Fortschrittsglaube, Angst um Arbeitsplätze und ein Schuss Kulturpessimismus

Die Entwicklung der Massenmedien befördert „kulturelle Differenzierungsprozesse“ (vgl. Lübbe 1994 S. 317). So kann Fontane, um das Milieu zu charakterisieren, dem einzelne Personen in Effi Briest zuzurechnen sind, ihre Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre heranziehen.
Dies gilt nicht nur für den Vetter Briest, der bei seinem ersten Auftreten als „ein ungemein ausgelassener ,junger Leutnant, der die ‚Fliegenden Blätter‘ hielt und über die besten Witze Buch führte“, beschrieben wird.
Vom Apotheker Gieshübler heißt es, er sei „Schöngeist und Original“, der „neben allem anderen, auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser [war], ganz zu geschweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand“. Auch Effis Ehemann und ihr Vater werden als Zeitungsleser vorgestellt, deren Zeitungslektüre in Alltagsroutinen eingebettet ist und ihren Alltag strukturiert.
Effi scheint dagegen in Kessin lieber zu den Modezeitungen zu greifen, um sich von ihren Sorgen abzulenken, als zu den Zeitungen und Journalen, die ihr der Apotheker Grieshübler regelmäßig – mit Anmerkungen und Lesehilfen versehen – zuschickt.

Aus dieser Perspektive wird es verständlich, dass in der zeitgenössischen Diskussion  Erfindungen wie die der Schnellpresse eine hohe Bedeutung für die „civilisirte Menschenheit“ zugesprochen wird, zumal es sich hier um die erste technische Innovation des Buchdrucks seit der Erfindung der Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts handelt.

Rotations-Buchdruckmaschine
Rotations-Buchdruckmaschine

Friedrich König, der Erfinder der Schnellpresse, ein „Wohlthäter der Menschheit“
Mit der stetig wachsenden Vervollkommnung in Construction der modernen Rotationsschnellpressen […] mit den Fortschritten der Rundstereotypie, mit der in erfreulicher Weise verbesserten Qualität der für Rotationsdruck benöthigten Materialien (Rollenpapier, Farbe, Walzenmasse u. dgl.) und nicht zum wenigsten mit dem Lesebedürfnisse der civilisirten Menschheit wächst naturgemäß die Anwendbarkeit und Einführung der Rotationsschnellpressen, welche bei Massenproduction nicht nur billigst, sondern auch schnellstens und gut jede Druckarbeit – sei dieselbe eine ordinäre Zeitung, ein Werk oder ein fein illustrirtes Journal – zu liefern im Stande sind.“ (Anonymus 1883, S. 318)

„Wer endlich wollte den Einfluß ermessen und in Zahlen ausdrücken, welchen die König Schnellpresse Goebel 1883gewaltig erhöhte Leichtigkeit und Schnelligkeit des Druckes auf Verbreitung der Bildung unter allen Klassen des Volkes, unter Hoch und Niedrig und in allen Verhältnissen des gesellschaftlichen und politischen Lebens gehabt hat und noch täglich hat in stets wachsender Progression? Die Grenzen dieses Einflusses sind ganz unabsehbar und unberechenbar; eines aber ist für jedes Auge zu erkennen und steht unumstößlich fest: daß Friedrich Koenig’s große Erfindung der Druckmaschine den Grund- und Eckstein dieses Einflusses bildet, daß er ihre direkte Folge war und auf ihr ruht. Durch seine Erfindung wurde Koenig zu einem der größten Wohlthäter der Menschheit. Sein Name wird daher auch stets glänzen inmitten der Namen aller großen Erfinder, neben den Wohlthätern aller Nationen. – Ehre seinem Andenken!“ (Anonymus 1883, S. 318)

Nicht nur  im Polytechnischen Journal, sondern auch in der Famlienzeitschrift Die Gartenlaube erschien 1883 anläßlich des 50. Todestags von Friedrich König ein Beitrag, um  das „Leben und Wirken dieses Wohlthäters der Menschheit wieder in’s Gedächtnis zu rufen“.

„Die Verdienste, welche Friedrich Koenig sich durch die Erfindung der ‚Schnellpresse‘ um das geistige, gesellschaftliche und geschäftliche Leben der ganzen civilisirten Welt erworben hat, sind jedoch bis jetzt nur in dem Kreise der Drucker gewürdigt worden, während dem größten Theil unseres Volks die eigentliche Bedeutung und Tragweite dieser Erfindung noch völlig unbekannt geblieben ist. Man weiß nicht, wie schwerfällig vorher die Herstellung eines Druckes war, wie wenig die fleißigsten Arbeiter an einem Tage vollenden konnten, wie theuer deshalb die Bücher und Zeitungen waren und wie sehr dies ihrer Verbreitung und, damit der ganzen Bildungs- und Geschäftsforderung im Wege stand. Jetzt aber, wo man gewöhnt ist, seine sauber gedruckten Bücher für Schule und Haus, seine Unterhaltungsliteratur und Prachtwerke billig zu kaufen, sein Geschäfts- oder politisches Blatt mit unfehlbarer Regelmäßigkeit auf dem Frühstückstische liegen zu sehen, vergißt man darnach zu fragen, wem man denn eigentlich all diese Wohlthaten und Annehmlichkeiten verdankt.“ (Goebel 1883a, S. 30f.)

