überwinden helfen mußte, bemächtigte sich die maschinelle Großproduktion des Instruments. Anfang des 19. Jahrhunderts war es reguläres Handelsobjekt geworden und wurde auf Vorrat hergestellt. Der wilde Konkurrenzkampf der Fabriken und Virtuosen mit den spezifisch modernen Mittel der Presse, Ausstellungen, schließlich, nach Analogie etwa der Absatztechnik der Brauereien, Schaffung eigener Konzertsäle seitens der Instrumentenfabriken (bei uns namentlich der Berliner) haben jene technische Vollkommenheit der Instrumente zuwege gebracht, welche allein den stets steigenden Ansprüchen der Komponisten genügen konnte.“ (Weber 1972, S. 76)

Piano Werbung IZ Nr_1789 1877 S_297

Zugang zum neuen Medium „Hammerklavier“

Zum neuen Medium konnten die Hammerklaviere werden, weil durch die „maschinelle Großproduktion“ der Kauf von Klavieren für neue Bevölkerungsgruppen möglich wurde. Wobei die Erfüllung bildungsbürgerlicher Ambitionen auch durch das Mieten von Klavieren erleichtert wurde.

„In den sogenannten höhern oder gebildeten Kreisen galt Musik längst als unerlässlicher Theil der Bildung; jede Familie fordert ihn, wo möglich für alle Angehörigen, ohne sonderliche Rücksicht auf Talent und Lust, in gar vielen beschränkt sich, wenigstens für die weibliche Jugend, die ganze freiere Bildung, sogar die gesellige Unterhaltung nur auf Musik, neben der etwa noch ein Paar neuere Sprachen und eine höchst ängstliche und prüde gesichtete und beschränkte Lektüre Raum findet. […] Was im Kreise der günstiger gestellten ‚Gesellschaft‘ so begonnen, dem eifert, schon vom Beispiel von Unkunde von falschem Ehrgeiz bezwungen, unerschrocken und unberechnend die Menge nach; bis in die Kreise des Kleinhandels und Gewerks hinein wird der endlos drängenden Arbeitsnoth Zeit, dem knappen Erwerbe Geld abgelistet und abgerungen, um wenigstens für die Töchter Klavier Noten Lehrer Musikbildung zu erbeuten, vor allem in der Hoffnung damit zu den ‚Gebildeten‘ zu zählen.“ (Marx 1873, S. 88)

Zum neuen Medium konnte das Hammerklavier auch werden, weil das „ohnehin schon mechanische Klavier“ (Marx 1873, S. 282) im Vergleich zu anderen Musikinstrumenten für Anfänger leichter zu erlernen und bei Dilettanten eher zu irgendwie passablen Ergebnissen führte.

„Das Klavier […] liefert dem Spieler unabänderlich gestimmte Saiten, die durch die rechte Taste unfehlbar den verlangten Ton geben, erfordert also in Bezug auf Tonverhältnisse zunächst nur äusserliche Aufmerksamkeit auf den Mechanismus der Tastenbenutzung. Das Gehör kann aus dem Spiele bleiben, – und wie oft es vom Schüler und Lehrer aus dem Spiel gelassen wird, kann man nur zu häufig beobachten. Musik aber ohne Tonsinn ist leeres Handtiren mit fremdbleibenden Dingen.“ (Marx 1873, S. 223)

Ästhetische  Bewertung des neuen Mediums „Hammerklavier“

Durch die „kapitalistisch gewordenen Instrumentenproduktion“ wurde das Clavichord vom Hammerklavier abgelöst. Für Max Weber war mit der Dominanz des neuen Mediums Hammerklavier ein ästhetischer Verlust verbunden.. Mit Blick auf das Clavichord schreibt er: „Seine rasch verhallenden Töne regten zur Figuration an, und so war es vornehmlich ein Instrument für eigentliche Kunstmusik. Die eigenartigen Klangeffekte des durch Tangenten, welche den tönenden Teil der Saiten zugleich abgrenzten und zum Schweigen brachten, angeschlagenen Instruments auf der Höhe seiner Vollendung,  namentlich die charakteristischen ausdrucksvollen ‚Bebungen‘ der Töne haben es der Konkurrenz des Hammerklaviers erst dann zum Opfer fallen lassen, als nicht mehr die Nachfrage einer dünnen Schicht von Musikern und feinhörigen Dilettanten, sondern die Marktbedingen der kapitalistisch gewordenen Instrumentenproduktion über das Schicksal der Musikinstrumente entschieden.“ (Weber 1921, S. 90)

Andere Stimmen sahen im Hammerklavier dagegen einen Sieg des „selbständigen Virtuoseninstrument“.

„Ein jeder Vortrag moderner Klavierstücke überzeugt von der unendlichen Schattierungsfähigkeit, die der Ton des Hammerklaviers, ohne bei der Mechanik der Orgel Anleihen zu nehmen, besitzt. Ein jeder Blick in die inneren Geheimnisse des Klaviers enthüllt uns die Wunder von Vollendung, zu denen sich die Hammertechnik mit ihrer ‚Auflösung‘ und ‚Dämpfung‘ entwickelt hat. Denn wir sahen, daß die Geschichte des Klaviers nicht in einem konstanten Fortschritt besteht, sondern in stets erneuerten Versuchen, die bequeme Tastatur auf verschiedene, bereits vorhandene Saitenwerke anzuwenden. Der letzte dieser Versuche glückte derart, daß er schnell die Formen des Klavichords und Klavicymbels aus dem Felde schlug, das Klavier völlig von der Einwirkung der Orgel befreite und zu demjenigen emporhob, durch welches unsere ganze große schöne Klavierliteratur und ihr heilsamer Einfluß auf die Verbreitung musikalischen Sinnes erst möglich wurde.“ (Bie 1894, S. 618)

Pädagogische Einwände gegen (die Überbewertung) des  Klavierspielens

„Von allen Künsten die gefeierste, weil sie eine Sprache spricht, die allen Menschen verständlich, ist die Musik. Und von allen Musikinstrumenten das beliebteste, das populärste und das am meisten mißhandelte ist das Klavier. Klavierspielen zu können betrachtet man heutzutage nahezu als eine Bedingung, um Anspruch darauf machen zu dürfen, für einen gebildeten Menschen zu gelten. Namentlich das weibliche Geschlecht in den höheren und mittleren Ständen schmachtet unter diesem Banne. Es giebt heute wenig Familien in diesen Gesellschaftskreisen, wo die Töchter nicht einander am Flügel ablösen, wie die Soldaten am Wachtposten, nur mit dem Unterschied, daß die letzteren keinen Lärm machen. […]

