Ein Blog zum Buch

Effi Briest Cover

Worum geht es im Buch?

Falls man Fontanes Roman Effi Briest mit Begriffen wie Kommunikation und Medien in Verbindung bringt, denkt man zuerst an Effis „Briefschreibepassion“ und die verhängnisvollen Liebesbriefe. Die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war jedoch gekennzeichnet durch eine dynamische Entwicklung der Medien- und Kommunikationskultur. Bei einer genauen Lektüre von Effi Briest finden sich dafür immer wieder Hinweise und eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten für Wanderungen durch die Medien- und Kommunikationskultur, vor deren Hintergrund die Handlung des Romans spielt.

Von der Aufführung eines „Lebende Bildes“ ergeben sich Verbindungen zur „optischen Revolution“ und der dadurch ausgelösten „Bilderflut“. Von Bismarck als „Papiermüller“ führt ein direkter Weg zu dem „kulturfördernden Rückgang der Papierpreise“. Schon diese beiden Stichworte machen deutlich, welche Einblicke in die Medien- und Kommunikationskultur sich hier eröffnen. Aufschlussreich auch, wie die Personen des Romans durch ihre Mediennutzung und ihr Kommunikationsverhalten charakterisiert werden.

Da sich der kulturkritische Diskurs zumeist auf die aktuellen Medien konzentriert, kann die Entfaltung einer historischen Perspektive die Diskussion über Medien versachlichen. Nicht zuletzt macht diese Lesart des Romans darauf aufmerksam, wie fragwürdig ein verklärender Blick auf die Kommunikationsverhältnisse der Vergangenheit ist.

Der Rückgriff auf zeitgenössische Kommentare, Berichte, Meldungen und Nachrichten zur Erschließung dieser zumeist scheinbar beiläufig eingestreuten Hinweise und Anspielungen, macht deutlich, in welchem Maße sich Fontane auf das „Mitwissen“ seiner Leserschaft verlassen konnte. Um dies zu zeigen, werden nahezu ausschließlich zeitgenössische Quellen zitiert. Mit der Konzentration auf die populären Familien- und Unterhaltungszeitschriften erfasst man nicht den „Zeitgeist an sich“, wohl aber Stimmungslagen ihres Lesepublikums, Brinkmann 1889 S. 102 bearbeitet

 Warum ein Blog zum Buch? Mit dem Blog begann ich nach dem Erscheinen der ersten Auflage des Buches. Ein Blog  eröffnet SPIELRÄUME. In diesem Fall für  Ergänzungen, die Sinn machen, aber im Buch keinen Platz gefunden hatten. Auf manche Themen und Belege bin ich erst später gestoßen. Vieles kam neu hinzu.

Heute – nach dem Erscheinen der zweiten Auflage – vermittelt der Blog Hinweise darauf, wieso es zu einer „vollständig überarbeiteten und ergänzten Auflage“ kam. An den entsprechenden Stellen im Blog finden sich jetzt Verweise darauf, wo in der neuen Auflage Themen und Belege ausführlicher und intensiver aufgegriffen werden.

Effis Wunsch nach einem japanische Bettschirm

 

Effi Briest träumt von einem japanischen Bettschirm, „schwarz und goldene Vögel darauf.“ (Kap. 4) Der zeitgenössischen Leserschaft musste nicht erklärt werden, wieso die Tochter eines Rittergutbesitzers aus der Mark Brandenburg auf solche Wünsche verfällt. Effi bewegte sich damit auf der Höhe des modischen Zeitgeschmacks. Ein Indiz hierfür, die ausführliche Berichterstattung in den Medien über eine im Juni 1885 im Berliner Hygiene-Park eröffnete Ausstellung „japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse“.

Wie im Fall von Effis Wunsch nach einem japanischen Bettschirm konnte Fontane sich im Roman auf Anspielungen und „stenographischen Abkürzung“ (Demetz 1964, S. 117) beschränken, da sich diese für das Publikum der auflagenstarken illustrierten Wochen- und Monatszeitschriften sofort erschlossen.

Illustrirte Zeitung Nr. 1552 vom 29. März 1873_ S. 237_Page_1
Reiher und Kraniche in Japan – Illustrirte Zeitung 1873

Abb. Wand eines sechsteiligen Klappschirms mit Darstellungen der Jahreszeiten in blühenden Stauden (ca- 1700) – Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung, S. 102

Abb. Reiher und Kraniche in Japan – Illustrirte Zeitung Nr. 1552 vom 29. März 1873, S. 237

Abbildung in der Kopfzeile: Ausschnitt aus einer Anzeige „Bad Ems – Eröffnung der Saison am 1. Mai“. In: Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen. Nr. 2231/1886, S. 320

Literatur
Berliner Tageblatt vom 7. Juli 1885, S. 5
Demetz, Peter [1964]: Formen des Realismus: Theodor Fontane. Kritische Untersuchungen. München: Hanser

 

 

Japanische Bettschirme, die große Weltpolitik und die Moral

Nicht nur Effi Briest schwärmte für Japan!‚Van Gogh & Japan‘

Inspiration from Japan: Japanese printmaking was one of Vincent’s main sources of inspiration and he became an enthusiastic collector. The prints acted as a catalyst: they taught him a new way of looking at the world.

Fontanes zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an japanischen Einrichtungsgegenständen speiste und konnte auch die Reaktion ihrer Mutter einordnen, die sie sofort warnte, sich vor dem Gerede der Leute in Acht zu nehmen. ( „Effis modische Schwäche für den Orient“ im Buch 2. Aufl. auf den Seiten 22 – 45.)

Welche Aufmerksamkeit Japan und japanisches Kunstgewerbe auf sich zog, zeigt z. B. ein Blick in die Illustrirte Zeitschrift für kunstgewerbliche Dekoration. 1890 erschienen hier Beiträge über die „Japanischen Ledertapeten und ihre Herstellung„, über „Zimmer-Einrichtungen im japanischen Stil„, über „Japanischen Wand-Dekor“ sowie die Beschreibung der japanischen Einrichtungen eines Speisesaals in einem Düsseldorfer Hotel. Im Anzeigenteil der Zeitschrift wurde regelmäßig für dazu passende Angebote geworben. Auch mit Teppichen, vor allem orientalischen Teppichen, denen Effis besondere Aufmerksamkeit galt, beschäftigen sich eine Reihe von Artikeln.

Anzeige Wandschirme Illustr. kunstgewerbliche Zeitschrift für Innen-Dekoration Nr.1_1890 S. 10

Auf Ausstellungen – z. B: der  Internationale Ausstellung von Arbeiten aus edlen Metallen und Legierungen in Nürnberg 1885 – fand das japanische Kunstgewerbe hohe Anerkennung.

„Was die Japaner [] in der modernen Abtheilung an Bronzearbeiten ausgestellt haben, ist so über alle Begriffe vollendet, namentlich technisch, daß ihre Arbeiten geradezu der Glanzpunkt der Ausstellung genannt werden müssen.“ (Gmelin 1885, S. 91)

Zum verspäteten Auftreten Japans auf der europäischen Bühne

Das modische Interesse am Orient reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Durch die Preußische Ostasienexpedition 1864_entsättigtWeltausstellungen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Trend zum „Exotismus“ lediglich verstärkt und popularisiert. Für die Außendarstellung des kaiserlichen Japans stellte dabei die Wiener Weltausstellung des Jahres 1873 die eigentliche Premiere dar.

Das verspätete Auftreten Japans auf der europäischen Bühne hängt mit der zweihundert Jahre langen Isolation des Landes zusammen. Auf die politischen Veränderungen, die zur Öffnung des Landes führten, wird in der Einleitung des Berichts über die von 1859 bis 1862 von der Preußischen Marine durchgeführte Ostasien-Expedition Bezug genommen.