Die Angst der Drucker um ihre Arbeitsplätze
Am 29. November 1814 „konnte die ‚Times‘ der Welt verkünden, daß sie zum ersten Male auf Druckmaschinen mit einer Schnelligkeit von 1100 Drucken in der Stunde (vorher eine Tagesarbeit) hergestellt worden sei. Bei Bau und Aufstellung derselben aber hatte mit größter Heimlichkeit vorgegangen werden müssen, um Gewaltthätigkeiten seitens der Drucker, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen, zu verhüten.“ (Goebel 1883a, S. 31)

Während Friedrich Koenig die französische Julirevolution begüßte, in der er auch „eine bessere Zeit erblicken zu sollen meinte für die Buch- und Zeitungsdrucker“, benutzten die Arbeiter in Paris „jedoch die Freiheit, um in verblendetem Wahne die Druckmaschinen, sowohl die Koenig’schen, wie die aus England gekommenen, zu zerschlagen, und daß nicht auch in Leipzig Gleiches geschah, verdankte man nur der Ruhe und Geistesgegenwart des Chefs der Firma F. A. Brockhaus, Herrn Friedrich Brockhaus, welcher damals der einzige Besitzer von Schnellpressen in der Metropole des deutschen Buchhandles war.
Damit war der Aufschwung, den die Druckmaschinenfabrikation in Deutschland genommen, mit einem Schlage vernichtet; Niemand wollte noch fernerhin ein Werkzeug anschaffen, hinsichtlich dessen man in Bezug auf den von ihm gewährten Vortheil noch nicht alle Zweifel überwunden hatte, dessen Besitz jedoch zu Collisionen mit aufgeregten Arbeitermassen führen konnte.“ (Goebel 1883a, S. 34)

Titelvignette Vorwärts 17. Jänner 1873Fortschrittsrhetorik in einer Zeitung der Gewerkschaft Druck und Papier
Die Druckerei der österreichischen Zeitung Die Presse erhält 1873 den Auftrag, den Katalog für die in Wien stattfindende Weltaustellung zu drucken. Aus diesem Anlaß erscheint in der Zeitschrift der Gewerkschaft Druck und Papier ein Artikel über die Leistungsfähigkeit der  von der Druckerei neu angeschafften Walterpressen – so benannt nach dem Besitzer der Times, der die Konstruktion der neuen Maschinen finanziert hatte.
„Die neuen ‚Walter-Maschinen‘ werden der Druckerei der ‚Presse‘ auch Gelegenheit geben, sich in der hervorragendsten Weise an der Weltausstellung zu betheiligen. Es ist ihr bekanntlich von der General-Direction der Weltausstellung der Druck des officiellen Katalogs derselben übertragen worden – eine typographische Arbeit von so colossalem Umfange, daß deren Bewältigung gegenwärtig auf dem ganzen Continente nur der Druckerei der ‚Presse‘ mit ihren neuen Maschinen möglich ist. Der Katalog wird hundert Bogen stark sein und seine Auflage ist zunächst auf eine halbe Millionen Exemplare festgesetzt. Hierzu ist demnach ein Papierquantum von fünfzig Bogen oder hunderttausend Rieß erforderlich. Um sich von dieser Papiermasse einen anschaulichen Begriff machen zu können, sei constatirt, daß die aneinandergereihten Medianbögen über Rußland, Asien und den stillen Ocean bis nach Mexiko reichen würden. Uebereinander geschichtet, hätten diese Bogen eine Höhe, welche achtunddreißigmal so hoch wären als jene des Stephansthurmes. Um diese Masse Papier zu bedrucken, müßte eine gewöhnliche Schnellpresse bei unausgesetzter, täglich vierundzwanzigstündiger Thätigkeit elf Jahre und sieben Monate fortarbeiten, während die beiden ‚Walter-Pressen‘ dieselbe Arbeit neben dem täglichen Drucke der ‚Presse‘ mit Leichtigkeit in vier Wochen liefern und also in dieser Zeit ebensoviel wie 192 Schnellpressen leisten werden. Der amtliche Katalog der Wiener Weltausstellung wird daher zugleich das Ausstellungs-Object der ‚Presse‘ sein und als solches die stärkste, bisher unerreichte Leistung der typographischen Technik und deren größte Vervollkommnung und Vollendung repräsentieren.“ (Die Walter-Presse 1873, S. 2)