Die Musikseuche ist schuld daran, daß das Klavier nachgerade zu einem gemeingefährlichen Instrument geworden ist. Wer in einer größeren Straße wohnt, wird die Erfahrung gemacht haben, daß es durchaus nichts Seltenes ist, wenn man gleichzeitig unter sich, über sich, nebenan und zuweilen auch noch über die Gasse herüber Klavierspielen hört. […] Und es ist meine feste Überzeugung, daß die von den Aerzten konstatierte Ueberhandnahme von Nervenkrankheiten zum guten Teil in der gefährlichen Ausbreitung der Klavierepidemie ihre Ursache hat.

Nun ist es aber eine durchaus falsche Anschauung, zu glauben, daß das ‚Musikalisch-Sein‘ ein notwendiges Ingredienz wahrer Bildung sei. Denn einerseits kann man ein höchst gebildeter Mensch ein, ohne die geringste musikalische Ader zu besitzen, und andererseits kann man tiefes musikalisches Verständnis und Empfinden besitzen, ohne in eigener Person durch mehr oder minder dilettantische Musikmacherei dem lieben Nächsten das Leben zu vergällen.“  (Troll-Borostyàni 1894, S. 197)

Klavierspielen Wände haben Ohren Fligende Blätter 1890 Nr 2296 S_29

Die medizinische Warnung vor dem neuen Medium „Hammerklavier“

„Klavierspiel. Man nennt es auch eine ‚moderne Seuche‘, da es in alle Schichten der Lieber Singen als KlavierspielenBevölkerung eingedrungen ist, und da es leider von Unbegabten ebenso gepflegt wird, wie von Begabten. Nervöse Personen werden durch übermäßige Ausübung derselben noch reizbarer, als sie schon sind; es ist daher nur mit Vorsicht zu üben und schwachen Mädchen mit erregtem Herzen, Blutarmut und Neigung zu starken Menstruationen ganz zu verbieten. Anders verhält es sich mit dem Singen. Mäßig betrieben kräftigt es den Organismus und leitet das Blut vom Becken ab. Man lasse also schwächliche Mädchen eher Gesangsunterricht nehmen, als Klavierspiel beginnen.“ (Fischer-Dückelmann 1911, S. 699f)

Abbildungen

Abb. Zur Klavierseuche. In: Fliegende Blätter Nr. 2260/1888, S.183

Abb. Verschnappt. In: Fliegende Blätter Nr. 2678/1896, S. 203

Abb. Einfachste Abhilfe. In: Fliegende Blätter Nr. 2329/1888, S. 144

Abb. Pianowerbung. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1789/1877, S. 297

Abb. Verblümt. In: Fliegende Blätter Nr. 2296/1890,  S. 29

Literatur

Bie, O. Die Geschichte des Klaviers. In: Daheim Nr. 38/1894, S. 615 – 618

Fischer-Dückelmann, Anna [1911]: Die Frau als Hausärztin. Ein ärztliches Nachschlagebuch der Gesundheitspflege und Heilkunde in der Familie. Stuttgart: Süddeutsches Verlags-Institut

Marx, Adolf Bernhard [1873]: Die Musik des neunzehnten Jahrhunderts und ihre Pflege. Methode der Musik. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 2. unveränderte Auflage

Sirius [1892]: Klavier Tasten Elefant. In: Fliegende Blätter Nr. 2466/1892, S. 164

Troll-Borostyàni, Irma [1894]: Wert und Gefahren der modernen Bildung. In: Der Bazar Nr. 18/1894, S. 197 f.

Weber, Max [1921]: Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik. München: Drei Masken Verlag

 

 

Telegrafieren in Hinterpommern

Heute werden Telegramme von der Post nur noch als Unvergessliche Nachricht für den besonderen Anlass beworben, da Telegramme durch schnellere und direktere Kommunikationsmöglichkeiten abgelöst wurden. In der Zeit, in der die Handlung von Effi Briest anzusiedeln ist, ist der Austausch von Telegrammen auch für Privatleute schon seit längerem möglich. Da auch die Telegrafeneinrichtungen der Eisenbahnen von Privatleuten genutzt werden können, steht ein gut ausgebautes Telegrafennetz zur Verfügung. (im Buch 2. Auflage „Die Telegrafie als ‚Wohlthat der Staatseinrichtung‚“ auf den Seiten 232 ff.)

Stenographische BerichteIn der Beratung über den Haushalt der Reichspost- und Telegraphenverwaltung im Januar 1896 verweist Heinrich von Stephan, Staatssekretär des Reichspostamts, darauf, dass sich seit 1870 die Zahl der aufgegebenen Telegramme im Deutschen Reich von 7 Millionen auf 33 Millionen erhöht habe. Seit der Übernahme des Amtes im Jahre 1875 habe er von Anfang seine „Aufmerksamkeit darauf gerichtet, dieses Institut zu popularisiren, es volksthümlich zu machen. Damals war es wesentlich in den Händen der ersten Gewerbetreibenden, der kräftigsten Kapitalisten, der Börse, der großen Handelsfirmen, der Seehäfen und dergleichen.“

Die Nutzung der Telegrafie habe sich seit dieser Zeit tatsächlich geändert, wie eine von ihm in Auftrag gegebene Statistik zeige:

„Es hat sich nach dieser Statistik gezeigt, daß nur 34 Prozent  dieser Art [Börsenhandel, Arbitragegeschäft u.s.w.] waren. 10 Prozent kommen auf Staatsdepeschen, Zeitungsdepeschen; die übrigen 56 Prozent entfallen auf den Gemüthsverkehr, Familienangelegenheiten u.s.w., den kleinen Geschäftsmann, den Handwerker. Das sich doch äußerst wichtige Zahlen, und ich kann sagen, ich habe eine Genugthuung darüber empfunden, daß es durch die Ermäßigung des Tarifs und die Vervollkommnung des Telegraphen gelungen ist, daß nun auch der kleine Mann immer mehr zu Telegraphiren fortschreitet, und daß die Telegraphie in der That ein volksthümlichen Institut wird.“ (Reichstagsprotokolle 1895/97, 1)

Ostseeküste Kolberg - Danzig

Der Ausbau des Telegrafennetzes steht für die Dynamik der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung und liefert wichtige Hinweise für die Entwicklung der Medien- und Kommunikationskultur in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Dynamik hat in der Zeit, in der der Roman spielt – zumindest mit Bezug auf die Telegrafie – schon längst auch Hinterpommern erreicht. So werden in Effi Briest Telegramme verschickt – von St. Peterburg nach Kessin, von Berlin nach Kessin und zurück sowie von dem märkischen Rittergut der Briests nach Berlin.