„In Japan, das sich seit zweihundert Jahren allem Verkehr mit fremden Nationen verschlossen hatte, brachen 1854 Amerika und Russland die Bahn; gleich darauf schlossen auch England, Frankreich und Holland dort Freundschafts- und Schiffahrtsverträge. In kurzen Jahren fiel eine Schranke nach der anderen, und schon 1858 erlangten alle in Ost-Asien vertretenen Mächte unter dem Einfluss der englisch-französischen Siege in China Handelstractate, die mehrere Häfen des entlegenen Inselreiches dem freien Geschäftsverkehr dieser Nationen öffneten, ihnen das Recht der diplomatische Vertretung und des ausgedehntesten Schutzes ihrer Unterthanen in allen rechtmässigen Ansprüchen gesitteter Völker verliehen.“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. IX)

1873 als der dritte Band des amtlichen Berichts über die „Preußische Expedition nach Ostasien“ erschien, hieß es in einer Ankündigung dieses Werkes, man erkenne erst jetzt den Nutzen dieser Expedition „aus dem regen internationalen Verkehr, der sich zwischen Deutschland und Japan gestaltet hat. Viele junge Japaner leben in Berlin, um sich zu Instructoren in den verschiedensten Fächern der Wissenscahften für ihre Heimath auszubilden. Deutsche Aerzte, Lehrer und Militärs sind oder werden von der Japanischen Regierung dorthin berufen. Japanische Gesandschaften gehöhren in Berlin nicht mehr zu den seltenen Erscheinungen.“ (Deutsches Postarchiv. Beiheft Nr. 6/1873, S. 177)

Die Preußische Expedition nach Ostasien und ihren Leiter, Graf zu Eulenburg, erwähnt Fontane sowohl in den Wanderungen durch die Mark Brandenburg als auch in seiner autobiografischen Schrift Von Zwanzig bis Dreißig. In den Wanderungen erwähnt er ein Brustbild, das den Leiter der Expedition, Friedrich Albrecht Graf zu Eulenburg, zeigt, und spricht davon, dass „japanische Reminiszenzen überall in Liebenberg nachklingen“. Wenn sich die Baronin Berchtesgaden im Roman Der Stechlin in einem Gespräch über Kunst „fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben“ entscheidet (Kap. 24)  deckt sich das mit Fontanes Urteilen über japanische Kunst, die er bei dem Besuch in Liebenberg formuliert.

„In diesen Zimmern läßt sich vom Schaukelstuhl oder morgens vom Bett aus in die Geheimnisse japanischer Kunst eindringen, und ich muß bekennen, manche berühmte Galerie berühmter Städte mit weniger Nutzen überflogen zu haben. All diese Dinge stehen, ihrem Preis und ihrer Prätention nach, nur etwa auf einer Gustav Kühnschen Bilderbogenstufe, sind aber in Hinsicht ihrer Technik ebenso lehrreich wie bedeutsam. Es wird in ihnen die Kunst geübt, einen Effekt oder eine Perspektive mit allergeringsten Mitteln hervorzubringen, und ist mir namentlich allerlei Landschaftliches in Erinnerung geblieben, auf dem der Zeichner oder Maler, aus drei Linien und einem Farbenklecks, einen Binnensee samt Berg und Landzunge vor mich hinzuzaubern wußte.“ (Fontane- Nymphenburger Ausgabe Bd. 13, S. 310)

In seiner autobiografischen Schrift Von Zwanzig bis Dreißige kommt Fontane auf Hermann Maron zu sprechen, den er im Lenau-Verein kennengelernt hatte. Maron nahm später an der Ostasienexpedition teil und veröffentlichte 1863 Reiseskizzen über Japan und China in zwei Bänden.

Wie fremd und unbekannt das Land für Europäer war, wird in dem bereits zitierten Bericht über die Preussische Expedition nach Ost-Asien deutlich. Die Verfasser hielten es für notwendig, dem Bericht „Einleitendes zum Verständnis der japanischen Zustände“ vorauszuschicken.

Ihre ganze Gesittung ist von der unseren so grundverschieden, dass der Europäer sich dort auf ein anderes Gestirn versetzt glaubt. Japan hinterlässt dem flüchtig Reisenden den Eindruck eines bunten Bilderbuches voll wunderlicher Scenen ohne Text […].“ (Die Preussische Expedition nach Ost-Asien 1864, S. 3)

Es ist sicherlich eine explizit westliche Sicht, wenn Justus Brinkmann, der Direktor des Hamburgischen Museums für Kunst und Gewerbe, im Vorwort zu seinem 1889 veröffentlichten Buch Kunst und Handwerk in Japan die Auffassung vertritt, der durch Kriegsschiffe erzwungene Abschluss von „Freundschaftsverträgen“ habe Weg nicht nur zu „schwungvollen Handelsverkehr“, sondern auch zu einem „Austausch höherer Ordnung“ eröffnet.

„Wenige Jahrzehnte nur sind vergangen, seitdem das japanische Inselreich nach Jahrhunderten der Abgeschlossenheit sich Völkern des Abendlandes wieder geöffnet hat. Diese Zeit genügt, nicht nur einen schwungvollen Handelsverkehr zu entwickeln, sondern auch einen Austausch höherer Ordnung. Das Abendland hat den Japanern die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, welche es vor dem Reiche des Mikado voraus hatte, die Grundzüge seiner Gesetzgebung und Verwaltung dargebracht und darüber hinaus begonnen, mit seinen gesellschaftlichen Bräuchen und Sitten auch deren äußere Erscheinung in der Tracht, im Hausrath, in der Baukunst an die Stelle der nach der Vorväter Brauch in Japan üblichen Formen zu setzen. Als Gegengabe für diese unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe empfingen wir aus dem Lande des fernsten Ostens neue künstlerische Anregungen, welche auf dem Gebiete des Kunstgewerbes und der decorativen Künste von weittragendem, nachhaltigem Einfluß sein werden.“ (Brinckmann 1889, S. VII)

Zu den „Gegengaben“ für die „unermeßlichen Spenden aus unserem Culturerbe“ zählen dann wohl auch die Setzschirme und Klappwände, auf die Brinkmann im Kapitel „Der japanische Hausrath“ zu sprechen kommt. Diese Schirme dienen nach ihm in japanischen Häusern dazu, „innerhalb eines größeren Raumes eine Ecke behaglicher zu umgrenzen oder den unmittelbaren Einblick durch die geöffnete Schiebethüre zu hindern“. (Brinckmann 1889, S. 102)

1873 – Japan auf der Weltausstellung in Wien

Japan auf der Weltausstellung in Wien Illustrirte Zeitung Nr. 1568_1873„Zum zweitenmale finden wir Japan, das fortschrittfreundlichste Land der ostasiatischen Reiche, an dem friedlichen Wettstreite der Culturstaaten der Erde theilnehmen, und gänzlich verschieden ist die Vertretung des japanesischen Reiches es auf der diesjährigen Ausstellung von jener in Paris. […] Heute finden wir das aus dem Bürgerkriege verjüngt und erstarkt hervorgegangene Japan, den ersten Fortschrittstaat des asiatischen Ostens, sich in würdiger Weise den europäischen Culturgebieten anreihen. In der diesjährigen Weltausstellung hat die Regierung des Mikado die günstigste Gelegenheit erblickt, ein Bild japanischer Cultur und japanischen Gewerbefleisses vor den Augen der civilisirten Menschheit zu entfalten und so die nationale Stellung des Reiches zu befestigen. Wir glauben nicht irre zu gehen, wenn wir dies, sowie die Belebung der Handelsbeziehungen des Reiches zu den Ländern des europäischen Continentes als Hauptzweck hinstellen, welche die Staatsmänner Japans im Auge hatten, als sie die Entsendung einer aus nahezu 50 Mitgliedern bestehenden Commission nach Europa und die Beschickung der Weltausstellung 1873 im grossartigsten Masstabe beschlossen.“ (Internationale Ausstellungs-Zeitung. Beilage der „Neue Freien Presse“. Wien 2. Mai 1873, S. 2)