Die Erfindung der Schnellpresse gereichte „Arbeitern und Arbeit zum Segen“
„Hatte man einst gegen [die Erfindung der Schnellpresse] den Vorwurf erhoben, dass sie die Pressedrucker brodlos mache und der Noth preisgebe, […] so haben die Thatsachen und namentlich die ungeheure Zunahme dieses Bedürfnisses solchen Vorwurf in schlagendster und überzeugendster Weise widerlegt. Denn wer zählt die Tausende der Arbeiter, die heute allein im Schnellpressenbau beschäftigt sind, wer die Tausende der Maschinenmeister, d. h. der intelligenten Leiter dieser Schnellpressen, die jenes durstige Geschlecht der Massendrucker ersetzt haben, welches Gutenbergs Kunst nicht immer zur Ehre gereichte? An der Schnellpresse, von der man heute die vollendetsten typographischen Leistungen verlangt, wie man sie zur Zeit ihrer Erfindung selbst nicht als auf der Handpresse erreichbar gehalten hätte, haben sich viele ihrer Leiter, indem sie zugleich eine lohnende Existenz fanden, zu wahren Künstlern herangebildet, der Buchdruck ist wieder eine Kunst geworden, dank dem Einflusse der Erfindung Koenigs, die somit Arbeitern und Arbeit zum Segen gereicht.“ (Goebel 1883b, 278f.)

Zeitungslektüre als Nervengift
Unsere Nerven Fliegende Blätter 1888 Nr 2240 S_6
Wenn wir morgens uns erheben,
Schon beginnt der Nerven Pein,
Und mit Schrecken und mit Beben
Nehmen wir das ‚Tagblatt‘ ein.

Selbstmord, Brände, Zugentgleisung,
Raub und Diebstahl, Unglücksschlag,
Bringt zu unsrer Nerven Speisung
Uns die Presse jeden Tag.

Und der Wust polit’scher Dinge!
Wiederkehren jedes Jahr
Auf Bestellung fast im Ringe
Cholera und Kriegsgefahr.

Auf den Straßen, welch‘ Gedränge,
Welch Getümmel und Geschrei!
Tramwaywagen, Menschenmenge,
Omnibus und Polizei.
von Miris 1888 (Unsere Nerven – Auszug)

Lesezirkel IZ 2164_1884_S_620

Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt
Das Mosaikartige des Zeitungsmaterials übersättigt uns gewissermaßen, und die Zeitschriften, Journale und Monatsschriften, die auch die Sammellektüre kultivieren, tragen weiter dazu bei, daß wir vieles in uns aufnehmen ohne ernsteren Nutzen. Die raffinierte Geschäftsspekulation hat sich sogar nicht begnügt mit diesem Sammelsurium der gebotenen Lektüre und hat das Monstrum Lesezirkel erfunden. In einem solchen famosen Institut werden 10 bis 20 Romane nebeneinander in ‚Fortsetzungen‘ verzapft. 30 verschiedene wissenschaftliche Fragen angeschnitten und ebensoviele, deren Anfang man sich noch erinnert, vor einigen Wochen gelesen zu haben, zu Ende geführt. Der Wert eines solchen Lesezirkels kann einzig nur in den Illustrationen gesucht werden, die die großen Blätter bieten, und außerdem in den der heiteren Muse gewidmeten Witzblättern. Ein ernste Lektüre in diesem mit pedantischer Pünktlichkeit kommenden und gehenden Litteraturwust zu suchen, soll keinem einfallen, […]. (Hamann 1899, S. 63)

Abbildung
Abb. Rotations-Buchdruckmaschine mit Falzapparat konstruiert für den Druck von Meyers Konversationslexikon – Meyers Konversations-Lexikon Bd. 14/1878
Abb. Friedrich König – Goebel 1883b
Abb. Unsere Nerven – Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6
Abb. Fritz Borstell’s Lesezirkel – Illustrirte Zeitung Nr. 2164/1884, S. 620

Literatur
Anonymus [1883]: Ueber die Verbreitung der Rotationsschnellpressen in Deutschland und Oesterreich-Ungarn, sowie über den Erfinder der Schnellpresse. In: Polytechnisches Journal Band 249/1883, Miszelle 1, S. 316–318
Die Walter-Presse. In: Vorwärts. Organ der Gewerkschaft Druck und Papier, Wien 17. Januar  1873, S. 1 – 2
Goebel, Theodor [1883a]: Friedrich König, der Erfinder der „Schnellpresse“. In: Die Gartenlaube H. 2/1883, S. 30–35
– ders.: [1883b]: Friedrich König und die Erfindung der Schnellpresse: ein biographisches       Denkmal. Stuttgart: Kröner
Hamann, Ludwig [1899]: Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. Leipzig: Verlag von Ludwig Hamann
Lübbe, Hermann [1994]: Mediennutzungsethik. Medienkonsum als moralische Herausforderung. In: Hilmar Hoffmann, Hrsg.: Gestern begann die Zukunft. Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung der Medienvielfalt. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellschaft, S. 313 – 318.
von Miris [1888]: Unsere Nerven. In: Fliegende Blätter Nr. 2240/1888, S. 6f.

 

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