Landrat von Instetten wohnt mit seiner Frau Effin Kessin. Manches an der Beschreibung dieses fiktiven Ortes in Hinterpommern erinnert an Swinemünde, der Stadt, in der Fontane einige Jahre seiner Jugend verbracht hat. Dass Kessin nicht Swinemünde ist, ergibt sich schon daraus, dass das Dorf Varzin und das Gut des Reichskanzlers Bismarck über 200 km entfernt lägen, also ein kurzer abendlicher Besuch des Landrats beim Reichskanzler nicht möglich gewesen wäre. Versucht man sich einen Eindruck zu verschaffen, welchen Stand die Telegrafie zu der Zeit, in der die Handlung des Romans angesiedelt ist, erreicht hat, bietet sich jedoch ein Blick auf die Situation Swinemünde und Varzin an.

Swinemünde als  Hafenstadt und Umschlagsplatz für Waren wurde schon früh an das Reichstelegrafennetz angebunden. Schon 1851 wurde eine Verbindung zwischen Swinemünde und Stettin in Betrieb genommen. Eine Verbindung zwischen Stettin und Berlin bestand bereits seit 1849. Seit 1849 hatte die preußische Regierung auf dieser und anderen Linien ihre Telegrafeneinrichtungen für den Privatverkehr freigegeben. (nach Wessel 1983, S. 163, 154 u. 160)

Swinemünde war zudem seit den 1870er Jahren über eine die Eisenbahnverbindung Berlin-Stettin zu erreichen. Auch solange diese Strecke von einem privaten Eisenbahnunternehmen betrieben wurde, galten hier die allgemeinen Bestimmungen für das Signalwesen. Danach mussten alle Haltestellen mit elektromagnetischen Telegraphen ausgestattet sein. Die dadurch gegebenen Kommunikationsmöglichkeiten konnten auch von der Öffentlichkeit genutzt werden. Wie der Telegraphen-Director Julius Ludewig 1872 in seiner Veröffentlichung über Die Telegraphie in staats- und privatrechtlicher Beziehung vom Standpunkt der Praxis und des geltenden Rechtes schreibt, wurden ab 1858 zunächst die Staats- und unter königlicher Verwaltung stehende Eisenbahnen und später die Privateisenbahnen „in Folge ministerieller Verfügung zur Annahme und Beförderung von Privatdepeschen autorisiert„. Dies betraf  auch die Berlin-Stettiner Eisenbahn. (Ludewig 1872, S. 55)In Hammermühle, in nur sechs Kilometer Entfernung von Varzin, befand sich seit 1878 eine Bahnstation und somit eine weitere Zugangsmöglichkeit zum Telegraphennetz.

Bis zur Verstaatlichung der preußischen Privatbahnen im Jahr 1879 befand sich die Hälfte aller Telegraphenstationen in Hand privater Eisenbahnunternehmen.

Einem Beschluß des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen vom Juni 1871 zufolge mußte jede Eisenbahn zur Verbindung der Haltepunkte untereinander mit einem elektromagnetischen Telegraphen ausgerüstet sein; für zweckmäßig erachtete man darüber hinaus auch einen Anschluß der Wärterstationen und für wünschenswert wurde eine Korrespondenzmöglichkeit von der Strecke gehalten.“ (Wessel 1983, S. 315 – Wessel bezieht sich auf Anhang II, S. 13, Pkt. D: Signalwesen, in: Statistik der Preußischen Eisenbahnen für 1870, Bd. XVIII, Berlin 1871)

Reglement über die Benutzung der innerhalb des deutschen Reichs-Telegraphengebiets gelegenen Eisenbahnen zur Beförderung solcher Telegramme, welche nicht den Eisenbahndienst betreffen. Vom 8. März 1876

§ 2 Die Eisenbahn-Telegraphenstationen dürfen Telegramme annehmen:

a) wenn keine Reichstelegraphenanstalt an demselben Ort ist: von jedermann,

b) wenn eine Reichs-Telegraphenanstalt an demselben Ort ist: nur von solchen Personen, die mit den Zügen ankommen, abreisen oder durchreisen.

§ 3 Die telegraphische Korrespondenz ist ohne Rücksicht darauf, ob sie ausschließlich oder nur streckenweise auf Bahntelegraphen ihre Beförderung erhält, den Bestimmungen der jeweiligen Telegraphenordnung für das Deutsche Reich unterworfen. ( Zentralblatt für das Deutsche Reich 1876, S. 156)

„[…] es wird mit der Zeit dahin kommen, daß jedes Dorf im Deutschen Reich seine eigene Post- und womöglich seine eigene Telegraphenanstalt hat, und damit wäre, man kann wirklich sagen, der ideale Zustand herbeigeführt.“ (H. v. Stephan in Reichstagsprotokolle 1895/97, 1)

Eine entscheidende Rolle für den Ausbau des Telegrafennetztes spielte die Einführung des Telefons. Als amerikanische Zeitungen 1877 über das von Graham Bell entwickelte Telefon Postdienstvereinfachung Kladderadatsch Nr_4 1878_grauberichteten, erkannte Heinrich Stephan*, der Generalpostdirektor des Deutschen Reichs, sofort, dass sich mit Hilfe des Telefons die Möglichkeit bot, das Telegrafennetz ohne kostspielige Telegrafenapparate und ohne besonders ausgebildetes Personal zu erweitern.