Japanische Bettdecke_Lützow 1875 S. 401_entsättigt

In den Berichten über die japanische Abteilung auf der Weltausstellung in Wien finden sich dann auch Hinweise auf Effi Briests „Bettschirme„:  „Daß die Porzellanindustrie in der Gruppe Japans nicht wenig Raum beansprucht, läßt sich denken. Vasen und andere Gefäße, mit den zierlichen Handmalereien geschmückt, fesseln ebensosehr wie die im eigenthümlichen Geschmack jenes fernen Landes bemalten größern und kleinern Wandschirme.“ (Von der wiener Weltausstellung. In der japanesischen Galerie. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1568/1873, S. 46)

Zur medialen Begleitung der Wiener Weltausstellung

Titelvignette Ill Zeitung 1873

Im Vorwort zum ersten Halbjahresband der Leipziger Illustrirten Zeitschrift heißt es:

Das eigentliche Hauptereignis des Jahrs 1873 ist die am 1. Mai eröffnete wiener Weltausstellung. Eine Reihe anschaulicher Illustrationen und Berichte in dem abgeschlossenen Band geben Zeugniß von der erfolgreichen Thätigkeit unserer an Ort und Stelle befindlichen artistischen und literarischen Mitarbeiter- Im nächsten Band werden wir uns noch eingehender mit dem wichtigen Culturwerk beschäftigten.“ (Illustrirte Zeitung Bd. 60/Januar bis Juni 1873)

Im zweiten Halbjahr der Zeitschrift wird diese Ankündigung durch wöchentliche Berichte über die Weltausstellung in Wort und Bild eingelöst: „Das Hauptereigniß des verflossenen Halbjahrs, das in den Auen des wiener Praters errichtete großartige Culturwerk der Weltausstellung, [nahm] naturgemäß auch in den Spalten des eben abgeschlossenen 61. Bandes der ‚Illustrirten Zeitung‘ den ersten Rang ein.“ (Illustrirte Zeitung Bd. 61 Juli bis Dezember 1873)

Dass die Weltausstellung in Wien in einem durchaus modernen Ausmaß medial begleitet wurde, wird auch aus einer Notiz aus der Illustrirten Zeitung über die Herstellung des Ausstellungskatalogs deutlich:

„Der Druck des wiener Weltausstellungskatalogs […] wird 100 Bogen stark sein, und seine Auflage ist zunächst auf 500.000 Exemplare festgesetzt. Hierzu ist demnach ein Papierquantum von 50 Mill. Bogen oder 100.000 Ries erforderlich. Um diese Massen des Papiers zu bedrucken, müßte eine gewöhnliche Schnellpresse bei unausgesetzter  24stündiger Thätigkeiten 11 Jahre und 7 Monate fortarbeiteten, während 2 Walter-Pressen dieselben Arbeit nebem dem täglichen zweimaligen Druck der ‚Presse‘ in 4 Wochen liefern werden.“ (Illustrirte Zeitung Nr. 1558/1873, S. 351)

Das heißt nicht, dass in allen Medien die Weltausstellung als „großartiges Culturwerk“ gefeiert wurde. Die Berichterstattung in der Familienzeitschrift Die Gartenlaube war eher zurückhaltend. In der satirischen Wochenzeitschrift Kladderadatsch machte man sich im Mai – also kurz nach der Eröffnung – über die Weltausstellung als „Kisten-Ausstellung“ lustig,  „was dieser Ausstellung ihr Eigenartiges gibt, ist dies, daß sie im Großen und Ganzen sich als eine Ausstellung von Kisten manifestiert. Kisten von allen Größen, von den verschiedensten Formen und in unglaublicher Menge erfüllen fast sämtliche Räume des Riesenbaues.“ (Zur  Wiener Weltausstellung. III. Erstes Schreiben unseres Spezial-Correspondenten für erste und allgemeine Eindrücke. In: Kladderadatsch Nr. 23 vom 18. Mai 1873, S. 90) Aber auch nachdem die Kisten ausgepackt waren, eröffnete sich dem „Spezial-Correspondent“ kein positiver Zugang zur Weltausstellung.

In der Zeitschrift Die Grenzboten greift der Verfasser eines Berichtes über die Weltausstellung die Charakterisierung als „Kisten-Ausstellung“ mit offensichtlichem Vergnügen auf, kommt in seinem Bericht dann zum Ergebnis, die Weltausstellung dürfte inzwischen „doch im Wesentlichen fertig sein und ihren Glanzpunkt erreicht haben. Daß diese Weltausstellung großartig, über alle Maßen großartig ist, unendlich viel Schönes und Interessantes bietet, und daher in hohem Grade sehenswerth ist, kann niemand läugnen. Daß sie aber gelungen ist, bestreite ich.“ (B-au 1873a, S. 25)

In den insgesamt 9 Berichten über die Wiener Ausstellung, die in der Zeitschrift erscheinen, wird Japan nur einmal im Beitrag über die „Nationale Hausindusitrie“ erwähnt. Neben der „überhand nehmenden Nachbildung von Gegenständen alter Kunst“ falle der „Einfluß des Orients“ auf.

Je näher wir die Kunstindustrie der Orientalen, der Perser, Inder, Chinesen, Japanesen ec. kennen lernen, desto mehr Lehrreiches und Begehrenswerthes finden wir in ihr und wir müssen es als einen großen Fortschritt bezeichnen, daß die Handelsverbindungen mit diesen Völkern jetzt erleichtert, so daß ihre Produkte nun in größerer Anzahl zu uns herüber kommen.“  (B-au 1873b, S. 342)

Kladderadatsch Nr 20 u 21 Erstes Beiblatt 1873_S. 230

Japan in Deutschland

MOntagszeitung Japanische Ausstellung

Das durch die Wiener Weltausstellung geweckte Interesse an japanischer Kunst und japanischen Kunsthandwerk führt in der Folgezeit zu einer Reihe von Ausstellungen. Für Berlin wurde, wie die Deutsche Bauzeitung 1884 ankündigte, unter der Aegide der japanesischen Regierung [für 1885] eine Ausstellung projektirt, welche ein umfassendes Bild der japanesischen Sitten, namentlich aber des japanesischen Gewerbes (im Betriebe) vorführen soll. Der Ausstellungsplatz am Lehrter Bahnhof soll für diesen Zweck in eine japanesische Ortschaft umgewandelt werden, in welcher nicht weniger als 300 Japanesen Aufenthalt nehmen sollen. (Deutsche Bauzeitung Nr. 52/1884, S. 311)

