Leihbibliotheken und Lesefutter

Als sich Effi in Berlin zur Wohnungssuche aufenthält, um den Umzug vorzubereiten, fasst sie den Entschluss, nicht mehr nach Kessin zurückzukehren. Um sich in dieser für sie belastenden Situation abzulenken, gibt sie dem Dienstmädchen Roswitha den Auftrag, Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Dass Leihbiliotheken nicht nur in solchen Situationen genutzt wurden, sondern ausgangs des 19. Jahrhunderts noch eine zentrale Insitution zur Vermittlung von Literatur waren, zeigt sich in den immer wiederkehrenden Angriffen auf diese Einrichtungen. (Hierzu im Buch 2. Aufl. „Spuren der zweiten Leserevolution“  auf den Seiten  161 – 173.)

Leihbibliothek Fliegende Blätter 1889 Nr 2668 S_111

„‚Was der Mensch ißt, das ist er.‘ Sicherlich läßt sich dieses Wort mit noch größerer Berechtigung auf die geistige Nahrung, auf die Lektüre, anwenden, als auf die leibliche.“

„Der oberflächliche, nur nach flüchtiger, seichter Unterhaltung haschende Leser kennzeichnet sich schon dadurch, daß er alles, und sei es auch Vortreffliches, nur einmal liest und sofort beiseite legt, um wieder nach anderem zu greifen. Diese Gattung Leser, welche die Literattur so schädigt, hat fast kein Buch im eigenen Besitz. Die Leihbibliotheken und Lesevereine müssen für ihre Lektüre sorgen! Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, daß auch die Leihbibliotheken ihr Gutes stiften. In ihrer heutigen Gestalt schaden sie aber beinahe mehr, als sie nützen, da der Ankauf für sie – eben dem Geschmack des großen Publikums entsprechend – sich vorzugsweise auf leichte, mehr oder minder wertlose Unterhaltungslektüre erstreckt, während gehaltvolle Schriften, die einen höheren Bildungsgrad und vornehmeren Geschmack des Lesers voraussetzen, in den Leihbibliotheken nicht angeschafft werden. […] Ein wirklicher Freund der Litteratur kann sich nicht damit begnügen, Bücher, die ihm wertvoll sind, bloß auszuleihen und, kaum durchgelesen, wieder gegen andere zu vertauschen. Er wird trachten, von Zeit zu Zeit sich Bücher von bleibendem Wert für eigenen Besitz anzuschaffen, um sich dessen Umganges, wie eines vertrauten Freundes zu erfreuen.“ (Troll-Borostyáni 1894, S. 20)

In der Kritik an den Leihbibliotheken taucht immer wieder das Argument auf, es sei nicht nur ausgesprochen unappetitlich Bücher zu lesen, die schon durch die Hände vieler anderer Leser gegangen seien, sondern zudem auch aus hygienischer Sicht ausgesprochen problematisch. Dabei bezog man sich gerne auf die aktuellen Erkenntnisse der medizinischen Bakteriologie.

Die Gefahren der Leihbibliotheken bei Epidemien

„Ueber die Gefahren der Leihbibliotheken bei Epidemien wie im allgemeinen ist schon sehr viel vergebens geschrieben worden. Es geht damit, wie bei so manchen alten Uebeln, sind sie erst einmal eingewurzelt, so beachtet man sie kaum. Das viel gelesene, einer Bibliothek entlehnte Buch eines Freytag, Spielhagen, Heyse bedarf freilich keiner Warnung mehr, denn es beleidigt schon unseren Reinlichkeitssinn durch sein unsauberes Aeußere, und doch scheut sich manche Hand, die sonst so empfindlich ist, nicht, mit dem genäßten Finger das klebrige Blatt umzuwenden, um den Finger gleich darauf bei dem Umlegen der nächsten Seite gedankenlos zum Munde zu führen. Wer hat das Buch vor mir gehabt? […] Einen höchst wichtigen Beitrag zur Frage der Möglichkeit der Uebertragung von Krankheiten gab auf dem letzten Chirurgenkongreß zu Berlin Professor Brunner aus Zürich. Er hat die Beobachtung gemacht, daß der Schweiß eine große Anzahl vom Bazillen aus dem Körper des Kranken zu Tage fördert, und dadurch eine wertvolle Aufklärung über manche bisher noch nicht genügend aufgehellte Thatsachen gegeben, zu denen auch die Ansteckungsgefahr der Leihbibliotheken gehört. Solange es Leihbibliotheken giebt, wird man deren Gefahren nicht entgegentreten können, denn eine gründliche Desinfektion läßt sich nicht leicht durchführen. Die Abhilfe liegt einzig an der Beschaffung einer billigeren Lektüre durch den Buchhandel.“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr 38/1892,  S. 375)

Übertragbarkeit ansteckender Krankheiten

„Die Übertragbarkeit ansteckender Krankheiten durch Bücher und Journale ist schon oft erörtert worden. Unlängst hat ein Arzt in St. Petersburg festgestellt, daß Journale, die bei ihrem Eintreffen in einem Krankenhause bacterienfrei gewesen waren, nachdem sie einige Tage durch die Krankensäle gegangen waren, im Mittel 25 bis 40 Keime auf dem Quadratcentimeter enthielten, die dann namentlich beim Lesen derartiger Bücher durch das Anfeuchten der Finger beim Umblättern leicht in die Mund gelangen. Zwei Professoren in Paris haben die Frage experimentell untersucht, indem sie Eitermassen, Auswurf  von Lungen- und Diphteriekranken u.s.w. auf Druckpapier brachten und mehrere Tage nach dem Eintrocknen dieser flüssigen Massen 1 qcm so präparierten Papieres in sterilisierte Nährflüssigkeit warfen. Es wurden dadurch Flüssigkeiten geschaffen, deren Impfung die betreffende Krankheit bei Tieren neu erzeugte, ein Beweis, daß sich viele solche Bakterien auf dem trocknen Papier lebensfähig erhalten hatten. Merkwürdiger Weise wurden trotz zahlreicher Versuche niemals Typhus- oder tuberkulösen Bacillen in den Nährflüssigkeiten zur Vermehrung / gebracht, während die Übertragung von Diphterie-, Pneumonie- und Eiterbacillen leicht gelang, wenn sie auch seit mehreren Tagen auf dem Papier eingetrocknet waren. Es geht daraus hervor, daß man mit solchen Büchern sehr vorsichtig sein muß, jedenfalls vorsichtiger, als man allgemein ist, denn die Leihbibliotheksbücher dienen vielfach gerade als Krankenlektüre, was jedoch z. B. bei den öffentlichen Bibliotheken fast nie der Falls ist.

Wie sich die oberen Kreise dazu verstehen können, die schmierigen Leihbibliotheksbände, aus denen schon der Duft von dutzend Vorlesern emporsteigt, in die Hände zu nehmen, ist mir unerfindlich. Ich glaube, wenn sich mit Büchern mehr auf der Straße protzen ließe, wie z. B. mit schönen Pferden und prachtvollen Roben, es würde nach jeder Neuerscheinung begierig gegriffen.“ (Hamann 1899, S. 74f.)

Abb. Ach bitte, geben Sie mir einen Roman… – Fliegende Blätter Nr. 2668/1889 S. 111

Literatur

Hamann, Ludwig (1899): Der Umgang mit Büchern und die Selbstkultur. Leipzig: Verlag von Ludwig Hamann, 2. Aufl.

Troll-Borostyáni, Irma [1894]: Hausbibliotheken. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 2/1894, S. 20

 

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