„Der Herr General-Postmeister […] lässt jetzt eine grössere Anzahl von Telephonen herstellen. Mit denselben werden dem Vernehmen nach zunächst eine Anzahl von kleineren Postorten in der Nähe von Berlin ausgerüstet werden, um zu erproben, inwieweit sich die Telephonie zur directen Uebertragung von Telegrammen ohne Schreibapparat eignet. Die Richtung der bereits angestellten Versuche deutet darauf hin, dass die Reichs-Telegraphen-Verwaltung das neue Instrument zum praktischen Gebrauch in der Nachrichtenübermittlung dienstbar zu machen wissen wird.“ (Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen Nr. 92 vom 23. November 1877, S. 1263

Über telefonische Verbindungen konnten so auch kleinere Orte in das Telegrafenneteingebunden werden. Der Text für Telegramme wurde telefonisch an das nächste Telegrafenamt weitergeleitet bzw. der Text dort eintreffender Telegramme konnte telefonisch an ihren Bestimmungort, in dem es kein Telegrafenamt, aber eine Poststelle mit Telefonanschluss gab, weitergeleitet werden. 1885 heißt es in einem Buch über die „Post und Telegraphie im Weltverkehr“ über diese Entwicklung in Deutschland: „Auf diese Weise ist auch das platte Land bereits der Wohlthat des Anschlusses an das Telegraphennetz in einem Umfang theilhaftig geworden, wie dies in keinem anderen Lande der Fall ist.“ (Veredarius 1894, S. 273)

Bells Telephone IZ Nr_1796_1877 S_445Die Integration des Telefons in den öffentlichen Nachrichtendienst wurde möglich, weil im Deutschen Reich im Unterschied zu den meisten anderen Ländern die Post- und Telegrafendienste als staatliches Monopol betrieben wurden. Staatliche Monopolbetriebe waren freier in ihren Investitionsentscheidungen, da diese nicht ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen wurden. Hierzu ein Zitat aus einem Beitrag in der Zeitschrift Die Gartenlaube: Diese schnelle Einstellung des Telephons, welches seit Jahr und Tag in Amerika nur zu nebensächlichen Zwecken benutzt wurde, in den öffentlichen Dienst ist, worauf wir nicht unterlassen wollen, hinzuweisen, ist charakteristisch für die energische Leitung des deutschen Post- und Telegraphenwesens.“ (Die Gartenlaube, Heft 1877/50, S. 847)

*Heinrich von Stephan wurde 1885 geadelt.

Abbildungen

Karte der Ostseeküste zwischen Kolberg und Danzig um die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

Postdienstvereinfachung. In: Kladderadatsch Nr. 4/1878 Erstes Beiblatt

Bells Telephone. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1796/1877, S. 445

Literatur

Ludewig, Julius [1872]: Die Telegraphie in staats- und privatrechtlicher Beziehung vom Standpunkt der Praxis und des geltenden Rechtes. Zur Orientirung für ausübende Beamte und das den Telegraphen benutzende Publikum. Leipzig: Wilhelm Baensch Verlagshandlung

Reichstagsprotokolle 1895/97, 1 – http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k9_bsb00002756_00428.html

Veredarius, O. [1885]: Das Buch von der Weltpost, Entwickelung und Wirken der Post und Telegraphie im Weltverkehr.  Berlin: J. Meidinger

Wessel, Horst A. [1983]: Die Entwicklung des elektrischen Nachrichtenwesens in Deutschland und die rheinische Industrie. Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag

 

 

 

 

Kommunikationsverdichtung durch Familienzeitschriften

In einer Rezension des 10 Jahre vor Effi Briest erschienenen Romans Cécile heißt es, Fontane empfände „den geheimen Reiz, sich auf einem Boden“ zu bewegen, welcher ihm, wie der Mehrzahl seiner Leser, völlig vertraut ist“. (Die Grenzboten Bd. 46/1887, S. 130) Dies trifft im gleichen Maße für Effi Briest zu. Fontane arbeitet mit Hinweisen und Anspielungen auf Themen, die einem größeren Publikum aus Zeitungen und Zeitschriften vertraut sind. (Im Buch2. Aufl. „Der Roman als medialer Echoraum“ auf den Seiten 12 – 17.)

Möglich wird dieses literarische Spiel mit populären Wissensbeständen vor allem durch die vielen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Markt kommenden Wochen- und Monatszeitschriften und ihren Erfolg beim Publikum. Die Gartenlaube, wohl das bekannteste dieser „illustrirten Familienblätter“, zählte 1874 mit einer Auflage von 380.000 Exemplaren zu den auflagenstärksten Zeitschriften in Europa (Wuttke 1875, S. 82).

Die hohen Herstellungskosten der illustrierten Zeitschriften erforderten zusätzliche Einnahmen durch den Verkauf von „Anzeigenraum“. Je mehr Anzeigen eine Zeitschrift druckte, desto billiger konnte ihr Verkaufspreis werden. Damit stieg die Attraktivität für die Käufer und damit die Auflage. Höhere Verkaufszahlen machten wiederum die Blätter für Anzeigen attraktiv.

Für ein nach französischen und englischen Vorbildern entwickeltes Geschäftsmodell Zeitungskatalog Mossesteht die 1867 von Rudolf Mosse gegründete Annoncen-Expedition. Als Anzeigen-Expedition bezeichnete man in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Agenturen, die in eigenem Namen und auf eigene Rechnung Anzeigenaufträge von Werbetreibenden an die Medienträger weitergaben.

Begonnen hatte der gelernte Buchhändler Mosse mit dem Einwerben von Anzeigen für die auflagenstarke Familienzeitschrift Die Gartenlaube im deutschsprachigen Raum. Er baute seine Annoncen-Expedition zu einem Werbung für Frauenzeitschriftauch nach heutigen Vorstellungen  ausgesprochen modern  Unternehmen aus.

Großen Anteil an seinen geschäftlichen Erfolgen hatte dabei die jährliche Veröffentlichung eines Zeitung-Katalogs. Über diesen Katalog wurden deutschsprachige Zeitungen und Fachzeitschriften aus Deutschland, Österreich-Ungarn, der Schweiz und dem Ausland erfasst. Die Zeitungen wurden in einem alphabetischen Ortsregister mit Angaben zur Einwohnerzahl und politischen Tendenz der Zeitung (regierungsfreundlich, nationalliberal, sozialdemokratisch usw.) aufgeführt. Die Fachzeitschriften wurden alphabetisch nach Sachgebieten/Adressatengruppen sortiert. Im Anzeigenteil des Zeitungs-Katalogs konnten die Zeitungen und Zeitschriften selbst um Anzeigenkunden werden.