Ueber zwölf Jahre ist es her, seit Berlin die erste größere selbständige Ausstellung japanischer Kunstindustrie-Erzeugnisse, damals in den noch sehr bescheidenen Räumen des ‚Deutschen Gewerbemuseums‘, gesehen hat, und es wird noch frisch in der Erinnerung Vieler sein, welche helle Begeisterung die kleine, aber gewählte Sammlung erregte. Was dann zwischendurch die Weltausstellungen gezeigt haben und der Handelsverkehr uns an japanischen Waaren zugeführt hat, konnte nur dazu dienen, einer neuen japanische Ausstellung von vornherein eine günstige Aufnahme zu sichern. Der vor acht Tagen in dem Gebäude des Hygiene-Parks eröffneten Ausstellung waren vollends so vielversprechende Ankündigungen voraufgegangen, daß die Erwartungen sehr hoch gespannt werden mußten. Und in der That ist der Eindruck derselben ein sehr origineller. Eine Anzahl von kleinen Hütten vergegenwärtigt, wenn auch nicht

Japanische Ausstelung Deutsches Montags-Blatt 30_07_1885 S_7
Deutsches Montags-Blatt 30. Juli 1885, S. 7

vollständig und genau oder gar in erschöpfender Verschiedenartigkeit die japanische Wohnhausarchitektur, so doch manche charakteristische Eigenthümlichkeit derselben, welche den Anstrich des Fremdartigen geben; und diese bauliche Anlage, bevölkert von einer erheblichen Anzahl japanesischer Männer, Weiber und Kinder, bildet eine Szenerie, in welcher sich die Kunstthätigkeit der Menschen und die Schöpfungen ihrer Hände zu einem eindrucksvollen Ganzen zusammenschließen.“ (Meyer 1885, S. 5)

Bei diesem „Japanischen Dorf“ handelte es sich nicht um eine der „anthropologisch-zoologischen“ Völkerschauen, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Mode kamen, sondern um eine von der japanische Regierung geförderte Aktion im Rahmen ihrer Öffnungspolitik.

Ein japanische Dort mit Häusern, Straßen, Kaufläden, Tempel, Theater, Werkstätten, Theebuden und einigen hundert fleißiger Menschen ist wie durch Zauberhände aus dem fernsten Grenzen Asiens hiergeführt worden. Vor unsern Augen arbeiten und schaffen Schuhmacher, Schneider, Tischler, Böttcher, Sticker, Schirm- und Lampionsfabrikanten, Graveure, Ciseleure, Töpfer, Maler, Tapezierer, Holz- und Elfenbeinschnitzer, Arbeiter für Fantasieartikel.“ (Schubert 1885, S. 60)

Nicht nur die Leipziger Illustrirte Zeitung berichtete ausführlich über das Japanische Dorf. Dem Thema „Japan in Berlin“ widmet der Kladderadatsch im Juli 1885 eine ganze Seite. Fontane kann sich also darauf verlassen, dass seine zeitgenössische Leserschaft wusste, aus welchen Quellen sich Effis Interesse an japanischen Einrichtungsgegenständen speiste und warum auch die Baronin Berchtesgaden im Roman Der Stechlin sich in einem Gespräch über Kunst „fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben“ entscheidet. (Kap. 24)

Hier spricht die Baronin von Berchtesgaden wohl für den Autor. In  den Wanderungen durch die Mark Brandenburg schreibt Fontane,  „daß japanische Reminiszenzen überall in Liebenberg nachklingen. Aus der Fülle dessen, was Graf Friedrich Eulenburg von seiner ostasiatischen Gesandtschaftsreise mit heimbrachte, […] In diesen Zimmern läßt sich vom Schaukelstuhl oder morgens vom Bett aus in die Geheimnisse japanischer Kunst eindringen, […]. Es wird in ihnen die Kunst geübt, einen Effekt oder eine Perspektive mit allergeringsten Mitteln hervorzubringen, und ist mir namentlich allerlei Landschaftliches in Erinnerung geblieben, auf dem der Zeichner oder Maler, aus drei Linien und einem Farbenklecks, einen Binnensee samt Berg und Landzunge vor mich hinzuzaubern wußte. Fast möcht‘ ich glauben, daß sich ein Studium dieser Arbeiten und ihrer Technik auch unsererseits verlohnen würde, wie denn bereits Amerikaner und Engländer (ich erinnere nur an die englischen Kinderbücher) allerhand daraus gelernt zu haben scheinen.“  (Fontane-NA Bd. 13, S. 310)

Japanische Ausstellung in Berlin Leipziger Ill Zeitung Nr. 2193_1885 S. 58 skal
Aus der Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustirte Zeitung Nr. 2193/1885, S. 58

„Die japanische Leih Ausstellung im Kunstgewerbe-Museum zu Berlin“

1892 – also in der Zeit, in der Fontane an dem Roman Effi Briest arbeitete – fand im Kunstgewerbe-Museum in Berlin eine japanische Ausstellung statt. In einem Bericht über diese Ausstellung heißt es: „Einen der am zahlreichsten vertretenen Zweige der japanischen Kunstindustrie bilden die Wandschirme, theils gestickt, theils Handweberei […]. (Siebold Norddeutsche Allgemeine Zeitung Nr. 74/1892, S. 1)

Besondere mediale Aufmerksamkeit zog diese Ausstellung vor allem als Benefiz-Ausstellung  auf sich. Im Oktober 1891 war Japan von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden, bei dem 500 000 Menschen obdachlos geworden waren. Die Ausstellungsstücke stammten fast ausnahmslos aus privatem Besitz, u. a. auch aus der kaiserlichen Privatsammlung.

„Die Ausstellung war […] hauptsächlich einem wohlthätigen Zweck gewidmet: nämlich – durch die dabei erhobenen Eintrittsgelder etwas zur Unterstützung der durch das fürchterliche Erdbeben im Innern von Japan heimgesuchten Unglücklichen beizutragen. Erfreulich ist, daß die Zwecke von freiwilligen Beiträgen ausgelegte Liste bereits viele Namensschriften und beträchtliche Gaben verzeichnet, welche den besten Beweis liefern, daß das Interesse Deutschlands sich nicht nur für die japanische Kunst begeistern kann, sondern auch den so schwer betroffenen Einwohnern des Landes selbst eine mitfühlende und opferfreudige Gesinnung entgegenbringt.“ (Siebold Norddeutsche Allgemeine Zeitung Nr. 74/1892, S. 2)

Japan in Deutschland. Ein Beitrag zur neuesten Mode

Dass das Interesse an Japan nicht auf einzelne Ausstellungstermine begrenzt war, dafür sprechen Illustrationen und Artikel in unterschiedlichsten Zeitschriften.

Japan in Berlin In Kladderadatsch Nr 31_1885. Erstes Beiblatt
Japan in Berlin. In: Kladderadatsch Nr. 31/1885,  Erstes Beiblatt
Japan in Deutschland 2 Fliegende Blätter 1888 Nr_2243 S_36 skal
Japan in Deutschland. In: Fliegende Blätter Nr. 2243/1888, S. 36

Damen-Zimmer im japanischen Stil

Juni 1895 Ill Zeitschrift für kunstgewerbl Innen-Dekoration Damen-Zimmer im japanischen Stil S. 101

Zur Entwicklung japanischer Interieurs für europäische Bedürfnisse: „Aber wer japanische Kunstwerke sammelt? Soll der sie in einem öden, leeren, mit Papier und Bambus tapezirten Gemach ohne Behaglichkeit und ohne Möbel aufstellen, bloß weil die kunstbegabten Söhne Dai-Nippons sich in solchen unbehaglichen Scheunen wohl fühlen? […] Was unsere europäischen Bedürfnisse verlangen, ist daran europäisch seinem Wesen nach geblieben; die Zierrathen, das Muster und die Form im Detail sind japanisch. Für Japaner waren die Zimmer nicht bestimmt, Europäer aber fanden sich in demso neuen Element bald heimisch, wie die große Zahl der in diesen Jahren angefertigten Zimmer beweist.“ (R. von Seydlitz 1895, S.97)

