Die Dienstbotenfrage

Auf der Titelvignette der ersten Nummer der illustrierten Familienzeitschrift Die Gartenlaube sieht man eine in einer Gartenlaube um einen Tisch versammelte Familie (Großeltern, Vater, Titelvignette Gartenlaube Nr 1Mutter und Kinder?). Ein Dienstmädchen steht mit einem Tablett in der Hand im Hintergrund und, so könnte man annehmen, belauscht das Gespräch. Dass dies eine durchaus naheliegende Interpretation ist, ergibt sich aus Hinweisen, die sich in den Handbüchern des guten Tons finden. Dort wird immer wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es Abstand von den Dienstboten zu bewahren gelte, um die Privatsphäre zu sichern: „Keiner Hausfrau darf es gleichgültig sein, wie ihre Dienstboten über sie urtheilen, und schon aus diesem Grunde darf sie ihre Würde als Herrin des Hauses keinen Augenblick außer Acht lassen […].“ (Ebhardt 1880, S.97f.)

Die Situation, die sich aus der Anwesenheit von Dienstboten im Haushalt ergibt, wird in Effi Briest mehrfach angesprochen. (Im Buch 2. Aufl. dazu „Die Dienstbotenfrage“ auf S. 57 ff.) Da ist Frau Briest, die das Gerede der Leute über ein Schlafzimmer mit japanischem Bettschirm und einer Ampel mit rotem Schein fürchtet (Kap. 4). Da ist von Instetten, der befürchtet, sich lächerlich zu machen, wenn man in Kessin erfährt, dass er die Wohnung wechselt, weil seine Frau Angst vor Gespenstern hat (Kap. 10). Die Anwesenheit von Dienstboten in einem Haushalt erfordert besondere Achtsamkeit, wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht.

Unbelauscht Der Bazar Nr. 28 1884 S. 217

Unbelauscht. (Zu dem Bilde von F. Kraus.) Für ihr Leben gern hätte Nanni, das niedliche Kammerzöfchen, gewußt, was ihre junge Herrschaft so viel und eifrig zu schreiben habe! […] Da trifft es sich denn wirklich gar hübsch, daß sie die gnädige Frau mitten im Schreiben abrufen muß, weil die Frau Präsidentin (eine sehr energische Dame und in Vereins-Angelegenheiten schon früh am Tage thätig) im Salon erschienen ist und eine Unterredung mit der jungen Frau Räthin wünscht. Die Ueberraschte, durch den frühen Besuch Geehrte fliegt hinaus; Briefmappe und Papier bleiben offen auf dem zierlichen Schreibtisch liegen – eine vortreffliche Gelegenheit für das Zöfchen, ihre brennende Neugier einmal ‚unbelauscht‘ zu befriedigen!“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 28/1884, S. 223)

DienstbotenfrageEs ist wohl kaum ein Haus, in welchem nicht von Zeit zu Zeit das Kapitel von den Dienstboten den Gesprächsstoff lieferte – von den Kaffeegesellschaften alter Damen, in denen ‚das Mädchen für alles‘, wie der Berliner sagt, in allen seinen Spezialitäten und Eigenschaften feierlich abgehandelt wird – bis zu den vornehmsten Häusern hinauf bildet die Dienstbotenfrage einen wichtigen Gegenstand des Nachdenkens und der Beschäftigung, weil sie eben in die ganze häusliche Existenz so tief eingreift und für das häusliche Behagen absolut entscheidend ist.

Leider bilden die Unterhaltungen über die Domestiken fast immer eine Kriegsgeschichte, welche sich in den Hauptgrundzügen stets gleich bleibt und doch in den Details immer neue und überraschende Züge bildet. Ob es sich um den Einzelkampf der streitbaren Ricke oder Inste mit ihrer ‚Madamm‘ handelt, oder um einen organisierten Feldzug, welchen die Domestiken eines großen Hauses gegen ihre Herrschaft führen, immer ist es dasselbe Klagelied, das für dem Unbeteiligten tragikomisch wirkt, bei dem aber für den Betroffenen kaum noch für die komische Seite Raum oder Verständnis übrig bleibt.

In unseren Tagen ist die Domestikenfrage brennender und, wie man in dem Jargon der politischen Presse sagt, aktueller geworden als jemals, denn die merkwürdige Verschiebung und Verwirrung unserer sozialen Verhältnisse, welche in allen Ständen falsche Ansprücher hervorrufen, die dann im falschen Schein ihre Befriedigung suchen, hat auch auf die Domestikenwelt ihren verderblichen und zersetzenden Einfluß ausgeübt. Alle unsere Witzblätter beschäftigen sich in mehr oder weniger treffenden Karikaturen mit unserer Domestikenwelt, welche in den großen Städten vielfach den Charakter eines nomadisierenden Heerbanns gegen den häuslichen Comfort angenommen hat – im praktischen Leben aber verschwindet der Humor immer mehr aus dieser vielbesprochenen und vielkarikierten Frage. (von Geyern 1885/1886, S. 643)

Effis NaivitätAuf einen besonderen Aspekt der Anwesenheit von Dienstpersonal im bürgerlichen Haushalt spielt die Geheimrätin Zwicker an, wenn sie in einem Gespräch mit Effi mehrdeutig anmerkt: „Das ist wirklich selten, daß man eine junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres Hausmädchens sprechen hört.“ Dabei macht die Geheimrätin Zwicker recht deutlich, dass sie sich mit dieser Warnung auf persönliche Erfahrungen bezieht.  (Kap. 30)

Die sexuellen Übergriffe der Hausherren sind auch ein beliebtes Thema in den satirischen Zeitschriften, ohne sie jedoch in irgendeiner Weise moralisch zu verurteilen. Sie erscheinen eher Gegenstand einer Art von „Herrenwitzen“ zu sein.

Dienstmädchen geküsst Fliegende Blätter 1891 Nr 2418 S_195

Dienstmädchen Hausherr Fliegende Blätter 1893 Nr 2512 S_103

Entlassung des Dienstmädchens Fliegende Blätter 1896 Nr_2655 S_226

Gouvernante Liebes Kind Fliegende Blätter Nr 2419 1891 S_200

Die „sittliche Gefährdung“, die von Dienstboten ausgehen kann, wird in Fontanes Roman Frau Jenny Treibel direkt angesprochen. Nach einer  Auseinandersetzung mit ihrem Sohn Leopold über dessen überraschende Ankündigung seiner Verlobung, tritt die Kommerzienrätin ans Fenster:

„Hier, in ihrem Vorgarten, den linken Arm von innen her auf die Gitterstäbe gestützt, stand ihr Hausmädchen, eine hübsche Blondine, die mit Rücksicht auf Leopolds ‚mores‘ beinahe nicht engangiert worden wäre, […].“ (Kap. 12)

Abbildungen

Unbelauscht. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 28/1884, S. 217

Unverfroren. In: Fliegende Blätter Nr. 2418/1891, S. 195

Unerwartete Replik. In: Fliegende Blätter Nr. 2512/1893, S.103

Eingegangen. In: Fliegende Blätter Nr. 2655/1896, S. 226

Unangenehme Frage. In: Fliegende Blätter Nr. 2419/1891, S. 200

Literatur

Geyern, Detlev von (Pseudonym von Oskar Meding): Die Dienstbotenfrage jetzt wie vor Zeiten. In: Ueber Land und Meer Nr. 29/ Bd. 56 Oktober 1885 – 1886, S. 643f.

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