Rudolf Mosse Annoncen-Expedition kümmerte sich nicht nur um das Einwerben von Anzeigen, sondern bot darüber hinaus seinen Anzeigenkunden mit der Beratung bei der Auswahl des Werbeträgers und der Gestaltung der Inserate einen „Rundum-Service“ im Stile heutiger Werbeagenturen an.

Kladderadatsch Nr. 5_1885 S. 55

Alle Annoncen Beiblatt Flieg Bl Nr. 1985_1883.png

Kladderadatsch Nr. 7_1885 S. 76

Bazar Abonnentenzahl

Abbildungen

Zeitungs-Katalog. In: Kladderadatsch Nr. 5/1885, S. 55

Alle Annoncen. In: Beiblatt Fliegende Blätter Nr. 1985/1883

Zur gefälligen Beachtung. In: Kladderadatsch Nr. 7/1885, S. 76

Ich bescheinige hiermit… In: Der Bazar Nr. 25/1888, S. 281

Literatur

Wuttke, Heinrich [1875]: Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung. Ein Beitrag zur Geschichte des Zeitungswesens. Leipzig: Verlag Joh. Wilh. Krüger, 3. Aufl.

 

Die Fotografie und die Veränderung der Gedächtniskultur

Die Photographie, diese wunderbare Erfindung der Neuzeit, ist seit der verhältnismäßig kurzen Zeit ihres Bestehens, ganz abgesehen von ihrer artistischen Bedeutung, ein einflußreicher Zweig der Technik geworden. Redendes Zeugniß hierfür geben die Weltausstellungen, welche uns photographische Apparate und Präparate in unglaublicher Ausdehnung und Vollkommenheit vorführen. Eine Vorstellung von dem kolossalen photographischen Betriebe ergiebt sich aus der Thatsache, daß allein nur aus den Papierabfällen der beschäftigten Ateliers jährlich pfundweise metallisches Silber gewonnen wird. (Vogel 1871, S. 82)

Nicht nur zu einem „einflußreichen Zweig der Technik“ war die Fotografie  in kurzer Zeit geworden. Die Fotografie veränderte auch im privaten Bereich die Wahrnehmung und Erinnerung an die Vergangenheit, denn in Fotografien bleiben Momente aus der Familiengeschichte fixiert, die im Gedächtnis verblassen und verschwinden. (Im Buch 2. Aufl. hierzu „Die Fotografie und die Veränderung der Gedächtniskultur“ auf den Seiten 134 – 138.)

Diese Überlegungen helfen, die Bedeutung einer Schlüsselszene des Romans genauer zu erfassen. Innstetten ist auf die Liebesbriefe gestoßen. Aufgewühlt läuft er stundenlang durch die Stadt. Als er zurückkehrt, ist es dunkel geworden, und er läßt sich die Lampe in sein Zimmer bringen.

Die Lampe kam. In dem grünen Schirm befanden sich halbdurchsichtige Ovale mit Photographien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, damals als man den Wichertschen ‚Schritt vom Wege‘ aufgeführt hatte, für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren. Innstetten drehte den Schirm langsam von links nach rechts und musterte jedes einzelne Bildnis. Dann ließ er davon ab, öffnete, weil er es schwül fand, die Balkontür und nahm schließlich das Briefpaket wieder zur Hand.“ (Kap 27)

Einbrennen von Photographien durch Umwandlung eines Silbercollodiumpositivs in eine andere Metallcombination

In einem Bericht aus dem Jahre 1867 über eine Ausstellung in Paris heißt es im Polytechnischen Journal über die Firma Eduard Grüne aus Berlin:

„Seit Jahren fertigt Hr. Grüne bereits seine eingebrannten Photographien auf Porzellan, Glas und Email, und Tausende von Porträts, Kupferstichen u.s.w. sind seit jener Zeit aus seiner Anstalt hervorgegangen und in den verschiedensten Formen: auf Tassen, Seideldeckeln, Streichholzbüchsen und Pfeifenköpfen in die Welt gewandert.“ (Anonymus 1867, S. 458)

Eingebrannte Porträts Kladderadatsch 01.02.1880 S. 50

Fotorahmen und andere Geschenkideen in einer illustrirten Damen-Zeitschrift

Die Bastelanleitungen für Fotorahmen, Fotoständer, Fotoalben usw. , die sich in Der Bazar, einer „illustrirten Damen-Zeitschrift –  nicht nur als weihnachtliche Geschenkideen – finden, zeigen, dass Fotografien in der Entstehungszeit des Romans dabei sind, eine wichtige Rolle, für die Pflege des Zusammenhalts einer Familie zu übernehmen. Typisches Beispiel hierfür ist der Vorschlag für ein „Erinnerungs-Album“.

Eine der beliebtesten Modeneuheiten und besonders für Mütter zu empfehlen, die Freude daran finden, ihre Lieblinge fast alljährlich photographieren zu lassen, um auf diese Weise den allmählichen Fortschritt der Entwicklung auch später vor Augen haben zu können, ist das Mehrfach zusammenlegbare (….) Album. Dasselbe aus farbigem Leder mit gleichem Seidenfutter gefertigt, dient zur Aufnahme von 12 –  16 Bildern; auf die obere Seite des Albums wird in Blumenschrift mit verschiedenfarbiger Seide das Monogramm oder nach Belieben auch der Namenszug des Kindes gestickt.“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr.17/1893, S. 166)

Kasten für Photographien Bazar Nr 43 1890 S_427  Photographiealbum Bazar Nr 47 1888 S. 506
 Photographieständer Der Bazar Nr 29 _1885 S_295

Die Frau als Amateurphotographin

Zur Rekonstruktion der Medien- und Kommunikationskultur im ausgehenden 19. Jahrhundert sollte man aber nicht nur die Anleitungen zum Besticken von Bilderrahmen heranziehen. In der Illustrirten Damen-Zeitung aus diesen Jahren findet sich u.a. auch ein Artikel, der die Leserinnen dazu anleitet, „Lichtbilder selbst herzustellen“.