Das Kunstgewerbe 1891 Mai_Heft JaponismusKritik am Japonismus

[…] selbst mit Begeisterung für japanische Kunst hat der Japanismus nur sehr oberflächlich zu tun. Er ist lediglich ein neues rettendes Schlagwort für diejenigen Kreise geworden, deren müdegekitzelten Nerven fortwährend nach Neuem verlangen und deren Gehirnschwund doch selbst nichts Neues zu erfinden vermag. (Anonymus 1892, S. 139)

Japonismus oder Japanismus wird als neuer „Ismus“ und modische Verirrung massiv kritisiert. Bewundernswert sei die unvergleichliche Technik, jedoch fehlten der japanische Kunst „Größe, heroische Leidenschaft, der Trieb ins Ungemessene, weltumspannender Blick und selbstaufopferndes Ringen um transzendentale Erkenntnisse oder um Erweiterung der Lebensziel. Ausgeschmückt durch Berufung auf das klassische Ideal der europäischen Kunst, das Christentum, den „germanischen Geist“ sowie „den wunderbar heroischen Zug, der in der ganzen arischen Mythologie liegt“ (Anonymus 1892, S. 140), wird hier mehr verhandelt als nur Einstellungen zur Kunst. Man fühlt sich in eine Diskussion über „Leitkultur“ versetzt.

„Das Rokoko ist wenigstens aus richtiger europäischer Kunst  abgeleitet, wenn es auch auf Seitenwege geraten ist. […] Die Kunst Japans aber steht nicht bloß dem, was wir wünschen und erstreben, entgegen, sondern der ganzen europäischen Kunst wie sie sich aus der klassischen Kunst, fallend und steigen, mit Hilfe von Christentum und germanischem Geiste durch die Jahrhunderte herausgebildet hat. […] Wir verlangen, wenn wir Menschen darstellten, Schönheit der Form oder Individualität, wir verlangen Tiefe des Ausdrucks, Charakter und Empfindung, Beseelung der Form durch geistigen Inhalt. Wir haben die schöne Form von den Griechen gelernt und wollen uns diesen Gewinn nicht rauben lassen; wir haben durch das Christentum die Form beseelt und ihr warmes und tiefes Gefühl eingehaucht; und der Norden ist gekommen und hat der schönen und beseelten Form die individuelle zur Seite gestellt.

Was bietet nun der Japonismus dagegen? Durchaus unschöne Menschen, klein und häßlich wie Karikaturen, typisch einer wie der andere ohne Individualität, höchsten nach den sogenannten ‚Schulen‘ von verschiedener Schablone, im Ausdruck entweder unbedeutend oder drastisch übertrieben bis zur grinsenden Widerwärtigkeit, bei geschickter Darstellung, oft nur mit wenigen Strichen, durchaus nicht ohne Manirirtheit, zuweilen mit Humor und Witz, aber ohne jegliche Anmut. Die Grazien haben nichts mit der figürlichen Kunst der Japaner zu schaffen.“ (von Falke 1891, S. 147)

Der „Kulturaustausch“ zwischen Deutschland und Japan als Gegenstand der Persiflage

Deutsche Cultur in Japan Fl. Bl. Nr. 2219 1888 S. 54 Größe angepasst
Fliegende Blätter Nr. 2219/1888, S. 54

In Japan ist die Prüderie nicht zu Hause

Als Effi iher Mutter von ihren Einrichtungswünschen erzählt, schweigt diese.

„»Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas besonders Unpassendes gesagt hätte.«

»Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiß nicht. Denn ich kenne dich ja. […] Und wenn du nun nach Kessin kommst, einen kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brannt, so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.«“ (Kap. 4)

Die Vorbehalte und Befürchtungen der Mutter erklären sich wohl kaum allein durch Effis Wunsch nach einer „Ampel […] mit rotem Schein“.

In Matthilde Möhring schenkt die spitznasige Posamentierswitwe Schmädicke der Braut eine „rosafarbne Ampel an drei Ketten“ zur Hochzeit und erklärt, „wenn eine Hochzeit is, schenke ich so was“. (Kap. 12) Als Rebecca Silberstein sich auch so eine Ampel wünscht, vertröstet ihr Vater sie auf ihre Hochzeit, „dann sollst du haben die Ampel, und nicht Rosa sollst du haben, du sollst sie haben in Rubin und sollst haben, wenn du schläfst, einen himmlischen Glanz.“ (Kap. 13)

Anstoß erregt eher der Bezug auf Japan, denn in den Medien ist die aus westlicher Sicht freizügigere Sexualmoral ein häufig angesprochenes Thema. Hermann Maron, einer der Teilnehmer an der Preussischen Expedition nach Ost-Asien, spricht in seinen Reiseskizzen davon, dass in Japan die Prüderie nicht zu Hause sei. Aus seiner poetischen Umschreibung für diese Lebenseinstellung, scheint dabei eine gewisse Sympathie zu sprechen.

„Es ist eine heitere, sonnige, genießliche Lebensanschauung, die Alles beherrscht. Das Symbol des japanischen Volkes ist der Schmetterling; nicht der sich seines leichtfertigen Dranges wohlbewußte, bei allen Blumen schmarotzende Schmetterlings-Stutzer unserer Gesellschaft, sondern der wahre Schmetterling, der, einem unbewußten Naturdrange folgend, in unschuldsvoller Naivetät von Blume zu Blume sich schwingt, um heiteren Lebensgenuß zu schöpfen. Es ist etwas entschieden Griechisches in dieser Lebensanschauung.“ (Maron 1863, S. 164)

Vor zu großer Nähe zu den sich in  „unschuldsvoller Naivetät von Blume zu Blume“ schingenden Schmetterlingen wollten sich dagegen die Veranstalter der Weltausstellung in Wien offensichtlich schützen, als man die Errichtung eines japanischen Teehauses auf dem Ausstellungsgelände nicht genehmigt, weil man “ dessen ethnographische Aufgaben […] mit schwarzem Verdacht umhüllte und darin erstickte.“ (Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873 S. 288) Das japanische Teehaus durfte nur im Vauxhallgarten des Praters errichtet werden.  Eigentlich, so meint der Verfasser eines Berichts in der Illustriten Zeitung über Das japanische Theehaus im Vauxhallgarten des Praters hätte man es besser wissen können.

Theehäuser dieser Art stehen in Japan allenthalben an den großen Heerstraßen. Die irrige Auffassung der Bestimmung dieser Theehäuser möge hier ihre Berichtigung finden. Nach dem officiellen Werk über die preußische Expedition nach Ostasien […] sind die Theehäuser, Tscha=ya, Restaurationen, wo man Thee, Saki und andere Getränke und Speisen erhält und wohl zu unterscheiden von den Dschoro=ya, deren Bestimmung minder unschuldig ist. In den meisten Büchern über Japan werden sowohl die Tscha=ya als Dschoro=ya Theehäuser genannt, wodurch das Wort eine verfängliche Bedeutung erhalten hat, die für die Tscha=ya unrichtig ist. Weibliche Bedienung findet man in beiden.“ (Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873 S. 290)

Jap. Theehaus Wiener Weltausstellung Illust Zeitung 1873 Nr. 1511 S. 292
Wiener Weltausstellung: Das japanische Theehaus im Vauxhall

Auch Johannes Justus Rein, der im Auftrag des preußische Handelsministerium 1873 Japan bereiste, schreibt im Kapitel über  „Die Familie, Adoption, Erziehung und Unterricht. Individuelle Vergnügen, Theater, Geishas und Yoshiwaras, Beerdigungen“ u.a. über die Geishas: „Von ihrer Moral lässt sich nur sagen, dass sie in der Regel jederzeit bereit sind, mit Zustimmung ihres Herrn aus dem Verbande, in welchem sie stehen, auszutreten, um sich durch Vertrag für einen Monat oder länger an einen Einheimischen oder Fremden zu vermiethen.“ (Rein 1881, S. 500) Und kommt zum Schluß: „Dies Alles und vieles Andere beweist uns, dass die Japaner in diesen Dingen noch auf einer sehr niedrigen Stufe sittlicher Entwicklung stehen und geschlechtliche Excesse nach ihrem sinnlichen Standpunkte milde beurteilen.“ (Rein 1881, S. 501)

Auch die Informationen, die Die Gartenlaube über das „Japanische Frauenleben“ vermittelte, zeichneten kein positiveres Bild. Nach einem mehrjährigen Japanaufenthalt schreibt die Schriftstellerin C.W. Emma Brauns in einem Artikel:

Daß die Vielweiberei, wenn auch etwas verschleiert durch die bevorzugte Stellung der eigentlich legitimen Gemahlin, noch heutzutage in Japan existirt, ist eine leider nicht abzustreitende Thatsache, und namentlich sind es die reichen und vornehmen Stände, welche dieser Sitte huldigen. Hier spielen die sogenannten ‚Nebenfrauen‘, und zwar durchaus mit Vorwissen der eigentlichen Hausfrau, eine bedeutende Rolle; der ‚Schacher‘ mit diesen Frauenzimmern, der Wechsel derselben hört fast nie auf.“ (Brauns 1886, S. 233)

Abb. Anzeige für japanische Wandschirme. In: Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innen-Dekoration Nr. 1/1890 S. 10

Abb. Wiener Weltausstellung: In der japanischen Galerie – Illustrirte Zeitung Nr. 1568/1873, S. 444

Abb. Japanesische Bettdecke – Lützow 1875, S. 401

Abb. Wiener Welt-Ausstellung –  Kladderadatsch Nr 20 /21 Erstes Beiblatt 1873, S. 230

Abb. Damen-Zimmer im japanischen Stil – Seydlitz 1895, S. 101

Abb. Deutsche Cultur und Renaissance in Japan. In: Fliegende Blätter Nr. 2219/1888, S. 54

Abb. Wiener Weltausstellung: Das japanische Theehaus im Vauxhall – Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873, S. 292

Literatur

Anonymus [1892]: Über „Japanismus“. In: Das Kunstgewerbe. Illustrirte Halbmonatsschrift August-Heft/1892, S. 139 – 141

B—au. [1873a]: Weltausstellungsbericht. Allgemeine Uebersicht. In: Die Grenzboten : Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, Jg. 32/1873, S. 25 – 31

B-au. [1873b]: Weltausstellungsbericht : 8. Die nationale Hausindustrie. In: Die Grenzboten : Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, Jg. 32/1873, S. 341-345

Brauns, Caroline Wilhelmine Emma [1886]: Japanisches Frauenleben. In: Die Gartenlaube H. 13/1886, S. 232 – 235

Brinckmann, Justus [1889]: Kunst und Handwerk in Japan. Bd. 1. Berlin: R. Wagner, Kunst- und Verlagshandlung

Berg, Albert (Hrsg.) [1864]: Die Preussische Expedition nach Ost-Asien nach amtlichen Quellen , Bd. 1. Berlin: Verlag der königlichen geheimen Ober-Hofbuchdruckerei

Falke, Jakob von [1891]: Der Japonismus. In: Das Kunstgewerbe. Illustrirte Halbmonatsschau H. 16/ 1891, S. 147 – 148 http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbe1890_1891

Gmelin, Leopold [1885]: Internationale Ausstellung von Arbeiten aus edlen Metallen und Legierungen in Nürnberg 1885. In: Zeitschrift des Kunst-Gewerbe-Vereins zu München S. 90 – 100

Lützow, Carl [1875]: Kunst und Kunstgewerbe auf der Wiener Weltausstellung. Leipzig: Verlag Seemann

Maron, Hermann [1863]: Japan und China. Reiseskizzen, entworfen während der Preußischen Expedition nach Ost Asien von einem Mitgliede derselben. Bd. 1 Berlin: Otto Janke

Meyer, Bruno [1885]: Von der japanischen Ausstellung. In: Deutsches Montags-Blatt vom 29. Juni 1885, S. 5 f.

Rein, Johannes Justus [1881]: Japan nach Reisen und Studien im Auftrage der Königlich Preussischen Regierung dargestellt. Bd. 1. Natur und Volk des Mikadoreiches. Leipzig: Verlag von Wilhelm Engelmann

Schubert, Gustav [1885]: Die Japanische Ausstellung in Berlin. In: Leipziger Illustrirte Zeitung Nr. 2194/1885, S. 60

Seydlitz, R. von [1895]: Der japanische Stil für die Innen-Dekoration. In: Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für  Innen-Dekoration. Juni-Heft 1895, S. 97 – 102

Siebold, Alexander von: Die japanische Leih Ausstellung im Kunstgewerbe-Museum zu Berlin. In: Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom Nr. 72 vom 12. Februar 1892, S. 1 f. und Nr. 74 vom 13. Februar 1892, S. 1 f.

Von der wiener Weltausstellung. Das japanische Theehaus im Vauxhallgarten des Praters. In: Illustrirte Zeitung Nr. 1581/1873, S. 287, 288, 290

Die Dienstbotenfrage

Auf der Titelvignette der ersten Nummer der illustrierten Familienzeitschrift Die Gartenlaube sieht man eine in einer Gartenlaube um einen Tisch versammelte Familie (Großeltern, Vater, Titelvignette Gartenlaube Nr 1Mutter und Kinder?). Ein Dienstmädchen steht mit einem Tablett in der Hand im Hintergrund und, so könnte man annehmen, belauscht das Gespräch. Dass dies eine durchaus naheliegende Interpretation ist, ergibt sich aus Hinweisen, die sich in den Handbüchern des guten Tons finden. Dort wird immer wieder nachdrücklich darauf hingewiesen, dass es Abstand von den Dienstboten zu bewahren gelte, um die Privatsphäre zu sichern: „Keiner Hausfrau darf es gleichgültig sein, wie ihre Dienstboten über sie urtheilen, und schon aus diesem Grunde darf sie ihre Würde als Herrin des Hauses keinen Augenblick außer Acht lassen […].“ (Ebhardt 1880, S.97f.)

Die Situation, die sich aus der Anwesenheit von Dienstboten im Haushalt ergibt, wird in Effi Briest mehrfach angesprochen. (Im Buch 2. Aufl. dazu „Die Dienstbotenfrage“ auf S. 57 ff.) Da ist Frau Briest, die das Gerede der Leute über ein Schlafzimmer mit japanischem Bettschirm und einer Ampel mit rotem Schein fürchtet (Kap. 4). Da ist von Instetten, der befürchtet, sich lächerlich zu machen, wenn man in Kessin erfährt, dass er die Wohnung wechselt, weil seine Frau Angst vor Gespenstern hat (Kap. 10). Die Anwesenheit von Dienstboten in einem Haushalt erfordert besondere Achtsamkeit, wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht.