Bazar Nr. 30_1892 S. 259
Bazar Nr. 30/1892 S. 259

Es sind erst wenige Jahre verflossen, seitdem man von einer Amateurphotographie sprechen kann. Bis vor kurzem war die Photographie noch eine Kunst, zu deren Ausübung es eingehender Studien und vieler Uebung bedurfte. Durch die Bemühungen deutscher Techniker, besonders des Professors H. W. Vogel an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, ist jetzt jedermann mit wenig Mühe und ohne größeren Aufwand fähig, photographische Aufnahmen auszuführen. Natürlich wird auch hierbei der Erfolg dort am bedeutendsten sein, wo Geschick und Ausdauer am größten sind. Wir wollen im nachfolgenden die Methoden mitteilen, nach denen jede Leserin in der Lage sein wird, Lichtbilder selbst herzustellen. […] Die vorstehende Anweisung genügt, um eine gute Photographie zu erzielen, wenn die Anfängerin mit einer gewissen Ausdauer bestrebt ist, sich die Handgriffe präzis einzuüben; freilich muß stets im Auge behalten werden, daß die Photographie eine Kunst ist und daß der Erfolg der aufgewendeten Arbeit entsprechen wird.“ (Bendt 1892, S. 259)

Dies ist nicht der erste Beitrag, in dem versucht wird den Leserinnen dieser Illustrirten Damenzeitschrift das „Wesen der Photographie“ zu erklären, um sie so zum eigenen Fotografieren zu ermutigen.

In den letzten Jahren wird die Photographie, dank der großen Vereinfachungen, welche sie erfahren hat, nicht allein von Professionsphotographen, sondern auch von einer Legion von Dilettanten* und Amateuren ausgeübt – ja, selbst Damen verschmähen es nicht mehr, den reizvollen Zauber zu genießen, welche die Herstellung eines photographischen Bildes gewährt. – Die Dilettantenapparate, deren Herstellung heute Gegenstand einer ausgebreiteten Industrie geworden ist, werden fast durchweg mit genauen Gebrauchsanweisungen versehen in die Hände der Abnehmer gegeben, bei deren genauer Einhaltung jeder leidlich Gebildete photographische Bilder erzeugen kann, welche häufig nicht hinter denjenigen eines Photographen von Beruf zurückstehen. Trotzdem dürften sich – vorzüglich unter den weiblichen Dilettanten viele befinden, denen das Wesen der Photographie vollständig fremd, und das ‚Warum‘ der einzelnen photographischen Operationen keineswegs klar ist. Vielleicht werden aus diesen Gründen unseren Leserinnen die nachfolgenden Zeilen willkommen sein, welche es sich zur Aufgabe machen, ein möglichst wahrheitsgetreues Bild von der Photographie – eine Photographie der Photographie – zu geben.“ (Bender 1888, S. 266)

Effi hatte wohl weder die Neigung noch die Möglichkeit, den „reizvollen Zauber zu genießen, welche die Herstellung eines photographischen Bildes gewährt“. Nach ihrer Scheidung nahm sie dafür Zeichenunterricht bei einem „ganz alten Malerprofessor„, weil dies eine Beschäftigung „still und geräuschlos, ganz nach ihrem Herzen war“. (Kap, 32)

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*Dilettant (v. ital. dilettare, lieben), derjenige, welcher irgend eine Kunst oder Wissenschaft weder um ihrer selbst, noch um einer Pflicht oder um äußern Vortheils willen, sondern ausschließlich zu seinem Vergnügen betreibt. Ersterer Umstand unterscheidet ihn vom eigentlichen Künstler und Forscher, der zweite vom Berufs-, der dritte vom Erwerbsmenschen. (Meyers Konversations-Lexikon Bd. 5, 3. gänzlich umgearbeitete Auflage, Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts 1875, S. 471)

Abbildungen

Eingebrannte Porträts. In: Kladderadatsch 01.02.1880, S. 50

Kasten für Photographien. In: Der Bazar Nr. 43/1890, S. 427

Photographiealbum. In: Der Bazar Nr. 47/1888, S. 506

Photographieständer. In Der Bazar Nr. 29/1885, S. 295

Dilettantenapparate. In: Kladderadatsch Nr. 53/1888, S. 464

Literatur

Anonymus [1867]: Grüne’s eingebrannte Photographien auf Porzellan, Glas und Email. Polytechnischen Journals, Bd. 184/Miszelle 6, S. 458–459

Bender, U. [1888]: Über Photographie. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 24/1888, S. 266f

Bendt, Franz [1892]: Die Amateurphotographie Nr. 26/1892, S. 259

Vogel, August [1871]: Photographie und Technik. Westermann’s Illustrirte Deutsche Monatshefte April 1871, S. 82

 

 

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Leihbibliotheken und Lesefutter

Als sich Effi in Berlin zur Wohnungssuche aufenthält, um den Umzug vorzubereiten, fasst sie den Entschluss, nicht mehr nach Kessin zurückzukehren. Um sich in dieser für sie belastenden Situation abzulenken, gibt sie dem Dienstmädchen Roswitha den Auftrag, Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Dass Leihbiliotheken nicht nur in solchen Situationen genutzt wurden, sondern ausgangs des 19. Jahrhunderts noch eine zentrale Insitution zur Vermittlung von Literatur waren, zeigt sich in den immer wiederkehrenden Angriffen auf diese Einrichtungen. (Hierzu im Buch 2. Aufl. „Spuren der zweiten Leserevolution“  auf den Seiten  161 – 173.)