Unbelauscht Der Bazar Nr. 28 1884 S. 217

Unbelauscht. (Zu dem Bilde von F. Kraus.) Für ihr Leben gern hätte Nanni, das niedliche Kammerzöfchen, gewußt, was ihre junge Herrschaft so viel und eifrig zu schreiben habe! […] Da trifft es sich denn wirklich gar hübsch, daß sie die gnädige Frau mitten im Schreiben abrufen muß, weil die Frau Präsidentin (eine sehr energische Dame und in Vereins-Angelegenheiten schon früh am Tage thätig) im Salon erschienen ist und eine Unterredung mit der jungen Frau Räthin wünscht. Die Ueberraschte, durch den frühen Besuch Geehrte fliegt hinaus; Briefmappe und Papier bleiben offen auf dem zierlichen Schreibtisch liegen – eine vortreffliche Gelegenheit für das Zöfchen, ihre brennende Neugier einmal ‚unbelauscht‘ zu befriedigen!“ (Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift Nr. 28/1884, S. 223)

DienstbotenfrageEs ist wohl kaum ein Haus, in welchem nicht von Zeit zu Zeit das Kapitel von den Dienstboten den Gesprächsstoff lieferte – von den Kaffeegesellschaften alter Damen, in denen ‚das Mädchen für alles‘, wie der Berliner sagt, in allen seinen Spezialitäten und Eigenschaften feierlich abgehandelt wird – bis zu den vornehmsten Häusern hinauf bildet die Dienstbotenfrage einen wichtigen Gegenstand des Nachdenkens und der Beschäftigung, weil sie eben in die ganze häusliche Existenz so tief eingreift und für das häusliche Behagen absolut entscheidend ist.

Leider bilden die Unterhaltungen über die Domestiken fast immer eine Kriegsgeschichte, welche sich in den Hauptgrundzügen stets gleich bleibt und doch in den Details immer neue und überraschende Züge bildet. Ob es sich um den Einzelkampf der streitbaren Ricke oder Inste mit ihrer ‚Madamm‘ handelt, oder um einen organisierten Feldzug, welchen die Domestiken eines großen Hauses gegen ihre Herrschaft führen, immer ist es dasselbe Klagelied, das für dem Unbeteiligten tragikomisch wirkt, bei dem aber für den Betroffenen kaum noch für die komische Seite Raum oder Verständnis übrig bleibt.

In unseren Tagen ist die Domestikenfrage brennender und, wie man in dem Jargon der politischen Presse sagt, aktueller geworden als jemals, denn die merkwürdige Verschiebung und Verwirrung unserer sozialen Verhältnisse, welche in allen Ständen falsche Ansprücher hervorrufen, die dann im falschen Schein ihre Befriedigung suchen, hat auch auf die Domestikenwelt ihren verderblichen und zersetzenden Einfluß ausgeübt. Alle unsere Witzblätter beschäftigen sich in mehr oder weniger treffenden Karikaturen mit unserer Domestikenwelt, welche in den großen Städten vielfach den Charakter eines nomadisierenden Heerbanns gegen den häuslichen Comfort angenommen hat – im praktischen Leben aber verschwindet der Humor immer mehr aus dieser vielbesprochenen und vielkarikierten Frage. (von Geyern 1885/1886, S. 643)

Effis NaivitätAuf einen besonderen Aspekt der Anwesenheit von Dienstpersonal im bürgerlichen Haushalt spielt die Geheimrätin Zwicker an, wenn sie in einem Gespräch mit Effi mehrdeutig anmerkt: „Das ist wirklich selten, daß man eine junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres Hausmädchens sprechen hört.“ Dabei macht die Geheimrätin Zwicker recht deutlich, dass sie sich mit dieser Warnung auf persönliche Erfahrungen bezieht.  (Kap. 30)

Die sexuellen Übergriffe der Hausherren sind auch ein beliebtes Thema in den satirischen Zeitschriften, ohne sie jedoch in irgendeiner Weise moralisch zu verurteilen. Sie erscheinen eher Gegenstand einer Art von „Herrenwitzen“ zu sein.

Dienstmädchen geküsst Fliegende Blätter 1891 Nr 2418 S_195

Dienstmädchen Hausherr Fliegende Blätter 1893 Nr 2512 S_103

Entlassung des Dienstmädchens Fliegende Blätter 1896 Nr_2655 S_226

Gouvernante Liebes Kind Fliegende Blätter Nr 2419 1891 S_200

Die „sittliche Gefährdung“, die von Dienstboten ausgehen kann, wird in Fontanes Roman Frau Jenny Treibel direkt angesprochen. Nach einer  Auseinandersetzung mit ihrem Sohn Leopold über dessen überraschende Ankündigung seiner Verlobung, tritt die Kommerzienrätin ans Fenster:

„Hier, in ihrem Vorgarten, den linken Arm von innen her auf die Gitterstäbe gestützt, stand ihr Hausmädchen, eine hübsche Blondine, die mit Rücksicht auf Leopolds ‚mores‘ beinahe nicht engangiert worden wäre, […].“ (Kap. 12)

Abbildungen

Unbelauscht. In: Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitung Nr. 28/1884, S. 217

Unverfroren. In: Fliegende Blätter Nr. 2418/1891, S. 195

Unerwartete Replik. In: Fliegende Blätter Nr. 2512/1893, S.103

Eingegangen. In: Fliegende Blätter Nr. 2655/1896, S. 226

Unangenehme Frage. In: Fliegende Blätter Nr. 2419/1891, S. 200

Literatur

Geyern, Detlev von (Pseudonym von Oskar Meding): Die Dienstbotenfrage jetzt wie vor Zeiten. In: Ueber Land und Meer Nr. 29/ Bd. 56 Oktober 1885 – 1886, S. 643f.

Haustelegraphie

„Nicht mehr das ‚Jahrhundert des Dampfes‘, nein, das ‚Zeitalter der Elektrizität‘ will die Jetztzeit genannt sein.“ ( Wilke 1893, S. 2)

Als Effi nach der Rückkehr von ihrer Hochzeitsreise am ersten Morgen in Kessin Druckknopf Außenansichtaufwacht, hatte sie Mühe sich zurechtzufinden. „Allmählich entsann sie sich auch, daß Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte, nach der sie denn auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie nun leise drückte.“ (Kap. 7)  Die „erst vor kurzem hergerichtete“ Klingelanlage, die das Schlafzimmer und die Küche mit der „Mädchenstube“ verband, wird auch in den beiden folgenden Kapiteln des Romans erwähnt. („Zur Haustelegraphie“ im Buch 2. Aufl. auf den Seiten 230 ff.)Wie diese Neuerung im Hause Landrats einzuordnen ist, erschließt sich über eine Anmerkung im  „Handbuch der elektrischen Telegraphie“ aus dem Jahre 1881. Hier heißt es, die „Haus-Telegraphen“ hätten „in feineren Wohnhäusern die Klingelzüge verdrängt.“ (Zetzsche 1881, S. 70)

Aus heutiger Sicht erscheint eine elektrische Klingelanlage vielleicht erwähnenswert mit Blick auf die Organisation eines großbürgerlichen Haushalts. In der Zeit, in der die Handlung spielt und Fontane den Roman schrieb, sind elektrische Klingeln Ausgangspunkt für die Entwicklung der „Haustelegraphie“, deren „Hauptzweck […] die Erzeugung von Klingelsignalen mittels des Stromes“ ist. (Wilke 1893, S. 472)*

Nicht vergleichbar mit dem Ausbau der nationalen und internationalen Telegrafennetze steht die Entwicklung der „Haustelegraphie“ jedoch für die Anwendung der Elektrizität im Alltag.Druckknopf Mechanismus