Leihbibliothek Fliegende Blätter 1889 Nr 2668 S_111

„‚Was der Mensch ißt, das ist er.‘ Sicherlich läßt sich dieses Wort mit noch größerer Berechtigung auf die geistige Nahrung, auf die Lektüre, anwenden, als auf die leibliche.“

„Der oberflächliche, nur nach flüchtiger, seichter Unterhaltung haschende Leser kennzeichnet sich schon dadurch, daß er alles, und sei es auch Vortreffliches, nur einmal liest und sofort beiseite legt, um wieder nach anderem zu greifen. Diese Gattung Leser, welche die Literattur so schädigt, hat fast kein Buch im eigenen Besitz. Die Leihbibliotheken und Lesevereine müssen für ihre Lektüre sorgen! Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, daß auch die Leihbibliotheken ihr Gutes stiften. In ihrer heutigen Gestalt schaden sie aber beinahe mehr, als sie nützen, da der Ankauf für sie – eben dem Geschmack des großen Publikums entsprechend – sich vorzugsweise auf leichte, mehr oder minder wertlose Unterhaltungslektüre erstreckt, während gehaltvolle Schriften, die einen höheren Bildungsgrad und vornehmeren Geschmack des Lesers voraussetzen, in den Leihbibliotheken nicht angeschafft werden. […] Ein wirklicher Freund der Litteratur kann sich nicht damit begnügen, Bücher, die ihm wertvoll sind, bloß auszuleihen und, kaum durchgelesen, wieder gegen andere zu vertauschen. Er wird trachten, von Zeit zu Zeit sich Bücher von bleibendem Wert für eigenen Besitz anzuschaffen, um sich dessen Umganges, wie eines vertrauten Freundes zu erfreuen.“ (Troll-Borostyáni 1894, S. 20)

In der Kritik an den Leihbibliotheken taucht immer wieder das Argument auf, es sei nicht nur ausgesprochen unappetitlich Bücher zu lesen, die schon durch die Hände vieler anderer Leser gegangen seien, sondern zudem auch aus hygienischer Sicht ausgesprochen problematisch. Dabei bezog man sich gerne auf die aktuellen Erkenntnisse der medizinischen Bakteriologie.

Die Gefahren der Leihbibliotheken bei Epidemien

„Ueber die Gefahren der Leihbibliotheken bei Epidemien wie im allgemeinen ist schon sehr viel vergebens geschrieben worden. Es geht damit, wie bei so manchen alten Uebeln, sind sie erst einmal eingewurzelt, so beachtet man sie kaum. Das viel gelesene, einer Bibliothek entlehnte Buch eines Freytag, Spielhagen, Heyse bedarf freilich keiner Warnung mehr, denn es beleidigt schon unseren Reinlichkeitssinn durch sein unsauberes Aeußere, und doch scheut sich manche Hand, die sonst so empfindlich ist, nicht, mit dem genäßten Finger das klebrige Blatt umzuwenden, um den Finger gleich darauf bei dem Umlegen der nächsten Seite gedankenlos zum Munde zu führen. Wer hat das Buch vor mir gehabt? […] Einen höchst wichtigen Beitrag zur Frage der Möglichkeit der Uebertragung von Krankheiten gab auf dem letzten Chirurgenkongreß zu Berlin Professor Brunner aus Zürich. Er hat die Beobachtung gemacht, daß der Schweiß eine große Anzahl vom Bazillen aus dem Körper des Kranken zu Tage fördert, und dadurch eine wertvolle Aufklärung über manche bisher noch nicht genügend aufgehellte Thatsachen gegeben, zu denen auch die Ansteckungsgefahr der Leihbibliotheken gehört. Solange es Leihbibliotheken giebt, wird man deren Gefahren nicht entgegentreten können, denn eine gründliche Desinfektion läßt sich nicht leicht durchführen. Die Abhilfe liegt einzig an der Beschaffung einer billigeren Lektüre durch den Buchhandel.“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr 38/1892,  S. 375)

Übertragbarkeit ansteckender Krankheiten

„Die Übertragbarkeit ansteckender Krankheiten durch Bücher und Journale ist schon oft erörtert worden. Unlängst hat ein Arzt in St. Petersburg festgestellt, daß Journale, die bei ihrem Eintreffen in einem Krankenhause bacterienfrei gewesen waren, nachdem sie einige Tage durch die Krankensäle gegangen waren, im Mittel 25 bis 40 Keime auf dem Quadratcentimeter enthielten, die dann namentlich beim Lesen derartiger Bücher durch das Anfeuchten der Finger beim Umblättern leicht in die Mund gelangen. Zwei Professoren in Paris haben die Frage experimentell untersucht, indem sie Eitermassen, Auswurf  von Lungen- und Diphteriekranken u.s.w. auf Druckpapier brachten und mehrere Tage nach dem Eintrocknen dieser flüssigen Massen 1 qcm so präparierten Papieres in sterilisierte Nährflüssigkeit warfen. Es wurden dadurch Flüssigkeiten geschaffen, deren Impfung die betreffende Krankheit bei Tieren neu erzeugte, ein Beweis, daß sich viele solche Bakterien auf dem trocknen Papier lebensfähig erhalten hatten. Merkwürdiger Weise wurden trotz zahlreicher Versuche niemals Typhus- oder tuberkulösen Bacillen in den Nährflüssigkeiten zur Vermehrung / gebracht, während die Übertragung von Diphterie-, Pneumonie- und Eiterbacillen leicht gelang, wenn sie auch seit mehreren Tagen auf dem Papier eingetrocknet waren. Es geht daraus hervor, daß man mit solchen Büchern sehr vorsichtig sein muß, jedenfalls vorsichtiger, als man allgemein ist, denn die Leihbibliotheksbücher dienen vielfach gerade als Krankenlektüre, was jedoch z. B. bei den öffentlichen Bibliotheken fast nie der Falls ist.

Wie sich die oberen Kreise dazu verstehen können, die schmierigen Leihbibliotheksbände, aus denen schon der Duft von dutzend Vorlesern emporsteigt, in die Hände zu nehmen, ist mir unerfindlich. Ich glaube, wenn sich mit Büchern mehr auf der Straße protzen ließe, wie z. B. mit schönen Pferden und prachtvollen Roben, es würde nach jeder Neuerscheinung begierig gegriffen.“ (Hamann 1899, S. 74f.)

Abb. Ach bitte, geben Sie mir einen Roman… – Fliegende Blätter Nr. 2668/1889 S. 111

Literatur

Hamann, Ludwig (1899): Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. Leipzig: Verlag von Ludwig Hamann, 2. Aufl.

Troll-Borostyáni, Irma [1894]: Hausbibliotheken. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 2/1894, S. 20

 

„Nana“ – „Na, na!“

Die Hinweisen und Anspielungen, auf die man bei der Rekonstruktion des Romans Effi Briest als Zeitbild angewiesen ist, zeichnen sich durch „stenographische Kürze“ aus. Im Vergleich dazu fällt der Hinweis auf die Zola-Lektüre der Geheimrätin Zwicker geradezu ausführlich aus. (Im Buch 2. Aufl. dazu Näheres auf den Seiten 203 – 207.)
Wobei Fontanes zeitgenössische Leserschaft gerade zu diesem Thema keine Nachhilfe benötigt hätte, wie nicht zuletzt ein Blick in die Fliegenden Blätter zeigt, die ja nicht nur von Effis Vetter Dagobert gelesen wurden. (Anzumerken wäre, dass Fontane das Interesse an Zola bzw. an der Lektüre seiner Romane auch in den Romanen Quitt und Graf Petöfy benutzt, um Personen zu charakterisieren.)

Der neueeste Roman Zola Fliegende Blätter 1890 Nr 2294 S_13

Zola Nana Na Na Fliegende Blätter 1891 Nr 2415 S_165

Zola Rouge auflegen Fliegende Blätter 1891 Nr 2373S_25

Abbildungen

Kurz und treffend. In:Fliegende Blätter Nr. 2294/1890, S. 13

Merk’s. In: Fliegende Blätter Nr. 2415/1891, S. 165

Nachhilfe. In: Fliegende Blätter Nr. 2373/1891, S. 25

Touristenmagnet Oberammergau

Nach dem Umzug nach Berlin planen Instettens einen Urlaub im „bayrischen Gebirge„, den sie mit dem Besuch der Passionsspiele in Oberammergau verbinden wollen (Kap. 24). Dieser Besuch muss mit Rücksicht auf die Karrierepläne Instettens verschoben werden.  (Im Buch 2. Aufl. „Passionsspiele als Touristenmagnet und Medienevent“ auf den Seiten 100 – 103.)

Die Gartenlaube Halbheft 22_1889 S. 700 neue Bühne

Wer von Fontanes zeitgenössischer Leserschaft Zugang zu einer der illustrierten Familienzeitschriften und Unterhaltungsblättern wie der Gartenlaube, der Illustrirten Zeitung, Ueber Land und Meer oder Vom Fels zum Meer hatte, wusste, was die Besucher im Jahre 1890 erwartete bzw. war sehr gut darüber informiert, was Instettens durch die Änderung ihrer Urlaubspläne versäumt hatten. (Utschneider 2003, S. 44 – 49)

Im Vorfeld der Passionsspiele wurde in der Gartenlaube ausführlich über die Neuanlage des Passionsspielhauses mit seinen Maschinen und Dekorationen, „die allen praktischen Neuerungen Rechnung tragen, aber zugleich das Wesen der alten Ueberlieferung vollständig wahren wird“, berichtet.

„Litt die Ausstattung der Bühne während der früheren Passionsspiele an mangelhafter Beleuchtung, ja stellenweise an bedauerlicher Verfinsterung, so ist jetzt Vorsorge getroffen, daß die Panoramadekoration sowohl durch das regulirbare Tageslicht als auch durch künstliche Beleuchtung der theilweise durchscheinenden Dekorationsstücke erhellt werden kann. Auch ist für die raschere Verwandlung der Bilder, für Flugwerke zur Himmelfahrt Christi und anderes Vorsorge getroffen.“ (Achleitner 1889, S. 700)

Auch an Sicherheitsmaßnahmen, vergleichbar zu heutigen Großveranstaltungen, war gedacht worden.

„Zehn große Ausgänge führen unmittelbar ins Freie. Um möglichen Unfällen zu begegnen, wird in der Nähe des Passionsspielhauses für die Dauer der Aufführung ein Krankenhaus mit Feuerwehrstation errichtet werden.“ (Achleitner 1889, S. 700)

Dass es sich hier tasächlich um eine Großveranstaltung gehandelt hat, wird deutlich, wenn man sich bewusst macht, dass 1890 im Jahr des geplanten Besuchs in Oberammergau ein Anstieg der Besucherzahlen auf 100.000 Besucher verzeichnet wurde. Aber schon 20 Jahre zuvor war der Ansturm der englischen Besucher und die Geschäftstüchtigkeit der einheimischen Bevölkerung Gegenstand satirischer Kommentare. In den Zeitschriften finden sich jedoch auch Berichte, in denen die „Passionsdörfler“ gegen derartige Angriffe in Schutz genommen werden.

Erinnerungen an Oberammergau Fl Bl 1871 S_135 Teil 1 (3)„Freilich, wer nicht vorausbestellt hat, kommt an den Hauptspieltagen im Dorfe selbst schwer unter, aber sicher in Oberau, Ettal oder einem andern der vielen nahegelegenen

Der Bazar Nr 30_1890 S_296Flecken. Oberammergau hat etwa dreitausend Betten zu vergeben (man denke: 3000 Betten bei 1300 Einwohnern!); fast 2000 Menschen können außerdem auf Matratzen oder im Heu kampieren, wenn es nötig sein sollte. Man hat in einzelnen Blättern falsche oder übertriebene Nachrichten über die Preise verbreitet, die geeignet sind, den guten Ruf der Passionsdörfler zu zerstören. Ich habe eine ganze Woche im Orte zugebracht und mich davon überzeugt, daß man diesen ‚Idealisten‘ – denn das sind sie im ganzen und großen wirklich! – schweres Unrecht thut.“ (Misch 1890, S. 296)

Abbildungen

Die Bühne in Oberammergau – Achleitner 1889, S.701

Erinnerung an Oberammergau. In: Fliegende Blätter Nr. 1371/1871, S. 135

Ein kleiner Engländer bittet Mayr=Christus um einen Stammbuchvers. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr 30/1890, S. 296

Literatur

Achleitner, Arthur [1889]: Das neue Passionsspielhaus von Oberammergau. In: Die Gartenlaube Halbheft 22/1889 S. 700 f.

Misch, Robert [1890]: Vom Passionsspiel in Oberammergau. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 30/1890, S. 296f

Utschneider, Ludwig [2003]: Bibliographie zur Geschichte Oberammergaus und der Passionsspiele. Oberammergau: Der Ammergau, Schriftenreihe des Historischen Vereins Oberammergau 1999 e.V., Band 3