In der 1893 erschienenen Auflage des Buches Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe heißt es, bei der „Haustelegraphie“ handele es sich um ein „Gebiet der Telegraphie, das zwar nur bescheidene Ziele verfolgt, aber trotz seiner technischen Beschränkung eine ganz außerordentliche Ausdehnung gewonnen hat, da die telegraphischen Anlagen, welche ihm zugehören, man darf sagen, in Palast und Hütte zu finden sind, sich über die ganze Erde verbreitet haben und eine große blühende Industrie haben entspringen lassen. Wir meinen die Haustelegraphie, die Technik jener Anlagen, welche die Ersetzung des guten alten Klingelzuges durch den stromdurchflossenen Draht hat entstehen lassen. Käme die Zahl für die Bedeutung eines elektrotechnischen Gebietes in Frage, so stände die RasselklingelHaustelegraphie zweifellos vornan in der Reihe der einzelnen Anwendungen des Stromes, denn die Zahl der elektrischen Klingeln, die zur Zeit in Betrieb sind, reicht in die Million hinein, und die jährliche Erzeugung derselben geht in die Hunderttausende. Rechnet man hierzu die für solche Anlagen benötigten Elemente, Druckknöpfe, Tableaus, die Leitungsanlagen, so wird man erkennen, daß diese Industrie alljährlich eine ganz bedeutende Produktion aufweist und ihr jährlicher Umsatz sich auf manche Million Mark beläuft. Sie ist auch von einer andern Seite von Bedeutung, indem sie namentlich dem kleineren und mittleren Gewerbetreibenden Nahrung gibt und die Anlage der Haustelegraphen vielfach als eine lohnende Nebenbeschäftigung von Handwerkern betrieben wird, was wiederum die erfreuliche Wirkung für die Elektrotechnik gehabt hat, ihr in diesen Kreisen Interesse zu wecken und aus denselben die Monteure für die Starkstromanlagen zuzuführen.“ (Wilke 1893, S. 472)

Noch wurden im Haus des Landrats die Lampen angezündet, aber der „Zugriff“ auf die Hausangestellten erfolgte bereits batteriebetrieben elektrisch. Später in der kleinen Wohnung in Königgrätzer Straße gibt es keine elektrische Klingel, sondern hier muss Effi wieder an einer mechanischen Klingel ziehen, um Roswitha herbeizurufen. (Kap. 33)

*Die Stromerzeugung für die Haustelegraphie erfolgte durch Batterien. Nach Wilke „empfiehlt sich als zweckmäßigstes Element für Anlagen dieser Art das Leclanché-Element in seinen verschiedenen Formen.“ (Wilke 1893, S. 474) „Leclanché-Element“ war die Bezeichnung für heute nicht mehr verwendete Nassbatterien.

Abbildungen

Abb. Druckknopf; Außenansicht – Wilke 1893, S. 480
Abb. Druckknopf; Mechanismus – Wilke 1893, S. 481
Abb. Rasselklingel –  Wilke 1893, S. 476

Literatur
Wilke, Arthur [1893]: Die Elektrizität, ihre Erzeugung und ihre Anwendung in Industrie und Gewerbe. Leipzig und Berlin: Otto Spamer
Zetzsche, K. E. (Hrsg.) [1881]: Handbuch der Elektrischen Telegraphie. Bd. 4 Die Elektrischen Telegraphen für besondere Zwecke. Berlin: Verlag von Julius Springer

 

Arnold Böcklin: Der Dichter unter den Malern

Effi fährt mit ihrer Mutter nach Berlin, um die für die Hochzeit notwendigen Einkäufe zu erledigen. Der Vetter Briest besucht mit ihnen bei dieser Gelegenheit die Nationalgalerie, um ihnen Arnold Böcklins Bild „Die Gefilde der Seligen“ (im Roman ist von der „Insel der Seligen“ die Rede) zu zeigen. Das von der Nationalgalerie in Auftrag gegebene Gemälde wurde 1878 kurz ausgestellt, aber aufgrund der öffentlichen Proteste wieder abgehangen. (Die Ausführungen zu Besuch in der Nationalgalerie Ausstellung und zu Arnold Böcklins Gemälde „Gefilde der Seligen“ finden sich im Buch 2. Aufl. auf den Seiten 91 – 97.)

Der Skandal um dieses Bild liegt bereits einige Jahre zurück, als Fontane mit der Arbeit am Roman beginnt. Für die gewachsene Popularität des Malers Arnold Böcklin in der Entstehungszeit des Romans Effi Briest sprechen einerseits das Titelblatt der Leipziger Illustrirten Zeitung vom 8. Februar 1890 und andererseits die (antisemitisch aufgeladene) Karikatur „Wie von Böcklin“ in der satirischen Wochenzeitschrift Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104.

Böcklin Illustrirte Zeitung Februar 1890

Wie von Böcklin.Fliegende Blätter 1890 Nr 2304 S_104

Arnold Böcklin bleibt als Künstler präsent in den illustrierten Zeitschriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Für den Maler und Kunstschriftsteller Otto Baisch ist Arnold Böcklin: „eine jener außergewöhnlichen Erscheinungen […], an denen niemand gleichgültig vorübergehen kann, für deren Thun und Treiben vielmehr ihre Gegner trotz alles Scheltens sich kaum weniger lebhaft interessieren als ihre Verehrer; […].“ (Baisch 1884, S. 594) In seiner ausführlichen Würdigung Böcklins in Westermanns Illustierten Deutschen Monatsheften unterscheidet sich sein Urteil über das für die Berliner Nationalgalerie geschaffene Gemälde „Gefilde der Seligen“ deutlich von den ersten Reaktionen im Jahres 1878.

„Entgegen der altherkömmlichen Ansicht, die eine Schönheit im Sinne des Malerischen nur der geschwungenen Linie zuerkannt wissen will, hat Böcklin hier gerade die Durchführung senkrecht aufstrebender Linien gewählt. Man würde zu falschen Schlüssen gelangen, wollte man annehmen, der Künstler habe das infolge einer vernünftelnden Berechnung gethan. Böcklin ist, bei all seiner klassischen Bildung, durch und durch eine Malernatur. Der Hauptsitz seines gestaltungskräftigen Empfindens liegt im Auge. Mit offenem Sinn für jedweden Anschauungseindruck fühlte er sich gelegentlich gefesselt durch die Ausblicke, die sich zwischen den kerzengerade emporgewachsenen Stämmen einer Reihe ziemlich gleichmäßig verteilter Pappeln oder Cypressen erschließen.“ (Baisch 1884, S. 610)

1894,  Böcklin ist inzwischen zum Malerfürsten arriviert, wird das Gemälde „Gefilde der Seligen“,  das 1878 auf Wunsch der Kronprinzessin aus der Nationalgalerie entfernt wurde, in Der Bazar. Illustrirte Damen-Zeitschrift zu den bekanntesten Schöpfungen Böcklins gezählt.

„Prächtig ist die Staffage auf dem letztgenannten Phantasiebilde: […]; die wunderbare Landschaft mit ihren dunklen Baumgruppen und wilden Felsmassen hilft auch hier wesentlich mit zur Erzeugung jener romantischen Gesamtstimmung, durch die sich die Werke Böcklins dem Gedächtnis so unauslöschlich einprägen.“ (Dahms 1894, S. 37)

Schon der 1887 erschienenen 5. Auflage des Baedekers „Berlin und Umgebung“ konnte man entnehmen, dass das Gemälde wieder im Erdgeschoß der Nationalgalerie ausgestellt  wurde. (S. 96)

Abb. Fliegende Blätter Nr. 2304/ 1890, S. 104

Literatur

Baisch, Otto [1884]: Arnold Böcklin. In: Westermanns Illustrierte Deutsche Monatshefte Bd. 56/1884, S. 593 – 611

Dahms, Gustav [1894]: Der Dichter unter den Malern. Der Bazar Nr. 4/1894, S. 37